Aufsatz 
Kolumbien : Mikro-Kriege und Friedensinseln
Entstehung
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Kolumbien: Mikro-Kriege und Friedensinseln GERHARD DREKONJA-KORNAT I m Klassiker»Hundert Jahre Einsamkeit« lässt Gabriel Garcia Marquez den letzten Buendia, der die Familiengeschichte als Todeslegende entzif­fert, begreifen, dass aus Mangel an Solidarität(»solidaridad«) nur Ein­samkeit(»soledad«) bleibt: demnach würde es keine zweite Chance auf dieser Erde geben! Gilt dieses grausame Urteil heute für ganz Kolumbien? Zuerst sei die Frage erlaubt: Was geht in Kolumbien eigentlich vor? Gemessen an afrikanischer Bürgerkriegs-Anarchie herrscht hier auf den ersten Blick weitgehend Normalität. In den Städten pulsiert der Alltag wie anderswo auf der Welt auch. Doch in den TV-Nachrichten um 21:00 Uhr dominieren täglich die Berichte über Kämpfe und Scharmützel im ganzen Land, über Gewaltakte, Morde, Entführungen, Sprengungen, Attentate bis 20 Minuten später mit den Sportnachrichten scheinbar fröhliche Normalität wiederkehrt. Am südöstlichen Stadtrand von Bogotá geht die Kontrolle von der Armee auf die Guerilla über: in der Vorstadt Nazareth, 3000 Meter hoch gelegen, kalt und nebelverhangen, wo Bogotá in die Sumapaz-Zone übergeht, können Angehörige von Entführungsopfern, wie allgemein bekannt, die Höhe des Lösegelds aushandeln. Von Überlandreisen im Bus ist dringend abzuraten, denn die»pesca milagrosa«, der wunderbare Fischfang(wie Kolumbianer die Entfüh­rungspraxis diverser Guerillas, Paramilitärs oder auch nur gemeiner Ban­diten galgenhumorig nennen), wirft an improvisierten Straßensperren täglich die Netze aus. Die großen Städte sind zum Gefängnis geworden, dem man nur noch im Flugzeug entkommen kann. Arauca, die tropische Erdölregion im Osten, wird als Schlachtfeld umgepflügt. In der wichti­gen Provinz Antioquia findet die»Schlacht um Medellin« statt, als mili­tärische Auseinandersetzung um die Slums und Vorstädte dieser führen­den Industriestadt, wo»urbane Milizen« entweder der Guerilla oder den Paramilitärs zuarbeiten. Bis vor kurzem erlitten im Schnitt täglich elf Kolumbianer das Entführungsschicksal und wanderten in eine Art Kriegsgefangenschaft im eigenen Land, als Bauern auf dem Schachbrett ipg 2/2004 Drekonja-Kornat, Kolumbien 147