Aufsatz 
Demokratie ohne Vertrauen : Herausforderung für die Zivilgesellschaft in Lateinamerika
Entstehung
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Demokratie ohne Vertrauen: Herausforderung für die Zivilgesellschaft in Lateinamerika DIETER NOHLEN N iemals in seiner Geschichte hat Lateinamerika eine derart lange Phase demokratischer Regierungsverhältnisse erlebt. Seit den Transitionen zur Demokratie vor 15 bis 25 Jahren wurden, sieht man von Kuba, zeit­weilig von Haiti und Peru sowie vom»latecomer« Mexiko ab, die Regie­rungen überall über einen offenen Parteienwettbewerb in rechtsstaatlich sauberen Wahlen bestellt. Gleichwohl konnte sich die Demokratie in den vergangenen Jahrzehnten nicht in der Region konsolidieren. Vielmehr legen empirische Studien die Vermutung nahe, dass nach der demokrati­schen Euphorie der ersten Jahre, in denen große Erwartungen an die De­mokratie geknüpft wurden, eher ein rückläufiger Prozess stattgefunden hat. Als wichtigster Indikator dafür gilt, dass die Verankerung der Demo­kratie in den Wertvorstellungen der Lateinamerikaner seither merklich nachgelassen hat. Zur Erklärung dieser Entwicklung sind die verschiedensten, auf Defi­zite verweisenden Ursachen im Gespräch. Grob lässt sich zwischen öko­nomischen, sozialen, politischen, politisch-institutionellen, politisch­kulturellen und sozio-kulturellen Mangelhypothesen unterscheiden. Die ökonomische Mangelhypothese hebt auf die unzureichende wirt­schaftliche Entwicklung ab. Sie huldigt allgemein der modernisierungs­theoretischen Annahme, dass die Demokratie ein Ergebnis wirtschaft­licher Entwicklung und sozialen Wandels sei, und bestreitet somit grundsätzlich eine diesem Prozess vorgängige Konsolidierung der De­mokratie. Weniger dogmatisch lautet sie, dass das wirtschaftliche Wachs­tum in den vergangenen Jahrzehnten nicht ausgereicht habe, um jene vielfältigen Effekte auszulösen, welche die Demokratie zu konsolidieren vermögen. Die soziale Mangelhypothese betont das Fortbestehen von Armut und sozialer Ungleichheit. Dem Neoliberalismus sei es nicht gelungen, die »soziale Schuld« früherer verfehlter Entwicklungsstrategien abzutragen. Im Gegenteil, die neoliberale Politik habe die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer gemacht. Insbesondere Teile der Mittelschichten 80 Nohlen, Demokratie ohne Vertrauen ipg 2/2004