Größer, weiter, schwächer: Warum die EU einen»harten Kern« braucht WINFRIED VEIT D er 9. November 1989 und der 1. Mai 2004 bezeichnen den Anfangsund den(vorläufigen) Endpunkt einer Entwicklung, die von den meisten Autoren als quasi unvermeidlich bezeichnet wird: die(Wieder-) Vereinigung von West- und Osteuropa nach über fünfzig Jahren der Trennung durch den Eisernen Vorhang. Für die einen ist es eine»historische Notwendigkeit«, die schon in den Visionen der europäischen Gründerväter Monnet und Schuman angelegt war; für andere ist es»das Ende eines geopolitischen Fluches«, der die Mittelosteuropäer seit Jahrhunderten dazu verdammte,»Zwischenzone« zu sein – zunächst zwischen Deutschland und Russland, seit 1945 zwischen Ost und West. 1 Dazwischen liegt der 11. September 2001 und dieser hat die geopolitischen Koordinaten auch für Europa vielleicht noch mehr verändert als die Erweiterung der Europäischen Union. Die mit dem Fall der Mauer eingeleitete Ausdehnung des»europäischen Modells« des Friedens, der Wohlfahrt und der sozialen Gerechtigkeit hat dazu geführt, dass sich Europa nach einem halben Jahrhundert des»Kalten Krieges« plötzlich mit»heißen Konflikten« an seinen Grenzen konfrontiert sieht. Zusammen mit der nach dem 11. September entstandenen neuen, explosiven Konstellation stellt dies eine außerordentliche Herausforderung an die Union dar, der die gegenwärtigen Strukturen und Entscheidungsmechanismen kaum gerecht werden. Unter diesen Umständen gewinnen geopolitische – und in ihrem Gefolge geostrategische – Überlegungen wieder stärker an Gewicht, auch wenn diese in Deutschland noch immer unter dem Generalverdacht einer allzu großen Nähe zu Imperialismus, Militarismus und Nationalsozialismus stehen. Im angelsächsischen Raum und in Frankreich existiert hingegen eine ungebrochene geopolitische Tradition, an die angesichts der 1. Vgl. Stephan Martens,»Das erweiterte Europa«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte , B 17/2004, S. 3, und Christian Lequesne/Jacques Rupnik, L’Europe des Vingt-Cinq , Paris 2004, S. 71. 130 Veit, Warum die EU einen harten Kern braucht ipg 2/2005
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