Aufsatz 
Zwischen Realpolitik und historischer Verantwortung : zur Außenpolitik der rot-grünen Koalition in Deutschland
Entstehung
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ARTIKEL /ARTICLES Zwischen Realpolitik und historischer Verantwortung Zur Außenpolitik der rot-grünen Koalition in Deutschland WINFRIED VEIT N ach 16 Jahren konservativer Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl schafften Sozialdemokraten und Grüne im Jahr 1998 den Wech­sel. Sieben Jahre später verloren sie die Mehrheit bei den vorgezogenen Bundestagswahlen vom 18. September 2005 vor allem wegen der unbe­friedigenden wirtschaftlichen und sozialen Lage, die durch die Reform­politik der letzten Jahre(noch) nicht zum Besseren gewendet werden konnte. Eine Bilanz von Rot-Grün dürfte deshalb zunächst um das wirt­schaftliche und soziale Erbe, die Erfolge und Versäumnisse der Reform­politik, die Einschnitte in das soziale Netz und die hohe Arbeitslosigkeit kreisen. Doch mit größerem Abstand wird man sich auch anderen Poli­tikbereichen zuwenden, in denen die rot-grüne Bundesregierung deut­lich besser abgeschnitten hat. Dazu gehört die Außenpolitik, für die hier eine vorläufige Bilanz gezogen werden soll. Rückkehr zur»Normalität«? In den wissenschaftlichen und intellektuellen Debatten über die Außen­politik der rot-grünen Bundesregierung taucht immer wieder das Wort »Normalität« auf. Es will besagen, dass Deutschland nach dem Holo­caust und den Verbrechen des Nazi-Regimes, nach seiner bedingungs­losen Einordnung in das von den usa dominierte westliche System und seiner Rolle als europäischer»Musterschüler« endlich wieder in die »Normalität« einer mittleren Großmacht zurückgefunden hat, die selbst­bewusst ihre nationalen Interessen vertritt. Der Beginn dieses Emanzipa­tionsprozesses wird übereinstimmend auf die Jahre 1989–91 datiert als der Fall der Berliner Mauer, die deutsche Wiedervereinigung und die Auflösung der Sowjetunion das Ende der bipolaren Blockkonfrontation besiegelten. Doch während die Regierung Kohl nur zaghaft den neuen Spielraum nutzte, zum Beispiel mit der Anerkennung der Unabhängig­keit Kroatiens und Sloweniens 1991, hat erst die Regierung Schröder/ 46 Veit, Die Außenpolitik der rot-grünen Koalition ipg 1/2006