Den Blick weiten: Politischer Islam in Westafrika MICHAEL BRÖNING G egenwärtig wird über die politische Bedeutung»des Islam« gestritten wie selten zuvor. Zugleich beschränkt sich die Debatte auf einen sehr eingeschränkten Erfahrungshorizont. Denn»der Islam« wird in der Regel mit der»arabischen Welt« gleichgesetzt, der immer wieder auch unreflektiert die Türkei oder der Iran zugeordnet werden. Islamische Traditionen Südostasiens oder einzelner Regionen Afrikas verschwinden dabei fast vollständig aus dem Blickfeld. Dies ist insbesondere deshalb problematisch, weil durch diese Praxis ein einziger Islam konstruiert wird, der als»typisch« und»repräsentativ« wahrgenommen wird. Und mit diesem konstruierten Islam wird die Auseinandersetzung, oder – je nach Perspektive – der Dialog geführt. Doch welche produktiven Ergebnisse kann eine politische Strategie erzielen, die letztlich auf einem bruchstückhaften Bild der Wirklichkeit beruht und die den Facettenreichtum der islamischen Welt weitgehend außer Acht lässt? Obwohl sich die Beschäftigung mit dem Politischen Islam in den vergangenen Jahren weitgehend auf den Nahen- und Mittleren Osten sowie auf Nordafrika und vereinzelt Südostasien beschränkt hat, geriet auch Subsahara-Afrika Ende der 1990er Jahre für einen kurzen Moment ins Zentrum des Interesses. Anlass hierfür waren die Terroranschläge des Jahres 1998 in Kenia und Tansania, die das Themenfeld»Islam in Ostafrika« scheinbar unvermittelt auf die Agenda setzten. Obwohl heute interreligiöse Spannungen in Kenia und Tansania zunehmen, ist die Bedeutung islamistischer Akteure in Ostafrika nach wie vor gering. Wie im westlichen gilt auch im östlichen Teil des Kontinents, dass religiöse Spannungen vor allem innerhalb der religiösen Gemeinschaften ausgetragen werden(Haynes, 2005: 1323ff. und Johnson, 2004). Bezogen auf das westliche Afrika sorgten Unruhen im Vorfeld der Miss-World-Wahlen 2002 in Nigeria und vereinzelt in westlichen Medien aufgegriffene »Shari’a«-Urteile kurz für ein höheres Aufmerksamkeitsniveau. Eine umfassende Auseinandersetzung mit Ausprägungen des Islam als politischem Faktor in Afrika blieb jedoch – insbesondere bezogen auf das westipg 3/2006 Bröning, Westafrika 91
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