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Politischer Islam und autoritäre Herrschaft im Vorderen Orient
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Politischer Islam und autoritäre Herrschaft im Vorderen Orient HOLGER ALBRECHT I n nahezu allen Ländern des Vorderen Orients haben sich seit den frühen 1980er Jahren islamistische Organisationen etabliert, die nicht allein ge­sellschaftliche und kulturelle Ziele verfolgen, sondern versuchen, sich vermehrt auch politischen Handlungsspielraum zu verschaffen. Islamis­tische Organisationen repräsentieren heute das wichtigste gesellschaftli­che Gegenmodell zu den herrschenden Eliten im Vorderen Orient. Sie sind zu einem integralen Bestandteil einiger autoritärer Regime gewor­den; zumeist bilden Islamisten jedoch die bedeutendsten Oppositionsbe­wegungen in den Ländern. Die Oppositionsgruppen aus dem linken, bürgerlichen und liberalen Lager wurden spätestens seit Anfang der 1990er Jahre marginalisiert. Den Islamisten ist gemein, dass sie finanziell und organisatorisch unabhängig von den herrschenden politischen Eli­ten agieren; sie verfügen über ausgesprochen gute Organisations- und Koordinationskapazitäten und haben großen Rückhalt innerhalb der Be­völkerung. Die Aktivisten in den Organisationen sind in der Regel keine islami­schen Geistlichen sondern stammen aus den städtischen Mittelschichten und dem Bildungsbürgertum(oft aus»technischen« Berufszweigen, wie zum Beispiel Ärzte und Ingenieure), während ihre breitere gesellschaftli­che Basis bei den urbanen Unterschichten und den Armen zu finden ist. Islamistische Aktivisten verfügen über ein ausgesprochen hohes Bil­dungsniveau, kennen das westliche Ausland aus persönlicher Anschau­ung und treffen ihre Entscheidungen nicht aufgrund ideologischer Prä­missen sondern hauptsächlich auf der Basis rationaler strategischer oder taktischer Kalküle. Islamisten streben grundlegende Veränderungen in Staat, Justiz, Ge­meinwesen und Wirtschaft an. Ihre politische Programmatik reicht je­doch selten über universelle Slogans(wie»der Islam ist die Lösung«) oder allgemeine Forderungen(z.B. nach der Einführung der Sharia, des islamischen Rechts) hinaus und bleibt damit eher im Unklaren. Die Dis­kurse der Islamisten sind seit etwa Mitte der 1990er Jahre stark geprägt ipg 3/2006 Albrecht, Politischer Islam 11