Die Muhammad-Karikaturen und der globale Diskurs über den Islam DIETRICH JUNG* Dänemark gegen die muslimische Welt? Im Februar 2006 stand Dänemark unter Schock. Die Publikation einer Reihe von Karikaturen des Propheten Muhammad durch die international völlig bedeutungslose dänische Zeitung»Jyllands-Posten« im September 2005 war in eine globale politische Krise gemündet. Was als Provokation der dänischen Muslime und fragwürdiger Beitrag zur seit Jahren hart geführten Einwandererdebatte in Dänemark gedacht war, wuchs sich innerhalb weniger Monate zu einer surrealistisch anmutenden Konfrontation zwischen dem kleinen Land und der muslimischen Welt aus. Gebannt verfolgten die Dänen am Fernsehschirm, wie ihre Botschaften und ihre Nationalflagge, der»Danebrog«, zu Zielscheiben des Hasses avancierten. In einem Land, das sich in der Weltöffentlichkeit bisher nur durch positive Stereotypen repräsentiert sah und in dem man mit der Nationalfahne Geburtstagstische und Weihnachtsbäume schmückt, lösten die hässlichen Szenen aus Beirut, Damaskus, Islamabad oder Teheran blankes Entsetzen aus. Was die dänische Politik als die größte außenpolitische Krise des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete, vermittelten die Medien als Szenen eines»globalen Bürgerkriegs«, als eines weltumspannenden Kultur- und Wertekampfes, in dessen Zentrum nun das einstmals als so tolerant angesehene Dänemark stand. Mit etwas mehr Abstand betrachtet kann allerdings kaum ein Zweifel daran bestehen: Dänemark war in dieser Konfrontation in erster Linie ein Symbol. Die dänische Staatsflagge brannte stellvertretend für den»Westen«, jene amorphe Macht, von der sich viele Muslime schon seit Jahrzehnten gedemütigt sehen. Die Dramaturgie der Ereignisse legt auch * Dieser Artikel ist im Rahmen eines Forschungsprojektes»Islamic Radicalism and the Global Public Sphere: A Historical Genealogy of Modern Knowledge on Islam« entstanden. Der Autor dankt dem Dänischen Forschungsrat( ssf ) für seine finanzielle Unterstützung für dieses Projekt. ipg 3/2006 Jung, Der globale Diskurs über den Islam 119
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