Aufsatz 
Lateinamerikas Enegiepolitik zwischen Staat und Markt
Entstehung
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Lateinamerikas Energiepolitik zwischen Staat und Markt ROLF LINKOHR Energie und Politik Energie und Politik sind in keiner Region der Welt derart eng verbunden wie in Lateinamerika. Über eine eigene Öl- oder Gasgesellschaft zu ver­fügen, gilt als Zeichen nationaler Souveränität. Und nationale Symbole haben in Lateinamerika einen hohen Wert. Darüber mag sich ein Europäer oder Nordamerikaner wundern, der gelernt hat, dass das Kapital unpatriotisch ist. Geld hat Eigentümer, aber keine Heimat. Doch in Lateinamerika, einem Kontinent, dessen Rohstoffe seit Jahrhunderten von Fremden ausgebeutet werden, ist die Verfügung über die eigenen Ressourcen mehr als eine Geldanlage. In ihr spiegelt sich der Wunsch wider, die angeblich unermesslichen Natur­reichtümer zum eigenen Wohl nutzen zu können. Für sich selbst zu ar­beiten, nicht für fremde Mächte, das dürfte der Wunsch vieler Latinos sein, und diesem Wunsch kann man im Grundsatz nicht widersprechen. Doch auch in anderen Weltregionen gibt es ein besonderes Verhältnis zu den Rohstoffen, vor allem dann, wenn es sich um strategische Reser­ven handelt. Lateinamerika unterscheidet sich vom Rest der Welt nicht­grundsätzlich, sondern eher in dem Ausmaß, wie Politik und Rohstoffe, vor allem Politik und Energie, miteinander verknüpft sind. Mit Rohstoffen, insbesondere mit Öl und Gas, lässt sich bequem Po­litik machen. Als 2005 Buenos Aires einen besonders heißen Sommer er­lebte, ordnete Präsident Kirchner kurzerhand an, dass argentinisches Gas vorrangig zur heimischen Stromerzeugung verwendet werden muss. In der Folge wurde weniger Gas nach Chile exportiert und das Land hinter den Anden konnte sehen, wo es sein Gas herbekam. In Santiago de Chile musste daraufhin Strom rationiert werden. Ein anderes Beispiel ist die Weigerung Boliviens, an Chile Gas zu verkaufen. Bolivien will sich so ei­nen Zugang zum Meer erpressen. Doch eine Politik der Vermachtung von Öl und Gas hat positive und negative Konsequenzen. Zu den positiven gehört, dass die Einnahmen ipg 4/2006 Linkohr, Lateinamerikas Energiepolitik 105