WINFRIED VEIT Der Nahe Osten auf dem Weg zum Frieden I m Nahen Osten blüht nach drei Jahren der verzweifelten Stagnation wieder die Friedenshoffnung und es scheint, dass dies ausschließlich das Werk eines kleinen und kompakten, oftmals geradezu hölzern wirkenden Mannes ist: Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak hat im ersten Halbjahr seiner Amtszeit mit dem Abkommen von Scharm-el-Sheikh den Friedensprozess mit den Palästinensern wieder in Schwung gebracht. Sein Treffen mit dem syrischen Außenminister Shara in Washington Mitte Dezember 1999 läutete möglicherweise ein friedliches, neues Millenium im Nahen Osten ein. Damit ist zum ersten Mal in der über hundertjährigen blutigen Auseinandersetzung zwischen jüdischem und arabischem Nationalismus eine umfassende Friedensregelung im Nahen Osten in greifbare Nähe gerückt, denn abgesehen von den Außenseitern Irak und Libyen würde wohl kein arabisches Land den Zug der Zeit verpassen wollen. Doch bis dahin wird noch einiges Wasser den Jordan hinunter strömen, wobei dieses Wasser wegen der anhaltenden Trockenheit immer spärlicher fließt; die Wasserknappheit ist nicht zuletzt einer der Stolpersteine, an denen eine Friedensregelung scheitern könnte. Daneben sind noch unzählige Hindernisse zu überwinden, vom tief sitzenden Hass und der existenziellen Angst auf beiden Seiten bis hin zu lächerlich erscheinenden Details, wie der Streit um einige Quadratkilometer unfruchtbaren Landes oder die Öffnung eines antiken Tunnels in der Altstadt von Jerusalem. Das Ziel: kein neuer Naher Osten, aber Frieden Der vom Friedensnobelpreisträger und Ex-Ministerpräsidenten Shimon Peres seit Jahren beschworene»Neue Nahe Osten« liegt sicherlich noch in weiter Ferne und ist auch nicht die Sache von Ehud Barak. Der ehemalige Generalstabschef und hoch dekorierte Offizier denkt in nüchternen Kategorien und geht pragmatisch, zugleich aber strategisch vor. Das macht seine Stärke aus, lässt ihn aber auch zum gefürchteten harten Verhandlungspartner werden, an dem sich die Palästinenser von Anfang an heftig reiben. Er ist nicht von kühnen Visionen beseelt, wie Peres, der in den arabischen Hauptstädten mit offenen Armen empfangen wird und dem man doch unterstellt, dass sein»Neuer Naher Osten« nur die klammheimliche Version einer israelischen Vormachtstellung ist. Barak orientiert sich schlicht an den Fakten und ist doch kein simpler Kommisskopf, der nicht über den Tag hinausblicken kann. Ganz im Gegenteil: Der Stanford-Absolvent und passionierte Klavierspieler glaubt durchaus an seine historische Mission und sieht sich als Nachfolger und Vollstrecker des Staatsgründers Ben-Gurion und seines Vorbildes Yitzak Rabin, dessen Ermordung im November 1995 den Friedensprozess vorerst stoppte und eine tiefe Zäsur in der kurzen Geschichte des Staates Israel bedeutete. Rabins Erbe heißt für Barak nichts anderes als Einheit im Inneren und Frieden nach außen. In beidem unterscheidet er sich fundamental von seinem Vorgänger Netanjahu, der die israelische Gesellschaft gespalten und orientierungslos zurückgelassen hat. Baraks sicherlich stark von militärischem Denken beeinflusstes Kalkül beruht im Hinblick auf den Friedensprozess auf folgenden Erwägungen: ̈ Frieden kann auf Grund der israelischen Erfahrungen mit einer jahrzehntelangen existenziellen Bedrohung immer nur eine Variable der Sicherheit des Staates Israel sein; mit anderen Worten: Nur wenn es der Sicherheit Israels nützt, soll man Frieden schließen. ̈ Dieser Zeitpunkt ist gekommen, denn Israel ist stark und seine arabischen Nachbarn sind schwach. Dazu kommt, dass der PalästinenserFührer Arafat und der syrische Präsident Assad IPG 2/2000 Winfried Veit, Der Nahe Osten auf dem Weg zum Frieden 133
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