Optionen und Chancen für eine kooperative Sicherheitspolitik in Europa PETER W. SCHULZE Weichenstellung für die 1990er Jahre: Das Ende der Illusion vom gemeinsamen europäischen Haus Nach dem Ende des Kalten Krieges in Europa schien die Schaffung eines Systems kooperativer Sicherheit im Bereich des Möglichen zu liegen. Doch die nato -Osterweiterung und die Kriege auf dem Balkan entlarvten solche Hoffnungen als Illusion. Der Konsens der damaligen Großmächte, der es trotz der bipolaren Struktur des internationalen Systems in der Dekade zuvor erlaubt hatte, die Teilung Europas zu beenden, zerbrach. Das postsowjetische Russland wurde aufgrund seiner transformationsbedingten Systemkrise ab 1994 aus der Mitgestaltung der europäischen Politik hinausgedrängt. Der Kalte Krieg wurde beendet, aber das Ziel der Schaffung eines »gesamteuropäischen Hauses« mit übergreifender, verbindender Sicherheitsarchitektur, rückte immer weiter in die Ferne. Auch die Ersatzlösung von»interlocking security institutions« war nur kurzlebig. Doch es gelang der nato, ihre Identitätskrise vermittels einer erweiterten Sicherheitsagenda zu überwinden und sich als»neue nato « zu definieren. Zwei Ziele rückten in den Vordergrund; sie versprachen dauerhafte Legitimation im post-bipolaren Europa: Das erste war der Stabilitätstransfer nach Mittel- und Osteuropa durch die Osterweiterung, die sich in zwei Wellen vollzog. Das zweite bestand darin, ein Sicherheitssystem gegen das während der Jelzin-Ära am Rande einer Systemkrise balancierende Russland aufzubauen, denn Russland drohte im Chaos zu versinken und damit außen- und sicherheitspolitisch unberechenbar zu werden. Die systemische Krise des postsowjetischen Russland produzierte eine andere Bedrohungslage als die aus der bipolaren Welt bekannte. Es galt nicht mehr, militärische Gefahren abzuwehren, sondern sich gegen die Folgen der Transformation, des wirtschaftlichen Niedergangs und der befürchteten innenpolitischen Polarisierung Russlands zu wappnen. Sogar die separatistische Fragmentierung des Landes schien möglich; sie 94 Schulze, Für eine kooperative Sicherheitspolitik ipg 2/2010
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