Die Logik des Scheiterns oder: Nichts ist angemessen in Afghanistan. JOCHEN STIKLORUS D ie internationale Politik hat hinsichtlich ihres weiteren Vorgehens in Afghanistan zwei Möglichkeiten: Zum einen kann man entgegen allen bisherigen Erfahrungen an den proklamierten Zielen – Kampf gegen die Taliban, Errichtung eines stabilen Staatswesens – festhalten und lediglich den Schwerpunkt des Einsatzes in Richtung»ziviler Wiederaufbau« verschieben. Dies brächte jedoch keine qualitative Veränderung der Machtsituation vor Ort mit sich, die aktuelle Tendenz der Destabilisierung der »öffentlichen Ordnung« fände ihre Fortsetzung. Spätestens dann, wenn sich die Realität in Form noch höherer Opferzahlen auf beiden Seiten in das Bewusstsein der westlichen Politik gebracht haben wird, wird diese Strategie ihr abruptes Ende finden und die internationalen Truppen zu einem mehr oder weniger geordneten Abzug aus Afghanistan zwingen. Am Ende erführe das Problem eine»vietnamesische Lösung«. Die andere Möglichkeit bestünde darin, die»unbeabsichtigten Folgen« des eigenen zielgerichteten Handelns zum Anlass zu nehmen, auf die Angemessenheit der Ziele selbst zu reflektieren, die im Handeln vor Ort realisiert werden sollen. Vielleicht sind gar nicht so sehr die Taliban, staatsferne Stammeskulturen, massenhafte Korruption, der Anbau von Opium, der undemokratisch gewählte Präsident Karsai oder Warlords das eigentliche Problem. Vielleicht sind es vielmehr die der westlichen, bislang unreflektiert bleibenden und dadurch ihrerseits einer»fundamentalistischen« Vernunft entspringenden wohlmeinenden Handlungsziele selbst, die zum Problem werden. Zu diesem Aspekt werden im Folgenden einige Überlegungen angestellt. Angemessenheit des Afghanistan-Einsatzes? Dem Vorgehen der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan wohnt von Anfang an ein Verhängnis inne: Das Handlungsziel des AfghanistanEinsatzes wurde unter den Bedingungen des westlichen sozialen Bezugsipg 2/2010 Stiklorus, Afghanistan 137
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