Ausgabe 1/ 2024 Diskussionspapier des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung WEITER DENKEN Arbeitszeitverkürzung in der beruflichen Pflege Marlen Melzer, Cornelius Markert, Johanna Nold Die Versorgung hilfsbedürftiger Menschen im Alter und bei Krankheit gehört zu den fundamentalen Aufgaben einer Gesellschaft. Vieles andere kann vorübergehend eingestellt oder eingeschränkt werden, Pflegearbeit nicht. Dennoch wird diese vor allem von Frauen und zunehmend auch von Migrant_innen geleistete Arbeit oft unter ungünstigen Arbeitsbedingungen verrichtet, nicht ausreichend gewürdigt und ungenügend oder gar nicht bezahlt(HBS 2022). Autor_innen Marlen Melzer Marlen Melzer ist promovierte Arbeitsund Organisationspsychologin in der Gruppe„Arbeitsgestaltung bei personenbezogenen Dienstleistungen“ der BAuA. Sie verantwortet hier die Forschungs-, Transfer- und Politikberatungsaktivitäten im Bereich Gesundheitswesen. Cornelius Markert ist promovierter Ökonom, Geschäftsführer des Instituts für die Geschichte und Zukunft der Arbeit(IGZA) und Teil des Kernteams der 7-bändigen Buchedition „Matrix der Arbeit“(2023). Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Produktivitätsentwicklung und Gute Arbeit. Johanna Nold ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gruppe Arbeitszeit und Flexibilisierung der BAuA. Sie betreut die BAuA-Arbeitszeitbefragung und forscht zu Arbeitszeitautonomie,-flexibilität und-verkürzung im Kontext von Wohlbefinden, Gesundheit und sozialer Ungleichheit. Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland wächst der Pflegebedarf immer weiter. Die Lebenserwartung steigt, die geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter und die jüngeren Jahrgänge sind immer geringer besetzt(Geburtenrate weniger als 2 Kinder). Dies führt dazu, dass die Anzahl der zu Pflegenden weiter steigt. Die aktuelle Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes(V2) kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in NRW von heute 1,2 Millionen Menschen(DE: 5 Mio.) bis 2050 auf 1,6 Millionen ansteigt(DE: 6,7 Mio.) und dann bis 2070 in etwa auf diesem Niveau bleibt(Destatis 2023b). Auch die Multimorbidität, d. h. das gleichzeitige Vorkommen von mindestens zwei chronischen Erkrankungen bei einem Menschen, nimmt zu, was für(geriatrisch) Pflegende eine zusätzliche Herausforderung ist(u. a. O‘Connor et al. 2018). Fachkräftemangel in der Pflege Der demografische Wandel führt auch dazu, dass die potenzielle Anzahl beruflich Pflegender sinkt. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Pflegenden in Heimen und ambulanten Pflegediensten zwar nahezu verdoppelt(Destatis 2022, 2023c; BMG 2023), dennoch gibt es in Teilen der Pflegeberufe mehr offene Stellen als arbeitslose Pfleger_innen. Die Bundesagentur für Arbeit konstatierte im Mai 2023„die Tatsache, dass bereits jetzt ein bundesweiter Fachkräftemangel bei examinierten Pflegefachleuten in nahezu allen Bereichen herrscht“(BA 2023: 5). Wegen der geringer besetzten jüngeren Jahrgänge und des Austritts der Babyboomer_ innen aus dem Arbeitsmarkt verringert sich in den nächsten Jahren rein quantitativ das Potenzial an Pflegekräften weiter. 1
Heft
(2024) 1. Arbeitszeitverkürzung in der beruflichen Pflege
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