Heft 
(2021) 2. Corona als Brennglas : gesellschaftlicher Zusammenhalt, Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit, Sicherheit und politische Erwartungen nach dem Corona-Schock in Nordrhein-Westfalen
Einzelbild herunterladen
 

Ausgabe 2| 2021 Diskussionspapier des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung Caroline Werkmann, Laura Wolfs Corona als Brennglas Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit, Sicherheit und politische Erwartungen nach dem Corona-Schock in Nordrhein-Westfalen Die Coronakrise hat vielfach zu einem gesellschaftlichen Um­denken geführt. Eine Ipsos-Studie im Auftrag des Weltwirt­schaftsforums vom September 2020 zeigt, dass jede_r zweite Deutsche sich wünscht, dass sich das eigene Leben stark ver­ändert und nicht alles wieder so wird wie vor der Pandemie (vgl. Freudenthal 2020). Daraus ergibt sich die Frage, wie eine Welt nach Corona aussehen sollte und welche Politikfelder und Probleme insbesondere adressiert werden sollten. Studien, die vor Corona durchgeführt wurden, geben Anhalts­punkte dazu, welche Themen und Politikfelder dominieren. Eine 2019 durchgeführte qualitative Studie der Friedrich-Ebert-Stif­tung in Nordrhein-Westfalen(NRW) benennt Beispiele aus dem Alltagsleben für mangelnden Zusammenhalt und Gerechtigkeit. Bildungs-, Infrastruktur-, Arbeitsmarkt- und Klimaschutzpolitik sind nur einige der genannten Politikfelder(vgl. Florack 2020). Um anhand von gesellschaftspolitisch relevanten Feldern zu untersuchen, inwiefern sich Einstellungen und Erwartungen von Erkenntnissen und Ergebnissen vor der Coronapandemie unter­scheiden oder decken, hat die Friedrich-Ebert-Stiftung erneut eine qualitative Studie beauftragt. Ziel der Studie war es, anhand kon­kreter Erfahrungen im Alltagsleben und Problemen in unterschied­lichen Politikfeldern(aktuelle) gesellschaftliche Entwicklungs­tendenzen aufzuzeigen und aus diesen politische Prioritäten abzuleiten. Die qualitative Untersuchung wurde mittels acht im Januar 2021 durchgeführten Online-Gruppendiskussionen vom Mei­nungsforschungsinstitut Ipsos GmbH umgesetzt. Insgesamt nahmen 58 Befragte aus verschiedenen Regionen NRWs mit unterschiedlichen Bildungs- und beruflichen Hintergründen an der Studie teil. Zudem zeichneten sich alle Teilnehmer_innen durch eine gewisse Affinität zur sozialen Demokratie aus. Caroline Werkmann , Politikwissenschaft­lerin, arbeitet seit 2018 als Research Execu­tive für qualitative Forschung bei Ipsos. Sie publizierte u. a. zu Themen wie Rechts­radikale Parteien in Osteuropa sowie KI und Digitalisierung. Laura Wolfs , Politikwissenschaftlerin, ar­beitete im Journalismus, für NGOs und in der qualitativen Marktforschung. Seit 2017 forscht sie als Senior Research Executive bei Ipsos zu politischen und sozialen The­men, bspw. prekäre Lebensverhältnisse von Frauen und Digitalisierung. Die Erkenntnisse dieser Studie liefern einen Wasserstand zum gesellschaftlichen Stimmungsbild nach zehn Monaten Pande­mie und zeigen politischen Handlungsbedarf für die Landes­politik in Nordrhein-Westfalen auf: Erstens kann in Zeiten der Coronapandemie eine zentrale Quelle gesellschaftlicher Unsicherheit klar benannt werden: Das bisher recht diffuse Unsicherheitsgefühl, das sich in voran­gegangenen Studien in einem verstärkten Sicherheitsbedürf­nis in allen Politikfeldern ausgedrückt hat, manifestiert und konkretisiert sich nun in Form der spezifisch aus der Coronalage resultierenden Unsicherheit. Zweitens hat sich im Vergleich zur Vorgängerstudie aus 2019 nicht die Art, sondern der Nachdruck der politischen Forderun­gen gewandelt. Durch Covid-19 wurden bestehende Miss­stände in einzelnen Politikfeldern wie durch ein Brennglas verschärft bzw. akzentuiert, vor allem Bildung, Familienpolitik und Betreuung rücken in den Vordergrund. Andere Bereiche haben im Verhältnis dazu an Dringlichkeit verloren, jedoch hat die Krise das gesellschaftliche Bewusstsein für die eigene Ver­letzlichkeit geschärft und somit auch den weiterhin beste­henden Handlungsbedarf, z. B. im Bereich Klimaschutz. Drittens ist die zentrale Rolle von Chancengleichheit für eine gute, sichere Zukunft insgesamt bewusster geworden. Durch Corona erhöht sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die Folgen bestehender Ungleichheiten. Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Fairness erhalten neuen Stellenwert. Tabelle 1: Zusammensetzung der Online-Fokusgruppen Anzahl 58 Geschlecht männlich 28 weiblich 30 Alter 18 – 29 20 30 – 49 31 50 – 64 7 Bildung Mittlere Reife 13 Abitur/Fachabitur 29 Abgeschlossenes Studium 16 Region Ruhrgebiet 30 Prosperierende Regionen (z.B. KLN, DUS) 28 Landesbüro NRW