Archiv für Sozialgeschichte 35, 1995 599
Publikationen zur Geschichte der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegung
Jürgen Kocka/Hans-Günther Puhle/Klaus Tenfelde(Hrsg.), Von der Arbeiterbewegung zum modernen Sozialstaat. Festschrift für Gerhard A. Ritter zum 65. Geburtstag, K. G. Saur Verlag, München etc. 1994, 866 S., Ln., 198 DM.
Mit einer voluminösen Festschrift gratulieren Kollegen, Freunde und Schüler Gerhard A. Ritter zu seinem 65. Geburtstag und ehren damit einen Gelehrten, der seit Jahrzehnten eine herausragende Stellung unter den deutschen Neuzeithistorikern einnimmt. Die Monumentalität dieser Festschrift korrespondiert mit der Bedeutung von Ritters wissenschaftlichem Lebenswerk und seinen Verdiensten als Wissenschaftsorganisator.
Gerhard A. Ritter, 1929 in Berlin geboren, 1952 in Berlin promoviert und nach der Habilitation(1962) sofort auf eine Professur berufen, von 1965 bis 1974 in Münster, seit 1974 in München als Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte wirkend, hat seit den 1950er Jahren entscheidend zur Neubegründung des Ansehens der deutschen Geschichtswissenschaft nach Diktatur und Krieg beigetragen, wie die Herausgeber zutreffend konstatieren. In mehreren Büchern und in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Aufsätzen hat er die Geschichte der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegung aus dem Ghetto einer Historiographie der Außenseiter herausgeführt, ist er der Geschichte der politischen Parteien und des Parlamentarismus in Deutschland, aber auch in Großbritannien nachgegangen und hat die Entstehung des Sozialstaats sowie dessen Entwicklung in tief eindringenden Studien ausgeleuchtet— um nur die wichtigsten von Ritters Arbeitsfeldern zu nennen. Darüber hinaus hat er mehrere großangelegte wissenschaftliche Unternehmungen auf den Weg gebracht und betreut sie, z. B. das»Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus« (von dem inzwischen sechs Bände vorliegen, weitere Bände sind in Arbeit) sowie die vielbändige»Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts«, zu der er selbst(gemeinsam mit K. Tenfelde) den stark beachteten Band»Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871-1914«(1992) beigesteuert hat. Ferner ist Ritter Mitinitiator des Großprojekts»Inflation und Wiederaufbau in Deutschland und Europa 1914-1924«, in dessen Rahmen bereits eine ganze Reihe ertragreicher Werke publiziert wurden.
Als Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Institutionen, Kommissionen und Beiräte hat sich Ritter in vielfältiger Weise im Bereich der Forschungspolitik und Forschungsorganisation engagiert. Er wirkte bei Gründung und Aufbau Deutscher Historischer Institute im Ausland mit(London, Washington), und er hat- dies sollte nicht vergessen werden— die entscheidenden Anregungen gegeben, die zur Errichtung des»Historischen Kollegs« (München) führten. Von 1976 bis 1980 war Ritter ein höchst erfolgreicher Vorsitzender des Deutschen Historikerverbands; seinen Bemühungen ist es zu verdanken, daß der Internationale Historikertag erstmals in der Bundesrepublik abgehalten wurde(Stuttgart 1985). Eine beachtliche Zahl jüngerer Historiker verdankt ihm intensive Förderung, nicht wenige seiner Schüler haben heute Lehrstühle inne. Mit Recht also wird Gerhard A. Ritter durch eine»große« Festschrift geehrt.