Rezension 
Hartmut Simon, Die Internationale Transportarbeiter-Föderation. Möglichkeiten und Grenzen internationaler Gewerkschaftsarbeit vor dem Ersten Weltkrieg, Essen 1993 : [Rezension]
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606 Forschungsberichte und Rezensionen

Hartmut Simon, Die Internationale Transportarbeiter-Föderation. Möglichkei­ten und Grenzen internationaler Gewerkschaftsarbeit vor dem Ersten Welt­krieg, Klartext Verlag, Essen 1993, 300 S., brosch., 89 DM.

Hartmut Simon konzentriert sich in seiner Geschichte der ITF auf zwei Berufsgruppen, auf die Seeleute und Hafenarbeiter, sowie auf deren Gewerkschaften in Deutschland und Großbritannien. Seeleute und Hafenarbeiter waren eine Schlüsselgruppe in der ITF, die auf Initiative der britischen Gewerkschaften ins Leben gerufen und von ihnen bis 1904 ge­leitet wurden; von da ab bis zum Ersten Weltkrieg befand sich das Sekretariat in den Hän­den der Deutschen, so daß Simons Arbeit trotz der geographischen Einschränkung Haupt­stränge in der Geschichte der ITF nachzeichnen kann. Zwei Kapitel über Industrialisie­rung der Schiffahrt bzw. der Hafenarbeit dienen als»Einstieg« in die Darstellung. Der Nie­dergang der Segelschiffahrt im 19. Jahrhundert führte zum Aufkommen neuer Berufsgrup­pen an Bord, zum Zerbröckeln des patriarchalischen Verhältnisses zwischen Seeleuten und Schiffsführer, zur kastenmäßigen Absonderung der Berufsgruppen auf den Schiffen. Der Übergang von der Segel- zur Dampfschiffahrt führte auch zu einer völligen Umwälzung der Arbeitsbedingungen in den Häfen; am stärksten von dieser Entwicklung betroffen waren Akkordarbeiter, die sich auf Massengüter wie Korn und Kohle spezialisiert hatten.

Eine vom Anspruch her landesweite Seeleutegewerkschaft entstand in England erst 1887 mit der National Amalgamated Sailors and Firemens Union(NASFU). Schwieriger war die Situation in den Häfen:»Wegen der hierarchischen Abstufungen beruflicher Tätigkei­ten gab es keine prädestinierte Arbeitergruppe, um die sich als Kern eine Hafenarbeiterge­werkschaft bilden konnte, und politische oder religiöse Gegensätze versperrten den Weg zu einer Zentralisation«(S. 84), so daß man in britischen Häfen alle erdenklichen Beispiele für lokale und regionale bzw. berufsbezogene Gewerkschaften finden konnte. Die NASFU lei­stete Geburtshilfe bei der Entstehung der National Union of Dock Labourers(NUDL) 1889 in Glasgow. Ihr vorrangiges Ziel war jedoch längere Zeit, die Zahl der Ausländer auf britischen Schiffen zu reduzieren. Erst die Kontakte mit der dänischen Seeleute- und Ha­fenarbeitergewerkschaft im Zusammenhang mit deren Streik 1890 in Kopenhagen führten zu einem Umschwung in der Haltung der NASFU, zur Gründung von 15 Zweigstellen aus­ländischer Seeleutegewerkschaften. Die deutschen Seeleute blieben bis 1890 ohne nen­nenswerte Organisation, und auch der Deutsche Hafenarbeiterverband entstand erst 1891.

Vertreter der Seeleute und Hafenarbeiter nutzten den internationalen Arbeiter- und Ge­werkschaftskongreß 1896 in London zu einer internationalen Zusammenkunft und be­schlossen, die von den Briten schon gegründete International Federation of Ship, Dock and River Workers(IFSDR) als ihre internationale Organisation anzusehen. Simons kenn­zeichnet sie treffend als»britische Organisation mit kontinentalen Mitgliedern«(S. 114), deren erste Lebensjahre von langen Debatten um den Sinn internationaler Streiks und ver­geblichen Bemühungen der britischen Gewerkschafter gekennzeichnet waren, solche inter­nationalen Streiks zu organisieren. Die Niederlage der Hamburger Hafenarbeiter und See­leute 1896/97 bestärkte den Zentralrat der IFSDR noch in seiner Auffassung, daß sektio­nale und lokale Streiks nicht mehr zu gewinnen seien. Auf dem Kontinent faßte sie erst 1897(Deutschland und Norwegen) Fuß und wandelte sich Ende der 1890er Jahre zu einer tatsächlichen internationalen Organisation, deren internationale Zusammenarbeit freilich »auf das Niveau von Solidaritätserklärungen«(S. 163) beschränkt blieb und die daran krankte, daß sie von den dominierenden britischen Gewerkschaften zu stark nach eigenen Bedürfnissen ausgerichtet wurde. Dem internationalen Transportarbeiterkongreß 1900 in Paris drückten dann aber schon die auch finanzstarken deutschen Organisationen den Stempel auf mit ihrer Forderung,»zentrale nationale Transportarbeiterverbände sowie eine die Zentralverbände umfassende nationale Föderation zu schaffen.«(S. 165) Mit dem Beitritt neuer Organisationen, die fast ausschließlich Transportarbeiter oder Eisenbahner