Frau
Dr. Marie
Baum
Sehr geehrte Frau Dr. Baum!
L. Lemke
( Schnittor Mebж. дейно
Da ich erst jetzt Ihr Buch" Rückblick auf mein Leben" gelesenhabe, möchte ich nicht versäumen, Sie auf einen darin enthaltenensehr ernsten geschichtlichen Fehler aufmerksam zu machen. Siesprechen auf Seite 217 von den Zuständen im Herbst des Jahres1918 und sagen da bei der Besprechung des Zusammenbruchs und desIhnen vorschwebenden Zieles:
" Der Weg dazu lag in der Einberufung einer Nationalver-sammlung, in der das Volk selbst über sein Schicksalentscheiden sollte. Da den Frauen während der kurzenKanzlerzeit des Prinzen Max von Baden im Oktober 1918das Stimmrecht verliehen war und sie sich somit im Besitzder vollen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten be-fanden, traf sie die volle Mitverantwortung....
Abgesehen davon, dass ich selber noch zu den wenigen Frauen ge-höre, die in den Oktober/ Novembertagen 1918 das Werden und denendlichen Vollzug des Frauenwahlrechtes tätig miterlebte,zitiere ich Ihnen einige Zeugen. In Hermann Müller " Die November-revolution"( 1928, Der Bücherkreis G.M.B.H., Berlin ) sagt er( Seite 19) u.a.:
" Nicht nur die sozialdemokratischen Frauen rührten sichin jenen Tagen. Bürgerliche und sozialdemokratische Frauenhielten am 4. November 1918 in Berlin in den Sophiensäleneine gemeinsame Kundgebung für die Einführung des Frauen-stimmrechts ab. Marie Juchacz , Rosa Kempf , Marie Stritt ,Clara Bohm- Schuch , Minna Cauer und Regina Deutsch referierten.Nach ihnen sprachen Vertreter der politischen Parteien undverschiedener Organisationen für das Frauenwahlrecht. NachKonrad Haenisch , Paul Hirsch , Heinrich Schulz und dem Frei-sinnigen Sirkovitsch sprach ich für den Vorstand der Sozial-demokratischen Partei. Meine Vorredner hatten mir alle schönenArgumente für die Notwendigkeit der Einführung des Frauen-wahlrechts weggenommen, und so sagte ich einfach nach wenigeneinleitenden Sätzen:" Wahrlich, es werden wenige in diesemSaale sein, die den Sieg des Frauenstimmrechtes in Deutschland nicht erleben werden.- Es wird mir unvergesslich sein,wie Minna Cauer , die greise Vorkämpferin für die staatsbür-gerliche Gleichberechtigung der Frauen, mir nachher sagte:" Das waren Worte der Hoffnung, aber ich weiss nicht, ob ichdas noch erleben werde." Schon wenige Wochen später wurdedas Frauenwahlrecht in Deutschland durch die Regierung derVolksbeauftragten eingeführt.