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Nr. 202.

S

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31. Jahrg.

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Telegramm Adreffe: ,, Sozialdemokrat Berlin"

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstraße 69. Fernsprecher: Amt Moritplat, Nr. 1983.

Montag, den 27. Juli 1914.

Expedition: S. 68, Lindenstraße 69.

Fernfbrecher: Amt Moritblas, Nr. 1984.

Immer wieder gegen den Krieg!

" Wir glauben, es gibt bei diesen blind- täppischer Nibelungentreue allein für Desterreichs un­sinnige Desperadopolitik in die Bresche springen, auf die Ge­Für die Friedensdemonstrationen. Empfindungen kaum eine Ausnahme, fahr des Weltkrieges hin? Göln, 26. Juli. ( Privattelegramm des Vor­und wenn unsere Sozialdemokraten chen" und seine Berater wissen ja aus bester Erfahrung, lich offiziös inspiriert in einem Leitartikel, der heute In derselben Lage sind Rußland und Frankreich . Väter- wärts".) Die Kölnische Zeitung " schreibt ersicht­in den nächsten Tagen Kundgebun- welche Gefahren sie durch auswärtige Händel im Innern her- abend um 6 Uhr als Sonderausgabe verbreitet wurde, daß das aufbeschwören. Und auch Frankreich weiß genau, daß sein deutsche Volk, wenn es unabänderlich sein muß, bereit und gen gegen den Krieg veranstalten, allezeit temperamentvolles, inzwischen aber noch viel besser entschlossen ist, das Schwert zu ziehen, um unter dem alten so werden sie darin bis zu einem ge- des bürgerlichen Staates nachdrücklichst zur Durchsetzung leicht zu sterben für unser geliebtes deutsches Vaterland, für organisiertes und diszipliniertes Proletariat jede Schwäche Kreuze von Eisen nochmals zu fechten, zu bluten und viel­wissen Grade die Zustimmung des seiner Ziele ausnüßen würde. Kaiser und Reich. deutschen Bürgertums finden. Denn bei uns will niemand den Krieg und Fluch demjenigen, der das schreckliche Uebel herauf- aus den patriotisch- romantischen Verirrungen wieder zum beschwört."

Köln . Zeitung", 25. Juli.

So drohte allen Kampfhähnen ein entsetzlich blutiger Krieg und die verheerendste wirtschaftliche Krise. Und dar­über hinaus der große Kladderadatsch".

Die Regierungen wissen das. Deshalb wird ihnen nicht

minder unheimlich zu Mute als dem braven Spießer, den

die rapiden Kursstürze und bald genug die vielen Pleiten Bewußtsein der ehernen Wirklichkeit bringen werden.

Wir glauben, es gibt bei diesen Empfindungen kaum eine Ausnahme, und wenn unsere Sozialdemokraten in den nächsten Tagen Kundgebungen gegen den Krieg veran­stalten, so werden sie darin bis zu einem gewissen Grade die Zustimmung des deutschen Bürgertums finden. Denn bei uns will niemand den Krieg und Flüch demjenigen, der das schreckliche Uebel her. aufbeschwört.

Aber die Lage steht derart auf des Messers Schneide, daß Aber die deutsche Sozialdemokratie wird den Lauf der es die dringendste Pflicht der Arbeiterklasse ist, mit aller Ent- Weltgeschichte nicht hemmen können. Und wenn sie sieht, daß schiedenheit in den Gang der Ereignisse einzugreifen! der Krieg uns aufgezwungen wird, daß wir kämpfen müssen, Niemals lag die Gefahr des Weltkrieges so nahe, niemals dann wird kein Agitator, und wenn er mit Engelszungen erheischte das Gebot der Stunde so rasche und energische Ent- redete, den deutschen Arbeiter aufzuhalten vermögen. schließungen!

Getreu ihrem Charakter als internationale Partei hat die Sozialdemokratie die Pflicht, gleichzeitig in allen beteilig­ten Ländern ihrem Einfluß Geltung zu verschaffen!

"

In demselben Artikel wird dem Dreiverband zugerufen: Hände weg." Auch wird der heutige Artikel des Vor­wärts" besprochen und geschrieben, daß sich darin die Ge­meingefährlichkeit der Sozialdemokratie in hüllenloser Nackt­heit offenbart. Die vaterlandsfeindlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie feien aber von keiner Bedeutung, da unsere Partei im gegenwärtigen Augenblick sich bereits abseits vom deutschen Volke befinde.

Nach kurzem Rausch ist bereits die Ernüchterung bei unferen Hurrapatrioten eingefehrt, eine böje tabeniammer­stimmung. Das beweist deutlich genug die Auslassung der rheinischen Offiziösen, auch wenn sie sonst im obligaten Offi­ziösenstile gegen den Vorwärts" wettert, der sich durch seine Stellungnahme abseits des Volkes gestellt habe. Ja, wenn eine Handvoll gröhlender alldeutscher Jünglinge das deutsche Die österreichische Partei hat- bedroht von Aus­Volk bildete, wäre das schon richtig. Aber die ungeheure nahmezustand und Kriegsrecht- in lekter Stunde alle Ver­Mehrheit des deutschen Volkes, Bourgeoisie wie Proletariat, antwortung den herrschenden Gewalten aufgebürdet. Die will von dem so grenzenlos frivol heraufbeschworenen Kriege russischen Arbeiter haben ja bereits in den letzten Wochen nichts wissen. Die Köln . 3tg." gibt das im Grunde eine so rüstige Energie bekundet, daß das Zarenregiment Die Kölnische Volkszeitung" schreibt in einer ebenso unumwunden zu, wie das schon die" Post" und die einen hinlänglichen Vorgeschmack künftiger Ereignisse erhal- Sonderausgabe: Der Weltfrieden kann nicht durch Anzeichen Rheinisch- Westfälische Zeitung" ausgesprochen hatten. Daß ten hat. Daß das französische Proletariat nicht minder der Schwächlichkeit, Treulosigkeit oder des Eigennuges er­den verantwortlichen Stellen der kriegerische Elan der seine Schuldigkeit in der Vereitelung chauvinistischer Afte halten werden. Nur eine feste und nachsichtige Politik ist allteutschen Heldenjünglinge lästig zu werden beginnt, beweist tun wird, wird kein Mensch bezweifeln. Da versteht es sich dazu vielleicht noch imstande. Kann aber auch sie diesen nicht minder unverkennbar die dringliche Mahnung zur Ruhe von selbst, daß auch die deutsche Sozialdemokratie in den Brand nicht mehr fernhalten, dann ist es um so notwendiger, und Besonnenheit, die jetzt sogar Berliner Tageblatt" und schweren Kämpfen ihren Mann stehen wird! daß die mitteleuropäischen Reiche und ihre Wölfer fest zu­,, Rokalanzeiger" an die Demonstranten vom Sonnabend rich­sammenstehen. Ohne Kriegslust, aber auch ohne Schwäche Die Hauptsache ist, daß Oesterreich an neuen sieht das deutsche Volk den Ereignissen entgegen. Ueberraschungen verhindert wird!

ten.

Kein Zweifel: an die Stelle des sich blähenden Chauvi­nismus und der prozigen Herausforderung ist bereits ein merklicher Kazenjammer getreten. Aber das macht die furcht­bare Situation noch nicht ungefährlich. Die Würfel, die das maßlose Vorgehen Desterreichs ins Rollen gebracht, rollen weiter. Jede Stunde kann neue unheilvolle Berwicke­kingen bringen und den Funken ins Pulverfaß werfen. Nicht allzuspäte Mahnung zur Vorsicht und bängliches Harren kann die Gefahr des europäischen Kriegsbrandes dämpfen, son­dern nur rascher Entschluß und resolutes Zugreifen. Die Regierungen aller Staaten dazu zu zwingen, ist die große, verantwortungsvolle Aufgabe des internationalen Proletariats!

Die deutsche Sozialdemokratie macht die deutsche Protestaktionen des Proletariats

Regierung mitverantwortlich für alle künftigen Schritte Oesterreichs !

"

Köln , 26. Juli. ( Privattelegramm des Vor­wärts".) Der sozialdemokratische Verein von Köln hat in einer außerordentlichen Generalversammlung von heute mor Das internationale Proletariat bietet alles gen eine Entschließung angenommen, in der er den sofortigen auf, um jede Verschärfung der Situation zu und die Einleitung einer unerschrockenen internationalen Zusammentritt des internationalen sozialistischen Bureaus verhindern! Kundgebung gegen den Krieg fordert.

Um das Programm für Deutschland verwirklichen zu helfen, veranstaltet die Sozialdemokratie Groß- Berlins am Dienstag

Massenversammlungen!

Nur unreife Burschen können sich für ein Kriegsaben. teuer begeisteru, das Europa in ein mit Blut- und Ver­wesungsdunst erfülltes Menschenschlachthaus zu verwandeln droht. Daß auch der deutschen Regierung vor solcher Verant­wortung graut, verrät die wiederholte offizielle Erklärung: wir waren vom Wortlaut des österreichischen Ultimatums Das Berliner Volk der Arbeit, die gewaltige Mehrheit nicht unterrichtet, wir hoffen, daß es zwischen Serbien der Bevölkerung, wird am Dienstag den Kriegshehern und und Desterreich troß alledem noch zu einem Ausgleich dem patriotischen" Mob die Antwort auf ihre kommt und wir wünschen dringendst, daß das Balkanaben­teuer feine europäischen Konflikte nach sich zieht.

geben!

empörenden Provokationen

Leipzig , 26. Juli. ( Privattelegramm des Vorwärts".) Zu einer eindrucksvollen Protestkund­gebung gegen die Kriegsheße gestaltete sich heute das von 37 000 Personen besuchte Leipziger Gewerkschaftsfest. In seiner Festrede wies Genosse Staudner auf die furchtbare Krise und ihre wirtschaftlichen Begleiterscheinungen und die massenhafte Arbeitslosigkeit hin, die durch die jezigen krie­gerischen Ereignisse eine ungeheure Steigerung erfahren würde. Das Proletariat habe an dem Kriege zwischen Dester­reich und Serbien fein Interesse. Es habe dabei nur Opfer an Gut und Blut zu bringen. Das Proletariat will den Frieden und erhebt Protest gegen die gewissenlose Kriegshete. Die Versammlung stimmte dem Redner zu und sang begeistert

Diese Kundgebung der Arbeiterschaft Groß- Berlins kann den Sozialistenmarsch.

Man braucht der deutschen Regierung wirklich kein Uebermaß von Klugheit und Gewissensverfeinerung zuzu- nur eine trauen, um ihr die aufrichtige Absicht zuzugestehen, daß sie

ehrlich die Erhaltung des Friedens wünscht. Und man kann überwältigende Demonstration

den Regierungen der anderen europäischen Staaten ohne weiteres die gleichen Wünsche zutrauen. Denn die Leutchen sein! Wenn es je für eine Massenkundgebung eine zündende müssen ja fühlen, daß ihnen der Boden unter den Füßen wantt, daß sich bei einer Striegskatastrophe der Boden unter Parole gegeben hat, so ist es die Parole für den Dienstag: ihnen öffnen kann, um sie zu verschlingen. Die Chancen eines Sieges sind nirgends gegeben sicher nur ist allen Staaten unsägliches Blutvergießen, wirtschaftlicher Ruin und das innere Jena .

Schon haben einflußreiche italienische Stimmen erklärt, daß Italien nicht daran denke, sich durch Desterreichs serbisches Abenteuer als dritte Macht des Dreibundes in einen Krieg verwickeln zu lassen. Und da sollte Deutschland in

Nieder mit dem Kriege!

Die Haltung der Regierung.

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt an der Spize ihrer Wochen- Rundschau:

mordes in Sarajewo von Desterreich- Ungarn an Serbien Die auf Grund der Untersuchung des Thronfolger­gestellten Forderungen müssen gerechtfertigt erscheinen, wenn man die Begründung dieser Forderungen mit dem der Sache gebührenden Ernst würdigt. Die Beteiligung serbi­scher Persönlichkeiten, auch amtlicher, an der von langer Hand vorbereiteten Verschwörung gegen das Leben des Erzherzogs Franz Ferdinand und an Zettelungen gegen die Reichs­einheit der habsburgischen Monarchie ist aufgedeckt. Die österreichisch- ungarische Regierung hat sich bereit erklärt, den Mächten Einsicht in das Untersuchungsmaterial zu geben, ein Beweis, daß sie von der Unanfechtbarkeit ihrer Ermittlungen