Einzelbild herunterladen
 

Nr. 85.

Erscheint täglich außer Montags. Abonnements- Preis für Berlin : Wierteljährlich 3,30 Mart, monat lich 1,10 Mart, wöchentlich 28 Pfg. frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit bem ,, Sonntags: Blatt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mart pro Quartal. Unter Kreuzband : Für Deutschland u.Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Gingetragen in der Post- Beitungs- Preisliste

für 1891 unter Mr. 6469.

Vorwärts

8. Jahrg.

Insertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3 bis 7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet.

Fernspredjer: Amt 6, Nr. 4106.

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: Beuth- Straße 2.

Die Diktatur der Bourgeoisie.

"

-

Sonntag, den 12. April 1891.

Expedition: Beuth- Straße 3.

Und des Weiteren wird der schlagende Beweis geliefert, daß Wenn das nicht Diktatur ist, dann wissen wir über­Staats wie Gemeindebehörden mit dem Unternehmerthum Hand haupt nicht, was Diktatur sein soll. Das Sozialistengesetz ist jetzt freilich gefallen. Indeß in Hand gehen und dasselbe in seinem Feldzug gegen das der Kurs hat sich nicht geändert". Die Maschinerie des Koalitionsrecht der Arbeiter unterstützen. Die deutschen Arbeiter ersehen aus diesen Attenstücken, daß Klassenstaats und die Klinke der Gesetzgebung" arbeiten

Man erinnert sich, wie das alte Mary'sche Wort von der Diktatur des Proletariats" den besitzenden Klassen als eine ungeheuerliche Drohung erschienen ist und zu den lächerlichsten Heulmeiereien Anlaß gegeben hat gegen uns ebenso kräftig wie früher, nur daß die sie aus ihrem Befreiungskampf auf Niemand und Nichts um so lächerlicher, weil der Satz schon vor fast einem Methode theilweise gewechselt hat; und statt des Sozia- rechnen können als auf sich selbst. Und daz genügt vollauf. Die Arbeiter halben Jahrhundert ausgesprochen war und schon in liſtengesetzes bekommen wir das sogenannte Arbeiterschutz­Gesez, welches die absolute Klassen Diktatur allein sind hinreichend stark, um mit all ihren Feinden Duzenden von Prozessen eine Rolle gespielt hat. fertig zu werden. Wenn sie aber auf falsche Freunde Nach der Veröffentlichung des Mary'schen Programm- der Bourgeoisie bedeutet. briefes, durch welchen das Wort wieder aufgefrischt ward, Daß die deutschen Arbeiter dies begriffen haben, und trügerische Hoffnungen setzen, so tonimen sie nimmermehr zum forderten die Gegner uns auf, dasselbe zu daß die Arbeitervertreter im Reichstage dieses neue und Ziel. Keine Jllufionen, auf die eigene Kraft vertraut, und So fann der Sieg nicht verleugnen. Natürlich lachten wir sie aus. Die wahrlich nicht weniger verwerfliche Ausnahmegesetz be- zielbewußt vorwärts! Sozialdemokratie hat nichts verleugnen, und fämpfen- das erfüllt die Anwälte des Kapitalismus fehlen.- wenn Seitens unserer Gegner der Klassenkampf in der mit jener sittlichen Entrüstung, die sie stets erfüllt, wenn bisherigen Weise weiter geführt wird, so ist die Diktatur ihrem gemeinschädlichen Treiben eine ernsthafte Opposition des Proletariats eine historische Nothwendigkeit.

ersteht.

den

Diese Herren würden es am liebsten sehen, wenn den

-

Politische Uebersicht. In einem Vortrage zu Leipzig führte Liebknecht jüngst Berlin , 11. April. aus, daß wir jetzt bereits in der Periode der Vertretern der Arbeiter das Reden im Reichstag ganz ver- Der Reichstag entschädigte sich heute für die Arbeit Dittatur sind daß wir seit 1878 die Diktatur boten würde. der letzten vier Tage. Die Handvoll Abgeordneten, welche der Bourgeoisie haben, und daß die Fortdauer Wie soll das enden? Wir wissen es nicht. Aber so pflichttreu war überhaupt zu kommen, erledigte die dieser Diktatur nach der unerbittlichen Logik der That das wissen wir: Kommt die deutsche Unternehmerklasse Tagesordnung in weniger als 1 Stunde. Nur eine der be­fachen zur Diktatur des Proletariats führen muß. zur Vernunft, lernt sie nicht, sprochenen Wahlen gab zu einer kurzen, aber nichts weniger Und ist es etwa nicht richtig, daß wir jetzt die Diktatur nicht bald als lebhaften Diskussion über das Kriegervereins- Unwesen und Arbeiter als gleichberechtigten Menschen Anlaß. haben? Was heißt Diktatur einer Klasse? Daß sie sich Wahrhaftig, diese Kneip- und Hurrah- Vereine sind es bas Monopol der politischen Herrschaft sichert. Und das Staatsbürger anerkennen, gelingt es nicht, die Diktatur hat die Bourgeoisie in Deutschland gethan. der Bourgeoisie zu brechen und den Staat aus den Fesseln gar nicht werth, daß man sich ernsthaft mit ihnen be­hat die Bourgeoisie in Deutschland gethan. des Kapitalismus zu befreien, so giebt es schließlich zur schäftigt. Das einzige Ernsthafte bei der Sache und für Durch das Sozialistengesetz knebelte sie die Arbeiterklasse und hat in den letzten 13 Jahren ihr Herrschaftsmonopol Rettung des deutschen Volkes kein anderes Mittel, als uns ein recht gutes Zeichen ist, daß die bestehende Ord­eine nung der Dinge in denselben eine Stütze zu haben glaubt. sowohl auf politischem als auf wirthschaftlichem Gebiete die Diktatur des Proletariats Wie schwach sie doch sein muß! in ihrem Klassenintereffe mit einer Rücksichtslosigkeit aus- Diktatur, die sich von der Diktatur der Bourgeoisie dadurch Den Bericht des Landtages können wir unseren Lesern geübt, wie dies in der neueren Geschichte wohl kaum jemals unterscheiden wird, daß sie, statt die Knechtschaft und Aus­sonst vorgekommen ist. Die Diktatur des radikalen fran- beutung zu organisiren, die Quellen der Knechtschaft und heute nicht bieten. Sie finden dafür an anderer Stelle sonst vorgekommen ist. Die Diktatur des radikalen fran- Ausbeutung verstopft und jedem Menschen und überaus reiches Material zur Beurtheilung preußischer zösischen Bürgerthums in der Zeit des Terreur Schreckensherrschaft--war in der Form etwas Staatsbürger feine politischen und sozialen Rechte gewähr- Politik und Verwaltung. Die Verhandlungen des Land­leidenschaftlicher, im Wesen aber nicht entschiedener und leistet nach dem Fundamentalsat unseres Programms: tages drehten sich um das Wahlrecht in den Landgemeinden; die von der Regierung beantragte Ausdehnung des Gleiches Recht für Alle! lange nicht so methodisch in der Unterdrückung des Geg Wahlrechts, freilich bei Beibehaltung des denkbar schlech­ners und in der Förderung der Klasseninteressen. testen Wahlsystems, nämlich des Dreiklaffen- Wahlverfahrens, Es ist nicht zu viel gesagt, daß die deutsche Bour- Unter dem Titel ein Komplott gegen die deutsche wurde von den Konservativen mit allen möglichen Schein­geoisie seit 1878 fein einziges Gesetz angefertigt hat, welches arbeiterklasse veröffentlichen wir heute in der Beilage gründen bekämpft. Das bisnun existirende Stimmrecht der nicht direkt oder indirekt die Bereicherung der Bourgeoisie eine Reihe von Attenstücken, welche wir unseren Lesern und den Frauen wurde beseitigt! Der kraffe Klassen- und Standes­und die ökonomische Ausbeutung und politische Knechtung deutschen Arbeitern überhaupt zum genauesten und ernſteſten ſtandpunkt der Konservativen, welche die uneingefeffenen in der arbeitenden Klaſſen zum bewußten Zweck gehabt hätte. Studium empfehlen. Die Thatsachen sprechen so deutlich aus ihrem Wahlrechte beschränken wollten, kam besonders Die Schutzölle, die Brot- und Fleischvertheuerung, diesen Aktenstücken, daß sie eines Kommentars nicht bedürfen bei der Rede des Herrn Rauchhaupt zum Vorschein. die Schnaps- und Zuckergesetzgebung füllten zum Berſten die wahre Natur, das innerste Wesen des deutschen Unter- Zweck der beſſeren Bekämpfung der Sozialdemokratie die Taschen der Bourgeoisie( mit der das Junkerthum, nehmerthums wird uns hier hier in unanfechtbaren Beug- gefordert. Die Herren mögen es aber machen, wie sie es trog all' seinen Sträubens, organisch zusammengewachsen nissen und Dokumenten kundgethan und offenbart- aus wollen. Geben Sie das Wahlrecht auch den uns früher oder ist) auf Kosten des arbeitenden Volkes, das man durch seinem eigenen Mund wird das Unternehmerthum der später zufallenden Schichten der ländlichen Bevölkerung, so den Knebel des Sozialistengesetzes mundtodt und wider- schmählichsten Praktiken und des abscheulichsten Komplotts gegen werden sie uns in der Verwaltung der Landgemeinde finden, standslos machen wollte.

Feuilleton.

Nachdruck verboten.)

Die Falkner von St. Vigil.

-

( 84

der

die deutsche Arbeiterwelt überführt.

Die

Stimmirechts des

wurde

zum

geben sie es ihnen nicht, so werden sie uns mit Agitations­

innerungen an Stasi, welche auf diesen Streifereien nicht ihrem blühenden Zustande auf den Fluren, und es entstand abzuwehren waren. Um so eifriger las und studirte er, oft der Vorsatz in ihm, sie zu beschreiben. Es war fein bis tief in die Nacht hinein, in Linné, Jussieu und Buffon. müßiger Gedanke, es war eine Bereicherung der Wissenschaft, Er war darüber noch magerer geworden, was seiner bona wenn er eine Monographie der Alpenflora des Vigil- und Uschina vielen Kummer verursachte. Erstens verklagte seine Gaderthales Iteferte, und er hatte ein Gefühl, als ob er Magerkeit sie unschuldiger Weise bei der Gemeinde, daß sie bisher im Nebel gewandelt wäre und jetzt plöglich in nicht ihre pfarrköchliche Pflicht gegen ihn thäte und zweitens sonniger Klarheit stände. Sofort ging er an die Arbeit,

Roman aus der Zeit der bayerischen Herrschaft in Tirol hegte sie mehr ein mütterliches Gefühl für ihn, als daß sie mit der Flora des Vigilthales beginnend, und sie ge

von Robert Sa, weichel.

Sie währte ihn glückliche Stunden. Noch mußte er freilich oft ihn wie ihren geistlichen Brotherrn betrachtet hätte. selbst besaß einen Sohn, der als Schneidergeselle in die die Feder aus der Hand zu legen, weil diese und jene Wenn er noch lebte, Pflanze Erinnerungen in ihm weckte, die mit dem Sie hätte viel um ein Mittel gegeben, dieſem hatten.

So auch in diesem Augenblicke. Er erinnerte sich, daß

Holz litt Hannes in der damals noch so waldreichen Zeit und sie hoffte es, dann war er jetzt in dem Alter ihres wissenschaftlichen Zwecke der Arbeit nichts zu schaffen feinen Mangel, und in der Stube herrschte eine hoch- Kuraten. gradige Wärme, während draußen der Nordsturm durch zu mehr Fleisch zu verhelfen. Uebrigens hätte sie selbst das Thal fegte. Hannes saß mit der Feder in der Hand es brauchen können; jedoch meinte fie, daß ihre eigene Hager die Pflanze, zu deren Beschreibung er schon die Feder ein­Jas er mit großen Schriftzügen bedeckte, lagen mehrere stalt und dabei wie ein Wiesel so flink. schreibung beschäftigt. Arbeit war das einzige Mittel, Pflanzen, wann der Herbst kommt und die Erde sich zum hatte noch einen Theil ihres starken Geruches bewahrt. Wie um das Dpfer, welches Pflicht und Nothwendigkeit ihm Winterschlafe rüstet. Ihre Blüthen und Blätter welfen und hell hob sich dieser Sonntag von dem grauen Hintergrunde auferlegten, mit freier Seele zu vollziehen. Mit einem sterben ab; aber die Wurzel behält ihre Lebenskraft und seines vorhergehenden Lebens ab; doch nur einen Moment Feuereifer, der keine Rücksicht gegen fich selbst kannte, hatte der warme Schneemantel, den der Winter über die Erde und er versant in der schwärzesten Nacht.

getrocknete Bilanzen.

war

predigt, Nachmittags auf einem einsamen Spaziergange von Es war eine Brunelle und sie Die Liebe des armen Hannes theilte das Schicksal der ihm gepflückt worden war.

Den Obliegenheiten seines Amtes unterzogen. Er war in schen und Begehren von Hannes' Liebe war abgestorben, er sich, sobald er die Pfarre von St. Martin übernommen, breitet, schützt sie vor dem Erfrieren. Das Hoffen, Wün

Auf dem Flur ließ sich das Stampfen von Füßen ver­

Als er eines sonnlofen, regnerischen suchten. Eine weiße Decke breitete fich hell glitzernd über

alle Hütten gegangen, um sich mit seinen Pfarrkindern und aber nicht das Gefühl selbst: das ruhte tief und still in nehmen, die sich dadurch von dem Schnee zu befreien ihren Zuständen bekannt zu machen. Unermüdlich war er seinem Herzen.

dachte er,

Troste zu unterstützen; jedem Anliegen, jedem Bedürfniß seine Liebe nun auch eine solche getrocknete und ent- Gesicht mit den blanken, schwarzen Augen in die Studir stand sein Ohr offen, war sein Geist willig. Bu feinen färbte Blume wäre, wie die, welche da mit Bezeichnung stube und rief:" Hochwürden, da find welche, die Sie sprechen gewesen, die Gesunden und Kranten mit seinem Rathe und Herbsttages ein Herbarium öffnete, blieben und er hatte absichtlich nur äußerst selten die Pflanzen- Blättern lagen. Allein wie er mit dem Auge des Botanifers| botanischen Ausflügen war ihm dabei nur wenig Muße ge- ihres Namens, Fundortes und Datums zwischen den granen wollen."

Ich bin's, der Ambros," erscholl dessen Stimme, indem

tapfel umgehängt. Denn er scheute die Gedanken und Er- die getrockneten Pflanzen betrachtete, sah er sie wieder in er die fleine Frau bei Seite schob.