Nr. 60.
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Vorwärts
11. Jahrg
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Dienstag, den 13. März 1894.
gionen der wilden Volksstämme sich findet, zum Kirchendogma zu erklären.
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Expedition: SW. 19, Benth- Straße 3.
Sie verrechneten sich mitunter bei dem Spiel; so hatte 3. B. Chr. Joutte- Roulard sich die Unterstützung der ReDie Pfaffenpartei begrüßte mit Jubel den Zusammen- gierung erbeten, um den Bischofssiz von Aig zu bekommen. bruch des Kaiserreichs; sie hoffte, daß die Legitimisten an's Sobald er aber ernannt war, wendete er sich gegen die ReParis, den 9. März 1894. Ruder gelangen würden und stellte sich feindlich zur Republik . gierung; sein Hirtenbrief war so verlegend, daß man den Die Wahlen des letzten Jahres haben der orleanisti- Gambetta , der die öffentliche Aufmerksamkeit von den sozialen Herrn Bischof gerichtlich verfolgen mußte. Ungeachtet dieser schen Partei die Todtenglocke geläutet- der einzigen Fragen abzulenten wünschte, benutzte diese Handlungsweise, Berräthereien, die bewiesen, daß die Priester nur ungern monarchistischen Partei, die noch in Frankreich bestand. um die Republikaner gegen die Kirche zu heben und in zur Republik kamen, beharrte die Regierung in ihrer Taktik. Denn die anderen waren sämmtlich eines natürlichen Todes seiner Rede von Romans rief er aus:" Der Kleritalismus Die Dpportunisten von heute sind die wahren Verdas Pfaffenthum ist der Feind!" Jahrelang unter- treter der kapitalistischen Klasse; in ihren Reihen finden sich gestorben. Der Sohn Napoleons III. war nach Süd- Afrika gegangen, um sich von einem Zulutaffer abschlachten zu hielt man die Arbeiter damit, daß man sie Pfaffen fressen die reichen Geldmänner, die großen Kaufleute und InduLassen, und der Graf von Chambord, der letzte Sprößling ließ, was die Herren Opportunisten nicht hinderte, Jahr striellen, sowie die Großgrundbesizer. Sie sind die Partei des älteren Zweigs der Bourbonen , hatte keinen direkten für Jahr den Kultus- Etat zu bewilligen und sogar zu ver- der Satten, die alle Konservativen vereinigen und der Kirche Erben hinterlassen. Der Graf von Paris , das Haupt der mehren. fich bedienen will, um die sozialistische Partei zu überwinden, Orleans- Familie, blieb also übrig als einziger Vertreter Ferry, der nach dem Tode Gambetta's die Führerschaft die sich seit Gambetta's Tod konstituirt hat und von Tag der monarchischen Prinzipien. Die letzten Wahlen nahmen der opportunistischen Partei erbte, nahm seine Rolle etwas zu Tag wächst. ihm jede Hoffnung, jemals auf den Thron zu kommen, und ernsthafter: er setzte die Schulgesete durch, welche den Geistum den Wahrspruch des allgemeinen Stimmrechts zu be- lichen das Lehren in den Gemeindeschulen verbieten, ferner ftätigen, hat er selbst seine Partei aufgelöst, die nur das Gesetz, welches die Auflösung der staatlich nicht annoch ein Scheindasein führte, weil er Zeitungen und die erkannten religiösen Orden und Genossenschaften befiehlt, Sekretäre von sogenannten Parteigruppen mit Geld unter- und das Gesetz, das die Seminaristen und jungen Leute, fiütte; er verschließt seine Rasse und erklärt, daß er keinen die sich für das Geistlichen- Handwerk ausbilden dem MilitärSou mehr bezahlen wird. Er denkt, wie es heißt, nur dienst unterwirft. Er lieferte der Kirche Grund zu zahlnoch daran, seinen Prätendenten- Charakter, der ihn zum reichen und ernstlichen Beschwerden gegen die Republik . Exil verurtheilte, abzulegen und nach Frankreich zurück- Und gerade damals, als die Pfaffen so guten Grund zufehren, wo er als Erzmillionär leben will. hatten, die Republik zu haffen und man weiß, daß
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Und so kam es, daß gleich nachdem der Graf von Paris seine Söldner entlassen hatte, der Justiz- und Kultusminister Spuller in öffentlicher Kammer erklärte, man müsse den Krieg gegen die Geistlichen einstellen, weil die Regierung der Republik von einem neuen Geist beseelt" sei. Das Pfaffenthum ist nicht mehr der Feind, es ist der Verbündete: die päpstliche Politik hat triumphirt. Gallus,
Die katholische Partei hatte dieses Ende vorausgesehen Niemand dauerhafter haßt als der Pfaffe und gerade Politische Leberlicht. und fich vorbereitet. Seit dem Anfang des Jahrhunderts damals geschah es, daß der Papst Leo XIII . seinen Bischöfen hatten die Priester sich zu Stüßen der legitimen Monarchie und Pfarrern befahl, sich an die Republik anzuschließen. Aus dem Reichstage. Die zweite Lesung des russischen ( des Königthums von Gottes Guaden) gemacht; aber nach Er sah ein, daß nichts zu gewinnen war im Kampfe gegen der Revolution von 1848 schlossen sie sich an die Bona- die republikanische Regierung, die täglich Boden gewann, Handelsvertrages vollzieht sich im parlamentarischen Laufpartisten an in der Hoffnung, unter Napoleon den ganzen und daß die monarchischen Parteien insgesammt bestimmt schritt. Kolonnenweise werden die einzelnen Bofitionen geHerrschereinfluß, den sie unter Karl X. ausgeübt, wieder zu waren, schmachvoll zu Grunde zu gehen. Zur selben Zeit, nommen und nur ab und zu bei einem einzelnen Punkt erlangen. Sie merkten, daß sie sich getäuscht hatten, und wo er den Klerus zum Betreten dieser neuen politischen Halt gemacht. So z. B. brachte Hopfen eine längere Dis. daß Napoleon gesonnen war, für sich und seine Dynastie Richtung veranlaßte, warf er die Priester durch seine fussion, an der sich hauptsächlich bayerische Abgeordnete zu regieren, und nicht für den Papst, den er durch Viktor Encyklika über die Lage der Arbeiter" in den sozialen betheiligten. Später nahm bei der Position Spielwaaren unser Emanuel seiner Staaten berauben und in Rom ein Kampf. Ein ander Mal werde ich über die sozialistische ¡ perren ließ. Rolle des Klerus in der Arbeiter- Bewegung sprechen.. Genosse Reißhaus das Wort, um das Interesse der Der berühmte katholische Tages Schriftsteller Louis Wenn auch die päpstliche Taktik geschickt war, so war Thüringer Spielwaaren- Industrie an dem Zustandekommen Beuillot, der die Geistlichkeit zur Annäherung an Napoleon sie doch gefährlich; sie führte beinahe eine Spaltung herbei. des Handelsvertrages darzuthun. Reißhaus schilderte bei bestimmt hatte, wandte sich hierauf um gegen das Nicht der gesammte hohe Klerus, der sich aus Werkzeugen dieser Gelegenheit die ungemein traurige Lage der SpielKaiserreich, und zog die ganze Pfaffenpartei hinter sich her. der monarchischen monarchischen Parteien zusammensetzt, verstand waaren- Arbeiter und stellte sie in Gegensatz zu dem sogen. und selbst des Papstthums, das er in die Bahn der schroffsten lungen von Widerspruch, ja sogar von Opposition; nicht, die zweite Lesung in der Nachmittags- Sizung zu erObgleich Laie, war er der Führer des französischen Klerus den Machiavellismus Leo's XIII. und es gab Anwand- Nothstand der Großgrundbesitzer des Östens. Morgen 12 Uhr findet Fortsetzung statt. Gelingt es und lächerlichsten Unversöhnlichkeit( intransigeance) hinein- die niedere Geistlichkeit, die in Frieden leben drängte. Auf seine Inspiration hin veröffentlichte der will, war bereit, sich mit der republikanischen Regie: ledigen, so ist eine Abendsigung in Aussicht genommen. ehemals liberale Pius IX. seinen berüchtigten Sylla rung, ja selbst mit dem Teufel, wenn es nöthig gewesen daran tommen, den der Präsident ebenfalls vor Beginn der Nach Erledigung der zweiten Lesung soll der Etat bus, der alle bürgerlichen Freiheiten der modernen Gesell- wäre, zu verbünden. schaft verdammte, und auf seine Inspiration hin wurde Während die Geistlichkeit diese Schwenkung vollzog, Osterferien noch unter Dach gebracht wissen will. Die Tage das Konzil berufen, das die Lehre der unbefleckten Empfängniß änderten auch die Opportunisten ihre Taktik: fie zeigten bis zum Sonnabend sind also noch mit einem sehr reichinmitten des Gelächters der skeptischen Welt verkündete sich den Geistlichen, welche die neue Taktik des Vatikan anhaltigen Arbeitspensum versorgt. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wagte man die nahmen, sehr freundlich und bevorzugten sie planmäßig bei Die Absplitterung von der konservativen Partei hat alte Mythe von der Jungfrau Mutter, die in allen Reli- Besetzung der frei werdenden Stellen der hohen Geistlichkeit. begonnen. Die Kreuz- Zeitung " schreibt:
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Feuilleton. Helene.
Nachdruck verboten.]
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[ Alle Rechte vorbehalten
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Roman in zwei Bänden von Minna Kautsky . Helene sprach etwas von nervöser Erregtheit, als sie aber zu ihr trat, bemerkte sie, daß große Thränen ihr langsam über die Wangen rollten.
Da schlang fie den Arm um ihren Hals und gab ihr zärtliche Worte, und bat sie, ihr doch zu sagen, was sie so tief betrübe, ob es der Tod Natalien's sei, den sie
beweine.
Sofia schüttelte den Kopf. ,, Nein, ich beneide sie."
" Sonja, was ist das mit Dir? Ich frage nicht aus Neugier, aber Ihr ängstigt mich. Alles im Hause ist verändert, Alles hat ein so trauriges Aussehen Von den Freunden läßt sich Reiner blicken- auch Lazar ist heute noch nicht dagewesen."
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" Ich habe ihn seit acht Tagen nicht gesehen," murmelte
Sofia taum hörbar.
Wie, seit dem Tage, an dem"
" An dem er die Todesnachricht erhielt."
"
" Er wohnt jetzt mit Atschin zusammen
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sonst sieht
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Lazar und Tania werden in Bälde Zürich verlassen... zögerte einen Augenblick, dann beantwortete er Tanias sie gehen in die Heimath." Frage in seiner gewöhnlichen rauhen und kaltblütigen Weise:
Und Du?"
"
Ich bleibe zurück."
Es flang refignirt, aber gleich darauf brach sie in ein heftiges Weinen aus.
Diese ruhige, in sich gefestigte Natur schien ganz aus dem Gleichgewicht gekommen zu sein.
Und nun that Helene das Beste, sie mißverstand absichtlich diese Thränen; sie wollte glauben, daß sie um Tania flöfsen und versicherte, daß es auch ihr schwer fallen werde, sich von der Freundin zu trennen. Man sollte sie gar nicht fortlaffen, sie sei zu krank, um die Strapazen einer so langen Reise ertragen zu können.
Sofia trocknete ihre Augen und sah wieder so gut und flug und theilnehmend aus wie gewöhnlich.
" Wir dürfen sie nicht zurückhalten," sagte sie... so tann sie nicht weiter leben, sie muß endlich über das Schicksal ihres Mannes Gewißheit haben."
Dann bat sie Helene, zu Tania hinab zu gehen und ein wenig nach ihr zu sehen... sie werde bald nach kommen. Helene zögerte nicht; es begann zu dämmern... Als sie bei Tania eintrat, stand diese am Fenster, ein Mann neben ihr. Sie erkannte Atschin.
Das dunkle Gesicht Gesicht des Rosaken sah in dem schwindenden Lichte fahl aus und zeigte noch tiefere er feine Seele, er läßt Niemand vor, er hat seine besten Schatten als sonst. Seine Haltung war nachlässig und start vorgebeugt.
Freunde abgewiesen."
Hat er Dir auch nicht geschrieben?" Nein."
,, Laß ihm Zeit... es giebt Naturen, die so etwas allein mit sich abmachen müssen
Sofia fenkte den Kopf noch tiefer, sie vermied es, Helene anzusehen: Ich will Dir etwas anvertrauen, Aischin,
Er war mit Tania in lebhaftem Gespräch und als Helene rasch eintrat, hörte sie ihn folgende Worte mit einer gewissen Verve hervorstoßen:
Morgen werde ich darüber Gewißheit haben." Er wendete sich und griff nach dem Hut.
Aber Tania erfaßte seine Hand und hielt ihn zurück. Sie sprach leise und schien eine Bitte an ihn zu richten. Er schüttelte den Kopf, unmöglich", und als sie dringlicher wurde:" Du wirst das Ergebniß schon erfahren."
Und wenn es" Tania stockte und sah ihn mit großen, angsterfüllten Augen an.
" Du meinst, wenn es schief geht," ergänzte er mit einem grinsenden Lächeln, nun, schlimme Dinge pflegen unsere Ohren nur zu bald zu erreichen, sie werden auch die Deinigen nicht verschonen."
Er wollte nichts weiter hören und trat auf Helene zu, einige gleichgiltige Fragen an sie richtend.
Aber Tania umflammerte ihn abermals:" Atschin", flehte fie, ich würde viel ruhiger sein-" ,, Du bist ein Kind," sagte er, nahm sie wie ein solches in seine Arme und trug sie nach dem Sopha.
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Geben Sie ihr etwas Brom , Frau Röder und bleiben Sie diese Nacht bei ihr... Andere müssen für sie denken... sie ist ganz vernünftig... sie will noch arbeiten, für die Sache wirken und bringt ihre Maschine so viel wie möglich in Unordnung."
Es klang höchst unzufrieden und seine faltige Stirne zeigte noch tiefere Runzeln. Als aber Tania ihren bleichen Kopf gegen das Kissen zurückwarf und ruhig liegen blieb mit geschlossenen Augen, da seufzte er. Umsichtig schob er ihr das Kissen zurecht und suchte den kleinen Körper in die möglichst bequeme Lage zu bringen.
" Sei gut", sagte er leise und strich ihr mit den Fingern durch das dicke Haar, sei gut, morgen sehen wir
Es muß furchtbar wirken, zermalmend." " Bist Du deffen ganz sicher?" fragte Tania. Atschin hob den Kopf, er hatte Helene bemerkte, er uns wieder."