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Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: Sw. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplak, Nr. 151 90-151 97.

Montag, den 3. Mai 1915.

Expedition: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Mr. 151 90-151 97.

Bergeblicher Gegenangriff der Berbündeten in Flandern .

Fortgang der Kämpfe auf Gallipoli.

Westlicher Kriegsschauplah.

Der französische Tagesbericht. Paris , 2. Mai. ( W. T. B.) Der amtliche Bericht von gestern abend lautet: Der Tag war verhältnis­mäßig ruhig; in Belgien nichts Neues. In den Argonnen wurden in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend zwei deutsche Angriffe in der Nähe von Bagatelle leicht zurüd gewiesen. Im Briesterwalde nahmen wir mehrere Schüßengräben ein, machten hundertunddreißig Gefangene und erbeuteten ein Maschinengewehr. Wir behaupteten uns auf dem gewonnenen Gelände. Eins unserer Flugzeuge, das morgens die Somme überflog, wurde von einem Granat­splitter getroffen, der den Benzinbehälter durchschlug. Das Flugzeug konnte trotzdem in unsere Linien zurückkehren, in­dem es die erste deutsche Linie in nur vierzig Meter Höhe überflog. Während der schwierigen Passage wurde es von Geschossen durchsiebt und im Augenblick der Zandung unter

feindliches Artilleriefeuer genommen. Die Flieger kehrten jedoch unversehrt zurüd.

Die Beschießung Dünkirchens. Rotterdam , 2. Mai. ( T. U.)" Daily News" melden aus Nord­frankreich: Am Donnerstagmorgen eröffneten die Deutschen ein schweres Bombardenient gegen Dünkirchen , wobei mehr als sechzig

Granaten, 30-3entimeter- Kaliber, in die Stadt geworfen wurden. Die ersten in die Stadt fallenden Geschosse riefen in der Stadt die größte Bestürzung hervor, da sich niemand erklären konnte, woher sie kamen. Die Bevölkerung flüchtete schleunigst in die Keller, um sich vor den Geschossen in Sicherheit zu bringen. Eine

Granate traf die Kaserne und zerstörte das Dach; überhaupt murde durch das Bombardement großer Schaden angerichtet. det. Gestern morgen trafen nicht weniger als 2000 Flüchtlinge aus Dünkirchen in Calais ein, denen bald noch weitere folgten. London , 2. Mai. ( W. T. B.) Der Korespondent der Times" in Nordfrankreich meldet über die Beschießung von Dünfirchen am Donnerstagnachmittag, daß gleichzeitig mit der ersten Granate, die um Uhr explodierte, drei deutsche Flugzeuge über der Stadt erschienen, die augenscheinlich das Feuer leiten sollten. Die Besazung der Stadt war außerstande, das Feuer zu beantworten, da sie nicht entdecken konnte, wo die deutschen Geschütze aufgestellt maren. Schließlich brach ein gewaltiger Brand aus, der die Flugzeuge in die Flucht trieb.

Gtma 150 Personen wurden getötet oder verwun=

Die holländische Presse

über die Beschießung Dünkirchens. Amsterdam , 2. Mai. ( W. T. B.) Die Beschießung Dün Pirchens hat in Holland großen Eindruck gemacht, um so mehr, als sie gänzlich unerwartet kam. Gleichzeitig waren Gerüchte ver­breitet, daß es deutschen Kriegsschiffen geglückt sei, auf die Höhe von Dünkirchen zu kommen und von See aus das Feuer zu eröffnen.

Nieuws van den Dag" schreiben in einem Leitartikel: Das Rätsel von Dünkirchen ist noch nicht gelöst. Obschon keine Berichte von einer Seeschlacht kamen, bleibt es doch die wahr­scheinlichste Lösung, daß die Beschießung nicht vom Rande aus geschah sondern durch schweres Schiffsgeschütz. Das Blatt nimmt an, daß die beiden größten neuesten deutschen Schiffe, Ersatz Kaiser Friedrich III. und Erjazz Wörth, die Beschießung durchge­führt hätten. Daß, wie aus England gemeldet wurde, die Flieger der Alliierten keine feindlichen Schiffe entdecken konnten, schreibt das Blatt dem an der Küste herrschenden Nebel zu.

Der Haager Nieuwe Courant" nennt die Nachricht von der Beschießung Dünkirchens eine Sensation, glaubt aber nicht, daß Kriegsschiffe im Spiel waren, sondern, daß das Bombardement bom Lande aus mit neuen, besonders weittragenden Geschützen ausgeführt wurde.

Der Rotterdamsche Courant", der die verschiedenen über die Beschießung der Festung eingelaufenen, fich teilweise widersprechenden Meldungen einer kritischen Untersuchung unter­zieht, kommt zu dem Schlusse, daß man weitere Nachrichten ab­warten müsse, um eine Erklärung zu finden. Die englische Taktik zur See sei, sparsam mit der Flotte umzugehen, um die Beherr= schung des Welthandels zu behalten und deshalb das Gebiet deutscher Kriegsschiffe und Unterseeboote zu meiden. Das sei praktisch, mache aber keinen heldenhaften Eindruck. deutsche Flotte wirklich Dünkirchen bombardiert habe, so könnten die Engländer nicht mehr sagen, daß die Deutschen sich sorgfältig außerhalb des Bereichs der englischen Schiffsgeschüze hielten. Die englische Flotte würde dann zwar die Weltmeere beherrschen, aber den Kanal doch nicht ganz.

Wenn die

Diemeldung des Großen Hauptquartiers.

Amtlich. Großes Hauptquar­fier, den 2. Mai 1915.( W. T. B.)

Westlicher Kriegsschauplah. In Flandern versuchte der Gegner nach sehr starker Artillerievorbereitung wie­derum gegen unsere neue Stellung nordöstlich von Ypern anzurennen, und zwar griffen die Franzosen zwischen Kanal und Straße Vpern bis St. Julien energisch, die Engländer östlich davon matt an. Die Bemühungen waren, namentlich infolge unseres sehr wirksamen Flanken- und Rückenfeuers aus Gegend von Broodseinde und Veldhoek, gänzlich erfolglos; drei Maschinengewehre blieben in unseren Händen.

griffe nördlich von Le Four de Paris gute In den Argonnen machten unsere An­Fortschritte; froh heftigster Gegenwehr ver­loren die Franzosen mehrere Gräben und 156 Gefangene.

Zwischen Ma as und Mosel kam es nur im Priesterwalde zu heftigen Kämpfen, wo die Franzosen die Franzosen mehrere Male in großen Massen angriffen. Wir schlugen diese An­griffe, die stellenweise bis in unsere Gräben gelangten, unter starken Verlusten für den Feind ab und machten 90 Gefangene.

Gestern wurden wieder zwei feindliche Flugzeuge außer Gefecht geseht, eins wurde gesetzt, eins wurde bei Reims zusammengeschossen, das andere nordwestlich von Verdun aus einem Geschwa­der heraus zur eiligsten Landung gezwungen.

Deftlicher Kriegsschauplatz.

Unsere Operationen im nordwestlichen Rußland machten gute Fortschriffe. Bei Szawle wurden weitere 400 Russen gefan­gen genommen. In der Verfolgung der flüch­fenden Russen erreichten deutsche Spigen die Gegend südwestlich von Mitau .

Russische Angriffe in Gegend Kal­warja wurden unter starken Verlusten für den Feind abgeschlagen. 300 Gefangene blie­ben in unserer Hand.

Oberste Heeresleitung.

Der österreichische Generalstabsbericht. Wien , 2. Mai. ( W. T. B.) Amtlich wird berlautbart, 2. Mai 1915:

In Russisch- Polen wurde der Gegner in einigen Abschnitten aus den Vorstellungen zurückgeworfen, unsere Truppen gelangten hierbei stellenweise bis an die Hindernislinie der feindlichen Hauptstellung.

An der Front in Westgalizien und in den Kar­parthen lebhafter Geschüßkampf.

Auf den Höhen zwischen Ora wa- und Oportal warfen unsere Truppen neue heftige russische An­griffe zurück, machten 200 Mann zu Gefangenen, gingen schließlich zum Angriff über und eroberten nach hartem Kampfe einen starken russischen Stützpunkt östlich der Höhe Ostry. Mehrere hundert Russen wurden hierbei ge­fangen, Maschinengewehre erbeutet.

In Südost galizien und in der Bukowina keine Veränderung.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: von Hoefer, Feldmarschalleutnant.

Die Kartoffeln im Kriege.

Zu diesem für die minderbemittelte Bevölkerung bedeutsamen Thema macht Herr Kuczynski in der letzten Nummer von Nay­manns ,, Hilfe" sehr beachtenswerte Ausführungen. Herr Kuczynski schildet im einzelnen die Geschichte der Fehler, Unterlassungen und halben Maßnahmen, die von der Regierung in der so wichtigen

Frage der Kartoffelversorgung gemacht worden sind. Es heißt da u. a.:

Da Deutschland weit mehr Kartoffeln hervorbringt als irgend

ein anderes Land der Welt, hätte die Verpflegung unserer De­bölferung mit Startoffeln auch in Striegszeiten feinen Anlaß zu mit 45% Millionen Tonnen erheblich geringer als im Durchschnitt der beiden Vorjahre( 52 Millionen Tonnen), so blieben doch nach

Sorgen bieten dürfen. War auch unsere Kartoffelernte diesmal

Abzug der für die Aussaat erforderlichen Wengen noch chiva 39 Millionen Tonnen übrig, d. H. fast dreimal so viel, wie in von vornherein eins klar: selbst wenn man den Kartoffelverbrauch auf 3 Millionen Tonnen und den Verlust durch Berfaulen von

Friedenszeiten von den Menschen verzehrt wurden. Allerdings war

der Induſtrie( Spiritus, Stärke usw.) von 4-5 Millionen Tonnen

5 millionen Tonnen ebenfalls auf 3 Millionen Tonnen ein

schränkte, durfte man feinesfalls, wie in den beiden lehten Friedens.

Millionen Tonnen; dann aber war die Kartoffel wie fein anderes fahren, 22-23 Millionen Tonnen verfüttern. Denn einmal blieb

ja immer noch gegenüber den Vorjahren ein Fehlbetrag von 3-4

Landeserzeugnis dazu berufen, die fehlenden ausländischen Nah­

rungsmittel zu ersehen; es mußte also dafür Sorge getragen werden, nicht nur den üblichen Jahresbedarf der Bevölkerung von 13-14 Millionen Tonnen sicherzustellen, sondern tunlichst 20 Milli­onen Tonnen für diesen Zweck verfügbar zu halten. Dies konnte nur dadurch geschehen, daß die Fütterung von 22-23 Millionen geschah nun nicht das geringste in diefer Richtung. Im Gegenteil. Tonnen auf etwa 12 Millionen Tonnen eingeschränkt wurde. Leider Statt auf eine Verminderung unseres übermäßig großen Vieh­

standes hinzuwirken, der ja bei dem Fehlen ausländischer Futter­mittel eine frühzeitige Erschöpfung unserer Kartoffelvorräte bringen mußte, erschwerte der Bundesrat, in arger Verkennung der zahlenmäßigen Bedeutungslosigkeit der Notverkäufe in den ersten Kriegswochen, die Schlachtungen, indem er am 11. September für drei Monate das Schlachten von Kälbern unter 75 Kilogramm Landeszentralbehörden ermächtigte, auch für die Schlachtung von Schweinen Beschränkungen anzuordnen. Von dieser Ermächtigung

und von weiblichen Rindern bis zu 7 Jahren verbot und die

machte eine Reihe von Bundesstaaten Gebrauch, indem sie das Schlachten von Schweinen unter 60 Kilogramm für drei Monate verboten. Das Ergebnis war, daß am 1. Dezember mehr Schweine

vorhanden waren als am 1. Juni und mehr Rinder als überhaupt

je zubor.

Womit sollte nun dieser ungeheure Viehstand gefüttert werden, da doch eine von niemand bezweifelte Futterknappheit bestand? Der Bescheid der Regierung lautete: mit Kartoffeln. Am 10. Sep­tember erließ der preußische Landwirtschaftsminister einen Auf­ruf zur Kartoffelverwertung in Deutschland ", in dem er erklärte:

" Den wirksamsten Rückhalt für die Viehfütterung bildet die be­ginnende Kartoffelernte... Die volle Ausnußung dieser unserer wichtigsten Futterhilfsquelle ist das nächste wirtschaftliche Gebot." Am 15. Ottober, also nach Sereinbringung der nicht sehr großen Ernte erließ er ein weiteres Rundschreiben, worin er forderte, daß als Ersas für die 6 Millionen Tonnen ausländischer Kraftfutter­mittel namentlich die Kartoffeln in jeder Form, gedämpft, ge trodnet usw. so start wie möglich herangezogen werden". Im selben Sinne wirkte die Festsetzung sehr niedriger Höchstpreise für Kartoffeln: vom 28. November ab durften die Produzenten keine Speisekartoffeln zu mehr als 2,50-3,05 m. den Zentner( abgestuft nach Landesteilen und Sorten) verkaufen.

Erst als ihm das ungünstige Ergebnis der Bestandsaufnahme von Brotgetreide vom 1. Dezember befannt geworden war, er, flärte der preußische Landwirtschaftsminister in einem Mahnruf" ( am 9. Januar):" Die Hoffnung, in erhöhtem Maße Kartoffeln als Viehfutter verwenden zu können, hat sich nicht in der erwar­teten Weise verwirklicht, denn die Kartoffeln werden zum Aus­gleich des Fehlbetrages an Brotgetreide und an anderen, früher aus dem Auslande eingeführten Nahrungsmitteln in größerem Umfange als bisher zur Ernährung der Menschen gebraucht."

"

Ueber die legten Maßnahmen der Regierung, die Kartoffel­versorgung sicherzustellen, urteilt Herr Kuszynski folgendermaßen:

Das einzige, was sie( die Regierung nach dem 15. März) unternahm, war ein Versuch, 2 Millionen Tonnen Kartoffeln freihändig anzukaufen. Dieser Versuch aber mußte scheitern, weil die Regierung außer den Höchstpreisen noch eine Gebühr für Aufbewahrung, Behandlung und Risiko gewährte, die je nach dem Abnahmetermin bis zu 4 M. für den Zentner betrug, und die Landwirte infolgedessen damit rechneten, daß die Höchstpreise für den Produzenten auf jeden Fall entsprechend diesen ungeheuren