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Nr. 172. 34. Jahrg.

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Telegramm- Adreffe: Sozialdemokrat Berlin ".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: Sw. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Mortsplass, Nr. 151 90-151 97.

Dienstag, den 26. Juni 1917.

Expedition: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplass, Nr. 151 90-151 97.

Stimmen zur inneren Reform.

Nationale Pflicht der Demokratie. fatisch regiertes Deutschland wird nicht nur für die letzten

Aus Bern wird uns geschrieben:

kratisch regiertes Deutschland wird nicht nur für die letzten Eine Internationale der Intellektuellen. Phafen des Weltkriegs seine Verteidigungskraft stärken, es hat nicht nur bessere Aussichten, bald zum Frieden zu kommen, es wird auch bei den tünftigen Friedensver handlungen eine bessere Position haben.

Der Artikel des Genossen, Scheidemann Draußen und daheim" in der letzten Sonntagsausgabe: unseres Blattes spricht aus, was in diesem Stadium des Weltkrieges in den Die Deutsche Tageszeitung" hat sehr recht, daß die Absicht, allerweitesten Streisen unseres Volkes erkannt und empfunden wenn nicht der gegnerischen Völker, so doch ihrer führen­wird. Durch die russische Revolution und den Eintritt den Politiker auf die politische und wirtschaftliche Vernichtung Amerikas in den Krieg ist das Deutsche Reich in eine Lage Deutschlands gerichtet ist. Aber ihre Konservativen Partei­geraten, aus der es nur durch eine entschlossene Tat scheuklappen hindern sie zu bemerken, daß neben militärischen befreit werden kann. Es darf nicht sein, daß in dieser Zeit auch politische Mittel notwendig sind, um diese Vernich­von den Gegnern Vorwürfe gegen Deutschland erhoben werden tungsabsichten zu durchkreuzen, und daß eben darum die De­fönnen, die nicht nur die ganze feindliche Welt für berechtigt mokratisierung Deutschlands zur nationalen Lebensnotwendig­hält, sondern die auch das deutsche Volk in seiner großen feit geworden ist. Mehrheit als teilweise nicht unberechtigt anerkennt. Dieser Stachel, der nicht von den Gegnern gespikt worden ist, sondern von ihnen nur noch tiefer in eine längst schmerzende Wunde gedrüdt wird, muß beseitigt werden.

Der Reichs Fanzler hat das Wort gesprochen: Wo wir von etwas zu befreien sind, da befreien wir uns selbst Wir möchten uns erlauben hinzuzufügen: Wir befreien uns so rechtzeitig davon, daß es uns nicht schaden kann." Auf was sollen wir mit der notwendigen Befreiung noch warten? Etwas auf das Kriegsende? Nach bald drei Jahren der furcht­barsten Prüfungen ist dieses Ende leider noch immer nicht deutlich sichtbar. Daß es durch eine Berschiebung des Be­freiungswertes hinausgezögert, ja selbst in seinem Inhalt be­emflußt werden kann, dafür sind Beweise von überzeugender Durchschlagstraft angeführt worden.

Wir haben die Pflicht zu siegen. Nicht im Sinne eines Jer schmetterungs- und Eroberungsfieges, der gegen eine zehn­fache Uebermacht, selbst wenn er wünschenswert wäre, nicht erreichbar ist, aber im Sinne eines Erhaltungs- und Verteidi­gungssieges, der angesichts des gegebenen Kräfteverhältnisses für unser Volt Verdienst und Ruhm genug ist. Wenn nun neun Zehntel des deutschen Volfes der Ueberzeugung sind, daß diesem notwendigen Siege Hemmnisse entgegenstehen, die im inneren Aufbau unserer Verfassung ihre Wurzel haben, wer wollte, wer dürfte sie hindern, sie zu beseitigen?

Das sieht das Berliner Tageblatt" vollkommen ein. Es behandelt die Ausführungen Scheidemanns in einem Leit­artikel seiner Montagabendausgabe und bemerkt zu ihnen mit offener Klarheit:

Der Nachdruck liegt hier nicht auf der Neuorientierung und den innerpolitischen Reformen, die eines Tages ohnehin kommen müßten. Er liegt auf dem Jest!" Wir haben immer wieder hören müssen, daß die innerpolitische Renordnung kommen soll, aber wir wurden auf eine unbestimmte Zukunft vertröstet. Das geht nicht länger mehr. Die Stunde ist erfüllt, und der Augen blick der inneren Neugestaltung darf nicht verpakt werden. Das parlamentarische Regierungssystem ist die erste reife Frucht, die von Baum der Neuorientierung fallen muß. Das gleiche Wahlrecht in Preußen und die Parla= mentarisierung der Bundesstaaten muß ihr not­wendig folgen. Damit wäre der Anfang gemacht. Mag sein, daß auch dann die Kämpfe weiter gehen. Aber wer wollte daran zweifeln, daß sich das Deutsche Weich durch eine demokratische Er­neuerung eine viel startere Stellung feinen Feinden gegenüber sichern würde? Hier heißt es, dies Stunde nüßen. Auf innerpolitischem Gebiet muß des La vierens und Zauderns ein Ende fein, wenn auch die Freiheit nach außen gegen alle Wechselfälle gesichert bleiben soll.

Daß diese Erkenntnis nicht nur in liberal- bürgerlichen Streisen vorhanden ist, sondern daß sich schon konservative Köpfe, vom Drud der Tatsachen gezwungen, mit ihr zu be freunden beginnen, zeigt ein Aufsatz des Historikers Professor Für den, der so denkt, ist das Streben nach rascher Hin- Otto Hi'n be in der Europäischen Staats- und Wirtschafts­wegräumung jener Hindernisse einfach zur nationalen zeitung", der unabhängig von Scheidemanns Artikel verfaßt Pflicht geworden. Hier ist eine Fahne aufgerichtet, um die ist und folgendes mutige Bekenntnis ablegt:

sich alle sammeln müssen, die der gleichen Ueberzeugung sind­ohne Unterschied der Partei. Heute tann selbst ein eingefleischter Konservativer, der sein Volk. mehr liebt als eine einzelne Klasse dieses Volkes und der in den Fesseln der Barteischablone das Denken noch nicht verlernt hat, zu der Erkenntnis kommen, daß er sich von ihm liebgewordenen Vor­stellungen trennen muß, wenn er seinem Lande nicht schwersten Schaden zufügen will..

Die Masse freilich soweit bei der, kleinen aber mächtigen Partei von einer Masse gesprochen werden kann verharrt den Notwendigkeiten der Zeif gegenüber noch in feind­feliger Verstocktheit. Und die Deutsche Tageszeitung" schreibf gegen den Artikel Scheidemanns:

Er stellt es so hin, als ob die Entente als hauptsächlichstes Kriegsziel die Demokratisierung Deutschlands betrachte und ver­tennt vollständig, daß die politische und wirtschaft­liche Vernichtung des Deutschen Reiches als einzig wahres Kriegsziel der Entente anzusehen ist, und daß die Phrase von der Demokratijierung Deutschlands von den Gegnern nur als Mittel zum Zwed angewandt wird, um das feste Gefüge des Reiches, das sich in diesem Kriege bewährt hat, zu erschüttern; und um eine demokratische Regierung in Deutschland zu schaffen, von der man hofft, daß sie ihre Aufgabe in der Zukunft darin erblicke, mit den Demokratien in England, Frankreich und Amerika Freundschaft zu halten und nichts zu unternehmen, was die Interessen dieser Reiche verlegen und dadurch den Weltfrieden gefährden könnte.

Am 16., 17. und 18. Juni fand in Bern eine internationale Konferenz statt, bei der 29 Verbände der verschiedenen frieg­führenden und neutralen Länder durch Delegierte oder schriftliche Zustimmungserklärungen vertreten waren. Das Bureau wurde aus Angehörigen der einander bekämpfen­den Staaten zusammengesezt. Die bernische Regie­rung überfandte schriftliche Willkommgrüße.

Grundgedanke der Verhandlungen war es, die an der Wieder­Herstellung friedlicher Kulturarbeit intereffierten Kräfte in den heute einander bekämpfenden Ländern zu einheitlicher Friedens aktion zusammenzufassen.

Aus den Einzelberatungen sei hervorgehoben, daß die Ein­mischung Wilsons in die innerstaatliche Entwicklung Deutschlands und Desterreichs( als friegsverlängernd und dem Sieg der Demokratie eher schädlich als nütlich) einmütig zurüdgewiesen wurde.

Am legten Verhandlungstag arbeitete man Grundlinien für einen Ausgleichsfrieden aus. Polen , Littauen , Serbien sollen die Unabhängigkeit wieder erhalten. Der deutsche Kolonialbesitz soll wiederhergestellt und erweitert werden. Die offene Türe" in allen Kolonialgebieten wäre zu gewährleisten. Beihilfe zum Wieder­aufbau der fleinen Länder, welche Kriegsschauplatz gewesen sind, soll von Seiten Deutschlands , Englands und Amerikas geleistet

werden..

Ein internationaler Rongres foll dann im Herbst über die Anträge beschließen und eventuell, gleichzeitig in allen friegführenden Ländern, eine Bewegung für Abschluß eines Ver­ständigungsfriedens einleiten.

hier gutzumachen versucht, was von Professoren, Schriftstellern, Es ist gewiß leider nur ein fleiner Teil der Intellektuellen, der Gelehrten aller Länder in blinder Wut an ihrem eigenen Volte gefündigt worden ist. Mag man die Hoffnungen, mit denen man feine Arbeit begleitet, auch auf ein Mindestmaß herabschrauben, so wird man ihm die Sympathien, die sein ehrliches Streben verdient, nicht versagen.

Kritische Tage in Petersburg .

Aufrufe und Gegenaufrufe.

Petersburg, 23. Junt.( Meldung der Petersburger Telegraphen­Agentur.) Am 21. Juni hat eine große Versammlung von magimalistischen Soldaten eine Entschließung ange­kommen, am 23. Juni eine Kundgebung der Armee gegen die Provisorische Regierung zu beranſtalten. Am folgenden Tage ließen die Marimalisten folgenden Aufruf in den Straßen anschlagen:

Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß ein entscheidender Schritt zur Demokratisierung unseres Staats- und Bolkslebens zur unvermeidlichen Notwendigkeit geworden ist. Es tommt nicht darauf an, ob man das mit Jubel begrüßt oder mit schweigendem Ernst als ein vielleicht verhängnisvolles Gebot der Stunde hinnimmt. Wir sind im Begriff, in einen neuen Abschnitt Die Kapitalisten, die den Krieg fortseßen und Not und unserer Geschichte einzutreten. Nicht bloß unsere eigene innere Teuerung immer noch erhöhen, beschwören die Gegentevolution her­Entwickelung zwingt uns dazu, sondern auch die Umgestaltung der auf. Die Provisorische Regierung unterstügt offen die Macht der Staatenwelt um uns her. Wir- Preußen können nicht allein Imperialisten und Bourgeois. Unsere Geduld geht zu Ende. Wir inmitten des Reiches, des europäischen Kontinents, ja der Welt müssen durch eine friedliche Kundgebung unsere dem großen Zuge der Zeit nach fortschreitender Demokratisierung wünsche und Beschwerden zur Kenntnis bringen Widerstand leisten. Wir geraten dadurch in eine gefährliche Ver- und fordern daher die Soldaten und Arbeiter auf, auf die einsamung unter den Völkern der Erde. So wenig wir im Zeit- Straße hinanszugeben mit dem Losungswort: Nieder alter der französischen Revolution die alten Formen des frideri- mit der Duma! Nieder mit den zehn bürgerlichen zianischen Staates aufrechterhalten, konnten, so wenig ist es heute ministern! Nieder mit der Anarchie! Nieder mit dem möglich, die alten preußischen Ordnungen aus der Zeit Bismards, Krieg! Wir wollen Brot und Frieden!" deren Unzulänglichkeit der große Staatsmann doch schon selbst durchschaute, im wesentlichen unverändert in die neue Zeit hin­überzunehmen. Eine gründliche Reform tut not und ist bereits im Gange: eine Reform nicht nur der Institutionen, sondern vor allem auch der Geister. Ein entscheidender Seelenum fchwung muß vollzogen werden, auch von denen, die mit jeder Faser ihres Herzens an der alten Ordnung ge= hangen haben, es sei denn, daß fi esich selbst des politischen Einflusses, der ihnen gebührt, begeben wollten.

So der konservative Historiker der preußischen Dynastie! Wir wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und Die von den jeßigen Machthavern in Rußland inszenierte denen, die von den nationalen Notwendigkeiten des Augen­Hebe gegen Deutschland bietet ja bereits den Beweis dafür, daß blicks eine andere Meinung haben als wir, Worte wie bater­Deutschland, obwohl es die innere Entwicklung Rußlands nach landslose Gesellen und feindliche Agenten" ins Antlik der demokratischen Richtung durch Vermeidung jeder militärischen Handlung gefördert hat, immer noch als ein Land hingestellt wird, schleudern. Aber wir haben die Pflicht, ihnen zu sagen, daß sie deffen Imperialismus nur durch das Schwert vernichtet" werden in verhängnisvoller Verblendung der Sache ihres Volkes den fönne. Um neue Schlagworte ist die Entente nicht verlegen; die schwersten Schaden zufügen. Und wir wollen feine Gelegen­Bekämpfung der deutschen Autokratie" ist für sie nur ein Mittel heit versäumen, um die Mahnung zu wiederholen, daß die For zum Zwed. derung nach der Demokratisterung Deutschlands längst über Volkssache hinausgewachsen ist. den engen Parteirahmen hinaus zur allgemeinen

Ueber die Förderung der Interessen des Deutschen Reichs durch Kriege wollen wir uns mit der Deutschen Tages­zeitung" nach dem Kriege unterhalten. Für heute stellen Es sind ja auch nicht die schlimmsten, die sich aus ehrlicher wir das wertvolle Geständnis fest, daß die Demokratisierung Ueberzeugung dieser Forderung widersetzen. Sondern die Deutschlands einer Verständigung mit den demokratisch re- schlimmsten sind die, die erkennen ohne zu be kennen, die gierten Staaten der Welt nur förderlich sein könnte. In wissen ohne zu handeln, und die während die Feldgrauen dieser Verständigung, die fünftigen Kriegsursachen die Wurzel draußen, mit ihrer Brust, das Land verteidigen, heimlich abgräbt, erblicken wir das höchste Interesse des deutschen Volks, räfonnieren und Rücksicht nehmen auf ihre Stellung" und wir bestreiten entschieden, daß sie nur auf dessen Kosten Solche Leute treiben Verrat aus Feigheit und verdienen Ver­erfolgen fann. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Ein demo- lachtung.

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Infolge dieser Vorgänge hat die Provisorische Regie­rung nach einer Nachtfißung heute früh in den Straßen der Hauptstadt einen dringenden Appell an die Bevölkerung, rubig zu bleiben, anschlagen lassen und erklärt, daß jeder Versuch einer Gewalttat kräftig unterdrückt werden wird.

rat e ganz Rußlands , der Exekutiv - Ausschuß des Petersburger Auch der Kongreß aller Soldaten- und Arbeiter­Arbeiter und Soldatenrats, der Erekutiv- Ausschuß des Bauern­fongresses und die Erekutiv- Ausschüsse der Sozialisten- und Arbeiter­parteien haben anschlagen lassen, der die Soldaten und Arbeiter auffordert, nicht ihrerseits einen gemeinsamen Aufruf auf die Straße zu gehen und sich am 28., 24. und 25. Juni jeder Rundgebung zu enthalten. Sie erklären, daß Ausschreitungen nur den dunklen Mächten der Gegenrevolution mußen könnten, die mur auf einen günstigen Augenblid warteten, um gegen die nationale Freiheit aufzutreten.

wonach in Petersburg das Kriegsrecht proklamiert seix. Die Petersburger Telegraphen- Agentur meldet: Das Gerücht, foll, entbehrt jeder Grundlage.

Die

Die Kriegsgefangenen in Rußland . Der Arbeiter- und Soldatenrat gegen Gefangenenmißhandlung. Der folgende, bemerkenswerte Artikel ist in dem offiziellen Organ des Petersburger Arbeiter und Soldatenrats, Jswestia", vom Mar 1917 erschienen. Er bestätigt die Richtigkeit, ber An Ilagen gegen die Be handlung unserer in Ruß­ land gefangenen 2andeleute, betveist aber zugleich dic erfreuliche Initiative des Arbeiter- and- Soln