Nr. 286. 34. Jahrg.
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Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutfchlands.
Redaktion: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Moritplat, Nr. 151 90-151 97.
Donnerstag, den 18. Oktober 1917.
Expedition: SW. 68, Lindenstraße 3. Ferniprecher: Amt Morinplat, Nr. 151 90-151 97.
Parteitag und Kriegskredite.
Die Kreditbewilligung.
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Würzburg , den 17. Oftober 1917. Man spricht heute den ganzen Tag über den Fraktionsbericht, das heißt natürlich in der Hauptsache über die Kreditbewilligung. Man kommt nicht darum herum, es ist unvermeidlich. Die Debatte würde sich vielleicht etwas bewegter gestalten, wenn Vogtherr oder Hans Block, die beide in einer Ede fizen, um für die Presse der Unabhängigen zu berichten, das Wort ergreifen könnten. Den Weg zur Rednertribüne, der ihnen durch einen magischen Strich gesperrt ist, beschreitet als erster Hoch- Hanau , der Minderheitsredner mit unbeschränkter Redezeit. Aber wer von diesem Genossen eine flammende Anklagerede gegen die Fraktion erwartete, ift enttäuscht. Hoch entwickelt fachlich und maßvoll in der Form feinen Standpunkt und erregt sich heftiger eigentlich nur gegen den Vorwärts" infolge eines Mißverständnisses, das Stampfer später klarlegt. Wohin Hoch und die anderen Minderheitsredner Emmel, Emmel, Brandes, Brandes, SchmidtMeißen u. a. hinauswollen, wird bald klar. Sie wollen die Fraktion dazu veranlassen, die nächste Kreditvorlage abzulehnen, und, mag ihre Resolution angenommen werden oder nicht, fie geben sich der Hoffnung hin, ihr Ziel erreichen zu fönnen. Bleibt Michaelis im Amt oder folgt kein Besserer nach, dann wird ja die Frage der weiteren Kreditbewilligungen brennend. Zur Klärung für die breitere Leffentlichkeit ist es wesentlich, daß sich aud der Minderheitsredner umumwunden zum Grundsaß der Landesverteidigung bekennt und daß ein anderer, EmmelMülhausen, ganz entschieden dafür eintritt, daß ElsaßRothringen deutsch bleibt. Hoch versichert, daß auch die Unabhängigen für die Landesverteidigung eintreten, was man freilich noch lieber aus ihrem eigenen Munde hören würde. Man verlangt von der Regierung eine flare Politik und tut dies von seiten der Unabhängigen am leidenschaftlichsten, ohne zu bedenken, daß man das, was man von anberen fordert, auch selber tun muß.
Von den zahlreichen Rednern der Mehrheit vertraten nur einzelne den Standpunkt, daß die Kredite unter allen Umständen bewilligt werden müssen. Die andern wollen es der Fraktion überlassen, in gegebenem Augenblid das Richtige zu tun.
Es stellt sich bald heraus, daß der Parteitag keine Lust hat, der Fraktion eine gebundene Marschroute zu geben und fchon heute das Ja oder Nein auszusprechen, das von der Bactei zu erwarten ist. In der gegenwärtigen Unsicherheit der Situation ist es auch jedenfalls das Klügste, sich alle Wege offen zu halten.
Das Intereffe der Debatte erschöpft sich, da naturgemäß nicht viel Neues gesagt werden kann und man begrüßt es dankbar, als Stüdlen, einer der Militärreferenten der Fraktion, auf die Angelegenheiten der Soldaten, Der Kriegerfamilien und Kriegsbeschädigten mit größtem Eifer eingeht. Er gibt praktische Beispiele der positiven Arbeit, über die man hier geredet hat, und zeigt, wieviel hier trog aller Erfolge doch noch zu tun ist. Er entwidelt den Plan des Beratungsbureaus, mit dessen Leitung ihn die Fraktion beauftragt hat. Der stürmische Beifall, unter dem Stücklen schließt, gilt nicht nur seiner Rede sondern auch seiner Arbeit und denen, für die sie bestimmt ist.
Cohen- Reuß bringt in später Stunde die Frage der westlichen und der östlichen Orientierung aur Erörterung. Und setzt sich für ein gutes Verhältnis zum demokratischen Rußland ein. Nachdem Bandsberg noch einmal vor einer Festlegung der Fraktion gewarnt hat, erfolgt Debattenschluß. David fordert in feinem Schlußwort ein völlig flares Wort über Belgien , berwahrt die Fraktion gegen den Vorwurf, sie betrachte die Kreditvorlage als ein Handelsobjekt. Aber auch ihm ist die Bewilligung bis zum Kriegsende kein unbedingtes Gebot. Herr Michaelis macht am Ende auch aus dem Genossen David einen Kreditverweigerer, denn der Mann kann manches.
Schließlich wird die Bindungsresolution der Minderheit mit 258 gegen 26 Stimmen abgelehnt.
Nach dem ganzen Verlauf der Debatte wird man aber in dieser Ablehnung feineswegs einen Beweis dafür erblicken dürfen, daß Partei und Fraktion es nun gar nicht mehr erwarten können, einer Regierung Michaelis oder einer ähnlich gearteten neue Kredite bewilligen zu dürfen. Sie werden es sich dreimal überlegen!'
Angenommen wird mit 262 gegen 14 Stimmen die Refolution 2öbe- Breslau , die sich zum Grundsatz der Landesverteidigung bekennt, das Verhalten der Frak tion billigt, für Belgien Wiederherstellung als selbständiger Staat und für Elsaß - 2othringens Autonomie entschieden eintritt. Sie sagt den Adeutschen schärfsten Stampf an, fordert Befreiung der Regierung von ihrem!
Starker Artilleriekampf in Flandern , nordöstlich Soissons , in der Westchampagne, den Argonnen und östlich der Maas VerFlie erangriff auf Dünkirchen geltungsbomben auf Nanch- Defel völlig genommen, Seegefechte bei Desel, Luft: angriff auf Pernau .
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Amtlich. Großes Hauptquartier, 17. Oftober 1917.( W. Z. B.)
Weftlicher Kriegsschauplah. Seeresgruppe Kronprinz Rupprecht.
In Flandern schwoll der Artilleriekampf vom Ueberschwemmungsgebiet der ser bis zur 2ys gestern wieder zu er heblicher Stärke an. In einzelnen Abschnitten war die. Feuerkraft am Abend, auf der ganzen Front heute Morgen gesteigert.
Außer Erkundungsgefechten, die auch zwischen dem Kanal von La Bassée und der Scarpe zahlreich waren, tam es nicht zu Infanterietätigkeit.
Heeresgruppe Deutscher Kronprins.
Der Feuerkampf nordöstlich von Soissons dehnte sich gestern seitlich aus und war zeitweilig sehr heftig; er hielt auch nachts an. In der westlichen Champagne , in den Argonnen und auf dem öftlichen Maasufer erreichte die Artillerietätigkeit gleichfalls größere Hestigkeit als in den letten Tagen.
10 feindliche Flugzeuge und 1 Feffelballon find gestern abgeschossen worden. Leutnant von Bülow brachte seinen 23., Leutnant Böhme den 20. Gegner im Luftkampf zum Absturz.
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Dünkirchen wurde von unseren Fliegern erneut und mit er. fannter Brandwirkung durch Bomben angegriffen.
Zur Bergeltung für Bombenwürfe feindlicher Flieger auf offene deutsche Städte wurde die im französischen Operationsgebiet liegende Stadt Nancy von uns mit Bomben beworfen. Größere Brände waren die Folge.
Deftlicher Kriegsschauplah.
Die auf der Halbinsel Sworbe noch Widerstand leistenden feindlichen Kräfte wurden gestern durch unsere Truppen überwältigt.
Die Jusel Desel ist damit völlig in unserem Besit. Die Beute mehrt sich; gestern wurden mehr als 1100 e- fangene eingebracht.
Unsere Seestreitkräfte hatten nördlich von Defel und im Rigaischen Meerbusen mit ruffischen Zerstörern und Kanonenbooten Gefechte, die für uns günstig ausgingen. Dhne eigenen Berluft wurden die feindlichen Schiffe zur Umkehr gezwungen. Marine- Luftschiffe bewarfen Pernan mit Bomben; große Brände brachen dort aus.
Auf der festländischen Front lebte die Gefechtstätigkeit an mehreren Stellen beträchtlich auf; vordringende Streifabteilungen der Russen wurden vertrieben.
Mazedonische Front. Reine größeren Kampfhandlungen.
Der Erste Generalquartiermeister. Ludendorff.
Berlin, 17. Oktober 1917, abends. Amtlich. In Flandern, nordöstlich von Soissons, und auf dem Ostufer der Maas lebhafter Artilleriekampf. Vom Often bisher nichts Neues.
Berlin, 17. Oktober. Amtlich.
Nach Niederkämpfung der schweren Batterien auf der Südspite der Insel Desel, find unsere Seeftreitträfte in den Rigaischen Meerbusen eingedrungen. Sie haben ihren Bormarsch nach Often am 17. 10. fortgescht und beherrschen das Seegebiet bis zum Moonsund.
Der Chef des Admiralstabes der Marine.
Der österreichische Bericht. Wien, den 17. Oftober 1917.( W. Z. B.) Amtlich wird verlautbart:
Au unserer Oft front und in Albanien lebte stellenweise die Gefechtstätigkeit auf. Im Gabriele- Abschnitt wurden abermals italienische Borstöße abgewiesen.
Dex Chef bes GeneralBabe
unheilvollen Einfluß und unverzügliche Durchfüh rung der demokratischen Reformen. Und dann folgt ein Sab, der jenen, die es noch fönnen, zu denken gibt: " Die Verantwortung für alle Folgen, die sich aus der Verzögerung der demokratischen Neugestaltung ergeben können, lehnt der Parteitag ab. Sie fällt auf diejenigen, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen." Die Bartei geht nicht wehrlos und nicht mit gebundenen Händen in die vielleicht schweren Kämpfe, die ihr in der nächsten Zeit bevorstehen.
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Troelstra zur Frage Elsaß- Lothringens.
Stockholm, 16. Dktober.( Eig. Drahtber. des Vorwärts".) Socialdemokraten" publiziert ein Interview mit Troelstra, welcher sagte, daß das einstimmig beschlossene Manifest des Internationalen holländisch standinavischen Komitees deutschen Partei zeigen werde, daß die Weigerung, in der Frage Elsaß- Lothringens zu verhandeln, als im Gegensatz zu dem Gedanken eines Verständigungsfriedens stehend angesehen werde. Die Mehrheit der deutschen Partei habe die Bedeutung der Frage bisher nicht ertannt; er hoffe, daß sie ihren Standpunkt revidiere. Troelstra glaubt, daß die Vorschläge des Stomitees feine triegführende Partei befriedigen werden; aber eben darin sieht das Komitee den Beweis seiner Objektivität. Der Komiteevorschlag werde der Parteien Gelegenheit bieten, bis zum Zusammentreten der Konferenz praktische Friedensarbeit zu leisten, was allerdings von den Ententeministern abhänge.
Wir verweisen hiermit auf den geftrigen und heutigen Partei tagsbericht.
Auf der Suche nach dem Verräter.
Die brüdende Verantwortlichkeit für den Krieg, für die zum Striege führende, ihn verlängernde Politik, die blasse Furcht vor der Abrechnung der Voltsmassen mit ihrem Feind im eigenen Lande läßt die Kriegstreiber allerorts nach jedem Mittel greifen, den Krieg zum lohnenden Geschäft zu machen und für den Fall der Pleite anderen die Schuld zuzuschieben. Die franzöfifchen Imperialisten glauben nun einen Blizableiter für den Volksgroll glücklich gefunden zu haben. Ihre Freude ist um so größer, als sie damit nicht nur ihre eigene Verantwortlichkeit am Kriege in den Hintergrund rücken können, sondern auch die Suppe ihres Königs" auf das lodernde Feuer des Volkszorns zu sehen hoffen dürfen. Die Standal fampagne, die sie entfesselt haben, zielt nicht bloß gegen Malvy und gegen dessen Hintermann Caillaur, nicht mur gegen die radikal- sozialistische Partei, eine Kerntruppe des republikanischen Frankreichs, sondern gegen die Nepublik felb ft. Léon Daudet, der vor dem Kriege das Zuchthaus mit dem Aermel streifte, weil er seine Frau, eine Entelin des berühmten französischen Romanziers Victor Hugo sozusagen berkuppelte, ist von den Royalisten zum procureur du roi( Staatsanwalt des Königs) ernannt worden mit der Aufgabe, nicht nur einem republitanischen Staatsminister hochnotpeinlichen Prozeß wegen Landesverrats zu machen, sondern auch den stritten Nachweis zu führen, daß die Korruption des Parlaments Frankreich an den Rand des Abgrunds führe und daß nur die starte Hand des Herzogs von Orleans Heil und Rettung bringen könne.
In Wahrheit ist es aber nicht Léon Daudet, sondern der famofe ameritanische Geheimdienst, welcher die neueste französische Standalblase aufgestochen hat. Die Affären Almereyda und Turmel sind in den Hintergrund getreten und das öffentliche Interesse flammert sich an Bolo Pafcha, den früheren Friseurgehilfen aus Marseille Lansing hat einen radiotelegraphischen Depeschenwechsel zwischen dem ehemaligen deutschen Botschafter in Washington, Grafen Bernstorff, und dem deutschen Staatssekretär des Auswärtigen veröffentlicht, aus welchem der Nachweis geführt wird, daß Bolo Pascha neun Millionen Mart vom Auswärtigen Amt durch Vermittlung der Deutschen Bank überwiesen erhalten hat. Am 26. Februar 1916 drahtet Bernstorff:
Habe direkte Informationen aus durchaus glaubwürdiger Duelle über eine politische Aition erhalten, die die Drganisation eines Vorgebens zur herbeiführung des Friedens in den feindlichen Ländern zum gwed hat. Eine der hervorragendsten politischen Persönlichkeiten des in Frage stehenden Landes sucht eine Anleihe von 1.700 000 Dollar in New York aufzunehmen, für welche Sicherheit gegeben werben wird. Es ist mir nicht er laubt, den Namen dieser Bersönlichkeit schriftlich mitzuteilen.