Nr. 47—191$
Unterhaltungsblatt öes vorwärts
Sonnabend, 16. Jebruar
Das häßliche Mäöchen. 2. � Von nun an hatte die häßliche Ethel Ling ihren eiaenen Roman. Sie durchlebte ibn voll Spannung und Erwartung. Sie fübrte die ganze Korreipondenz mir der schönen Lizzli. Sie behob alle ihre Verdrießlichkeilen, sie befreite sie aus dem Engagement und brachte sie in einem Heim unter. Der Verlauf dieses Romans nahm alle ihre Gedanken in Anspruch. Nur eine tiefe, andauernde Enttäuschung hatte sie: Lizzhs Briefe entsprachen nicht ganz dem, was sie selbst gekühlt hätte. Sie strömten nicht von Glück über bei dem Ge- danken, Herrn Mitchell mit einem Kinde zu beschenken. Ost erging sie sich in erbitterten Klagen, daß ihre Begabung brach liegen mußte und daß sie ganz ausgeschaltet war. Sie fühlte sich dazu geschaffen. im stärksten Rampenlicht der Bübne und des Leben-Z zu figurieren, nicht in jenen dämmrigen, ruhigen Heimen, wo mau etwas.er» wartet"'. Auch Herr Mitchell nahm die Sache nicht mit der rechten Weihen Aber er war gut und leicht zu rühren. Er ließ Ethel Ling in den Magazinen herumgehen und für das.Kommende" einkaufen. Unter ihrem braunen Schleier war ihr selbst wie einer jungen, verschämten werdenden Mutier zu Mute, wenn sie Baby- strümpfe aussuchte. Sie besorgte alles und ging mit dem stillen Wunich herum, daß e§ ein kleiner Junge werden möchte, mit einem Grübchen im Kinn, ganz wie Herr Mitchell selbst. Der.Briefwechsel wurde allmählich immer lapidarer und schloß in Telegrammsorm:»Unser kräftiger kleiner Junge von 8 ff, Pfd. Mutter wobl." Herr Mitchell war nun nicht so beglückt, wie er nach EthelS Meinung hätte sein müssen. .Wollen Sie nicht hinreisen und sich Ihren Sohn ansehen?" fragte sie. .Wie beliebt?" sagte Herr Mitchell. Er saß da und trommelte auf der Tiichkante und runzelte seine buschigen, starken Brauen. »Ich wünschte, er säße in Alaska ." .Ja, warum?" fragte sie. .Ich fürchte, ich könnte dem kleinen Kerl zu gut werden. Und dann bekommt Lizzh das Heft in die Hand." .Das wäre doch nur zum Guten. Dann könnten Sie sie hei- raten, Herr Mitchell." .Sind Sie schon wieder dabei?" sagte Mitchell und warf die Klappe zu, so daß alle Tasten der Maschine sangen..Gott be- wahre! Da könnte ich ja ebensogut— ich weiß gar nicht wen— sagen wir mal— Sic zum Beiipiel heiraten." Er sah zu ihr hinüber, und sie wurde unter seinem Blicke so weiß wie ein Blatt Papier . Ihre armen, häßlichen Züge zitterten, alle Sommersproffen funkelten, die scharfen Adern schwollen über den knochigen Fingern. Der Roman nahm seinen Fortgang. Es gab Ethel Ling einen Stich, als sie eines Tages in einem Brief von Lizzy las: Du bildest Dir doch nicht ein, daß ich immer dasitzen und mir meine Karriere verpfuschen werde. Damit Du'S nur weißt, ich habe meinem Direktor geschrieben und mich für den Ersten zum Dienst gemeldet. Ich bin doch noch etwas zu jung, um eine Kinderfrau zu fein. Bon nun ab entwarf Herr Mitchell feine Antworten selbst. Sie waren kurz und schneidend. Dann verstummte er für eimge Zeit. Aber eines Tages diktierte er seiner Schreibmaschine ein Jnseiat: Ein kleiner Junge wird zu jemandem in Pflege gegeben, der Mutter- stelle an ihm vertreten kann. An diesem Abend sagte Ethel Ling zp ihrer Tante, sie solle sich auf das Inserat Ihm melden. Ein paar Tage später legte ihr Herr Mitchell einen Stoß Briefe von eifrigen �Zflegemütteni vor. .Finden Sie den richtigen heraus", sagte er. Etbel sah daS ganze Paket durch. Dann legte sie einen bor ihn hin und sagte:„Der hier ist auf jeden Fall mir aus dem Herzen geschrieben." .Lasten Sie mal sehen", sagte Herr Mitchell..Ein junges Mädchen, dessen sehnlichster Wunsch«S ist. ein Kind lieb zu haben und zu pflegen".....Ah. hol mich der und jener, das muß ja ein lachhaftes Produkt sein. Wie, glauben Sie. siebt die ans? Aber Sie haben ja Verstand, Fräulein Ling, gehen Sie doch hin»nd sehen Sie sich die Sacke an." So bekam die häßliche Eihel Ling ihren Jungen. Mit einemmal hielt sie das Glück des Lebens zwischen ihre» bebenden Fingern. Kein Mann hatte sie geliebt, aber nun hatte sie das Krad, dem sie ihr Herzblut geben könnte. Jede Woche schrieb sie an den Dater über die Fortschritte des Jungen, Er war ganz ge- rührt, wenn er ihr die Rapporte zeigte. Der, Kleinen zu besuchen, davon wollte er vor der Hand nichts wissen. Aber ein-S Tages, mitten in der Kontorzeil, machte er sich auk und sah sich den kleinen Mann an. Er kam entzückt zurück und berichtete Ethel: .Die Frau, die rhn in Pflege hat, ist weiß Gott kein junges Mäd - chen— sie könnte beanem seine Großmutler sein. Aber, daß der
Junge eS gut hat, das sieht man an dem Speck seines kleinen BäuchleinS. » Der Sommer in der großen Stadt war heiß, Ethel Ling, die sich selbst nie eine Ferienreise gegönnt hatte, fühlte mütterlich für den kleinen Junge». Er brauchte gesunde, tühle Luft. Sie suchte um einen vierwöchigen Urlaub nack und sagte ihrem Ehef, daß sie ihn in den CatSkellbergen verbringen wolle. .Ausgezeichnet," meinte Herr Mitchell..Da pflege ich selber hinzugeben. Ja. da ist friiche Luft für die Lungen, Fräulein Ling. Aber nehmen Sie den Weg über die Hudsorr-Bai. Gute Reise!" Eihel Ling behob ihre Sparpfennige. Sie fuhr rnil dem Dampfer als feine, junge Mutter und ließ sich ihren eleganten Kinderwagen auf das oberste Verdeck bugsieren. Der kleiüe Junge lag da riud schlief hinter lichtblauen Seidenvorhängen, die die warme Brise leicht bewegte. Den Schleier hatte sie cntfernt. Sie dachte nicht mehr an ihre eigene Häßlichkeit. War es die Sonne. die diele heiße Glut auf ihre Wangen bauchte? Es war plötzlich Blut in daS vorzeitig vetwelkte Antlitz gekommen. Sie war ganz siill in dos Graueste und Unauffälligste gekleidet, das sie nur hatte finden können. Aber wie in einem Rausch ging sie über das blanke Verdeck und rollte die leichten Gnmmlringe bin und her. Schöner war fie nicht geworden, aber es schimmerte etwas Wunderliches, ein rührend zarter Perlglanz in ihren farblosen Augen. Die Passagiere, die die unansehnliche Erscheinung, die ihren Kinderwagen au Deck auf und ab rollte, bemerkten, stutzten einen Augenblick über ihre ungewöhnliche Häßlichkeit und dachlen dann: Du lieber Gott, daß doch so eine auch einen Mann kriegt Sie sah ja aus. als bäte sie um Verzeihung dafür, daß sie eS auch wagte, ein Kind in ihren Armen zu halten. Doch, ivenn sie sich über das Wägelchen beugte, da fiel ein warmes, verschönendes Lächeln aus ihre Züge. In Kingston stiegen neue Passagier« ein. In strahlendem Tropenweiß kam ein stattliche« Paar die Treppe hinauf. .Was, zum Teufel," sagte der vierichröiige, herkulische Herr zu seiner prächtigen Dame.»Da fieh mal, Lizzy, meine rechte Hand im Kontor, die all meine intimsten Diktate schreibt" Sie kamen näher und plötzlich entdeckte Herr Mitchell den ele> ganten Kinderwagen. .Guten Tag. Fräulein Ling. DaS muß ich sagen. DaS ist ja fabelhast. Wer hätte das von Ihnen gedacht! Ist daS wirk« lich—" .Ja, gewiß, Herr Mitchell," sagte Ethel Ling und sah ihn fest an mit jenem merkwürdigen Funkeln im Blick, das er nie vorher gesehen hatte— er hatte sie ja auch srllher nie angescheu. „Da hätte ich doch alles eher gedacht. Auch Siel" rief er. .Ja, sieh nur, Lizzy, so muß eine gute, eine richtige Mutter sein. Fräulein Ling verlätzt ihr Rindchen nicht." Und sie beugten sich beide unter die hellblauen Seiden- vorhänge und fingen an, das pausbäckige kleine Kerlchen zu lieb- kosen. Keinem von ihnen fiel eS ein, wessen Kind eS war. Und Ethel Ling, die in der flammenden Glut verschämter Mütterlichkeit dastand, sagte es ihnen nickt. �Autorisierte Uebersetzung von Marie FranzoS .)
200 Jahre hoffmannstropfen. Seit zwei Jahrhunderten erfreut sich die leidende Menschheit der Wohltat der HoffmannStropfen, mit denen ihr ein bewährtes Mittel in-tue Hand gegeben wurde, um den revolutionierenden Dickdarm zur Ruhe und zur orduungSmäßigen Dienstwilligkeit zurück- zuführen. Sie verdankt diese Wohltat Friedrich Hoffmann , der neben Boerhave als der berühmteste Arzt des 18. Jahrhunderts zu gelten hat. Als Vertreter der jatromathematischen Schule, die die Medizin nur als einen Teil der angewandten Mathematik und mechanischen Physik ansah, suchte auch Friedrich Hoffmann in der Medizin alle? physisch und mechanisch zu erkläre» und stellte»n seiner �I-leckioina rationalis systernatica" eine Grundlehre aus, die das Weien des Lebens nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet er- klärte und dementsprechend rein mechanisch behandelt wissen wollte. Dieses System, das sich auf unhaltbaren Voraussetzungen aufbaute. ist längst tot. Ungleich nachhaltigere Wirkung als der Theoretiker hat der praktische Arzt auf die Heilkunde ausgeübt, daß er eine große Menge wichtiger Arzneimittel nackplüfte und ihre Anwendung beschrieb. Auf Grund dieser Auikläruiig über Ursachen und Wirkungen führte er eine große Anzahl einfacher Mittel in den Arznenckatz ein. durch die er in Verbindung mit einer klugen diäte- tiichen Behandlung große Erfolge erzielte. Unter diesen einsacken Mitteln bat das Präparat, das er im Jahre 1718 aus einem Teile Aelber und drei Teilen Weingeist zusammensetzte und das er als öpiritus avtsisrsuK bezeichnete, dem Namen Hoffmann zur Ilnsterb- lrchkeit Virholsen. Jedes Kind kennt die Hoffmannscken Tropfen, die im Arzneischay unter dem Namen„Digusur anoclyauo rnineralis
Hoffmanni" aufgeführt werden und die ihren guten Ruf als krampf- stillendes Mittel bis heutigen TageS behauptet haben. Der Erfinder dickes unerläßlichsten Bestandteils jeder Haus« avotheke wurde am 12. Februar 1860 zu Halle geboren, studierte in Jena Medizin und bei dem berühmten Chemieprofessor Kaipar Eramer in Erfurt Cbemic. 1681 habilitierte er sich in Jena . Nach- dem er mehrere Jahre praktiziert hatte, wurde er bei der Gründung der Univen'iiät zu Halle von Friedrich III. von Brandenburg als erster Professor der Medizin an die neue Universität berufen und mit der Einrichtung der inedizinischen Fakultät betraut. Zum Leid- arzt ernannt, ging er 1703 unier Betbehaltung seiner Hallesck-n Professur nach Berlin , kehrte aber bereits vier Jahre später nach Halle zurück, wo er bis zu seinem Tode 1742 blieb. Hier in Halle erblickten auch die HoffmannStropfen, die dem gründgelehrten Der« lreter der Schule der Fatromathematiker die Volkstümlichkeir durch die Jahrhunderte gesichert haben, das Licht der arzneiwisscn« schaflltchen Welt.___ Neues vom künstlichen Diamanten. Seit den klassischen Versuchen des großen französischen Chemikers Moisson ist es niemandem gelungen, den Kohlenstoff in seiner kristallinischen Form als Diamanten zu gewinnen. Neuerdings hat O. Muff bei seinen Untersuchungen, die den BildungSbedmgungcn des Diamanten galten, diese Leistung wiederholen können. Unter einein Auswand bedeutender Erperimeniierkunst und großer technischer HilsSmittel hatt Raff, wie Wilhelm Eitel in den„Nalurwiffen- ichasien" berichtet, seine Versuche durchgeführt. Planmäßig hat er alle Wege, die zur Bildung deS Diamanten führen könnten, geprüft, und auck die Frage, ob man vorhandene Diamanten wachsen lassen könne, hat er durch Versuche zu beantworten gesucht. Aus Gasen und auS Dämpfen, sowohl oraaniichen wie auch unorganischen, versuchte er bei allen möglichen Temperaturen den Kohlenstoff zur Abschcidung zu bringen; dann unter- suchte er, ob unter dem abgeschiedenen Kohlenstoff solcher in Form von Diamanten vorhanden war. Von erstaunlicher Kühnheit sind die Versuche Ruffs, Kohlenstoffdampf selbst bei der Temperatur des elektrischen Lichtbogens SSOO biS 4000 Grad in niedrige Tempera- turen abzuschrecken. ES wurde ein Lichtbogen mit 5000 Volt Zündspannung und Vg Ampere Stromstärke unter flüssiger� Luft gezogen. so daß ein Temperaturiprung von mehr als 4000 Wärmsgraden am wenige Millimeter dem Kohkenstoffdampf begegnen mußte. Es ist nicht zu bezweifeln, daß Ruff hier tatsächlich einige kleine Splitterchen von der Etgenschait deS Diamanten erhalten hat. Sämtliche. Versuche aber, aus flüssigen unorgauischen oder organischeii Stoffen den Kohlenstoff zur Kristallisation al" Diamant zu veranlassen, scheiterten. Man kann daraus folgern, daß bei allen früheren Versuchen der künstlichen Diamantenherstellung— mit Ausnahme derer von Moisson— auch keine Diamanten gewonnen worden sind. Es ist Ruff wiederum nachzuweisen gelungen, daß wirklich bei der Abkühlung einer Lösung von Kohlenstoff in flüssigem Eisen neben viel Graphit auch etwas Diamant zur Kristallisation gelangt. Beachtenswert sind auch die Andeutungen, die Ruff über künftige Versuche der Diamanterzeugung unter hohem Druck macht: bei den bisherigen Versuchen, die Drucke biS zu 3000 Atmosphären anwandten, ist die Gewinnung des Diamanten nicht geglückt, so daß die Aussichten, die Diamantenerzeugung könne auf diesem Wege gelingen, nicht besonders günstig sind.
Notizen. —.Der letzte Berliner ". So heißt eine dreiaktige Posse mit Gesang, die, von Henry Bender textlich zurechtgemacht, von Harry Waiden witzig und melodiös in Musik gesetzt, ini Thealer der Friedrichstadt bereits ihre 60. Aufführung erlebte. Es ist viel jovial-derbe Komik darin. Und Bender nebst Schmasow und der ganzen Kumpanei sorgen schon, daß der Humor und zwerchsell- erschütterndes Lacken zur Geltung kommen. Um es kurz zu sagen: Bender-Lehmann steht im Begriff.Berlin " zu verlassen, weil es jetzt während des Krieges die altgepriesene Gemütlichkeit und Gut- lebtgkeit eingebüßt hat. Bei diesem Klagegesang wird denn ein wahres Sckrapnellfeuer pon ulkigen prasselnden Boshastigkeiten gegen allerband eingenssene Mißstände und Verkehrtheiten in Spree -Athen losgelassen. Daß sich Lehmann damit wieder aussöhnt und wohnen bleibt, ist nur gut. denn woher sollten auch sürderhin waschechte Berliner kommen. — Treptow -Sternwart«. Sonnabend, den 16. Februar, 5 Uhr. gelangt der Film.Der Balkan im Weltkriege" zur Vor- führung. Sonntag, den 17. Februar, 3 Uhr, findet eine Wieder- Holimg dieses FtlmvorlrageS statt, außerdem folgende Fikmvortrage: 5 Uhr:„(Biaf Dohna und seine Möwe", 7 Uhr:„Christoph ColumbuS ". Dienstag, den 19. Februar. 7 Uhr, spricht Dir, Dr. Arckenhold in einem Lichtbildervortrag über„Jupiter und seine Monde" itnd am Milliooch, den 20. Februar. 5 Uhr, in einem Film- Vortrag über„Die Fliegerwaffe und ihre Helden". Täglich von 2 Uhr ab bei klarem Wetter Beobachtungen mit dem großen Fernrohr.
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Tochter öer yekuba.
Ein Roman aus unserer Zeit von Clara B ke b i g. Angstvoll sah die Majorin nach ihren beiden Jüngsten: kranken sie auch nicht zuviel? Bertholdi beruhigte sie lachend: und wenn auch, morgen konnten sie ja noch ausschlafen. Er hatte seinen Spaß an den Jungen, denen man es anmerkte, wie sie genossen. Er unterhielt sich mit ihnen, sie ivurden nach und nach lustig, daß er sagen mußte:„Na. Jungens, aber!" Er merkte nicht, wie eigentlich außer ihm und den Kadetten niemand sprach. Das Brautpaar flüsterte leise miteinander; für sie beide war alles andere und waren alle anderen nicht da. Rudolfs Augen leuchteten: gleich würde Annemarie vom Tisch aufstehen, den Brautstaat ablegen, sich zur Abfahrt fertig machen. �Sie wollten heute abend nach Dresden reisen, dort die paar Tage des Urlaubs noch genießen. Heinz Bertholdi lauerte nur auf diesen Augenblick: dann konnte auch er gehen. Er war voller Ungeduld den ganzen Tag schon. Je weiter der Nachmittag vorrückte und sich dem Abend zuneigte, desto ungeduldiger wurde er: stand man denn noch nicht auf? Der Bräutigam konnte nicht sehnsüch- tiger sein. Endlich!— Der junge Offizier schlich sich zum Hause hinaus. SNerk- würdig, er hatte heute dasselbe Gesühl wie aus seiner ersten Schlcichpatrouille: die gleiche heiße Aufgeregtheit, die im Blut Prickelt, und doch war er kalt dabei, eiskalt, todesruhig. Hier wie dort ging's um sein Leben. Durste er eine Hoffnung haben für die Zukunft? Erfahren mußte er das heut in dieser letzten Abschiedsstunde. Nicht umsonst hatte er die ganze Nacht schlaflos gelegen, sich jede ihrer Mienen zurückgerufen, jedes Wort, das sie ge- sprochen, hin und her gewendet, überlegt und. daran gedeutelt. Am einfachsten Wort. Sie hatte ihm keinen Blick geschenkt. der mehr gezeigt hätte als harmlose Freundlichkeit, sie hatte ihm durch nichts etwas verheißen, durch gar nichts. Und doch war eS ihm so, als wäre, er berechtigt, sie. zu fragen.-
Entschlossen bog er um die Ecke— rasch noch an ein paar Gartenzäunen vorbei— da lag das kleine Krügersche Haus im Rücken der elterlichen Villa. Oben bei Lili glänzte Licht. Unten war's noch dunkel, die Haustür nicht ver- schlössen, ungeduldig stieß er sie auf und tappte hastig hinein. Gerade trat die Krüger aus ihrer Küche— ein Auf- schrei— das Tablett mit Geschirr, das sie trug, prasselte zu Boden. „O, Frau Krüger, habe ich Sie erschreckt?' Bedauernd bückte er sich und half ihr bei dem bißchen Lichtgcflinzel, daS die Küchenlampe hinaus in den dunklen Flur warf, die Scherben auflesen. Die Frau zitterte.»Sie sind's— Sie sind'S?!' Eine unsägliche Enttäuschung sprach aus ihrem langgezogenen Ton. '„Ich. ja. Wer dachten Sie denn, daß es wäre, Frau Krüger?" Sie antivortete ihm nicht darauf. Schwerfällig sich aus ihrer kauernden Stellung aufrichtend, wankte sie mit ihren Scherben in die Küche zurück. Die Tür schlug sie hinter sich zu. Komische Frau, diese alte Krüger! Warum war die uur so heftig erschrocken? Aber er dachte nicht weiter darüber nach. Eben hatte sich die Glastür, die die obere Wohnung abschloß, geöffnet, Lili, eine Kerze in der Hand haltend, beugte sich übers Geländer. „Ich muß Ihnen leuchten. Mein Mädchen ist aus- gegangen, das Licht auf der Treppe brennt noch nicht!" Sie rief es hell, eine Fröhlichkeit im Ton erheuchelnd, die ihr Gesicht nicht zeigte. � Die Augen in dem blonden Kops, der sich, vom Kerzenlicht umstrahlt, wie in einer Glorie nieder- neigte, blickten dunkel umrandet, unnatürlich groß. Lili— seine Lili! Eine zärtliche Rührung faßte den Hinaufstürmenden, mit beiden Händen hätte er die Geliebte ergreifen mögen, aufheben, hochhalten, sie so tragen" allezeit. „Meine gnädige Frau!" Mit heißen zuckenden Lippen küßte er ihre Hände. Sie entzog sie ihm. Eine Verlegenheit wollte sie überkommen: ob er es auch nicht falsch auslegte, daß sie jetzt, gerade jetzt, so allein in der
Wohnung war? Ja, sie hatte die Magd fortgeschickt, mit Ab- ficht, die lauschte an den Türen. Und heute, das fühlte sie, heute entging sie ihm nicht, heute wurde etwas ge sprochen. was niemand anderes zu hören brauchte: was ganz allein blieb zwischen ihm und ihr. Sie überwand die Ver- legenheit, mit ihren traurigen Augen sah sie ihn ver- trauensvoll an: nein, er würde»licht schlecht von ihr denken, nie. „Wie rasch sind die Urlanbskage vergangen," sagte sie. ein Lächeln erzwingend, obgleich ihr Herz so verzagt war, daß es iveinte. Nun ging er, dieser gute, liebe Mensch! Dieser Mann, der ihr vor kurzem noch fremd gewesen war, und der ihr doch schon so vertraut war, als gehöre sie zu ihm. Hier war keine trennende Kluft— ein Volk, ein Vaterland, eine Heimat-> und doch, es durste nicht sein. Sie nahm sich zusammen.„Ich danke Ihnen für all die Stunden, die Sie mir gewidmet haben. Ich bin so gern mit Ihnen spazieren gegangen. Es hat mir wohlgctan. Ich hatte mich von allem zurückgezogen; zu sehr zurückgc- zogen. Sic haben mich lvieder ein bißchen ins Leben zurück- geführt. Nun will ich mich auch nicht wieder so einspinnen." Sie sah ihn schell an. warum sagte er denn gar nichts? Er machte es ihr»virklich recht schwer. Sic quälte sich weiter: „Sie werden mir doch mal schreiben, nicht wahr? Ich würde mich sehr freuen. Wir haben unS wirklich so angefreundet in der kurzen Zeit, daß man doch auch ad und zu voneinander hören muß. Ich werde mir auch er- lauben, Ihre Frau Mutter zu besuchen— als Nachbarin. Bis jetzt konnte ich mich ja noch zu gar nichts ritt- schließen." Ihre Hand, die lässig im Schöße hing, strich über das schwarze Kleid.„In solcher Trauer ist man so scheu. Nun wird's aber besser— Sie haben mir geholfen!" Sie lächelte ihn an, aber ohne seinen Blick, der ihren Blick suchte, zu erwidern. Innerlich zitterte sie: würde er denn noch nicht sprechen, ihr helfen bei ihrer gequälten Unterhaltung? Er mußte doch einsehen, daß sie nicht anders konnte, nicht anders sein durfte. Oh, wäre er doch lieber gegangen ohne Abschied! Dann hätte sie weinen können jetzt, von niemandem gesehen. Diese Stunde war eine Onal.(Lortj. so'gt.)