Nr.276.36.Jahrg.
Bezugspreis:
Bierteljahri. 7.50. monafl. 2.80 RL frei ins Haus. vorauszahlbar. Einzelne Summern 10 Bfennig. Bostbezug Monatlich 250 M., erfl. Zustellungs. gebühr, Unter Streusband für Deutsche land u. Defterreich- Ungarn 5.75 M für das übrige Ausland 9.75 Mt., bei täglich einmaliger Suitellung 7.76 DL Boftbeitellungen nehmen an Däne mart, Holland . Luxemburg , Schweben und die Schweiz . Eingetragen in die Boft Bettungsreisliste. Der Borwarts" ericheint wochentagād zweimal Sonntags einmal
Abend- Ausgabe.
Vorwärts
Berliner Volksblatt.
10 Pfennig
Anzeigenpreis:
Die achtgefbaltene Nonpareillegelle loftet 1,20 Mt.Kleine Anzeigen", bas fettgedrudte Bort 50 Bfg.( zulässig 2 fettgebrudte Borte), jedes weitere Bort 25 fg. Stellengesuche und Schlafftellenanzeigen das erite Wort 40 Bfg., jedes meitere Bort 20 Bfg Borte über 15 Buchstaben zählen für mei Borte. Leuerungszuschlag 50% Familien- Anzeigen, volitische und gemerfichaftliche Vereins Anzeigen 1,20 M. die Seile. Anzeigen für die nächste Rummer müssen bis 5 hr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin 68.68, Lindenstraße 3, abgegeben werden. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 5 Uhr abends.
Redaktion und Expedition: SW. 68, Lindenstr. 3. Fernsprecher: Amt Morinplas, Nr. 15190-15197.
Sonnabend, den 31. Mai 1919.
.
Vorwärts- Verlag G.m.b. H., GW. 68, Lindenstr. 3. Fernsprecher: Amt Moritplas, Mr. 11753-54.
Für Einberufung der Internationale.
Die Internationale und die Friedensbedingungen.
Offener Brief an das internationale Bureau. Von J. P. Nieljen.
Mitglied des sozialdemokratischen Parteivorstandes und der Generalfommission der Gewerkschaften Dänemarks .
Gegenvorschlag.
Die
Der Parteivorstand schreibt uns: Amsterdam , 30. Mai. Fast alle englischen Blätter mifDer Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands billigen die deutschen Gegenvorschläge, nur Daily News hat fich in seiner Sigung vom 30. Mai 1919 mit den Veröffent- und Daily Herald, die den Stab über die Bedingungen der lichungen des Vorstands der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Alliierten gebrochen hatten, begrüßen die deutschen Vorschläge. Lettlands und des Genoffen P. Seja, des lettischen Ber - sterbende Philosophie der imperialistischen und fapitalistischen Lehre Daily Herald schreibt: Die feierlichen Worte: treters auf den Konferenzen in Bern und Amsterdam befaßt. Der feiert hier ihren legten schredlichen Triumph" müßten einen zur Die Friedensbedingungen sind nun veröffentlicht. Die Barteivorstand beschloß, die Regierung um eine schleunige Berzweisung bringen können, wenn man nicht Vertrauen in die Völker werden wieder betrogen, wir selbst oder unsere Nach- Nachprüfung der in dem Schreiben der lettischen Partei auf Arbeiter Europas und Glauben daran hätte, daß der kommen vor neue Schrednisse gestellt. geftellten Behauptungen zu ersuchen und dringend zu fordern, daß schauderhafte Friede, den die Alliierten Deutschland dikDer Zeitpunkt zum Handeln ist gekommen! Will mun schon vor Beendigung dieser Untersuchung die Mit- tieren wollen, zum Schluß für nichtig erklärt wird und einem der einzige Faftor, der es fann, nämlich die Inter- glieder des Volksrates, d. h. der lettischen Regierung enthaftet wer wahren Frieden den Platz räumen muß. den, falls das inzwischen noch nicht geschehen sein sollte. Unter den Daily News schreibt: Je länger das gegenwärtige Durch nationale, dies auch tun? Als der Krieg ausbrách, wurde die Internationale über- Berhafteten befinden sich auch die lettischen Genossen Buschewitz, einander und Elend andauert, um so weniger wird Deutschland in der Lage sein, seine Entschädigungssumme zu bezahlen Der Parteivorstand hat weiter die Abrumpelt, ihre verschiedenen Landesabteilungen mußten des- Mender und Rudewiß. und um so geringer wird die Aussicht darauf, daß Suropa zu friedhalb auf eigene Faust handeln, und das Resultat war infolge- berufung des verantwortlichen Chefs des dortigen Militär- lichen Buständen zurückkehrt. Die bewaffnete Beseßung Deutschdessen, daß die Sozialdemokraten der kriegführenden Länder gouvernements , des Grafen von der Golt, sowie all der Ofiziere lands wird zweifellos den Feind zu Grunde richten, uns selbst in den Taumel berwidelt wurden. Um eine Wiederholung berlangt, bie fich nachgewiesenermaßen Uebergriffe gegenüber der jedoch nicht weniger. Ein ungerechter Friede wird die Wieder in den Taumel verwidelt wurden. Um eine Wiederholung rechtmäßigen lettischen Regierung zuschulden kommen ließen. End- genejung der Welt verhindern und die Wunden, aus denen fie nod ähnlicher Vorgänge beim Friedensschluß zu vermeiden, wurde lich fordert der Parteivorstand, daß jede Berbindung der im Bal- blutet, von neuem infizieren. Die Staatskunst der Aliierten die sozialistische Konferens Anfangs Februar nach tikum stehenden beutfchen Truppen mit der baltischen Landeswehr, sehr vor einer entscheidenden Brobe, wofern sie dieselbe gut besteht, Bern einberufen. Sie hatte die Aufgabe, die Forderungen der sozialistischen Arbeiter aller Länder festzustellen, um sie bei den Friedensverhandlungen in Paris geltend zu machen, so daß der kommende Friede die künftige Freundschaft aller Bölfer befestigen fönnte. Diese Aufgabe, ein Programm für einen wahren Völkerfrieden aufzustellen, wurde in Bern nach sozialistischen Richtlinien und in voller Uebereinstimmung mit dem sozialistischen Programm erledigt, ferner wurde beschlossen, eine Kommission zu bilden, welche die Forderungen der Konferenz den Machthabern in Baris unterbreiten sollte, und wenn nicht genügend Rüd ficht auf die Forderungen genommen würde, baldmöglichst eine neue Konferenz zu berufen, um zu erwägen, welche Mittel die Arbeiter anwenden sollten, um ihren Friedens forderungen Achtung zu verschaffen.
Nun sind die Friedensbedingungen der Machthaber veröffentlicht! Niemand kann aber behaupten, daß in diesen Bedingungen auch nur die geringste Rüdsicht auf die Wünsche von Bern genommen worden ist.
Die Forderungen der Berner Konferenz verhalten sich zu den Friedensbedingungen der Alliierten wie Feuer zu Wasser. Sechs Monate dauerte es in Paris , bevor die fapitalistischen Vertreter ihren Hunger nach Eroberungen geftillt hatten, dann aber wurde der Welt auch eine Rechnung präsentiert, bie alles übertrifft, was die Geschichte bis jezt gefehen hat und dies obgleich der Krieg im Namen der Gerechtigkeit, der Demokratie und des Völkerfriedens geführt worden ist.
-
dem Organ der reaktionären Clique Lettlands fofort und in jeder Beziehung gelöst wird. wartet, daß die deutsche Regierung der Entente gegenüber nach Der Parteivorstand er brüdlichst darauf besteht, daß die deutschen Truppen aus den zu dem früheren russischen Reich gehörigen Gebieten zurüdgezogen
werden.
6
wird im nächsten Monat ein dauernder Friede geboren. den Gegenvorschläge. Zu dem deutschen Gegenvorschlag in der Times weist jede Kritif, die Deutschland an den Friedensbedingungen der Aliterten übt, zurück und verwirft alle deutEntschädigungsfrage schreibt das Blatt, das, deutsche Angebot be. weise, daß Deutschland einem Staatsbanterott nicht so nahe stehe, wie es behaupte. Daily Chronicle, schreibt: Es bedeutet eine Der Parteivorstand, der bereits am 14. Mai dem Inter- Arbeit von Wochen, ja Monaten, dieses Dokument eingehend zu nationalen Sozialistischen Bureau in Amsterdam seine Auffaffung unterfuchen. Das Blatt hält die meisteen deutschen Gegenvorschläge über diese Vorgänge dargelegt hatte, hat sich jetzt erneut borthin für boI1tommen unannehmbar. Das Schicksal der dentgewandt und dasselbe ersucht, bei den Ententeregierungen barauf fchen Kolonien, die territorialen Regelungen in Europa , die hinzuwirken, daß diese ihren Widerstand gegen die Zurüdziehung Gebietsbefehung seien Punkte, über die nicht wieder verhandelt Aulleferung der deutschen Handelsflotte und die 15jährige der deutschen Truppen aus dem Baltikum aufgeben. werden föhne. Die wirtschaftlichen Bestimmungen müßten Den lettischen Genossen gegenüber, die nach einem teilweise aber wohl untersucht werden. Daily Expteß nennt die in Nr. 254 der Freiheit" veröffentlichten Aufruf an das deutsche deutschen Gegenvorschläge einen Bluff. Daily Mail schreibt, Proletariat behauptet haben, daß alle von den Vertretern unserer die Hunnen fämen noch viel zu gut weg. Morning Post Bartei auf den Konferenzen in Bern und Amsterdam abgegebenen fchreibt. die Friedensbedingungen der Alliierten seien nicht dazu Erklärungen unwahr und bewiesene Lüge sind", stellt der Partei- da, um sie zu diskutieren, sondern um unterzeichnet vorstand fest, daß die am 30. April 1919 in Amsterdam dem Ge- zu werden. nossen B. Seja durch die Genossen Müller und Wels gegebene Gegenvorschlägen im günstigen Sinne und schreibt: Der Kern Manchester Guardian äußert sich zu den deutschen Erklärung( fiche Vorwärts" vont 4. Mai 1919) nach wie vor au der deutschen Argumente fei deutlich und unglüdlicherweise nicht zu Recht besteht. Wenn troßdem gegen die Genossen Müller und Wels Seantworten. Die Deutschen erklärten:„ Wir haben uns auf der von lettischer Seite öffentlich der Vorwurf verbreitet wird, daß fie Grundlage der 14 Puntie ergeben. In einigen Hauptbestimmungen bewiesene Bügen berbreitet und das Vertrauen der Internationale freht der Vertrag mit diesen Buntten in Widerspruch. Wir wollen gewiffentos mißbraucht hätten, jo verbitten sich diese in aller uns von Angesicht zu Angesicht begegnen und bitten euch, uns Freundschaft solche unverschämten Redensarten.
unsere Sache verfechten zu, laffen." Dazu sagt das Blatt, das sei ein startes Argument, das nicht leicht zu widerlegen sei. Es gebe Dinge, die feine deutsche Regierung annehmen fönne, wenn sie bestehen bleiben wolle. Es gebe auch Dinge, die sie nicht erfüllen tönnte, wenn fie fie annähme. it nicht zu spät, um die ersten Fehler am Friedensvertrag, wie er jegt fertiggestellt worden ist, zu beseitigen und um Deutschland in die Lage zu sehen, durch Lasten und Opfer hindurch die Achtung vor sich selbst und seinen Platz unter den Nationen wieder
Friedensvertrag.
Nun frage ich! Will die Internationale dagegen einschreiten? Wien , 30. Mai. Seit über achtundvierzig. Stunden beWill sie, wie die Bestimmungen in Bern verlangen, bald- steht keine Möglichkeit telephonischer Verbindung zwischen möglichst Vertreter der Arbeiterklasse berufen, um gegen diesen dem Wiener und dem ungarischen Korrespondenzbureau Gewaltfrieden zu protestieren und um den Arbeitern der in Budapest . Auch andere Wiener Amtsstellen sind nicht zu gewinnen. Welt zu zeigen, mit welchen Mitteln sie dieses kapitalistische in der Lage, mit Budapest eine Nachrichtenverbindung zu erRäntefpiel bekämpfen sollen, dessen wahrer Zwed doch kein an- halten. Ueber die Gründe der Unterbrechung ist nichts be- Der französische Arbeitsbund gegen den derer, ist, als der, eine neue Reaktionsperiode in der Welt ein-- fannt, doch meldet das„ Achtuhrblatt" nach Schilderungen von zuleiten? Wenn diese kapitalistischen Friedensbedingungen immer zahlreicher über die deutschösterreichische Grenze fomGeltung erlangten, dann würden sie die Grundlage des näch- menden Flüchtlingen, daß die Boliche wifenften Krieges bilden. Durch die Forderungen unbegrenzter herrschaft in Ungarn dem Ende entgegengehe. Mit der Milliardenentschädigungen bedeuten fie die Verfklavung gefamten Bürgerschaft beginne nun auch ein großer Teil der unserer Rlaifengenoffen in den Zentralländern, Arbeiterschaft gegen die Gewalttaten Front zu machen. deren erbärmliche Lebensbedingungen die Kapitalisten bald Ferner hielten die vorhandenen Artillerie- und Kavallerie als Musterbedingungen für die Arbeiter aller Länder auf- formationen zu den Gegenrevolutionären. stellen würden.
AIs Mitglied der internationalen Sozialdemokratie und
Verbündeten
ftimmte mit allen gegen zwei Stimmen einem Antrag zu, der als 2. U. Paris , den 31. Mai. Der Allgemeine Arbeitsbund Brotest gegen den Friebensvertrag der sie folgenden 10 Anklagepunkte aufstellt: 1. enthält der Bertrag die Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts der Böller, 2. die Vornahme erhöhter Gebietserweiterungen. 3. Berstöße gegen die Berpflichtungen, die der Völkerbund auf: erlegt, 4. die Rückkehr zu dem alten System der Bündnis. brüstung, 6. die Beibehaltung der Rolonialpolitik, teine internationale Regelung des Finanssystems, 8. das Fehlen eines internationalen wirtschaftlichen Organismus. 9. Aufrechterhaltung des Wirtschaftstrieges
fchliehungen, 5. die Undurchführbarkeit einer allgemeinen
als Vertreter auf der Berner Konferenz ersuche ich hierdurch das Internationale Bureau, baldmöglichst eine InternatioBern, 31. Mai. TR. Wie der Vertreter der Telegrafen- Komnale Sonferenz zu berufen; denn es ist meine Ueberzeugung: pagnie" von gut unterrichteter Seite erfährt, hat die deutsche Note Wenn die Internationale auch diesmal den Zeitpunkt für mit den Gegenvorschlägen bei den Aliierten einen größeren ihre Aktion berpaßt, dann wird ihr Ansehen in wesentlichem Gindrud gemacht, als offiziell zugegeben wird. Es fann bereits Maße geschwächt, und in den Steihen der Arbeiter wird ein im Augenblid mit einiger Gewißheit gesagt werden, daß sich der Blodabe, 10. läßt der Bertrag ein wirkliches infernationales. Zweifel an ihrer Tatkraft geschaffen, der den Mißmut und Biererrat zu nicht unbedeutenden Aenderungen Arbeiterrecht vermissen. de Reriplitterung in der Arbeiterbewegung nur noch ber- bes alliterten Vertragsentwurfs herbeilaffen wird. Bindende Beschlüsse fonnten bisher nach dieser Richtung nicht gefaßt werden, da größern wird. die Alliierten erst zu einer eingehenden Prüfung der deutschen Gegenvorschläge schreiten müssen, die einige Tage in Anspruch nehWeitere Verzögerung für Oesterreich? men wird. Immerhin ist bereits eine nicht unbeträchtliche Strömung unter den Aliierten festzustellen, die ein Entgegen. Versailles , 30. Mai. Intransigeant deutet an, lommen hinsichtlich der territorialen Fragen geneigt find. baß am Vertrage mit Defterreich wiederum Aenberungen Gs verlautet bereits, daß in bezug auf Oberschlesien ernit vorgenommen werden, daß somit die Neberreichung des Vertrages hafte Besprechungen geführt werden. Dagegen dürfte eine Aende eine neuerliche Berzögerung bis Dienstag oder Mittwoch rung in der Haltung der Alliierten in der Frage der Zukunft des zu erfahren drohe. deutschen Kolonialbesizes nicht zu erwarten fein.
Wien , 31. Mai. Die Nachrichten, die aus St. Germain fommen, lassen nur wenig Optimismus aufkommen. Der Bericht, den Staatssekretär Ba u er in der legten Sigung des Hauptausschusses gegeben hat, lautet durchaus pessimistisch. Die Meinung im Parlament geht dahin, daß in territorialen Fragen für Deutschösterreich kaum mehr etwas zu retten sein wird, und daß auch die Regelung der wirtschaftlichen und finanziellen Fragen vermutlich nur eine neue Enttäuschung hervorrufen dürfte.