Einzelbild herunterladen
 

Nr.352, 36.Jahrg.

Bezugspreis:

Bierteljährl. 8- t, monaft.&- frei ins Haus, voraus zahlbar. Bost bezug: Monatlich 8,- Mt, eg. 8u­ftellungsgebühr. Unter Kreuzband fülr Deutschland und Desterreich- Ungarn 6,25 9, file bas übrige Ausland 10.25 m, bet täglich einmal. 8uftellung 8,25 Mt. Poftbestellungen nehmen an Dänemark , Holland , Engemburg, Schweden u. die Schwetz. Eingetragen

in die Post- Zeitungs- Preisliste. Der Vorwärts " mit der Sonntags­beilage Bolt u. 8eit" erscheint wochen täglich zweimal. Sonntags einmal.

Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin".

Abend- Ausgabe.

Vorwärts

Berliner Volksblatt.

15 Pfennig

Anzeigenpreis:

Die achtgespaltene Stonpareillezetle foftet 1,20 ML Aleine Anzeigen". das fettgebrudte Bort 50 Bfg.( auläffig 2 fettgebruckte Worte), jedes weitere Wort 25 Bfg. Stellengefuche und Schlaftellenanzeigen das erste Wort 40 Pfg. jebes wettere Wort 20 Big. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwet Worte. Teuerungszuschlag 50%- Familien Anzeigen, politische und gewerffchaftliche Bereins Anzeigen 1,20 t. bie Seile. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis 5 2hr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin GB 68, Lindenstraße 8, abgegeben werben. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 5 Uhr abends.

.

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfchlands.

Redaktion und Expedition: SW. 68, Lindenstr. 3. Fernsprecher: Amt Moritplas, Nr. 15190-15197.

Sonnabend, den 12. Juli 1919.

Vorwärts- Verlag G.m. b. H., SW. 68, Lindenstr. 3. Fernsprecher: Amt Morinplat, Nr. 11753-54.

Die Krisis in Italien .

t#

Beru, 11. Juli. Die Bewegung gegen Sie Ziviliften im Strohhut einen Refferstich in den Rüden erhielt. Lebensmittelteuerung fcheint Er schleppte fich noch bis in den Hausflur hinein, wo er an der ganz Italien im Abnehmen begriffen. Trosdem Treppe aufammenbrach. Mehrere Bolizeiwachtmeister, bie unter bringen die Zeitungen täglich Nachrichten Aufbietung aller Kräfte versucht hatten, die Menge zurüdzuhalten, über neue Zusammenstöße, bei denen es, wie zum brachten den bewußtlosen Schwerberlegten nach der Klinik in der Beispiel gestern in Badna, Tote und Verwundete Biegelstraße, wo er aber bald wohl infolge innerer Verblutung gab. Wie jetzt in den Wandelgängen der Kammer bekannt verstarb. Sein Begleiter, der in dem nahen Alexandra- Hotel wird, wollte der sozialistische Abgeordnete Lucci in Neapel wohnt, flüchtete dorthin, wurde aber bald darauf von einer einen Arbeiter- und Soldatenrat einrich- deutschen Soldatenpatrouille abgeholt und nach der Wache am ten, was nur infolge des energischen Einschreitens des Brandenburger Tor geführt. Nach einer kurzen Bernehmung brachte ebenfalls sozialistischen Bürgermeisters von Neapel verhin- man ihn nach der französischen Botschaft. Oberregierungsrat Boppe der des überaus bedauerlichen Vorkommnisses Noste, an das Ministerium des Innern und an den Polizeipräfi­denten Eugen Ernst , der sich zurzeit noch in Weimar befindet. Auf die Ermittelung und Ergreifung des Täters find 10 000 M. Be­lohmung ausgesetzt.

X

Die Lage in Rußland .

Unser Bertreter in Stockholm hatte Gelegenheit, dieser Tage mit dem dort weilenden Genossen Bien stod über die augenblickliche Rage in Rußland zu sprechen. Genosse Bien­stock ist der Vertreter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ( Mensheviki) Rußlands in der Bermanenten Sozialisti­schen Kommission und als solcher wohl berechtigt, sich über die russischen Verhältnisse zu äußern, die er wie wenige fennt. Ge­nosse Bienstock äußerte sich wie folgt:

dert wurde. Man sieht aber die Lage in Neapel i m m Depeschen gerichtet an bas Auswärtige Antt, den Reichwehrminister aufünftige Entwicklung läßt sich mit einiger Sicherheit nur aus

noch als bedrohlich an.

streiten weiter, und man befürchtet neue Sabotage­afte. In Rom herrscht wieder normales Leben. Sowohl aus der Hauptstadt wie aus anderen Mittelpunkten treffen ernste Nachrichten über Warenmangel ein.

Die Schulfrage in Weimar .

wird in der gesamten deutschen Bresse betont. Nun kommt dazu noch eine allgemein ebenso wichtige neue Schierigkeit. Das ist die Schulfrage.

Die gegenwärtige Lage Rußlands und ihre wahrscheinliche Sier ihrem gegenwärtigen ökonomischen Zustande erklären. fann nur eine Tatsache mit vollkommener Sicherheit festgestell: werden: die immer rascher und gründlicher sich vollziehend: Agrarifierung Stußlands. Als das bedeutendste und dauer­hafteste Resultat der russischen Stevolution kann die Schaffung einer zahlreichen Klasse von fleinen freien Grund eigentümern angesehen werden und die völlige Vernich­tung des mehr oder weniger feudalen Großgrundbesizes. Hand in Sand damit geht die Städteverminderung und Desindustrie­alifierung Rußlands . Die großen Städte find antoölfert, die Industrie mehr oder weniger lahmgelegt, das Proletariat quan­titativ und qualitativ dezimiert. Die fatastrophale, Des­organisierung des gesamten Transport­Die Sozialdemokratie steht grundsätzlich auf den Boden mittels hat fast jeden Warenaustausch zwischen Stadt und der Trennung von Kirche und Schule. Sie will Sand unmöglich gemacht, ganz abgesehen davon, daß die städtische rein weltliche Schulen, in denen der fonfeffionelle Religions. Industrie dem Lande nichts bieten tann. Nur auf diese Weite unterricht feinen Plaz bat. Die Erteilung des Religions - läßt sich die sonst ganz unerklärliche Aushungerung der Städte unterrichtes ift Sache der Religionsgemeinschaften selbst. in dem agrarischen Rußland erklären. Neben der Sozialdemokratie ist aber das Zentrum an der So in ganz großen Umzügen die gegenwärtige ökonomische Regierung beteiligt, das, obwohl es in wirtschaftlichen Lage Rußlands . Die bolichewistische Regierung, weit davon entfernt, diesen Dingen ein großes Stüd Weg mit der Sozialdemokratie ge- tatastrophalen Niedergang der materiellen Stultur aufzuhalten. meinsam geht, in der Schulfrage den entgegengesezten hat durch ihre leichtsinnigen Erperimente den­entgegengesetten Standpunkt von ihr einnimmt. weder das Zentrum oder die Demokraten haben. Die De- Machthaber kaum mehr die Schiebenden, sondern mehr die Ge Die Sozialdemokratie muß zur Mehrheitsbildung ent- felben nur beschleunigt. Gegenwärtig sind die bolichemistischen motraten, die bis zur Friedensentscheidung als dritte Bartei

Lant Corriera della Sera" führte in der gestrigen Kammerfisung der Unterstaatssekretär für Verpflegung aus, bak die Ernährungslage Italiens sich immer mehr verschlechtere und nur noch Die Schwierigkeiten in Weimar hören nicht auf. Die Lebensmittel für einen Monat vorhanden seien. Frage des Reichswirtschaftsministeriums und der Stellung Lebensmittel für einen Monat vorhanden seien. Biffells ist noch nicht erledigt. Eine gewisse ferisenstimming Die Lage werde durch Frachtraummangel noch schwieriger. Ebenso notwendig wie die Einfuhr von Getreide sei die von Kohle. Die Berteilung des Schiffsraumes sei ein fanm zu lösendes Problem, besonders wenn man bedenke, daß die Lieferungen von Getreide einfach verfallen, wenn die Ware nicht bis zum 1. August abtransportiert ist. Darum müßten freiwillige Einschränkungen eintreten. Das schlimmste sei, daß die Produktion in allen Zweigen, in den indu­striellen wie in den landwirtschaftlichen, zurüdgehe. Milchprodukte kommen immer weniger auf den Markt und scheiden für den Export ganz aus. Früher habe Italien feinen Zuckerbedarf selber gedeckt, jetzt müße es 800 000 Doppelzentner einführen. Der Unterstaatssekretär wies auf die Gefahren der wirtschaftlichen Nebermacht Englands und Amerikas hin. Früher habe die Gefahr eines deutschen fächsischen. Darum werde sich bald ein Zusammen in der Regierung faßen, find ausgeschieden. Zurzeit also Basis das industrielle Proletariat fich immer mehr rein der wenn die Regierung für ihre Arbeit eine Mehrheit im Bar- tischen Opposition, die sich in diesen Streisen täglich stärker müssen Bentrum und Sozialdemokratie gemeinsam handeln, quantitativ berringert, ganz abgesehen von der starken poli­lament haben soll. Darin liegt der Angelpunkt der zeigt, versucht die Sowjetregierung, Verbindungen mit den mitt­leren Schichten des Bauerntums anzuknüpfen. Sie will eine Schwierigkeiten in der Behandlung der Schulfrage. Bei Ver­Bauernregierung werden. Daher die Ernennung Ka­diehen. Es war zunächst ein Kompromiß auf der Linie zum Präsidenten der Zentralerekutive der Sowjets.( m übri gesucht worden, daß die Konfeffionsschule fortbestehen, aber gen eine mehr repräsentative Funktion.) Daber auch der Ver­zicht auf die gewaltsame Requifition des Getreides. Bugleid weder Lehrer noch Schüler zur Erteilung oder Entgegen- versucht die Sowjetregierung, die Arbeiter in das Joch der in nahme des Konfeffionsunterrichts gezwungen werden sollten; bustriellen Disziplin au awingen. nebenber sollten die Privatschulen gestattet bleiben. Man und Tages lohn find augenblicklich die beiden offiziell aner­fonnte dieses Kompromiß als einen gangbaren Ausweg be- fannten Grundpfeiler der sozialistischen Sowjetrepublik. Alles zur Sicherung der ablehnenden Lehrer und Schüler gegeben Transportes den Bauern billige Waren zu verfchaffen. Kurz borausgesezt, daß die notwendigen Garantien zu dem Zwecke, durch Reorganisierung der Industrie und des werden konnten. Aber mit diesen Garantien sieht es einiger- und gut: Die tapitalistische Gesellschaftsord­maßen unsicher aus; fie gleichzeitig in der Reichsverfassung nung wächst allmählich, aber um so sicherer festzulegen, geht natürlich nicht. Damit ist aber jede Ge- in diesen fommunistischen" Staat hinein. währ für die fernere Zukunft unmöglich. Und dieses unter der Aegide der Sovjetregierung.

wendig machen, um gegen die wirtschaftlichen Erstickungs­

versuche der Angelsachsen Front zu machen. Bern , 11. Juli. Gestern abend fand eine vertrauliche Be. fprechung Tittonis mit verschiedenen Rammermitgliedern statt.

,, Corriera della Sera " unb Secolo" berichten aus Rom , daß die fassung ist diese Schwierigkeit min bis zum Konflikt gelinins, eines Arbeiters mit guten Verbindungen auf dem Lande,

Mitteilungen Zittonis wenig erfreulicher Natur waren. Die

Aussichten feien alles andere als befriedigend. Die Sachlage fei so kompliziert, erklärt Secolo", daß man die Hoffnung auf. geben müsse, die Berhandlungen noch einmal auf einen oen Die drei Meldungen schildern trok der Behauptungen der Besserung die Lage sehr ernst. Ob sich die Not Italiens durch Reformen wird beilegen laffen, erscheint doch mehr als fraglich.

Italienern günftigen Boden zu bringen.

Ein französischer Sergeant erstochen. In der Friedrichstraße , zwischen Binden und Mittelstraße, fam es in der vergangenen Nacht furz nach 12 Uhr wieder zu einem

Zusammenstoß zwischen dem Straßenpublikum und franzöfifchen Soldaten, der damit endete, daß ein Franzose, der Sergeant Paul Mannheim, vom 82. Dragonerregiment, vor dem Hause Mittelstraße 15 erstochen wurde.

Der Vorgang ist noch ungeklärt. Die Kriminalpolizei ist augen­blicklich damit beschäftigt, nachzuprüfen, welche von den beiden Dar­ftellungen, die über die Ursache des Zusammenstoßes gemacht werden, die richtige ist. Die Nachforschungen nach dem unerkannt gebliebenenen Täter waren bisher noch ohne Erfolg.

Zu dem Totschlag an den französischen Sergeanten Baul Mannheim erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Gleich nach der Tat wurde die Mordkommission alarmiert, die bereits um 2 Uhr nachis am Tatort erschien. Die Leiche, die nach der Klinit in der Ziegelstraße gebracht worden war, unterzog man sofort einer genauen Besichtigung. Heute vormittag haben umfang reiche Vernehmungen im Polizeipräsidium Berlin begonnen. Die Aussagen sind verschieden, zum Teil ganz widersprechend. Ein vollständig flares Bild wird sich wohl erst nach den Bekundungen sämtlicher Zeugen ergeben. Bisher ist jedenfalls festgestellt, daß Mannheim mit einem Kameraden in der Friedrichstraße prome­nierte und dort mit deutschen Soldaten in Streit geraten ist. Bei der sich entwidelnden Rauferei wurde Mannheim von einem deutschen Soldaten am Halse gepackt, sein Begleiter durch einen Fauftschlag ins Auge berlebt. Beide flüchteten nun, und Mann heim hatte bereits sein Hotel in der Mittelstraße erreicht und die Türklinte angefaßt, als er nach Aussage des Portiers von einem

trachten-

"

"

Akkordlohn

Die Festlegung der Konfessionsschule ohne gleichzeitige Die phantafiereichen Köpfe der bolschewistischen Führer Festlegung der erforderlichen Garantien hat namentlich bei tragen sich mit dem Gedanken, so langsam die Funktionen einer der preußischen Regierung lebhafte Bedenken bäuerlich- bürgerlichen Regierung als unter augen­machgerufen. Die Unterhandlungen, die daraufhin in blicklichen Verhältnissen in Rußland einzig möglichen zu über­Weimar unter Beteiligung des preußischen Kultusministe nehmen. Vorläufig natürlich" nur bis zu dem Zeitpunkt, wo riums stattfanden, haben eine Klärung der Frage noch die Weltrevolution" endlich in der ganzen Welt die sozialistische nicht gebracht. Staatsordnung einführt. Das Naive und Unausführbare dieser utopie ergibt sich schon daraus, daß eine bürgerliche Gesell­schaftsordnung einen billigen, elastischen Regierungsapparat erfordert, während eben das Wesen der Sowjetdiftatur in einer phantastisch lächerlichen Syberbureaukratie der gan­Apparat das ganze noch vorhandene Volfseinkommen auf. Jede Reform auf diesem Gebiete wäre nur auf dem Wege der Selbit­verwaltung, d. h. durch eine Liquidierung des innersten Wesens des Bolschewismus, möglich.

Die Sozialdemokratie schlägt nun, um die Arbeitsfähig feit der Regierung zu erhalten, vor, die Abstimmung über die Grundrechte in der Verfassung vorläufig aus zu setzen und den übrigen Teil der Verfassung in zweiter Lesung weiter zu behandeln. Das Zentrum ist jedoch arg- zen Verwaltung besteht. Dabei frißt dieser ungeheure wöhnisch geworden. Es will sich auf eine Verschleppung dieser ihm naturgemäß start am Herzen liegenden Frage der fonfeffionellen Schule nicht einlassen. Infolgedessen ist die Situation in Weimar , die der Mehrheit und die der Regierung, durchaus nicht fest.

Das einzige Werk des Bolschemismus, das sich einigermaßen Wenn es nicht gelingt, ein Arrangement zu treffen, so bewährt und das ihm gelungen ist, ist zweifelsohne die rote ist es nicht ausgeschlossen, ja sogar wahrscheinlich, daß eine Armee. Es wäre zu weitläufig, die Geschichte dieser Armee neue Mehrheit gebildet wird und ein neues Ministerium hier darzulegen. Jedenfalls haben wir hier mit einer sehr be­femmen muß. In diesem Falle würde mit einem Wieder- deutenden Kraft zu tun, die gewöhnlich sehr unterschätzt wird. eintreten der Demokraten in die Regierung gerechnet as der bolichemistischen Strategie zugute fommt, ist der Bor­werden müssen. Damit würde zwar eine Mehrheit kommen, zug der inneren Operationslinie, die einheitliche Führung und die zwar in der Schulfrage Einigkeit herbeiführen wird, ein im Vergleich zu ihren östlichen Gegnern Koltschak und aber die von vornherein Differenzen in wirtschaft- Denifin ziemlich umfangreiches Bahnnet. Alle diese Um­Ii cher Beziehung und wahrscheinlich auch in der Steuerstände machen die militärischen Erfolge der gegen die Sowjet­frage in sich birgt. regierung fämpfenden Truppen sehr zweifelhaft, ganz abgefehen

-

-