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Nr.559.36.Jahrg.

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

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Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands

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Fernsprecher: Amt Moritplan, Nr. 15190-15197.

Sonnabend, den 1. November 1919.

Vorwärts- Verlag G.m.b. H., SW. 68, Lindenstr. 3. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Nr. 117 53-54.

Schicksalstragödie.

Wir werden zugelassen.

Theobald v. Bethmann Hollweg hat im Unter- 1 dem geladenen Revolver in der Tasche! Und diesem Va­suchungsausschuß ein langes, bitteres Klagelied darüber banque- Spiel zuliebe hat man sich Amerika auf den Hais ge­angestimmt, wie die Oberste Heeresleitung seine Die Washingtoner Konferenz hat mit 71 gegen 1 Stimme hetzt, von dessen Leistungsfähigkeit man keine blasse Vor­Politik durchkreuzt und wie ihm der Reichstag nicht ge- eine Entschließung angenommen, in der gesagt wird, daß die stellung hatte, hat man alle Friedensmöglichkeiten schon in holfen habe. Drei Kriegsjahre hindurch war er Reichskanzler, Konferenz der Zulaffung Deutschlands und Deutschösterreichs Keim in den Boden getreten. Sie wollen Frieden machen? und nie hatte er eine Mehrheit im Reichstag gehabt; endlich, zum Völkerbund vorgreife und beschließe, ihre Delegierten Aber wir wollen nicht!" In drei Monaten sind wir da er sie gehabt hätte, im Juli 1917, sei er gestürzt worden. auf dieser Konferenz zuzulassen. Dies soll geschehen, fertig!" Herr v. Bethmann nennt das ein eigenartiges Verhängnis. wenn sie ihre Bereitwilligkeit bekanntgeben, an der Heute ist es vollkommen klar: War der Feldzug ohne den Wir sind erst ein Jahr lang Republik, aber wir fönnen Welt organisation der Arbeiterschaft mitzuwirken. Sie U- Boot- Krieg verloren, so war er schon im Winter 1916/17 heute schon nicht mehr begreifen, wie ein Reichskanzler drei erhalten die gleichen Rechte und Pflichten wie die so gut wie verloren, denn daß er durch den U- Boot- Krieg Schicksalsschwere Jahre lang im Amt bleiben konnte, ohne eine anderen Vertreter der Arbeiterorganisationen. nicht zu gewinnen war, ist durch Experiment bewiesen. 2u­feste Mehrheit im Reichstag zu besitzen. Der Delegierte der französischen Unternehmer protestierte dendorff ist der bewußten rreführung der gegen diese Entschließung. Jouhaux vom französischen Gewerk- öffentlichen Meinung überführt. Nach seiner schaftsbund erklärte, daß jest, ganz abgesehen von Gefühls- Erklärung vom 22. Dezember 1916 ist es ja ganz undenkbar, regungen, Deutschland und Deutschösterreich schon aus prat- daß er seinen Schwindel, erst die Revolution habe die tischen Gründen zugelassen werden müßten. deutsche Niederlage herbeigeführt, selber glaubt. Das wirf­Zum Vizepräsidenten der Konferenz wurde lich zu glauben ist vielleicht der konservative Abg. v. Gr aefe bisher scharfsinnig genug gewesen, aber auch er wird diesen geschichtlichen Irrtum jezt korrigieren müssen, wenn er sich

Die Liste der deutschen Delegierten

Was Herr v. Bethmann sein Verhängnis nennt, war seine Schwäche, war seine Belastung mit den Traditionen des preu­Bischen Systems. Hat er denn eine parlamentarische Mehrheit haben wollen? Nach drei Jahren Hängens und Würgens hatte die Sozialdemokratie ihn wenigstens so weit gebracht, daß er die preußische Wahlreform in Angriff nahm. Vor Jouhaux gewählt. dem Parlamentarism us sträubte er sich wie die Kaze vor dem Wasser. Keine Macht der Ueberredung konnte ihn steht nun endgültig fest. Als Regierungsvertreter reisen: Staats- nicht nachsagen lassen will, daß er ein gewöhnlicher Lügner sei. dazu bringen, auf diesem Gebiet auch nur einen ersten sekretär a. D. Dr. August Müller, Reichswirtschaftsminister Nein, wer sich nicht absichtlich eine Binde vor die Augen Schritt zu tun, und so fam es, daß die Linke im kritischen Juli 1917, als das Militär zum Generalangriff auf ihn über- a. D. Rudolf Wissell , als Vertreter der Gewerkschaften legt, der sieht heute harrscharf, wie sich die Schicksalstra­gödie des kaiserlichen Deutschland mit unent­ging, fein Interesse daran hatte, ihn zu halten und daß er fiel. der stellvertretende Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes Grainnbarer Notwendigkeit erfüllt hat. Es ist untergesanoen, Die Einigung auf die Friedensresolution vom 19. Juli mann, als Bertreter der Unternehmerorganisation wie es untergehen mußte, und seine einstigen Machthaber 1917, in der sich die damalige parlamentarische Mehrheit zu- Direktor Regenbogen, Stiel; als Sachverständige von wandeln nur noch wie abgestorbene Schatten unter uns. Das sammenfand, war, ebenso wie die Resolution selbst, nicht sein der Regierung Geheimer Oberregierungsrat Dr. Lehmann, Volf aber, wir Volt, obgleich aus tausend Wunden blu­Werk. Erst als die vollendete Tatsache geschaffen war, erklärte Geheimer Regierungsrat . Dr. von Lewinski, Profeffor Dr. tend, obgleich durch einen Frieden ohnegleichen auch heute er, seine Bedenken gegen sie überwunden zu haben. Bethmann Ernst France, Professor Dr. Alfred Man e 3; als technische noch mit Vernichtung bedroht, wir leben noch. Uns hat gibt sich also einer nachträglichen Illusion hin, wenn er jetzt Berater der Arbeiterverbände find bestimmt die Arbeitersekretäre die Weltgeschichte eine grausame Rektion erteilt, und nur meint, das Militär hätte ihn nur nicht stürzen sollen, dann Abg. Erkelenz( Hirsch- Duncker) und Brauer( Christl.), sowie wenn wir imstande sind, aus ihr zu lernen, wenn wir im­wäre vielleicht noch alles gut geworden. Bethmann war nicht Genossin Hanna. Beirat für den Unternehmervertreter ist Dr. stande sind, als reifes Volf selber politisch zu ohne Einsicht, aber er war ohne politische Initiative, und darum Tänzler. wollen und zu handeln, werden wir so furchtbares schwankte er zwischen den beiden Willenszentren, die es wäh­Was nügt übrigens die Zulassung, wenn man nichts tut, Lehrgeld nicht umsonst bezahlt haben. rend des Krieges gab, zwischen der Obersten Heeresleitung und um Deutschlands Vertreter über den Teich zu befördern. Sie der Sozialdemokratie, unentschlossen hin und her. können nicht schwimmen, sie können nicht fliegen, fie werden Die Oberste Heeresleitung verlangte Bermei- nicht kommen" wie der Deutschnationale Hergt als Minister dung innerpolitischer Stämpfe während des Krieges". Das einst von den Amerikanern so erschütternd richtig prophezeite. heißt im Innern Aufrechterhaltung des Dreiklassenwahlrechts, des persönlichen Regiments, der Militärautokratie; nach außen Eine Kette mehr. Rampf bis zum Zerschmetterungsfrieden, Annexionen und Kriegsentschädigungen.

Wir sehen heute, wie die Vergangenheit, die furz hinter uns liegt, nur noch Verwesung war. Nie zurüd!

Der müde Mann.

Im Obersten Rat der Entente beriet man darüber, ob beim In­Wiederum umjäumen Haufen von Neugierigen den Eingang trafttreten des Friedensvertrages die Bedingungen des Waffenstill- zum Reichstag. Wiederum drängen sich Journalisten, ehemalige Die Sozialdemokratie forderte im Innern Demo- standsabkommens hinfällig würden und man fand, daß einzelne Be- Staatsmänner, Beamte der Reichsämter, Parlamentarier, Gelehrte fratie und parlamentarisches System, nach außen Abwehr eines dingungen, die im Waffenstillstandsvertrag enthalten sind, nicht im und Sachverständige im Obergeschoß des Reichstages: Der Unter­feindlichen Vernichtungsfriedens, aufrichtiges Bekenntnis zu Friedensvertrag niedergelegt seien. Um zu verhindern, daß Deutsch - suchungsausschuß seßt seine öffentlichen Vernehmungen fort. Dies­einem Frieden ohne Annerionen und Entschädigungen. land sich diesen Bestimmungen entziehe, ist beabsichtigt, Deutschland mal erscheint Bethmann Hollweg am Zeugentisch. Noch ein Protokoll unterschreiben zu lassen, in dem es sich verpflichtet, die Bedingungen des Waffenstillstandsvertrages, denen es noch nicht nachgekommen ist und die beim Inkrafttreten des Friedensvertrages traftlos würden, trotzdem zu erfüllen.

Daher wollte die Oberste Heeresleitung im Win­ter 1916/17 den unbeschränkten U- Boot- Krieg und keine Ber­mittlung Wilsons. Die Sozialdemokratie wollte die Vermittlung Wilsons und keinen U- Boot- Krieg.

Am Sonnabend soll das weiterberaten und über eine Schaden­

ersatzvergütung für die in Scapa Flow versenkten deutschen Schiffe verhandelt werden.

Was wollte Bethmann Hollweg ? Er wäre sehr froh gewesen, wenn es gelungen wäre, aus dem Krieg, dessen furchtbaren Ernst er fannte, mit einem blauen Auge herauszukommen. Er war sehr bekümmert, als Lloyd George erklärte im Unterhaus bei Betrachtung des eng­die Oberste Heeresleitung den unbeschränkten U- Boot- Strieg tischen Defizits, Deutschland sei jetzt außerstande, zu zahlen, durchsetzte, denn er glaubte eher ja als nein, daß die Sache aber sobald seine Erzeugungskraft wieder gestiegen sei, würden die schief gehen würde. Aber Hoffnung, Freude, Kummer, Sorge, aus Deutschland eingehenden Beträge das Defizit ausgleichen. Furcht sind die Gefühle des Zuschauers im Parterre, der mit den handelnden Personen auf der Bühne mitempfindet, nicht die Willensimpulse eines führenden Staatsmanns.

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schwirren Hunderte von Stimmen bunt durcheinander, noch streiten sich die Auserwählten im Zuhörervaum, der durch eine Schranke vom übrigen Saal getrennt ist, um die besten Plätze. Längst schon hat der frühere Kanzler seinen Platz genommen.

Das akademische Viertel ist überschritten. iDe innere Span­nung der Erschienenen schwingt den Stimmenton höher. Endlich! Der Vorsitzende tritt in den Saal. Stille breitet sich über den Raum und die Menschen. Ein helles Klingelzeichen! Die Köpfe ducken sich, als wollten die Augen nicht das Bild sehen, das bisher verschleiert, nunmehr nadt gezeigt werden soll. Wird es häßlich sein oder grausam drohend? Wird es ein Spiegel unseres eigenen Jchs, unseres Volkes? Schauen wir Niedertracht, Lüge Gemein­heit, Dummheit und Verbrechen derjenigen, die das Land führten in seinen schwersten Jahren, wie sie schicksalsvoller und entbeh­rungsreicher kein Volk der Erde ertragen?

" Ich schwöre"... schallt es fest. Und dieser Schwur bringt

beitete! Ja, wenn er nun bemerkte und das mußte er Heute: würde die Tragik eines ganzen Volks nicht das wohl, daß er nicht für ihn arbeite, mußte er nicht mit Mitgefühl für Einzelne abstumpfen, so fönnte einem dieser einem Donnerwetter in diese Sauwirtschaft hineinfahren? Um Bethmann leid tun, aufrichtig Icid tun. Diese einmal re- nur ein Beispiel anzuführen: Das berühmte Wiegand- wieder Sicherheit in den Saal. Der ihn gesprochen, tritt wieder gierend gewesene Silflosigkeit wirft geradezu Interview, in dem Tirpiz den unbeschränkten U- Boot- zurüd. In seiner großen, massigen Gestalt läßt er sich nieder, rührend. Trotzdem schlich sich in die Verhandlungen des Nach- Krieg ankündigte, war ohne Vorwissen des Reichskanzlers streicht langsam über die Stirn, als verscheuche er die Sorgen, die mittags ein Zug des Humors ein, des einzigen, der uns noch sowohl wie des damaligen Flottenchefs gegeben worden. Und fein Gedächtnis verdunkeln wollen. Er ergreift sein Manuskript ansteht, des Galgenhumors. da ging Bethmann nicht zu seinem Auftraggeber mit der und beginnt mit der Verlesung. Wir sehen die tiefen Falten, die das Geficht Bethmann Bethmann hatte am Vormittag selber seufzend gesagt: knappen Erklärung: Er oder ich! " Das Militär griff in alles ein." Nachmittags wurde durch Aber so ging es alle Tage: Die Zweifarbigen und Hollwegs durchfurchen und hören seinen Bericht. Seine Verteidi­eine Reihe von Fragen, auf die der Zeuge nur mit einem die Marineblauen machten ihre Politik, und der sogenannte gung! In wohlgefeßten Worten zeichnet er leise die Lage um die Achyjelzucken antworten fonnte, festgestellt, daß der ganze poli- Leiter der Politik rang sich die Hände wund. Es war ein Wende des Jahres 1916. Entwickelt dann, lauber werdend, seine tische Beeinflussungsapparat sich in der Hand der Militärkama- Kampf zwischen einem Skorpion und einem Molch. Was Pläne, die immer wieder und immer wieder zu nichte werden, flagt rilla befunden hatte und mit wahrer Virtuosität gegen die fonnte des Reichskanzlers betuliche Sorgfamkeit ausrichten dann erregt seine Feinde an, die Verhältnisse, denen er nicht ge­Politik des Kanzlers, oder was er dafür hielt, in Bewegung gegen die gepanzerte Energie des Militärs? Und var es ein wachsen, die Heeresleitung, die stärker war als er, den Reichstag , gesetzt wurde. Wer Bethmann angriff, saß did in der Wolle; Wunder, daß schließlich der große Haufen der Unverständigen der ihm nicht gefolgt, das Volt, das er nicht gelenkt. Klagt und wer Bethmann helfen wollte, wurde derb angepackt. Köstlich mit Hurra Ludendorff nachlief und Bethmann links liegen lagt, hat alles gesehen, alles durchschaut... Unglüd... Ver= dieses Gespräch des wackern Hans Delbrück mit dem gestrengen ließ? Dort war doch wenigstens ein Wille! hängnis.. Militärzensor: Aber, was ich vertrete, ist ja nur die Politik Hemmungslos rannte nun dieser stierköpfige Dem Mann blühte kein Glück, leuchtete kein Stern, ward kein des Reichskanzler." Antwort: Um so schlimmer für den Willen ins Verderben. Merkwürdig, schon im e- Licht, keine Kraft, keine Stübe. Gin menschliches Rühren Reichskanzler." zember 1916 dämmern Ahnungen auf. Ludendorff erflait, padt uns, Mitleid mit dem Schwachen, dem Unentschlossenen, der Solche tragikomische Zenjurschwänke werden noch mehr ohne unbeschränkten U- Boot- Krieg fei der zum Leiter unserer Geschide berufen war, wo es eines Herkules erzählt, und darauf fam immer wieder die stereotype Verlegen- Feldzug nicht mehr zu gewinnen. Der unbe- bedurft hätte. Seine Amtszeit war ein einziger Starrkrampf. heitsausrede des Er- Reichskanzlers: ja, davon wisse er nichts. schränkte U- Boot- Krieg war also damals schon das Va Bethmann lebte, sah, hörte, und dennoch waren seine Glieder ge­Konnte es dem obersten Reichsbeamten wirklich unbekannt ge- banque- Spieleines Hazardeurs, der sonst keinen lähmt, seine Muskeln gebannt, daß er nicht warnen, nicht rufen, blieben sein, daß der ganze amtliche Apparat gegen ihn ar- Ausweg mehr weiß als einen Spaziergang in dem Bark mit nicht schreien, nicht stoßen und nicht schlagen fonnte, Alles ließ er

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