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Die neue italienisthe Kammer. Aus Rom wird uns geschrieben: Obwohl bis heute der Wahlausgang noch nicht in seinen Einzelheiten feststeht, weil noch nicht überall die Zahl der auf den einzelnen Kandidaten kommenden Stimmen bekannt ist, so daß noch Verschiebungen in den Personen der Kandidaten eintreten können, sind wir doch über die zahlenmäßige Ver- tretung der einzelnen Parteien im klaren. Die Sozialisten haben in der neuen Kammer 156 Deputierte, die 5k l e r t- k a l e n 161, die Republikaner 7, die reformistischen und unabhängigen Sozialisten 14; die übrigbleibenden L30 sind Konstitutionelle der verschiedenen Schat- tierungen, von den bürgerlichen Demokraten zu den Konser- bativen, Ministerielle und Oppositionsdeputierte, kurz, die Masse der eigentlichen Ordnungspartcicn, mit Ausnahme der Klerikalen. In der nachstehenden Tabelle stellen wir die v o r i g e Kammer der jetzigen gegenüber, wobei wir, dem italienischen Gebrauch folgend, das Wort„liberal" in dem hier üblichen Sinne von„antiklerikal" gebrauchen. 1vl3 1019 Sozialisten... 5ö ISS Reformisten... 23 14 Klerikale. 1.... 33 101
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Neue /lttenveröffentlichungen.
Republikaner Liberale..
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Dieselben Parteien, die in der vorigen Kammer zusammen 88 Stimmen aufbrachten, die Sozialisten und Klerikalen, ver fügen heute, vereint, über die absolute Mehrheit. Es ist also eine Verlegung des Schwerpunktes der Kammer eingetreten. Nur 160 der bishetigen Abgeordneten sind wiedergewählt iworden. Interessant ist die Verteilung der Sozialisten ans die verschiedenen Teile des Landes, bei der großen Ver- schicdenhcit dieser Teile untereinander, was ihre Wirtschaft liche, industrielle und überhaupt ihre Kulturentwicklung be trifft. Von den 56 Wahlkreisen P i e m o n t s fallen M den Sozialisten zu, von den 64 der Lombardei 31, von ben 17 L i g u r i e n s 6; in V e n e t i e n, wo die Klerikalen stark sind, bringt die Partei in 50 Wahlkreisen nur 13 Deputierte durch, dagegen in der Emilia kommen von 30 Wahlkreisen über zwei Drittel, nämlich 27 auf die Sozialisten, in Toskana von 39 deren 18. Je«mehr man nach Süden kommt, um so bescheidener werden die Zahlen. Von den 17 Mandaten der Marken kommen 6, von den 10 U m b r i e n s 5, von 2� der A b b r u z z e n 3 auf die Sozialisten. In Campanicn hat unsere Partei nur 2 von 51 Mandaten erobert, in A p u l i e n von 28 nur 5, in Calabrien von 28 nur 1. In den 74 Wahlkreisen, die auf die B a s i l i k a t a, Sizilien und Sardinien fallen, haben die Sozialisten keinen Vertreter. In Sardinien ist sogar ein früheres Parteilnandat verloren gegangen. Faßt man Italien in größere Gruppen zusammen: Oberitalien (mit starker industrieller Entwicklung, kleinem und mittlerem Grundbesitz, geringem Analphabetis- mus), Mittelitalien (mit hochentwickelter Landwirt- schast, vorwiegendem mittleren Grundbesitz, mit Ausnahme des latifundistischen Latium , geringer Jndlistrie und einer mittleren Verhältniswahl von Analphabeten), Süd- i t a l i e n(geringe Industrie, mit Ausnahme von Neapel und einigen Teilen Apuliens , Latiflindium oder stark zersplitter- ter Grundbesitz, starker Analphabetismus) und die Inseln, (für die das von Süditalien gesagte in verstärktem Maße gilt), so ergibt sich folgendes Bild: Oberitalien hat 85 sozialistische Abgeordnete von 187 Wahlkreisen, Mittel- Italien 60 von 120, S ü d i t a l i e n 11 von 137 und die Inseln �ar keinen bei 64 Wahlkreisen. Die Klerikalen sind durchaus nicht, wie man meinen könnte, gerade dort stark, wo die Sozialisten schwach sind; auch ihre Organisation setzt einen gewissen Grad Wirtschaft- licher und kultureller Enttvicklung voraus, lvenigstens, wenn es sich um das Aufbringen großer Massen zum Wahlkampf handelt. Von ihnen sind 52 in Oberitalien gewählt, 25 in Mittelitalien , 18 in Süditalien , 7 auf den Inseln. De Hauptmasse der Liberalen, auf die sich bisher in Italien sede Regierung gestützt hat, ist also von den Wäh- lern des Südens und der Inseln gestellt worden, gerade von den Regionen, die, wie die Kriegsstatistiken zeigen werden, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die meisten Soldaten gestellt hatten und im Verhältnis zn ihren Soldaten die meisten Toten hatten. In diesen Bevölkerungen hat sich, in- folge des kulturellen Tiefstandes, der Groll über das Ge- schehene noch nicht in politische Parteistellung umgesetzt. Die Wahlstotistik wird wahrscheinlich dartun, daß gerade im Süden die Wahlenthaltung stark war. Wie dem auch sei, heute ist der Süden und sind die Inseln d i e Teile des Landes, aus denen die Regierung ihre Deputierten bezieht. Die Unterscheidung der Liberalen in Ministerielle und Antiministerielle. die in, Wahlkampf die wichtigste schien, ist jetzt ganz müßig, geworden. Die Bourgeoisie hat nunmehr ganz andere Sorgen, als ihre spärliche parlamentarische Ver-,
Sethmann für Wilhelm. Der 2. Unterausschuß deS parlamentarischen UntersuchungS- auSschusseS beschloß, die Alten über den diplomatischen Verlehr mit der Botschaft in Washington , sowie diejenigen über das Friedensangebot der Zentralmächte als Beilage zu den stenographischen Protokollen zu veröffentlichen. Die Turiner „Stampa " erfährt au- Pari-, daß die Veröfsent- lichuug der deutschen Akten zum Kriegsausbruch in Frankreich für maßgebend erachtet wird, um daraufhin die Ausliefcrnng der nach französischer Ansicht schuldigen Personen von Deutschland zu ver- lange». C I e m c n c e a u s„H o m m e I i b r e" schreibt zu der deutscheu Aktenberöffentlichung, dies sei der größte Dienst, den Deutschland der Wahrheit und der Gerechtigkeit, für die die Ver- bündeten gekämpft hätten, bringe. Aber die Verbündeten dürften sich von Deutschland nicht täuschen lassen, daß damit die gemein- same Schuld auf wenige Personen abgewälzt würde. Die Befür- worter der grausamen Kriegsmethoden im deutschen Parlament seien genau so schuldig und ohne Ansehen ihrer jetzigen Stellung zur Verantwortung zu ziehen, wie diejenigen, die die Verantwor- tung für die barbarische Kriegsführung getragen hätten» Als treuer Diener seines Herrn sucht der frühere Reichs- kanzler Herr v. Bcthmann Hollweg dem durch seine Akten- vermerke bis über die Obren kompromittierten„kaiserlichen Herrick' beizuspringen. Die Randvermerke— so betont er in einem Schreiben an das WTB— seien„nichts anderes als der- impulsive Niederschlag von Momenteindrücken", ihr persönlicher Charakter
sei allen Beteiligten bekannt gewesen, politische Entschlüsse seien erst auf Grund anschließender Vorträge gefaßt worden usw. usw.— Selbst angenommen,— als Charaktererzeugnisse für Wilhelms ursprüngliches Denken und Wollen, als höchst indi- viduelle Denkmäler seiner unverfälschten Gesinnung haben alsdann die Randbemerkungen erhöhte Bedeutung. Nicht immer bat in der Hohenzollerngeschichte solche Abneigung gegen die spätere Auswertung von Marginalien bestanden. Die Akten- vermerke Friedrich Wilhelms l., Friedrichs II. usw. wurden auf allen Schulen auswendig gelernt. Sollte nickst Wilhelm bei seinen Niederschriften gerade von der Absicht ausgegangen sein, sich selber ein ähnliches Denkmal(seines Schneids, seines ungeheuren Mutes usw.) für die offizielle Hohcnzollernlegeude zu setzen?!
keßel in Militärhaft. Der miliiälische Gerichisherr hat die Ueberfiihruug des Haupt- mannS v. Kesiel in die Militärarrestanstalt veranlaßt. Die Per- teidigung protestiert, weil ein militärischer Haftbefehl nicht vorliege. » Zur Entlaffung Reinhards. Entgegen anders lautenden in der Presse mehrfach aufgetauchten Behauptungen erfahren die„P. P N.", daß im ReickiSkabinelt weder eine Debatte noch eine A b st i m- m u n g darüber stattgefunden hat, ob Oberst Reinhard zu entlassen sei. ES ist also auch falsch, daß NoSke gegen die Entlassung pro- testiert habe und die bekannten Verleumder haben sich umsonst an- gestrengt, besonders gemein zu werden.
tretung in ministerielle und antiministerielle zu spalten. Wenigstens, solange keine Regierung besteht, die sich ans die Klerikalen stützt, wodurch ein Teil bürgerlicher. Elemente für den Lebensbedarf des Ministeriums abkömmlich' würde. Von der sozialistischen Fraktion fällt die Mehrheit den Bolschsvisten oder Marimalisten zu. Von den früheren, innerhalb der Partei stehenden Reformisten sind die bedeutendsten, wie Prampelini, Tnrati und Treves wiedergeiuählt; nur einer, Bnssi. ist zwar als Kandidat aufgestellt, aber bei den Wahlen durch einen Ar heiter ersetzt worden. Ein weit mehr als Tnrati rechte stehender Genosse,. Graziadei, ist kurz vor den Wahlen Bvlschewist geworden. Unter den Neugewöhlten steht Nnllo B a I d i n i ans dem äußersten rechten Flügel. Die Ansicht. die auf dem Parteitag die Einführung der Räte- r e p n b l i k für anstrebenswert, aber nicht sofort durch den bewaffneten Aufstand zu verwirklichen hielt, und deren Verfechter Constantine Lazzari nach jahrzehnte- langer opferreicher Partei tat igkeit endlich ins Parlament einzieht(in Mailand und in Cremona gewählt), dürste in der neuen Parlamentsfraktion ziemlich stark vertreten sein. Die neue Parlamentsfraktion hat zunächst zu entschei den, ob sie die Entscheidung aus dem Parlament auf die Straße verlegen will. Wenn sie, als Fazit der Wahl ergebnisse, innerhalb der Kammer zu wirken gedenkt, wobei ihr natürlich die Mehrheit zur Verwirklichung der Räte- republik durch.Kammervotum fehlt, so steht ihr nur der Weg weitgehender Reformen offen, den sie durch starken Druck ans die Regierung erzwingen kann. Ungeheure Aufgaben stehen vor der Kammer: die Ratifiziermig der Friedensverträge, die Einstellung der Feindseligkeiten gegen die russische Republik , die Vermögens- abgaben, Fmme, Saza... Keine dieser Fragen erlaubt Aufschub: in jeder von ihnen können die Sozialisten, wenn nicht den ausschlaggebenden, so doch einen schwerwiegenden Einfluß haben. So stehen wir vor ernsten Entscheidungen, und Parteivorstand und Parlamentsfrattion sind sich der großenVcrantwortungder neuen Machtstellnng voll bewußt. Ein Element dieser Verantwortung ist die klare Erkennt- nis der Gefahr, die Regierung den Klerikalen in d i e A r m e zu treiben. Der neue römische Abgeordnete der Klerikalen, Egilberto Martire, bat schon in einem dem„Progresse" von Bologna gewährtem Interview erklärt, daß die klerikale Fraktion für jed? der Regierung zu ge- währende Unterstützung den Verzicht des Staates auf die Schule fordern wird, was mit andern Worten bedeutet, daß man die in Italien bestehende konfessionslose und unentgeltliche Staatsschule aufheben will, um„freie", das heißt konfessionelle Privatschulen zu gründen. Ihrem mittelalterlichen Wahlsymbol geniäß, das die Herrschaft der Kommunen darstellte, die Dezentralisation, streben die Kleri- kalen weiter eine Verwaltungsautonomie an. die darauf hin- ausläuft: den Staat gegenüber der am stärksten zentrali- sierten Macht der Welt, der katholischen Kirche , in den zweiten Rang zu drängen. Aber die Sozialisten können es wagen, wenn man sie vor die Wahl stellt, die, Regierung den Erpressungen der Kleri- kalen auszuliefern oder die Verantwortung für die Regie-
rirng mit den Liberalen zu teilen, den gordischen Knoten zu durchhauen, denn es ist wght, was das Organ der Konsödc- ratiöw der Arbeit(der- italienischen Generalkommission der Gewerkschaften)' schreibt:„Der Sieg der sozialistischen Partei ist schon die zur Tat gewordene Konstituante".'
Die ersten Tage. Die bisherigen Arbeiten der neuen Kammer hoben schon die scharfe, grundsätzliche Feindseligkeit zwischen S o- z i a l i st e n und Klerikalen ausgedeckt. Die Feind- seligkeit. äußert sich sogar in gegenseitigen Anrempelunge», die nicht eben den friedlichen Verlauf der Arbeiten fördern werden. Sie hcchcn aber eine Bedeutung, die weit über die Störung der Kammerarbeitcn hinausgeht. Zeigen sie doch an, daß die von versckncdenen Seiten ins Auge gefaßte Möglichkeit einer sozialistisch-klerikalen Koalition aus falschen Vor- aussetziingen beruht. Solange die Klerikalen als parlamen- tarische Partei ganz„nnentdecktes Land" waren, konnte man die Vermutung ausstirechen, daß sie Berührungspunkte mit den Sozialisten finden könnten, die ihnen, wenn nicht die ge- meinsame Regierung, so doch die gemeinsame Opposition mög- lich machten. Heute tritt aber immer deutlicher zutage, daß die Kleri- kalen sich als„Konknrrenznnternehmen" in der Kammer»ie- derlassen wollen. Sie betonen sehr scharf ihren volkstiim- liehen Charakter, sie wollen die Vertreter des Volkes, ja, ge- radezu der Arbeiter sein.„Vielleicht sind wir berufenere Vertreter als Ihr", rief der Klerikale Mauri den Sozialisten zu. Auf diesem Gebiet, ist ein Einvernehmen unmöglich. Die Klerikalen müssen von den zwei Seelen in ihrer Brust ein? obsiegen lassen und sich danach ihre Bmidesgenossen ans- suchen. So natürlich es auf den ersten Blick scheinen mag. daß sich Sozialisten und Klerikale auf ein gemeinstmies Re- formprogramm zum Besten der Arbeiterklasse einigen, so immöglich erweist es sich bei näherem Zusehen. Wenn die Klerikalen eine Arbeiterpartei sein wollen, so wollen sie Führer und Sachwalter einer unmündigen Herde sein. Ihr Wider- streit zum Sozialismus kommt gerade auf diesem Gebiet am schärfsten zum Ausdruck, und gerade hier ist die persönliche UnVersöhnlichkeit am stärksten, die bei rein konfessionellen Forderungen mehr in den Hintergrund getreten wäre. Je mcbr aber die Klerikalen von den Sozialisten abgedrängt werden, um so näher rücken sie der Regie- r u n g, den bürgerlichen Parteien. Und da müssen sie ihr konfessionelles Programm beschneiden, denn von der söge- nannten freien Schule, von der ohne Staatsmittel mit den riesigen Mitteln der Klerikalen in Konkurrenz tretenden Privatschule für jedermann, wird die italienische Bourgeoisie. trotz des Abflauens ihrer antiklerikalen Ueberliefernngcn, kaum etwas wissen wollendes sei denn, es ginge ihr tatsächlich an den Kragen. Rücken die Klerikalen an die Regierung heran, so hat das natürlich auch Rückschläge auf das Verhalten der kleinen Parteien: die Reformisten, die Republikaner . die Kriegsbündler rücken ab. Das liat sich schon bei der Wahl des Kammerpräsidenten gezeigt. Der Reglerungskandidat Orlando erhielt 251 Stimmen, der Sozialist Lazzari