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Nr.639.36.Jahrg.

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Sozialdemofcat Berlin.

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

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Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Expedition: Sw. 68, Lindenstr. 3.

ernivrecher: Amt Morisvlas, Nr. 15190-15197.

Lehren des Lindner- Prozesses.

Ueber die Tat Lindners und ihre Begleitumstände sprechen die Unabhängigen nicht gern. Eine Affekthand­Lung Reflexwirfung der Ermordung Eisners" damit glauben sie die Sache abgetan zu haben. Aber der Tat fommt eine weit größere politische Bedeutung zu.

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Montag, den 15. Dezember 1919.

Vorwärts- Verlag 6.m. b. H., SW. 68, Lindenstr. 3. Ferniprecher: Amt Morigplas, Nr. 117 53-54.

Reaktionäre Stoßtrupps.

Revolver gegen die Wahrheit.

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Herr, augenscheinlich ein Offizier in Bivil, leitete den Nadau. Schließlich verließen die Nadaubrüder unter Absingung von Der Friedensbund der Kriegsteilnehmer Deutschland , Deutschland über alles" den Saal, und die Ver­hauses eine Kundgebung gegen die Lüge, die Heimat habe veranstaltete gestern im großen Saale des Lehrervereins- fammlung nahm nun einen ungestörten Verlauf. das Heer von hinten erdolcht und dadurch den Verlust des ner die lügenhafte Behauptung, der Krieg sei durch revolu Mit beweiskräftigen Argumenten widerlegten die Red­Strieges verschuldet. Redner waren Hauptmann a. D. Willy tionäre Agitation im Heere verloren worden. Gründlich gin­Meyer, Ignaz robel, Karl Better, Artur 3idgen fie mit ihrer Kritit dem alten System des Militarismus ler und für Dr. Breitscheid der Redakteur Heppen- zu Leibe, deffen Sünden allein die Schuld am Kriege und beimer. am unglücklichen Ausgang desselben tragen. Die Schlußworte Artur Bidlers flangen aus in dem Rufe: Nieder der Krieg, nieder die Reaktion; es lebe der Geist des Sozialismus und der Völkerversöhnung!"

Auch dieser Fall beweist wieder, daß die Drahtzieher der Steaktion planmäßig Stoßtrupps aus Reichswehr­truppen formieren, um das Recht jeder Meinungsäuße rung, die ihnen nicht paßt, zu unterbinden. Jeder, der die Vorgänge in der gestrigen Versammlung des Friedensbundes der Kriegsteilnehmer miterlebt hat, muß davon überzeugt sein, daß es sich nur um bezahlte Sprengtolonnen handelt. Was wird getan, um diesen Mißbrauch der Ver­sammlungsfreiheit, um die Verwendung geschlossener For­mationen unter Führung von Offizieren in Zukunft un­möglich zu machen?

Mag Lindner auch ein leichterregbarer, jähzorniger Mensch gewesen sein, auf dessen Seelenstimmung die Nach richt von der Ermordung Eisners erschütternd einwirfte, so ist doch zunächst der Umstand auffällig, daß sich sein Born nicht etwa gegen einen Gesinnungs- oder Standesgenossen des feudalen, reaktionären Attentäters richtete, sondern gegen einen Führer der sozialdemokratischen Mehrheits­Schon vor Beginn der Versammlung fonnte man fehen, partei. Durch die Verhandlungen ist dieser Umstand in dag eine Störung beabsichtigt war von feiten jener eigentümlicher Weise geklärt worden: Auf Auer hatte sich die reise, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Lüge Schmußflut jener systematischen unabhängigen baben. Eine Anzahl meist recht jugendlicher Mit­Verleumdungsfampagne gewälzt, von der noch glieder der Reichswehr, alle mit Seiten. fein mehrheitssozialistischer Führer verschont geblieben ist. gewehren, die meisten auch noch mit Revolvern be Die gemeinsten, efelhaftesten und stinkendsten Lügen waren waffnet, erschienen als Versammlungsbesucher. Der Auffor­von linksradikaler Seite gegen Auer zusammengetragen worderung, die Schußwaffen in der Garderobe abzulegen, leistete den, Lügen, denen gegenüber selbst der Berteidiger des nur ein Teil der Leute Folge. In welcher Abficht sie ge­Angeflagten es für Ehrenpflicht hielt auszusprechen, fommen waren, das zeigte sich schon gleich nach dem Beginn daß nicht ein Wort von ihnen bewiesen oder wahr sei. Das der Versammlung. Durch fortgelegte probofa hat freilich die unabhängige Preise, die Freiheit" an der torische Rufe, Schreien und Pfeifen führten die Spitze, nicht gebindert, in der Beugenaussage des Sekretärs jungen Soldaten, von denen wohl feiner die Schrecken des Fechenbach, der all jene Schmutzgerüchte noch einmal in Strieges aus eigener Anschauung fennen gelernt hat, einen behaglicher Breite vortrug( in allen anderen Bunkien litt erbitterten Rampf gegen die Wahrheiten, die von der Redner­er an Gedächtnisidyväche), die lügenhaften Beschuldigungen tribüne herab vorgetragen wurden. Oft mußten die Berhand­gegen Auer durch Fett- und Sperrbrud noch mals ber- lungen unterbrochen werden, weil der von deutschnationalen Der Friedensbund der Kriegsteilnehmer ist angesichts borzuheben, damit ihre Leser nad) wie vor glauben Fanatikern verbegte Reichswehrtrupp wüste Lärmizenen her- des Treibens der Militaristen eine Notwendigkeit. Durch follten, es feien lautere Wahrheiten. Und die Leser vorrief. Im Laufe der Versammlung ging die mit großer seine Eriftenz wird dem Ausland bewiesen, daß es an starken glauben. Entrüstung aufgenommene Mitteilung ein, daß sich vor dem antimilitaristischen Kräften nicht fehlt. Bemerkenswert ist, Hier haben wir eine treffliche Juustration der Heß- Versammlungslotal eine Anzahl Soldaten unter Führung daß die Bitte des Friedensbundes an die französischen Kame fampagne, deren Opfer auch Lindner geworden ist. Auch er eines Kapitän leutnants aufgestellt habe, um Haupt- raden, für die Heimkehr unserer Gefangenen zu kämpfen, die hat geglaubt. Auch er hat die von skrupellosen Agitatoren mann Meyer, einen der Referenten, der dem Militarismus einzige Aftion gewesen ist unter den vielen, die eine Wir­ausgehedten stinkigen Lügen für lautere Wahrheit genom- die Schuld an der Niederlage zuschrieb, niederaufung berzeichnen tann: Die ehemaligen Soldaten unter den men. Der Gedanke, Auer zu töten, ist in ihm schon lange vor schießen. Abgeordneten der französischen Kammer haben sich auf Grund der Ermordung Eisners aufgefeimt; er ist ja der Mann, der Die Leitung der Versammlung wandte sich mm an das dieser Bitte veranlaßt gesehen, sich für die sofortige Auer schon Wochen vor der Tat vor seiner Wohnung aufge- Polizeipräfidium um Schutz gegen die Leute, die Seimsendung unferer Kriegsgefangenen lauert hat. So kann man ohne die geringste Uebertreibung angeblich die Schüßer der Republit sein sollen. Nach kurzer einzusehen! Eine Wirkung, die allen Organisationen fagen, daß Auer unmittelbar durch Lindners Kugel, mittel- Beit erschien ein Führer der Sicherheitswehr. Er forderte und Veranstaltungen verjagt bleiben mußte, hinter deren bar aber durch das Gift der unabhängigen Ber - die Bewaffneten auf, entweder den Saal zu verlassen oder die Forderungen selbst einfichtige Franzosen nicht ienes Maß von leumdungsmethode hingestredt worden ist. Waffen abzulegen. Aber die Ruhestörer schienen durchaus innerer Berechtigung schon der Form nach erblicken konnten, Aber die Beweisaufnahme hat noch mehr ergeben: fie nicht geneigt, der Aufforderung Folge zu leisten. Wieder gab das sie aufrechten Rämpfern für die Versöhnung der Völker zeigt Lindners Tat als ein Teilstüd eines politisch es eine lärmende Unterbrechung der Versammlung. Ein zugestehen. biel bedeutenderen Vorgangs der gewaltsamen Aus­einanderjagung des bayrischen Landtags. Was von unabhängiger Seite stets geleugnet und bestritten beiterrat entwaffnet und aufgelöst. Dagegen erhielt der Band-| fonnte fich nur in der Atmosphäre eines Arbeiterrats ent­worden ist, liegt ießt ionnentlar zutage: nämlich, daß tag eine Bejagung, deren Gesinnung am besten illustriert wideln, der unmittelbar zu einer Gewalthandlung ein Anschlag auf den bayrischen Landtag am 21. Februar wird durch ihre Weigerung, den auf frischer Tat betroffenen planmäßig borbereitet und ausgeführt wor. Attentäter zu verhaften, eine Befagung, die, statt die Abge­den ist. Ein Anschlag, der auch ohne Lindners Eat in ähn- crdneten zu beschützen, fie bedroht, und deren Sanitätspersonal licher Form zur Ausführung gelangt wäre. selbst an den Schwerberwundeten noch ihr feind feliges Gefühl ausläßt.

einander.

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großen Stils entschlossen war. Lindner hat seine Ab­ficht den übrigen Arbeiterräten vorher mitgeteilt, niemand bat ihn zurüdgehalten, er hat sich nach der Tat gerühmt, niemand hat ihn verhaftet. Der Mörder hat bielmehr unter dem offensichtlichen Schutz des Arbeiterrats gestanden. Auch das ist bezeichnend!

Unangenehme Erinnerungen.

Am 21. Februar war die Situation der Münchner Räte fast dieselbe wie die der russischen Bolschewifi ein Jahr vor- Weiter: Zu der Sigung ist es den Abgeordneten felber her, als die ruifische Duma zusammentrat. Die Bolschewit nicht möglich, die ihnen zustehenden Tribünenkarten für ihre Den russischen Bolschewisten mag man nachsagen, was hatten im Oktober 1917 die tatsächliche Macht erlangt, aber Angehörigen zu erhalten. Der revolutionäre Arbeiterrat" man will, aber fie haben sich ehrlich zu jeder ihrer Talen, auch die von ihnen ausgeschriebenen Wahlen hatten gegen fie ent- batte alle Tribünenpläge für sich annettiert. zu der Sprengung der Duma, bekannt. Lenin und Trotzki schieden, sie hatten faum den vierten Teil der Parlaments. Ein Beuge, der sich um eine Karte bewirbt, erhält die Ant- haben sich nicht auf irgendwelche Lindners herausgeredet, son­fige erlangt. Um die Macht nicht an das Barlament abtreten wort: Wozu noch? Die Romödie im Landtag ist dern offen erklärt: Das wollten wir." Solche Haltung im­zu müssen, jagten sie dieses mit Kanonen und Bajonetten aus- ia fowiefs in einigen Minuten vorüber." poniert, wenn sie auch nicht überzeugt. Bei dem Münchner Beim Eintritt in den Saal werden die Abgeordneten Berrbild des russischen Bolschewismus aber finden wir wohl Noch viel schlimmer war die Wa hIniederlage ber auf Waffen durchsucht. Die Mitglieder des Arbeiter den Mut zum Schießen auf unbewaffnete Menschen, dann bayrischen Unabhängigen bei den Januarwahlen rat 3 erscheinen dagegen schwer bewaffnet, ohne daß aber die schulbubenhafte Ausrede: Wir haben es nicht ge­gewefen. Sie hatten noch nicht 3 Proz. der abgegebenen iemand das anficht. Gibt es für diese Dinge eine harm- wollt, wir find es nicht gewesen!" Die erbärmliche Art der Stimmen, fast fein Mandat erlangt. Aber die Macht schmedte ose Deutung?! Ausführung wird nur übertroffen durch die erbärmliche Art füß, die Unabhängigen zeigten feine Neigung, die Konsequenz Doch die Hauptfache: Lindner stürmt in den Saal und der Ableugnung. aus dem für sie vernichtenden Volfsurteil zu ziehen. Biel schickt. Aufregung eines reizbaren Menschen, schön! Doch leicht daß Eisner und wenige feiner Vertrauten die Noten- auch der aufgeregtefte Mensch kann nicht gleichzeitig von digkeit des Nachgebens einsahen, die große Masse der A.- und zwei Stellen aus schießen. Unmittelbar nach Lindners S.- Räte vom Schlage Lindners, dessen engen politi- Schüssen aber geht ein Pistolenfeuer von der Tribüne ichen Sorizont fein eigener Verteidiger als Milderungs- los, auf der die Arbeiterräte fizen. Mindestens zwölf ist wohl begründet, wenn auch nur subjektiv. Die Herren grund in die Wagichale geworfen hat, obwohl Lindner der Schüsse sind von dort oben her festgestellt. Festgestellt ist, daß höchsten Räteforporation angehörte, fie dachten sicher der Zentrumsabgeordnete Diel nicht von Lindner, sondern nicht daran, die Macht aufzugeben, die sie einmal innehatten. bon der Tribüne aus erich offen worden ist. Für Secin Anzeichen spricht dafür, daß der revolutionäre Ar- diese Schiffe von der Tribüne hat bezeichnenderweise in der beiterrat" jemals gesonnen war, fámpflos feine Macht auf unabhängigen Preffe noch nie ein Wort der Erklä bas Volksparlament zu übertragen. Und nach diesen Schüssen ruft der Unter solchen Umständen blieb ihm nichts an- Vorfizende des Arbeiterrats, Hagemeister, in den Saal: deres übrig, als das Beispiel der Bolschewifi nachzu- Das ist die Nache des Proletariats!" Während einige Be­ahmen. Wenn jetzt diese Absicht mit großer moralischer Ent­rüstung geleugnet wird, so besteht zunächst einmal die un­leugbare Tatsache, daß der revolutionäre Arbeiterrat nur die Bahl zwischen den beiden Möglichkeiten hatte, der Macht zu entfagen oder das Parlament auseinander zu jagen. Win er behaupten, daß er der Macht entsagen wollte?!

Doch abgesehen von dem rein logischen Zusammenhang der Dinge bat die Verhandlung auch eine Fülle ein deutiger Tatsachen gefördert, die sich zur Iüden Iofen Beweisfette zufammenschließen. Man halte folgende Tatsachen zusammen: das zum Schutze des Landtags nach München beorderte Regiment wird in Dachau vom Ar­

Die Feindschaft der Unabhängigen gegen das Parlament bolen sich dort wirklich keine Lorbeeren. Bei den wichtigsten Beratungen und Abstimmungen sdywänzen fie, mag es fich um den Prozeß des Fürsten Phili Eulenburg oder um die Besteuerung des Vermögens der Kirche handeln.

Auch der Parlamentsredakteur der unabhängigen Blätter ist nicht zu beneiden. Das befte Stück aus der Debatte muß er immer weglassen, um seine lieben Parteifreunde nicht bloß­zustellen. So hat am Sonnabend die Nationalversammlung berzte sich um die Schwerverlegten und Sterbenden bemühen. über das Gesek zur Bestrafung der Kriegsverge. fuchen bewaffnete Anhänger des Arbeiterrats nach den Ge- ben beraten und es in dritter Lesung einstimmig an­noffen Timm und Roßhaupter, um ihre Leichen denen genommen. Wie aber durften die Unabhängigen einer Bor­der Gefallenen hinzuzufügen. Nur die Flucht rettet beide! lage der Mosferegierung" auftimmen, ohne sie zugleich So sieht die angebliche Affefthandlung eines einzelnen" gründlich schlecht zu machen? Infolgedessen mußte natürlich aus. Eine feige, erbärmliche Ausredel Wenn auch Dr. Ostar Cohn der Regierung heftige Vorwürfe dar­dies nicht das Bild eines vollendeten Komplotta ist, so über machen, daß fie diefe Vorlage nicht schon vor einem hat es noch nie ein solches in der Weltgeschichte gegeben. Jahre gebracht hätte, und daß in ihr feine Berufungsinstanz Dem Gefamtbild gegenüber spielt es nur eine geringe Rolle, vorgesehen sei. Darauf erwiderte unser Genoffe Dr. Lands­ob die Tat Lindners zum ursprünglichen Programm gehörte berg , daß fa vor einem Jahre Dr. Ostar Cohn Bei. oder infolge der besonderen Erregbarkeit Lindners programm- geordneter im Reichsjuftizamt gewesen ist, widrig, dazugekommen ist. Sicher ist: auch Lindners Tat daß die Schuld an einem etwaigen Bersäumnis also