Nr.25638.Jahrgang Ausgabe B Nr. 126
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Donnerstag, den 2. Juni 1921
Das Echo der Kanzlerrede.
Die Presse der Regierungsparteien zeigt sich mit der gestrigen Programmerflärung Wirths im allgemeinen zu frieden und stellt den lebhaften Beifall fest, den sie zum Schluß bei der Mehrheit des Reichstags gefunden hat. Man zeigt sich bestrebt, das Einigende zu betonen und das Trennende in den Hintergrund zu stellen. In der„ Bossischen Zeitung" lobt Bernhard den optimistischen Grundton der Rede, meint aber, um ihn zu rechtfertigen, sei es notwendig, finanz- und wirtschaftspolitisch neue Wege zu gehen. Die Ausbreitung des Steuerbuketts perrate aber feine neuen Methoden, sie sei nicht die glücklichste Stelle der Rede gewesen.
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Wer zahlt die 50 Milliarden?
Durch die Veröffentlichung gewisser Borentwürfe ist befannt geworden, daß in den Vorarbeiten für Deckung des Reschlesien interessiert fet, lägen auf der Hand. Frant- parationsprogramms zwei Gedankengänge sich widerstreiten, reich müffe, je mehr Deutschland gegen eine Teilung Oberschlesiens die man auf die furze Formel bringen fann: 3ahlt der auftrete, daran festhalten. Der Wunsch des Kanzlers, die eingegan- Bapiermark jährlich, wie sie die Reparation in den nächsten Verbrauch allein die neue Last der 50 Milliarden. genen Verpflichtungen zu erfüllen, sei ernst. Demgegenüber stehe aber die Frage Oberschlesiens , welche ein Stein des Jahren kostet, oder soll der Besiz mittragen? Anstoßes sei. Im Figaro" wird ausgeführt, daß der Kanzler Die emfigen Schüßer des Kapitalbefizes haben ein Prozwar sehr befriedigende Zusicherungen gegeben habe. Wenn er aber gramm zusammengestellt, das vielleicht die Hälfte dieser Briand mitteilte, daß sich eine demokratische Regierung in Deutsch - Steuerlast ziemlich restlos auf den Verbrauch schiebt und die land nur halten könne, wenn Oberschlesien beim Deutschen Reiche andere Hälfte zunächst einmal nicht decken, d. h. durch schnellebleibe, so bedeute das, daß die Rollen getauscht würden. ren Umlauf der Notenpresse aufbringen will. Jetzt fordere nämlich Berlin Pfänder, ja, es fodere sie nicht nur, fon- die Noten presse gedeckt werden? Wer trägt in Wirklichkeit solche Lasten, die scheinbar durch dern es nehme sie einfach! Denn während Frankreich vor dem Ruhrgebiet stehe, beginne Deutschland in Oberschlesien einen Angriff großen Stils.
Daß die deutschnationale Presse schimpft, was sie schimpfen fann, ist selbstverständlich, darin wird sie höchstens noch von der Roten Fahne" übertroffen. Den Gipfelpunkt der Demagogie erflimmt die" Deutsche Tageszeitung", Indem sie ihre Betrachtungen über die Rede mit der Ueberschrift versieht: „ Wir unterschreiben, ihr dürft zahlen!" Nachdem die deutschnationale Preffe die ganzen Kriegsjahre hinMünchen, 2. Juni. ( Eigener Drahtbericht des Borwärts".) Der durch die These verfochten hat, daß der Besiegte bis zum Weiß- britische Botschaftsrat ist bei der bayerischen Regierung bluten zahlen müsse, hat sie jetzt offenbar das Rezept entdeckt, vorstellig geworden und erklärte auf Befehl seiner Regierung, daß wie man sich, ohne zu zahlen, aus der Niederlage heraus- er beauftragt fei, kategorisch zu erklären, daß die Anwendung der winden kann. Leider verrät sie es nicht. Sanffionen nur vermieden werden kann, wenn von Bayern die in Die üblichen Redensarten wiederzugeben, mit denen die dem Ultimatum geforderten Bedingungen reffios erfüllt werden. deutschnationale Presse über den Reichskanzler herfällt, lohnt Auch der französische Gesandte hat eine ähnliche Ertlä nicht die Mühe. Bemerkenswert ist nur, wenn es auch durch- rung abgegeben. aus nicht überraschend kommt, daß auch die deutschvolkspartei- London , 2. Juni. ( TU.) Laut Blättermeldungen haben Eng liche Tägliche Rundschau" in dasselbe Horn stößt: land, Frankreich und Italien gemeinsam eine scharf gehaltene Alles muß für die Entente ausgefchöpft" wer- Note an die bayerische Regierung gerichtet, worin die Behauptung den. Und wenn nichts mehr da ist? Dann wird, nach Herrn des bayerischen Ministerpräsidenten von Kahr, daß Bayern nicht Birth, die Entente in ihrem erprobten Gerechtigkeitssinn sich endlich entwaffnen fann, widerlegt wird. zufrieden geben, Deutschland in Gnaden wieder in die Gemeinschaft der zivilisierten Bölfer aufnehmen, und endlich erscheint dann das neue demokratische, friedfertige Europa . So lieft der Reichskanzler es von seinem Konzept ab, ohne mit der Wimper zu zuden. Wenn bis dahin nur überhaupt noch etwas von Deutsch land übrig ist. Herr Wirth baut Luftschlösser, daß einen der Schwindel padt.
bedeutet Verschlechterung des Geldwertes. Jede Mart, die ohne Geldvermehrung ohne gleichzeitige Schaffung neuer Werte Gegenleistung zu den schon vorhandenen hinzukommt, bedeutet eine Entwertung aller übrigen Mart. Wer Produktionsmittel besitzt, alfo Maschinen, Gebäude, auch Waren, der ver langt bei jeder solchen Verschlechterung einfach mehr Papiermart, er folgt also durchweg der Geldentwertung. nicht selten eilt er ihr weit voraus. Getroffen werden von der Geldentwertung die breiten Massen der Lohn- und Gehaltsempfänger, vor allem also die Arbeiter, Angestellten und Beamten, die dieser Geldentwertung mit ihrem Einfommen nur schwer und niemals vollständig folgen, und dazu tommt die bedauernswerte Klasse der Kleinrentner. Die getragen haben, war diejenige, die durch Verschlechterung des schwerste Finanzlast, die all diese Kreise in den letzten Jahren Gdwertes entstand. Staatliche Geldfabrikation zur Deckung von staatlichen Lasten bedeutet Abschiebung der Staatslaft auf die breiten Massen der Lohn- und Gehaltsempfänger. Dieser Vorgang darf sich bei der schwersten Last, die das deutsche Bolt je auf sich genommen hat, unter feinen Umständen wiederDie Wiedergutmachungszahlungen. holen. Wir müssen verlangen, daß neben der unvermeidlichen London , 2. Juni. ( WTB.) Reuter meldet aus New York : Die Erschwerung, die aus Belastungen des Verbrauchs nun einmal erste Rate der durch Vermittlung der Vereinigten Staaten an hervorgehen werden, auch der Befih, und zumal der Bedie Alliierten zu leistenden deutschen Reparationszahlung is an Sachwerten, der bisher trop Reichsnotopfer im ganzen in Höhe von 45 733 000 Dollar gelangte heute in den Besitz der glänzend aus der Kriegs- und Nachkriegszeit hervorgegangen gestern durch Vermittlung von vier New Yorker Bantinstituten bie Federal Reserve Bant . Die deutsche Regierung ergänzte it, die Lasten übernimmt, die der verlorene Krieg dem ganzen Einzahlung. Die Zahlungen erfolgten nicht in bar oder Gold,
sondern durch Bantüberweisungen.
In fachlicher Weise setzt sich das Organ der Unabhängigen, Die Freiheit", mit der Programmrede auseinander. Sie erblidt in ihr den Versuch einer schwachen Regierung, Unter- Cinzahlung. ftügung von mehreren Seiten zu gewinnen und findet, daß die im Kabinett herrschenden widerstrebenden Ansichten ist die Reparationstommiffion seit der Zahlung der ersten deutschen Paris , 2. Juni. ( WTB.) Wie die„ Chicago Tribune" mitteilt, und Interessen in ihrem Spiegel deutlich zu erkennen gewesen milliarde in Gold eifrig beschäftigt, ein Mittel gegen entstehende wären. Klar und bestimmt findet sie die Erklärungen über die Kursverluste zu suchen. Die deutschen Darlehen seien nach auswärtige Politik, unzulänglich die über die innerpolitischen den Durchschnittskursfägen vom 23. berechnet. Seitdem hätten so Absichten der Regierung, besonders in bezug auf Amnestie, wohl das englische Pfund, wie der amerikanische Dollar angezogen Ausnahmezustand und Sondergerichte. Wenn das Regie- und auch die skandinavischen Währungen feien bedeutend gestiegen. rungsprogramm auch manches Richtige und zutreffende ent- Der holländische Kurs sei leicht gefallen, ebenso die italienische Lira, halte, so bleibe es doch weit hinter dem zurück, was das Pro- während die Besete ein wenig im Kurse gewonnen habe. Die gramm einer rein sozialistischen Regierung besagen würde. Reparationskommission habe gestern in der Angelegenheit beraben, Ueber das Steuerprogramm Wirths sagt sie: man nehme an, daß der Verlust von den Alliierten getragen werden müsse.
Daß in all diesen Punkten das Programm der Regierung troßdem nicht an übermäßiger Deutlichkeit leidet, ist nicht nur die allgemeine Erscheinung solcher programmatischer Rundgebungen von Roalitionsregierungen, sondern weit mehr die Folge ihrer in- London , 2. Juni. ( WTB.) Im Unterhause wurde von neren Gegensätze. Jede Koalitionsregierung ist schwach, weil Regierungsfeite mitgeteilt, daß seit dem Ausbruch des Bergarbeiter. sie die verschiedenartigsten Elemente unter einen Hut zu bringen streits 94 000 Tonnen deutscher Rohlen, die auf fie die verschiedenartigsten Elemente unter einen Hut zu bringen Grund der Reparationsbestimmungen an Frankreich und Belgien sucht. Am schwächsten aber ist eine Koalition mit bürgerlichen Parteien in Steuerfragen. Die nach außen betonte Ein- Die englische Regierung habe teine Kenntnis von irgendeinem geliefert wurden, in England eingeführt worden sind. mütigkeit der Regierung fann deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, Brotest Deutschlands . Uebrigens fei auch im Friedensvertrag teine daß gerade wegen der Steuerfragen in den nächsten Wochen selbst mit jenen Barteien die heftigsten Rämpfe werden aus. Bestimmung enthalten, die eine Wiederausfuhr der fraglichen gefochten werden müssen, die in der Regierung vertreten sind. Nicht Kohle aus Frankreich und Belgien verbiete. das Programm der Regierung, sondern ihre Laten werden ent
werden.
Bolte aufbürdet.
fung der nötigen Zahlungsmittel für die Abdeckung unserer Wir sind uns vollkommen darüber klar, daß die Beschaf deutschen Ausfuhr möglich sein wird. Wir sind uns weiter schen Volkswirtschaft und insbesondere durch Steigerung der Goldschuld nur durch Steigerung der Gesamtleistung der deutdarüber klar, daß diese Steigerung der deutschen Ausführ nicht durch ein Tiefhalten der Ausfuhrpreise auf die Dauer erreicht werden kann, weil sonst die Antidumping- Maßnahmen gegen uns überhandnehmen würden. Ausfuhr muß erzielt werden durch Gewinnung bisher Die Steigerung der noch verschlossener Märkte, zumal auch des Ostens und Südostens, und durch Steigerung unserer Qualitätsarbeit. Wenn die deutsche Industrie trotz niedrigerer Löhne den Leistungsgrad der amerikanischen nicht erreicht, so ist einer der Gründe vielleicht in den zu niedrigen Produktionskosten zu suchen, wie sie bei uns durch die Niedrighaltung der Wohnungsmieten, der Kohlenpreise, der Frachttarife erzeugt morDen find. All das hat neben der schlechten Baluta vielfach notwendige Erhöhung des Leistungsgrades unserer Industrie nicht überall den nötigen Anfporn gehabt hat. eine solche Ronkurrenzerleichterung geboten, daß die absolut
ingangseßen des Wirtschaftslebens wohl unumgänglich ge Diese Politik der Zuschüsse ist zum Wiederwesen. Wenn aber jetzt eine Annäherung der Breise an die Weltmarktpreise erfolgen muß- und auf dem Ernährungsgebiete ist sie ja tatsächlich schon bis auf eine einzige Ausnahme ziemlich durchgeführt, so bedeutet das eine gewaltige scheiden, wie die Lasten für die Wiedergutmachung aufgebracht Amerika scheidet aus dem Völkerbund. Werterhöhung für die Besizer der ProdukParis, 2. Juni. ( TU.) Aus Washington wird dem New tionsmittel. Goll diese Werterhöhung den Besizern der Die befizenden Klaffen werden sich allerdings selber fagen Vort Herald" gemeldet, daß die Länder Südameritas Produktionsmittel zufallen, während zugleich die breite Masse müssen, daß der Kampf gegen Besitzsteuern kein Mittel ist, die beabsichtigen, die Gesellschaft der Nationen zu verlaffen und fich des Boltes unweigerlich von den schwersten Lasten betroffen Stellung einer politischen Partei in der Demokratie zu festigen. den 3deen des Präsidenten Harding über einen wird? Sollen die Reingewinne, melche sich aus der Freigabe Fänden sie sich nicht zu weitgehenden Zugeständnissen bereit, neuen Bölferbund anzuschließen. Man erfährt, daß mehrere Ver- der Wirtschaft für die Landwirtschaft ergeben haben so tönnte es für sie am Ende noch schlimmer kommen. treter dieser Staaten die Frage bereits mit dem Staatsdepartement und demnächst noch ergeben werden, restlos dort verbleiben, besprochen haben. Die Rede des Botschafters Harvey in London , während zugleich die übrige Bevölkerung für die Produkte Kanzlerrede und Ausland. wie die Annahme, daß Präsident Harding dem Bölterbund end- einen immer größeren Teil ihres Einkommens hergeben und Paris , 2. Juni. ( EE.) Nur drei französische Blätter nehmen gültig den Rüden gefehrt habe, jollen nach diesen Diplomaten die außerdem noch die Laft der Finanzierung der Reparation zu den gestrigen Ausführungen des deutschen Kanzlers Stellung. Gründe für die neuerdings eingenommene Haltung ihrer Länder leisten foll? Wer ein solches Steuerprogramm bringen wollte, Petit Parisien" findet Anerkennung für den ersten Teil der sein. der würde seine Durchführung gegen den Willen der geschlosse nen Masse des arbeitenden Boltes versuchen müssen. Zwei Arten von Besiz haben sich der steuerlichen Be laffung Oberschlesiens beim Deutschen Reiche und die Aufhebung der Sanktionen fordert. Das Blatt führt aus, daß Frankreichs besig und der Besiz an industriellen und ge Interesse an Oberschlesien groß sei und daß von einer heute mittag 12 Uhr verkündet. Der Angeklagte wurde wegen merblichen Produktionsmitteln. Aufhebung der Santtionen teine Rede sein könne, bevor nicht mißhandlung Untergebener in 12 Fällen und wegen Belei- Beim landwirtschaftlichen Besitz liegt die Sache ziem Deutschlands guter Wille erwiesen sei. In demselben Sinne find digung eines Untergebenen zu jechs Monaten Gefäng- lich flar: bie Kommentare des„ Gaulois" und des Figaro" gehalten. nis verurteilt und im übrigen freigesprochen. Die erlittene Unter- Auf Grund sorgfältiger Berechnungen wurde Anfang 1920 Das erstere Blatt meint, die Ereignisse in Oberschlesien stellten ein fuchungshaft wurde auf die Strafe angerechnet. 3. B. festgestellt, daß nach den damaligen Produktionskosten Dementi zu den Worten des Kanzlers dar. Bielleicht sei nur die Das Urteil ist eine Ohrfeige für den Sachverständigen" der Landwirtschaft bei reichlicher Einrechung von Gewinn ein Tattit fo ungefchict, aber die Beweise, daß Deutschland immer noch D. Fransedy, der Reumann als das Musterbeispiel eines Sol- Kartoffelpreis von 18 m. angemessen war. Um einen night begriffen habe, wie jehr Frantreich an Obet- ldaten und Lichtblick" in trüber Zeit gepriesen hatte, Broduktionsanreiz" zu geben, wurden gerade für die Kar
Rede von Dr. Wirth, wendet sich aber dagegen, daß dieser die Be 6 Monate Gefängnis für den Lichtblick" lastung bisher meitgehend entziehen können: der Grund
Leipzig, 2. Juni. Das Urteil im Prozeß Neumann wurde