Nr. 273.
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Vorwärts
11. Jahrg.
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Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .
Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Freitag, den 23. November 1894. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3. Arbeiter! Parteigenossen! Trinkt kein boykottirtes Bier!
sitirten, in Berlin so stark befriegten Säße der Münchener | daß wir uns dadurch in der Ueberzeugung, auch jetzt richtig Post" im Zusammenhange gegeben, alle die künstlich auf zu handeln, nur bestärkt fühlten. Und der Verlauf der gedonnerten angeblichen Prinzipienwidrigkeiten würden jämmerlich durch Bebel's Rede veranlaßten Diskussion, die schon jetzt in sich zusammengefallen sein. Wir erwarten, daß das" amt liche" Organ unserer Partei die Rechtlichkeit unseres Wunsches alle Hoffnungen der Gegner auf ernsthafte Zerwürfniffe anerkennt, die befrittelten Säße der Münchener Post" in ihrem oder gar eine Spaltung" der Partei zu nichte gemacht Busammenhange giebt, im ausgebrochenen Meinungsstreit teine hat, giebt uns auch diesmal Recht. Durch eine redaktionelle a bartende, sondern im Interesse der Partei eine Parteinahme hätten wir den Streit nur verbittert. prinzipiell handelnde Stellung einnimmt.
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In eigener Sache. Unser Münchener Partei- Organ, die Münchener Post", schreibt in ihrer legten Nummer: Der Vorwärts", der Parteitag und die ,, Münchener Poft". Das offizielle Organ unserer Partei erklärt unter Bezugnahme auf den 3wist, den Genosse Bebel gegen die bayerischen bezw. süddeutschen Genossen in einer Berliner VerUnser Münchener Parteiorgan meint freilich, der„ Vorfammlung vom Baune gebrochen hat, Folgendes:" Bei derartigen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei hat die Redaktion des So weit unser Münchener Bruderorgan. Die in Frage wärts" sei führendes Organ und habe als solches in Fällen Vorwärts" stets strengste Neutralität für ihre Pflicht erachtet. fommenden Stellen der Münchener Post" werden von uns von Meinungsverschiedenheiten die Pflicht, der Partei den In einer Einmischung würde sie einen Mißbrauch des amt- demnächst im Zusammenhang veröffentlicht werden, Weg zu zeigen. lichen Organs erblicken, was natürlich die einzelnen Mitglieder wie das die Ehrlichkeit erheischt. Wir haben in diesem Sinne die Führung" nie der Redaktion nicht hindert, persönlich Partei zu ergreifen." Und nun eine furze Darlegung: mals verstanden. Der Vorwärts " soll unzweifelWir gestatten uns, mit einer solchen Stellungnahme des ZentralWie die Redaktion des Vorwärts" über den Frank haft, als Zentralorgan der Partei, die geistige organs nicht einverstanden sein zu können. Denn der und mit ihr die geistige Vertretung " Borwärts" ist nach unserer Auffassung nicht nur offizielles, furter Parteitag denkt, das hat sie in zwei Leitartikeln Führung, amtliches", sondern er sollte auch, und zwar in erster ausgesprochen. Und was in diesen gesagt ist, steht in der Partei nach außen hin haben; allein die Rolle, der Linie, führendes Organ sein. Ein führendes Organ diametralem Gegensatz zu dem was Bebel Partei in allen streitigen Fragen vorzuschreiben, wie sie zu hat bei einer Auseinanderseßung innerhalb der in der Berliner Versammlung von Mittwoch vor denken und zu handeln hat, müssen wir entschieden von uns Partei aber nicht mit gekreuzten Armen zuzusehen, sondern das 8 Tagen gesagt hat. Und die Redaktion hat nach jener abweisen. Wir sind zu gute Demokraten und haben JahrAnsehen der Partei, deren Programm und Beschlüsse hoch zu Versammlung ausdrücklich erklärt, daß sie teinen zehnte lang von der praktischen Bethätigung des demokratihalten. Das führende Organ der Partei darf nicht schweigen, Grund habe, ihre Meinung zu ändern. Das war schen Gedankens zu gute Früchte geerntet, als daß wir von standsmitglied sein, gegen eine große, örtlich genau bezeichnete Urtheil in Ungewißheit sein. wenn von einem Parteigenossen, und sollte er auch Partei- Bordeutlich genug, und niemand konnte hiernach über unser einer geistigen Autokratie das Heil der Partei erwarten könnten. Der demokratische Sah: Regierung Mitgliedschaft der Partei in öffentlicher Versammlung der denk Urtheil in Ungewißheit sein. bar schwerste Vorwurf, die Abweichung vom Pro Daß es dem Chefredakteur des Vorwärts", der ein durch das Volk und Regierung für das Volt" gilt gramm, erhoben wird. Das führende Organ darf nicht Vierteljahrhundert Schulter an Schulter mit Bebel gestritten, uns auch für die Partei. Die Partei soll sich abwarten, wie die Polemik zwischen den Angreifern und nicht angenehm sein konnte, ihm redaktionell entgegenzutreten, se I b st regieren so weit bei uns von Regieren die Angegriffenen sich entwickelt, es hat den prinzipiellen also sofort das ganze Gewicht des Zentralorgans der Partei Rede sein kann. Das heißt: ein jeder Genosse soll Standpunkt ohne Rücksicht auf Personen entschieden zu gegen den alten Freund in die Wagschale zu werfen, das denken und streben, und das Gesammt denken vertreten und mit der Sprache nicht hinter dem Berge zu halten. wird jeder begreifen. und Gesammt streben der Partei soll die geistige Es ist fernerhin nicht angebracht, wenn der Vorwärts" Wäre Gefahr im Verzug gewesen, so würden wir selbst- und politische Thätigkeit bestimmen und bilden. Wir wollen schweigt zu der den Frankfurter Parteitagsbeschlüssen in Berlin gewordenen harten Kritik. Das" amtliche" Organ hat die von verständlich jede persönliche Rücksicht bei Seite gedrängt keine Leithämmel und keine Nürnberger Trichter selbst der höchsten Instanz der Partei gefaßten Beschlüsse gegen haben. ist der Mann, selbst ist der Sozialdemokrat. maßlose Angriffe zu vertheidigen. Des Ferneren Allein wir fannten die Partei zu gut, als daß wir Wir wollen Parteidisziplin, d. h. nicht blinden fann und darf das amtliche" Organ der sozialdemokratischen uns einen Augenblick über die Aufnahme und Wirkung Gehorsam, nicht blinden Autoritätsglauben, sondern freie Partei nicht schweigen zu einer Behandlung eines gleich der Bebel'schen Rede hätten täuschen, und eine Gefährdung Unterordnung der Person unter die Sache. falls sozialdemokratischen Blattes, wie sie der Münchener Post" der Partei als möglich annehmen können. So gut ist die Eine Unterordnung unter Personen außer soweit in der betreffenden Berliner Parteiversammlung widerfuhr. deutsche Sozialdemokratie erzogen, und so gründlich ist der sie Vertreter der Sache- wäre der Sozialdemokratie unLeider scheinen die Berliner Parteigenossen recht schneidigen" Personenkultus und Autoritätsglaube in ihr ausgerottet, würdig. Staatsanwälten die allerhäßlichste Gepflogenheit abgeguckt zu haben. Sie riffen Säße aus dem Zusammenhange eines Artikels daß es feinem Mitglied, und erfreue es sich des höchsten und konstruirten das, was sich bei einer naheliegenden red- und bestverdienten Ansehens, gelingen kann, die Partei von lichen Behandlung der Dinge nicht hätte ton dem durch Prinzip und Erfahrung, ja durch ihre Geschichte struiren lassen. Die Münchener Post" erhebt An- selbst, ihr vorgeschriebenen Weg abzudrängen und um einer spruch, den sozialistischen Gedanken, die inter Person willen das Parteiinteresse zu schädigen. Bei Bebel nationale Berbrüderung, das Erfurter Pro- war aber die Möglichkeit, daß er solches beabsichtige, von gramm zum mindesten ebenso gut ver vornherein für uns ausgeschlossen.
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Und gerade in dieser Beseitigung jeglichen persön lichen Regiments, in dieser Hebung der Kraft des Individuums durch Hebung des Individuums zur Gleichgeltung mit jedem anderen Individuum in dieser echt demokratischen Gleichheit und Freiheit, die, troß unbeschränkter und schärfster Kritik der Genossen unter sich, doch in dem solidarischen Zusammenschließen aller Genossen den Gedanken treten zu haben wie irgend ein anderes Die redaktionelle Neutralität der Redaktion des der Brüderlichkeit verwirklicht, in dieser EmanziParteiblatt im Lande. Wir verwahren uns ganz entschieden, zum billigen Gespött einer" Borwärts" die persönliche Parteinahme ist selbst- pation von persönlicher Autorität und in Berliner Parteiversammlung gemacht zu wer verständliches Recht der Redakteure hat sich in dem, deren Ersetzung durch das Partei- und Menschden. Hätte Bebel, hätte Auer, oder hätte der Vor- unseres Erachtens mindestens gleich ernsten Streit über die heitsideal liegt die Stärke der Sozialdemokratie. wärts" die vielleicht nicht ganz glückliche Wendung der Gewerkschaftsbewegung im vorigen Jahr so gut bewährt,
Feuilleton.
Am Exil.
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Roman von Georges Renard. Autorisirte Uebersehung
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Fenstern spazieren. Zuweilen fand er auf seinem Fenster- nein! Mit dem Fuße schob sie den verrätherischen Buchbrett ein paar armselige kleine Veilchen, die troß des staben auseinander und lief roth wie eine wilde Rose aus Winters nicht verwelft waren und die eine geheimnißvolle dem Zimmer.
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( Nachdruck verboten.] Hand dorthin gelegt hatte. Er ahnte wohl, woher sie Die arme Kleine hatte oft grausame Demüthigungen kamen und verfehlte niemals, sich dafür zu bedanken. zu erdulden, und stets vor ihm. In einer Schublade ent Dann erröthete sie vor Freude. Doch flang ihr dieser deckte sie eines Tages ein heliotropfarbenes Band. Was Tant nicht so, wie sie ihn sich gewünscht hatte. Sie war natürlicher, als daß sie es durch ihr goldenes Haar fühlte wohl, daß Herr René" so nannte sie ihn schlang? Außerdem war gerade Sonntag, der einzige Tag, Annette empfand, seit René's Lippen die ihrigen be- fie nur als wohlerzogenes, kluges kleines Mädchen" be- an dem sie die schreckliche schwarze Hülle, welche die ganze rührt hatten, mehrere Tage in seiner Gegenwart eine sonder- handelte. Woche hindurch ihre Schmetterlingsflügel gefangen hielt, bare Scheu, die jeden, der sie kannte, befremden mußte. Ach, welcher Jammer, daß sie so klein war! Wenn er abstreifen konnte. Mit dem Bande geschmückt, erschien sie Sie wagte ihn faum anzusehen und zitterte, wenn er das gewußt hätte, wie sehr sie ihren Bruder um sein Glück Morgens beim Frühstück. Wort an sie richtete. Bielleicht hatte diese flüchtige Be- beneidete, ihn täglich und zu allen Stunden zu sehen und Was muß ich sehen? rief Frau Roveray sofort. Wo rührung genügt, um ein Empfinden in ihr zu wecken, das zu hören! Wenn er die in eleganten Arabesken sich in ein- hast Du diesen lächerlichen Flitterstaat hergenommen? in jedem heranwachsenden Mädchen schlummert. Sie be- ander schlingenden R. und M. in ihren Schulheften hätte René versuchte zu vermitteln: mühte sich von nun an, ein zurückhaltendes Wesen an- entziffern können, die sie in ängstlicher Haft und mit Aber ich finde, sagte er, daß das Band Fräulein zunehmen, fie frisirte sich sorgfältiger gab unendlicher Vorsicht durch unzählige fünstliche Schnörkel Annette gar nicht schlecht steht. fich beim Gehen eine gesetztere Haltung, alles wieder unkenntlich machte! Wenn er doch eine Ahnung Sogleich wurde er für seine Worte durch einen langen, Dinge, die nicht zu ihren Gewohnheiten gehörten. Frau gehabt hätte von der stummen Anbetung, die ihm dies un- dankbaren Blick belohnt. Ganz anders aber der Blick, den Roveray, die viel zu sehr mit himmlischen Dingen beschuldige, leidenschaftliche Herz entgegenbrachte! Aber leider die Mutter ihm zuschleuderte. Mit strengem Tone erwiderte schäftigt war, um die Dinge, die auf dieser Erde geschehen, ge- ging es doch nicht an, daß Annette es ihm sagte. sie: man müsse niemand loben. Wer sich selbst erhöhet, der nügend beobachten zu können, freute sich über diese Ver- Eines Tages hatte sie nach Tische einen Apfel mit werde erniedrigt werden. Das Gefallenfinden an eitlem änderung, ohne daß sie die Ursache ahnte. Unglücklicher größter Sorgfalt geschält. Die Schale bildete ein langes, Schmuck sei der Anfang zum Verderb der Seele, weise war auch René so zerstreut, daß er nichts merkte. Er schmales Band, das sie dann über die Schulter hinweg ohne Mitleid schickte sie das junge Mädchen, als wäre es ein sah nicht, daß Annette für ihn einen besonderen Klang in hinter sich geworfen hatte. Jeder weiß, daß die wahres Ungeheuer von Rotterie, aus dem Zimmer und der Siimme, ein besonderes Lächeln hatte, daß sie ihm be- Windungen, welche die Schale dann auf dem Fuß- gebot Annette, in einer passenderen Toilette" wieder zu ständig im Rorridor begegnete, daß sie dem Briefträger boden bildet, den Anfangsbuchstaben vom Namen kommen. entgegeneilte, um René die für ihn bestimmten Briefe über- des Zukünftigen bezeichnen. Ueber ihr Drakel ge= Es stand bei Frau Roveray fest, daß ihre Tochter reichen zu können, daß sie ihn stets um einen Rath zu beugt, ertannte sie mit positiver Bestimmtheit den nicht geschmackvoll gekleidet, daß sie nicht hübsch sei, sie bitten hatte, sei es, daß es sich um ein Buch, das sie lesen Buchstaben M, als noch René zufällig einmal ahnte nicht einmal, daß irgend Jemand sie hübsch finden wollte, oder um eine Schularbeit handelte. Selbst bei dem in das Zimmer trat. Welche prächtige Gelegenheit, ihn konnte. Ueberzeugt, daß die Neigungen der menschlichen eisigen Dezembernebel ging fie im Garten unter seinen jetzt einen Blick in ihr Geheimniß thun zu lassen! Aber Natur böse sind, zog sie die logische Konsequenz daraus,
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