Einzelbild herunterladen
 

Nr. 284.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Biertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. fret in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags: Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 8,30mt. pro Quartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Oesterreich Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Eingetr. in der Poft Bettungs- Preisliste für 1894 unter Nr. 6919.

Vorwärts

11. Jahrg.

Insertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder beren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Bersammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist an Wochens tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn und Festtagen bis 9 Uhr Vor­mittags geöffnet.

Fernsprecher: Amt 1, Nr. 1508, Telegramm- Adresse:

Sozialdemokrat Berlin Berliner

Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Donnerstag, den 6. Dezember 1894. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Arbeiter! Parteigenossen! Trinkt kein boykottirtes Bier!

Die Rede,

Geehrte Herren!

Im Namen meiner hohen Verbündeten heiße ich Sie beim Beginn Ihrer verfassungsmäßigen Thätigkeit willkommen. Sie werden Ihre Arbeit in die neue Stätte verlegen, welche durch zehnjähriges ernftes Schaffen als ein Denkmal vaterländi­fchen Fleißes ihrer Vollendung entgegengeführt ist.

ftreben!

wie ich hoffe, noch in dieser Tagung vorgelegt werden können.

-

-

denen der Volkswohlstand durch mißbräuchliche Benutzung der] Friedensliebe, Solidarität menschlicher Gefühle und börsenmäßigen Formen des Handelsverkehrs ausgesetzt ist. Ein friedlicher Wünsche- und neue Kriegsrüstungen zu Wasser Gefeßentwurf, der den auf diesem Gebiete hervorgetretenen und zu Land. mit welcher der Reichstag offiziell eröffnet wurde, hat Schäden abzuhelfen bestimmt ist, wird vorbereitet und Ihnen, Schutz für die schwächeren Klassen der Gesellschaft folgenden Wortlaut: Daffelbe gilt von einem Gesegesvorschlag, der dem Handels- und Liebesgaben an die Reichen und Steuern, die den und Gewerbestand gegen den Wettbewerb, welcher unlautere armen Mann niederdrücken. Milderung der wirthschaftlichen und sozialen Gegensätze, Mittel nicht verschmäht, Schuh gewähren und damit auf die Festigung des Vertrauens in Handel und Wandel hin- Förderung des Gefühls der Zufriedenheit und der Zusammen wirken soll. gehörigkeit im Volt und ein Knebelgesetz für die stärkste Das finanzielle Verhältniß der Einzelstaaten zum Reich Partei im Reich und für das gesammte klaffenbewußte Möge Gottes Segen auf dem Haufe ruhen, möge die Größe hat sich in einem für die ersteren bedenklichen Umfange verarbeitende Volk. und Wohlfahrt des Reiches das Ziel sein, welches alle zur Arbeit schoben. Während die Einzelstaaaten ein Jahrzehnt lang Man braucht Wort und Handeln nur einfach in seinen Räumen Berufenen in selbstverleugnender Treue an- bedeutende Mehrüberweisungen vom Reich empfingen, ist das neben einander zu stellen, und die tiefe Kluft, Reich gegen särtig genöthigt, zur Deckung seiner eigenen Bedürf­Diesen Wunsch empfinde ich besonders lebhaft im Hinblick nisse erhebliche Buschüsse von den Einzelstaaten zu fordern. die Schein und Sein in der heutigen Gesellschaft trennt, auf die wirthschaftlichen und sozialpolitischen Aufgaben, welche Diesem drückenden Uebelstande vermögen die Mehreinnahmen wird auch dem blödesten Auge sichtbar. In diesem schroffen unter Ihrer Mitwirkung zur Lösung zu bringen sein werden. aus den Reichs- Stempelsteuern nur zum Theile abzuhelfen. Es Gegensatz zwischen Wort und Handeln offenbart sich die Getreu den Ueberlieferungen der Vorfahren, betrachten meine ist deshalb die Erschließung weiterer Steuerquellen unerläßlich. Berfahrenheit und Unlogik der heutigen Zustände. Die hohen Verbündeten und ich es als die vornehmste Aufgabe des Demgemäß wird Ihnen von neuem ein Gesezentwurf vorgelegt herrschende Politik ist zu einer Praris gezwungen, die sie Staates, die schwächeren Klassen der Gesellschaft zu schützen und werden, welcher die anderweite Besteuerung des Tabats in Aus: in der Theorie verurtheilt. Und damit verurtheilt sie sich ihnen zu einer höheren wirthschaftlichen und fittlichen Ent- ficht nimmt. Nicht minder halten die verbündeten Regierungen fest selbst. Wir legen an den Staat den Maaßstab seiner wickelung zu verhelfen. Die Pflicht, dieses Ziel mit allen Kräften an der Forderung einer organischen Auseinandersetzung des Reichs anzufireben, wird um so zwingender, je ernster und schwieriger und der Einzelstaaten, um die Finanzwirthschaft des Reichs selbst- eigenen Theorien, und mit diesem Maaßstab gemessen steht der Kampf um das Dasein für einzelne Gruppen der Nation ständig zu machen und die Einzelstaaten wenigstens für längere Zeit vor er überführt, seinen eigenen Theorien ins Gesicht zu schlagen. Was von unlauterem Wettbewerb, von den Miquel'schen fich gestaltet hat. Bon der Ueberzeugung getragen, daß es der schwankenden und steigenden Anforderungen zu schüßen. Behufs Staatsgewalt obliegt, gegenüber den streitenden Intereffen der baldiger Durchführung jener durch die föderative Gestaltung Steuerreformen( automatischen oder organischen) und verschiedenen Elemente das Gesammtinteresse des Gemein- Deutschlands gebotenen und zur Aufrechterhaltung finanzieller noch anderen ähnlichen Dingen in der Eröffnungs­wesens und die Grundfäße der ausgleichenden Gerechtigkeit Ordnung unerläßlichen Reform haben sich die verbündeten Re- rede zu lesen ist, das haben wir in den letzten aur Geltung zu bringen, werden die verbündeten Regierungen gierungen indessen entschlossen, auf die im Vorjahre zu gunsten Monaten schon hundete von Malen gelesen. Auch fortfahren in dem Bestreben, durch Milderung der wirthschaft der Einzelstaaten geforderten Mehrüberweisungen zu verzichten. nicht ein martiger Saz, auch nicht die homöo­lichen und sozialen Gegenfäße das Gefühl der Zufriedenheit Ich gebe mich der sicheren Erwartung hin, daß nunmehr auf pathischste Dosis eines neuen Gedankens oder einer neuen und der Zusammengehörigkeit im Volte zu erhalten und zu dieser neu gewonnenen Grundlage eine volle Ginigung mit Ihnen Gedankenform tritt uns aus der geistigen Dede dieses, die In den letzten Jahren hat zu meiner lebhaften Befriedigung allgemeine politische Dede und Gedankenlosigkeit der die Zuversicht in die Erhaltung des europäischen Friedens neue herrschenden Klassen treu abspiegelnden Aktenstücks entgegen. Nicht einmal von der Umsturzvorlage wird mit einer Kräftigung erfahren. Getreu dem Geiste unserer Bedürfnisse pflegen wir mit allen Mächten gute und freundliche Beziehungen. gewissen Wärme gesprochen, obgleich sie zu den Gegenständen Zwei uns benachbarte Reiche sind im Laufe der legten Monate gehört, von denen man, weil sie an sich sinnlos sind und von erschütternden Ereignissen heimgesucht worden. Deutschland nur aus der Leidenschaft erklärlich, voraussetzen könnte, hat sich aufrichtig der allseitigen Theilnahme angeschlossen, welche von neuem Zeugniß ablegt von einer Solidarität menschlicher daß in Ruhe sich nicht darüber reden läßt. Welchen Grund immer es haben mag, daß das Gefühle und friedlicher Wünsche. In dem heimgegangenen Kaiser Alexander III von Rußland betrauere ich einen Freund Umsturzgesetz nicht mit dem Etat vorgelegt wurde, die Väter, Pathen und Geburtshelfer des Umsturzgesezes haben jeden­und bewährten Mitarbeiter an den Werken des Friedens. Arbeiten einzutreten, gebe ich der Hoffnung Ausdruck, daß diese sie sich eingebildet hatten. Und wenn die Herren Gesell­Geehrte Herren! Indem ich Sie nunmehr ersuche, in Ihre falls gefunden, daß die Umstürzelei nicht so leicht ist, wie zum Heile des Vaterlandes gereichen werden. Sie mögen Beugniß schaftsretter hinter sich blicken und sehen, was für ein ablegen dafür, daß von der Einmüthigkeit, mit welcher die schlechtes Ende a II' ihre Vorgänger auf der gleichen deutschen Stämme vor nun bald fünfundzwanzig Jahren für die Bahn genommen haben, dann bietet sich ihnen freilich fein Gründung des Reichs eintraten, ihre Vertreter auch bei dem weiteren Ausbau unserer vaterländischen Einrichtungen geleitet ermuthigendes Schauspiel. Es ist ihre Zukunft, die sie da schauen. Und wir werden unser Möglichstes thun, daß werden. Die Rede ähnelt allen derartigen Attenstücken. Schön- ihr Schicksal fich bald erfülle. tlingende Gemeinpläße, denen der Inhalt widerspricht Wortgebilde und Thatsache in diametralem Gegensatz.

fördern. Soll aber dieses Bestreben, bei welchem ich Ihre rückhalt­lose Unterstützung erhoffe, in seinem Erfolge gesichert werden, so erscheint es geboten, dem verderblichen Gebahren Derjenigen wirksamer als bisher entgegenzutreten, welche die Staatsgewalt in der Erfüllung ihrer Pflicht zu stören versuchen. Die Er fahrung hat gelehrt, daß die bestehende Gesetzgebung nicht die erforderlichen Handhaben hierzu bietet. Die verbündeten Regie: rungen erachten deshalb eine Ergänzung unseres gemeinen Rechtes für geboten. Es wird Ihnen unverzüglich ein Gesezentwurf vorgelegt werden, welcher vornehmlich durch Erweiterung der geltenden Strafvorschriften den Schuß der Staatsordnung verstärken will. Ich hege die Zuversicht, daß Sie für diese ernste Aufgabe Ihre thatkräftige Mitwirkung gewähren werden. Die feit Einführung der Reichsjustiz- Gesetze gesammelten Er fahrungen haben Mängel der Straf- Prozeßordnung und der mit ihr im Zusammenhang stehenden Theile des Gerichts- Verfassungs­gesetzes ergeben. Behuss ihrer Beseitigung wird Ihnen ein Gefeßentwurf vorgelegt werden, in deffen Rahmen zugleich die Entschädigung unschuldig Verurtheilter ihre Regelung finden soll. Die Untersuchung der Börsenverhältnisse durch die dazu eingesetzte Kommission hat gezeigt, daß die bestehenden Ein­richtungen nicht ausreichen, um die Gefahren abzuwenden,

Feuilleton.

Im Exil.

( Nachbruck verboten.] 20

Roman von Georges Renard. Autorisirte Uebersetzung von Marie Kunert .

Sie erkennen sie nicht? sagte Henri.

Das junge Mädchen winkte ihm zu, er möchte schweigen. Aber, das ist ja Annette, Fräulein Annette vielmehr. Welch reizende Ueberraschung! rief René, wie wenn ihm plöglich eine Erleuchtung gekommen wäre.

erzielt werden wird.

war alles, was René beim ersten Blick an seiner veränderten Nach barin zu gewahren glaubte.

liegen zu laffen, geworden? Das Eis war plöglich ge­schmolzen unter dem holden Blick Annette's wie Aprilschnee unter den warmen Strahlen der Sonne. Zweifellos war Bilder aus längst vergangener Zeit stiegen vor ihm seine Gegenwart der verliebten Rosa nur zu angenehm. auf, als er in seiner Erinnerung das Mädchen suchte, wie Dafür war sie aber Herrn Jules de Marnand gewiß in er es früher gekannt hatte. Er dachte laut und sagte demselben Grade unangenehm. Das glich sich also aus. träumerisch: Jules und ich werden rudern, fuhr Henri fort. Wie sonderbar ist doch der Zufall! Erinnern Sie Sie, mein lieber Lehrer, werden gefälligst mit den sich, daß die fünf Menschen, die sich heute auf diesem Damen auf dem Rücksitz Platz nehmen. Wir vertrauen Boote zusammengefunden haben, früher einmal- es ist Ihnen das Steuer an. schon lange her auch in demselben Weltwinkel vereint waren?

-

Annete entgegnete ungestüm: Ob sie sich noch daran erinnerte! Ja, gewiß! Es war zur Weinernte im Jahre 1871! In ihrem Weinberg la Pierrette! Welch reizender Tag damals, nicht wahr?

Und plötzlich, als sie fühlte, daß sie bei dem Gedanken an einen gewissen Kuß roth wurde, schwieg sie wieder und wandte sich ab, um ihre Unruhe und Freude zu verbergen. Er hatte es also auch nicht vergessen!

Er begrüßte ihn freundschaftlich. Dagegen war er nicht sehr angenehm überrascht, als er seine zärtliche Freundin, Fräulein Rosa Krang, und Jules de Marnand erkannte, Der stolz und geckenhaft wie immer in einen weißen Flanell- So geschah es. René begab sich auf seinen Poften mit anzug gehüllt war. Aber wer war denn die vierte im Rosa Kranz zur Rechten, was ihn beunruhigte, aber mit Bunde, diese hübsche Blondine, die ihn mit rofig über- Annette zur Linken, was ihn wieder tröstete. Während das hauchten Wangen und einem geheimnißvollen Lächeln um Boot abstieß, konnte er das junge Mädchen betrachten. Ja, ben Mund anschaute? Zögernd grüßte er. das war die kleine Annette, und doch war sie es auch nicht mehr. Sie war klein und zierlich geblieben und sah so weit jünger aus, als sie war. René rechnete nach, daß sie jetzt neunzehn Jahre alt sein müffe. Man hätte sie aber höchstens auf sechszehn Jahre geschätzt. Frisch wie der junge Morgen erschien sie in ihrem rosa und blauen Leinenkleide, ihrem Und er sprang an das Ufer und ging auf das junge großen mit Winden geschmückten Strohhut. Dabei hatte Mädchen zu. Mit ausgestreckter Hand trat sie ihm ent- fie noch immer die alte entschlossene Miene, den lachenden gegen. Er nahm sie in die seinige, und für einige Mund zwischen den Grübchen. Noch immer umgab das scheiden, so ganz in sich selbst versunken, so wenig auf­Gefunden betrachteten die beiden sich voll stummer, zärt- lockige Haar ihren Kopf wie mit einer goldenen Wolte. fallend in ihrem Wesen, daß er darüber ganz erstaunt war. licher Neugier. Nur ihre Lebhaftigkeit war jetzt in Zurückhaltung gemäßigt. Er hatte sie von der ersten Minute an falt behandelt Jetzt laffen wir Sie nicht mehr los, sagte Henri zu Ihre haftigen Bewegungen, ihre zart gebauten Glieder und sie kaum eines Blickes gewürdigt. Jetzt nahm er sich René. Wir haben den einsamen Kahnfahrer, der uns hatten etwas anmuthig Weibliches angenommen. Ihre vor, sie näher anzusehen. In der That, sie hatte sich sehr gerade in den Wurf tam, angerufen, um ihn zu fragen, Augen besaßen noch denselben Liebreiz, sie waren nur un- verändert! Diese bescheidene Kleidung, dieses auf wahr­wann er uns sein Boot überlassen würde. Jegt werden wir ergründlicher geworden. Ihre ganze Erscheinung athmete scheinlichere Proportionen zurückgeführte Chignon, diese Ab­den Kahnfahrer umherrudern. Anmuth und wieder Anmuth. Aber unter all dem schlug wesenheit aller Prätentionen und Koketterien, diese Miene, ein leidenschaftliches Herz, das ihrem ganzen Wesen etwas die stets um Verzeihung zu bitten schien, diese diskreten von dem berauschenden Duft einer zarten Blüthe gab. Das Manieren! Was war denn eigentlich geschehen? Gine

René wehrte sich dagegen, jedoch nicht sehr ernstlich. Was war aus seinem Entschluß, diese Störenfriede links

Zum Glück hatte René gerade einen etwas boshaften Blick auf die arme Rosa geworfen, die auch ihre Gründe hatte, sich dieses Tages zu erinnern. Er sah sie so be=