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Nr. 21 39. Jahrgang Ausgabe A nr. 11

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Freitag, den 13. Januar 1922

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Demission der Regierung Briand .

Paris , 12. Januar. ( WTB.) Nachdem Briand in der Kammer seine Erklärung abgegeben hatte, in der er seine Haltung in Cannes rechtfertigte, begab er sich ins Elysee, um die Demission des Ministeriums mitzuteilen. Der Präsident der Republik Millerand hat die Demission des Kabinetts angenommen. Das Ministerium trat um 4% Uhr zurück.

Die Vorgänge, die sich gestern in Paris abspielten, laffen fich noch nicht ganz flar überblicken. Briand hat im Ras binett feine Auffaffung dargelegt, und dort wurde fie, wie offizios berichtet wird, einstimmig gebilligt. Er begab sich dann mit seinen Ministerkollegen in die Kammer und recht fertigte dort noch einmal die Grundlinien seiner Politik, von deren Berlassen er schweres Unheil für Frankreich prophezeite. Aber statt eine Entscheidung der Kammer abzuwarten, gab er die Erklärung ab, daß er zur Fortführung feines Amtes nicht mehr die nötige Autorität besige und verließ die Kammer, um dem Präsidenten der Republik Miller and die Demission des Rabinetts mitzuteilen. Sie wurde angenommen. Der stürmische Beifall, mit dem die Linke Briands Ab­fchiedsgeste begleitete, zeigt, daß das überraschende Schauspiel dieses Regierungssturzes ohne Kammervotum nicht allen uner wartet fam. Briand war wohl bereits mit heftigem Unwillen über das Treiben der Opposition hinter seinem Rüden nach Baris gekommen, er hat es mit Recht als einen unmöglichen Zustand empfunden, daß ein Ministerpräsident während der wichtigsten Berhandlungen, die er zu führen hat, zu seiner Rechtfertigung vor die Kammer zitiert wird, und er hat in Gesprächen mit Freunden es als das richtigste gefunden, diefem undisziplinierten Parlament den Bettel vor die Füße Briand ist also nicht gegangen, um zu entsagen, sondern er hat es geton. um starf er zu werden. Er will seine Bolitit, nötigenfalls in der Oppofition, weiter fortseken, um fie früher oder später als Ministerpräsident zum Ziel zu führen. Durch diese Taftit hat er feinem Nachfolger die Sache nicht leichter gemacht.

zu werfen.

Man nennt in der Deffentlichkeit als mutmaßlichen Nach­folger Poincaré , aber von vielen, die mit den Pariser Berhältnissen genauer vertraut sind, wird ein Ministerium Barthou für wahrscheinlicher gehalten. Aber Poincaré oder Barthou oder ein anderer, auf keinen Fall ist der Nach folger Briands um feine Aufgabe zu beneiden. Geht er den felben Weg wie Briand , so wird er mit demselben Widerstand zu rechnen haben, verläßt er ihn, so findet er in Briand und seinem Anhang einen gefährlichen Gegner.

nicht anders denn als fluger Sachwalter fran. Obersten Rates 3 weifelhaft fel. Die Frage müsse erst in zösischer Interessen gehandelt, wenn er bei der einer internen Beratung geflärt werden. Die Sihung wurde Festsetzung der Bedingungen dieses Aufschubs möglichst viel darauf gegen 64 Uhr vertagt. an politischen und wirtschaftlichen Sicherungen für Frankreich herauszuholen suchte, und dann ist sein Beweis schlüssig, daß fein französischer Ministerpräsident, ohne schweres Unheil über Frankreich zu bringen, anders handeln kann, als er ge­handelt hat.

Cannes , 12. Januar. ( Havas.) Minister Coucheur erklärte dem Chef der alliierten Delegationen, er befinde sich in der Not­wendigkeit, Cannes heute abend zu verlassen. Troh des Berjuchs von Lloyd George beharrte Coucheur dabei, abzureifen. Der Oberste Rat hat die Mitglieder der Reparationstom­Somit stände im Augenblick nichts fest als der Deutsch mission angegliedert, um nach der Abreise Loucheurs die land gewährte Zahlungsaufschub, alles andere, Cannes , Berhandlungen mit den deutschen Vertretern fortsetzen zu fönnen. Genua , das englisch - französische Garantieabfommen, alles, Erst nach der Bildung des neuen französischen ka­alles wäre in Frage gestellt. Selten sind mit einem Streich bin etts fönne die Rede von einer Einberufung eines neuen soviel Töpfe zerschlagen worden als mit dem Streich, den Obersten Rates jein. Ein Teil der französischen Delegation die nationalistische Opposition gegen Briand geführt hat, und verläßt heute abend mit minister Coucheur Cannes, der Rest wird es ist Frankreich , das vor einem Scherbenhaufen steht. morgen abend abreisen. Lloyd George verläßt Cannes Wieder einmal scheint es sich zu erweisen, daß die lautesten am Sonntag. Redner von des Baterlandes Macht und Ehre in der Wir ung die allerschlechtesten Patrioten sind.

Briands Abdankungsrede.

Paris , 12. Januar. ( EE.) Nach einer Unfrittstede des wieder­

In Deutschland wird man gut tun, der kommenden Re­gierung Frankreichs mit Spannung, aber ohne Boreins genommenheit entgegenzusehen. Die Notwendigkeit, gewählten Präsidenten Raoul Péret ergriff Ministerpräsident das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarn erträglich zu Briand das Wort, um eine Ert.ärung abzugeben. Die Kammer gestalten, ist so zwingend, daß feine französische Regierung ist start befeht. Mehr als 500 Abgeordnete find anwesend. imstande sein wird, ihr auszuweichen. Der gute Wille zu einer Verständigung, wie er sich beim Abschluß des Wies­ badener Abkommens gezeigt hat, muß und wird in Deutschland lebendig bleiben. Nichts wäre verfehlter als die Festlegung auf eine Politit mit England und Briand gegen Frankreich und Briands Nachfolger.

Briand führte in seiner Rede aus, daß er die Unruhe zerstreuen wolle, die im Lande wegen der Konferenz von Cannes herrsche. Diese Unruhe sei durch tendenziöse und lügenhafte Informationen hervor gerufen worden. Der Ministerpräsident fommt auf die Tagesord nung der Konferenz zu sprechen, die es sich zur Hauptaufgabe gemacht habe, den Weltfrieden auf eine sichere Grundlage zu stellen. Die französische Politik tann, menn sie nicht von allen guten Dieser Weltfrieden könne nur durch die internationale Soli­Geistern verlassen ist, von drei Dingen eines nicht, nämlich auf darität gerettet werden. Das Reparationsproblem werde durch eigene Faust gegen Deutschland mit Sanktionen" vorgehen. die Wirtschaftskonferenz von Genua feineswegs behandelt werden. Dann bleiben aber nur noch zwei Möglichkeiten: entweder die ein Ungriff auf den Bersailler Vertrag werde erfolgen und Frank­Rückkehr auf den Weg Briands, zur Politik des Hand- in- reich werde alle Sicherheiten behalten, die ihm zustünden. Auch Handarbeitens mit England, oder aber der Versuch, zu von den. Sowjetvertretern habe man ernstliche Garantien nächst einmal selbständig das Verhältnis zu erhalten. Die Konferenz von Genua dürfe aber feineswegs abge­Deutschland zu regeln. Deutschland würde sich halten werden, ohne daß Frankreich auf ihr vertreten fei. Briand grundsätzlich nicht zu weigern brauchen, diesen Weg zu belegt sodann das Programm dieser Wirtschaftskonferenz dar, die aus treten, wenn dabei festgehalten wird, daß es eben nicht nur schließlich wirtschaftlichen und finanziellen Charakter haben werde. Frankreich , sondern auch den anderen Vertragsmächten Er verweist darauf, daß alle Länder, die nach Genua berufen worden gegenüber Pflichten zu erfüllen hat.

Obwohl uns Deutsche natürlich vor allem die Frage inter­effiert, wie sich nun die Beziehungen Frankreichs zu Deutschlands Ziel ist nicht die Revanche und nicht die Deutschland weiter gestalten werden, so müssen wir doch Annullierung seiner Verpflichtungen. Es fehlt hier nicht an die Tatsache uns vor Augen halten, daß das Problem, um Berständnis für die überaus schwierige Lage Frankreichs , in das es fich handelt, zunächst ein englisch franzöfider die letzte Ursache dieser kopflosen Krise zu suchen ist. Der fches ist. Wäre Briand nach heißem Kampf als Sieger nach wahre Frieden, den alle suchen und den feiner findet, heischt Cannes zurückgekehrt, so hätte das zweifellos eine Stärkung die Heilung der Wunden, die der Krieg allen geschlagen hat, Frankreichs gegen England bedeutet, denn Briand wäre dann und auch die Wunden Frankreichs , nicht nur un­als der Mann gekommen, der die Bolitik des englisch - fran- fere eigenen, sind schwer. Deutschlands Wille zum wahren zösischen Einvernehmens durchgesetzt hat und der dafür aber Frieden ist keine Maske, die abgeworfen wird, wenn die Ge­auch Entgegenkommen von England erwarten kann. Der legenheit günstig scheint, das wird unsere Politik bei der un­Abschied Briands unter den gegebenen Umständen bedeutet gewissen weiteren Entwicklung der Dinge beweisen müssen. aber eine Stärkung der Stellung Englands, Die nationalistische Bolitik muß sich totlaufen, sie hat es denn jetzt ist die Lage so, daß amar England eine starke üh vielleicht jetzt schon getan. Ueberall erweist sie sich als die rung befißt, Frankreich aber keine, daß England eine flare Unheil und Unruheftifterin, auch das französische Bolk wird Bolitit hat, während Frankreich selber nicht recht zu wiffen sich eines Tages mit leberdruß und Efel von ihr abwenden. fcheint, was es mill. Bielleicht feiert sie heute noch im Siegesrausch den Sturz Briands, aber schon dämmert ein grauer Morgen.

sind, weitgehende Sicherheiten zugestehen müßten, daß sie die Grenzen ihrer Nachbarn anerkennen und nicht verletzen wollen. Derartige Sicherheiten dürften von niemandem gering geachtet werden. Das zweite Problem, mit dem man sich in Cannes beschäftigt habe, sei das der Reparationen.

Erregte Zwischenrufe.

Uls Briend nunmehr die Tätigkeit der Reparationsfommiffion

schildert, erregt seine Erklärung, daß innerhalb der Reparations tommiffion für die Gewährung eines Moratoriums an Deutschland eine Mehrheit bestehe, große Erregung auf zahlreichen Bänken. 3 ahlreiche 3 wischenrufe werden laut: Was machen Sie mit dem blommen von Condon?

Briand wiederholt: Es ist eine Tatsache, es gibt eine Mehrheit, die den jetzt geltenden 3ahlungsplan abändern will ( 2éon Daudet ruft dazwischen: Das ist bedauernswert!). Lärm gelegt hat; Kammerpräsident Béret fordert die Kammer­

Ministerpräsident Briand wartet einige Minuten, bis sich der Briand hat im Abaehen seinen Gegnern wie einen fhweren Felsblock die Mitteilung zugeschleudert, daß die mitglieder auf, den Ministerpräsidenten in Ruhe anzuhören. Mehrbeit Briand fortfahrend: Das ist eine Regierungs­der Reparationsfommission Die Konferenz von Cannes labmoeleat. frage. Hören Sie doch zu, wie weit die Dinge gediehen sind. Weil Deutschland den nachgefuchten Rahlungs= auffchub bemilliat hat. Das ist eine Tafadhe, mit Cannes , 12. Januar. ( WTB.) Deuticherfeits wird es unmöglich ist, diesen Zahlungsplan zu verhindern, ist die fran­der auch riends Nachfolger rechnen mus, un tie ihm seint, offiziell gemeltet: In der heutigen Marmittagsfihung des zöfifche Regierung bemüht, die französischen Interessen Rates beendete bak er franfreih in eine Minderheitstellung hineinman- Obersten beendete Reichsminister a. D. Dr. sicherzustellen. Wenn der Zahlungsplan für 1922 abgeändert nriert, menn er eine andere Molitit treint als Briand Teder Rathenau seine Ausführungen, in denen er besonders die sei, welche Garantien, habe man dann, damit die Lage nicht 1923 Berfuch, dem Befluk her Reparationsfommiffion entgegen von der Reichsregierung ins Auge gefakten Maßnahmen zur die gleiche werde? Frankreich habe auf seine Leiden hingewiesen, zuhandeln und, trot ordningsmäia aemährten Moratoriums Beseitigung der finanziellen Schwierigkeiten darlegte. Wäh- auf die Lage seiner Finanzen und erklärt, es könne nicht zu­mit Rwangsmaßregeln gegen Deutschland vorgehen, wäre rend der Sitzung ging aus Paris die Nachricht vom Rid- geben, daß das Jahr 1922 es auch nur um einen Cen jetzt ein flagranter Bruch des Bertrags von Versailles , eine tritt Briands ein, worauf Coucheur den Obersten time beraube. Wenr der Zahlungsplan abgeändert werden Herausforderung der ganzen Welt. Rat verließ. Nach Beendigung der Ausführungen müffe, verlange Frankreich , daß Garantien für eine Ron Dr. Rathenaus erklärte der Vorsitzende Lloyd George , trolle gegeben würden, die Deutschland verpflichteten, das zu daß angesichts des Fehlens einer alliierten Regierung die unternehmen, was es bis jetzt noch nicht getan habe. Darüber seien Beschluß- und Berhandlungsfähigkeit des die freundschaftlichsten Verhandlungen in Cannes geführt worden.

Hat die Revarationsfommission tatsächlich den Zahlungs. aufschub beschlossen und ist sie entschlossen, von dieser Entschei dung nicht mehr abzugehen, dann hat Briand tatsächlich gar