Nr. 61 39. Jahrgang Ausgabe A nr. 31
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Es ist merkwürdig, daß in einer Zeit, in der so viel ge streift wird, so selten davon die Rede ist, wie sich Streif
Die städtischen Arbeiter haben in fast unbegreiflicher Berblendung beschlossen, der arbeitenden Bevölkerung Berlins ab Die Bertreter der beteiligten Angestelltenorganisationen ver- und Sozialismus zueinander verhalten. heute 4 Uhr früh Gas, Elettrizität und Wasser abzuschneiden. fuchten ihre Funktionäre dahin zu bringen, zu der durch den Für manche Leute ist die Sache freilich ungeheuer einfach; Die Streifleitung hat verfügt, daß auch teine Notstands Schiedsspruch gegebenen durchaus veränderten für die ist derjenige, der am schnellsten und am lautesten nach arbeiten verrichtet werden sollen; nur die Bumpen der Unter- Situation erneut Stellung zu nehmen und unverzüglich durch Streif ruft, der beste Sozialist; wer aber nicht jeden Streif grundbahnanlagen sollen in Gang bleiben, die Pflegeanstalten Urabstimmung über den Schiedsspruch zu entscheiden. Die Organt ohne weiteres billigt, der ist ein Judas und ein Arbeiterund das Aquarium des Zoologischen Gartens sollen fationen müßten ihre Zustimmung zum Streit ablehnen, solange verräter. nersorgt werden. Die Krofodile werden also von heute ab eine Urabstimmung über den Schiedsspruch nicht erfolgt ist. Es die beneidenswertesten Berliner sein; marum die Streifleitung würde auch gelungen sein, die Angestellten zu einem dehingehenden mit diesen interessanten Geschöpfen mehr Mitgefühl hat als mit den Proletarierfindern, benen nicht einmal ein Glas Beschluffe zu bewegen, wenn nicht inzwischen der Streitbeschluß be. mit den Proletarierfindern, denen nicht einmal ein Glas tanntgeworden wäre. Da man fürchtete, das Odium des Streit affer bleibt, ist bisher nicht ergründet worden. Auch die Toten sollen nicht mehr begraben werden. bruchs auf sich zu nehmen, und die Solidarität der Kopf- und Nur die schon Angemeldeten werden noch abgefertigt, die Handarbeiter betont wurde, beschlossen auch die Angestellten den anderen bleiben liegen, bis der Magistrat, der soziali. stische Magistrat Berlins , so tanzt, wie die Streilleitung befiehlt. Gegenüber folchen Methoden der Kampfführung ver Schwindet der Strei gegenstand fast in ein Nichts. Selbst wenn die städtischen Arbeiter mit ihren Forderungen fo recht hätten, mie sie nach unserer Ueberzeugung unrecht haben, ließe sich einfo barbarischer, allen Geboten der Mensch lichteit hohnsprechender Kampf für die speziellen Intereffen einer bestimmten Arbeitergruppe niemals recht fertigen. Mit einer fo geführten Bewegung wollen wir nichts zu tun haben, mir rüden weit von ihr ab.
Was wir in diesen Tagen erleben, ist ein Unglüd und eine Schande für die Arbeiterbewegung. Für uns Sozialdemokraten heißt es jezi, im Sturm fest bleiben. Wir Fönnen das unsere tun, um das Uebel auf das mögliche Minbestmaß zu beschränfen, aber aus unserer schärfften moralischen Berurteilung eines solchen Borgangs dürfen wir fein Hehl machen.
Dem selbstmörderischen Wahnsinn, der sich jetzt austobt, wird die Ernüchterung folgen. Wir müssen jetzt schon der Reaktion die Früchte streitig machen, die ihr mühelos menn auch wahrscheinlich nicht ohne ihre stille Mitwirkung hinter den Kulissen in den Schoß fallen. Der SozialdemoPratischen Partei bleibt die Aufgabe, die Arbeiterbewegung moralisch wieder aufzurichten und sie von dem Weg zum Abgrund zurückzureißen, auf dem sie sich augenblicklich befindet
Der Streikbeschluß.
Streit.
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Es ist ein aller gewerkschaftlichen Gepflogenheit geradezu hohnfprechendes Verfahren, sich auf das Abstimmungsergebnis über einen nicht mehr bestehent en Schiedspruch, den das Einigungsamt bes Magistrats abgegeben hatte, zu versteifen und daraufhin den Streif zu be chließen, ohne die Mitglieder auch nur darüber zu befragen und sie darüber entscheiden zu lassen, wie sie fich zu dem neuen Schiedsspruch im Reichsarbeitsministerium stellen, der um des lieben Friedens willen die ganzen bisherigen, teilweise als Ber. schlechterungen empfundenen Vereinbarungen. einfach beiseite legte und den geltenden Mante tarif so lange weiter laufen lassen will, bis durch neue Verhandlungen, für die ein volles Vierteljahr Zeit blieb, eine neue Regelung erfolgt ist.
Ben trifft die er Greif? Die Stapitalisten etwa? Nein, das ganze Berliner Gemeinwesen, in erster Linie aber die Arbeiter und Angestellten selber. Wer einen derartigen Streit unternimmt und ihn vor der Gesamtheit verantworten mill, der hat die verdammie Pflicht und Schuldigkeit, zuvor alles zu versuchen, um eine friebliche Regelung herbeizuführen. Das ist in diesem Falle nicht geschehen!
Wir ersuchen daher alle Urbelter und Ungestellien der Stadt Berlin , tarauf zu dringen, daß ihnen der neue Schiedspruch in objeffiver Weife befann gegeben wird und in allen Betrieben sofort eine Urabsfimmung darüber erfolgt, ob dieser Schiedsspruch angenommen oder abgelehnt werden soll. Darüber zu entscheiden ist ihnen bisher teine Gelegenheit gegeben worden, sondern über ihre Köpfe hinweg ist dieser Streit vom Jaune gebrochen worden. Solange die 2bstimmung nicht erfolgt ift, folange fann dieser Strelt nicht a's berechtigt und legal erilärt werden.
Arbeiter und Angestellte!
daß Leute, die bei allen Streits immer mit der Lärmtrompete Die lange Geschichte der Arbeiterbewegung lehrt freilich, voran waren, nur eine sehr vorübergehende Rolle zu spielen vermochten, während andere, die nötigenfalls auch den Mut fanden, sich augenblicklichen Strömungen entgegenzustellen und die dadurch von der Arbeiterbewegung viel Schaden abwandten, im Vertrauen der Maffen fest einwurzelten. Man braucht nur Namen wie Bebel und Bömelburg zu nennen wie oft würden sie jetzt den Judas " und den Arbeiterver räter" an den Kopf geworfen bekommen, wenn sie das zweifelhafte Bergnügen hätten, in dieser Zeit noch zu leben!
Jene Männer hatten gewiß nicht weniger Empfinden für die Notlage der Arbeiter als andere. Aber wenn sie erfannten, daß ein Streit unter den obwaltenden Umständen feine Besserung, sondern höchstens eine Verschlimmerung bringen fönnte, rieten fie von ihm ab. Ober wenn er dennoch ausgebrochen war und schief ging, rieten sie zu seinem Abe bruch und fürchteten sich weder vor Schimpfworten noch vor Steinen.
Die Gewerkschaften wehrten sich stets gegen den Vorwurf der Unternehmer, fie feien Streitvereine". Ste betrachteten und betrachten den Streif als ein legtes Mittel, das nicht ohne ftrenge Einhaltung der gewerkschaftlichen Regeln, nicht vor Erschöpfung aller anderen Möglichkeiten, nicht ohne forgfältige Abschätzung der Erfolgaussichten und der Gefahren des Kampfes angewendet werden darf.
Gilt das für alle Streifs, so gilt es doppelt und dreifach für solche, die in gemeinwirtschaftlichen Betrieben auszubrechen drohen. Damit fommen wir erst zu unserem eigentlichen Thema: Streit und Sozialismus.
Wenn die Arbeiter, Angestellten und Beamten nicht be greifen, daß zwischen gemeinwirtschaftlichen Betrieben und privatwirtschaftlichen ein Unterschied zu machen ist, dann ist die Sache des Sozialismus verloren. Heute aber besteht der Unterschied, der gemacht wird, höchstens darin, daß man sich in gemeinwirtschaftlichen Betrieben viel leichter zum Streifen entschließt als in privatwirtschaftlichen, weil man in jenen mit geringeren Widerständen und Risiken
Wahrt Euer ureigenftes Mitbestimmungsrecht und for- rechnen zu fönnen glaubt. dert Urabstimmung über den Schiedsspruch!
Aufruf des Magistrats.
Die am Freitagabend mit Blanfovollmacht ausgestattete Streit. leitung, die bereits vor der Beendigung der Abstimmung ge wählt war, hat im Laufe des gestrigen Sonnabends bis gegen 7% Uhr abends beraten. Alle vernünftigen Erwägungen konnten gegen den Hech rud nicht aufkommen, der aus allen städtischen Betrieben zur Beeinflussung der versemmelten Funktionäre unternom men wurde, um sie in der Durchführung des Streits zu bestärken. An alle städtischen Arbeiter und nicht ständig Angestellten! Der Streit wurde beschlossen. Um zu verhüten, daß stwa noch irgendein letzter Ausweg zur Abwendung der Rata trophe für das ganze Berliner Wirtschafts-, Berkehrs- und Fa. millenleben gefunden werden fonnte, ist die ursprüngliche Absicht, am Montag den Streit zu beginnen, aufgegeben worden. Sofortiger
Streif!
Um 4 Uhr früh ift ter elettrische Strom abzustellen. Die Bafferhaltung der Untergrundbahn wird mit Strom versorgt. Die Gas- und Wasserwerte treten um 6 Uhr früh in den Streit. Die dringendsten Notstandsarbeiten werden ver.
richtet.
Das Bersonal der Pflegeanstalten verrichtet seine Dienste weiter. Beerdigunggen werden nur soweit sie bereits angemeldet waren, besorgt.
Im übrigen werden nur die dringendsten Not.
standsarbeiten verrichtet.
Das Altersheim in Bud foll mit Beffer verforgt werden und anertennenswerter cife auch das Aquarium.
Der Magistrat hat in seiner heutigen Sigung befchloffen, den im Reichsarbeitsministerium gefällen Schiedspruch des Schlich fungsausschusses anzunehmen und das gleiche der Stadtverordnetenversammlung zu empfehlen.
Alle Arbeiter und nicht ständig Angestellien genießen also alle wesentlichen Rechte aus den bisherigen Manteltarifen weiter, befonders diejenigen, die ihnen bisher bezüglich des Urlaubs, der Arbeitszeit und des Mitbestimmungsrechtes zustehen. Die Gerüchte über bedeutend verlängerte Arbeitszeit, Herabfehung der Löhne usw. sind unwahr.
05 und welche Aenderungen in diesen Richtungen einmal einzutreten haben ist durch ten Schiedsspruch ausdrücklich dem Ergebnis von neuen Verhandlungen vorbehalten, die spätestens am 1. März 1922 zu beginnen haben. Mithin werden vier Monate 3elt sein, diese Berhandlungen gründlich und erschöpfend von beiden Scllen zu führen.
Hiermit sicht der Magiftrat den Weg offen, die schweren SchaDer Echiedsspruch wurde also verwerfen. Die Streifenden den wirt chaf licher und gesundheitlicher Art, welche ein Ausstand fordern, daß der bisherige Manteltarif anstatt bis 30. Juni, bis der fläd.lschen Arbeiter und nicht ständigen Angestellten mit fich zum Jahres chluß verlängert wiro, jedoch ohne jedwede Abänderung. bringen muß, der Einwohnerfchaft von Berlin und insbesondere Der Echiedespruch besagt einleitend:„ Die alten Manteltarife werden auch der werttäfigen Bevölkerung, den Müttern und Kindern, vor mit den pon beiten Parteien übereinstimmend allem auch den Kranten zu ersparen. für zwed mäßig gehaltenen Abänderungen bis
Bor zwei, drei Jahren gab es lints von unserer Partei noch Leute, die meinten, es schade nichts, wenn alles taputt gestreift würde, desto schneller gelange man, durch den großen fammenbruch bringe zwar Jahre des schlimmsten Elends, aber Zusammenbruch hindurch, zum Sozialismus. Der große Zudahinter öffneten sich die Tore des Neuen Reichs. Als Vorbild des Neuen Reichs galt jenen Gläubigen damals- Sowjetrußland. Diese Illusion ist so gründlich zerflossen, daß es fich nicht mehr lohnt, über sie zu reden.
Daß wir auf russischen Wegen zum Sozialismus gelan gen tönnen, glauben heute nicht einmal mehr die fonfuseften Kommunisten. Wenn diese vor zwei, drei Jahren das Tote ftreiten der Wirtschaft zur Förderung des Zusammenbruchs empfahlen, so hatte das immer noch einen gewissen Sinn, denn damals fahen sie hinter dem Zusammenbruch ein glän zendes Ziel. Heute ist diese Fata Morgana erloschen, und es bleibt nur die Wüfte, nur die Zerstörung als Selbstzwed.
Die Sozialdemokratische Partei hat niemals die messianifchen Hoffnungen der äußersten Linten geteilt, sie hat ihre Berelendungspraris, die früher fanatisch war und jetzt nur noch frivol ist, ftets betämpft. Und auf die Frage der Verirrten. Berzweifelten, ob es denn überhaupt einen Weg zum Sozialismus gäbe, hat fie in ihrem Görlizer Programm folgende Antwort erteilt:
Die Sozialdemokratische Bartel... tämpft um die Herrschaft bes im freien Boltsstaat organisierten Bolfswillens über die Mirb schaft, um die Erneuerung der Gesellschaft im Geifte sozialistis Der Magiftrat ruft daher alle Arbeiter und nicht flänbig Ange- en Gemeinfinns. Die Ueberführung der großen tongenzum 30. Juni 1922 Derlängert. Diese Abänderungen, für die auch stellten auf, auch ihrerseits den Spruch des Schlichtungsausschusses trierten Wirtschaftsbetriebe in tie Gemeinwirtschaft und bie Arbeitnehmersertreter die Zustimmung ihrer Organisationen zu anzunehmen und zu verhindern, daß über ble flädtischen Befinden hofften, begegnen nunmehr großem Widerspruch, zumal nach. frlebe und über die städtische Wirtschaft eine katastrophe herbem sie gehörig aufgebauscht wurden. Die„ Rote Fahne " schrieb eintrich, die letzten Endes am schwersten alle die treffen müßte, 3. B. gestern morgen:„ Nach Ablauf diefes Termins( des 30. Juni, für die der Bestand der städischen Werte und der ruhige Gang der bis zu dem der Manteltarif verlängert werten sollte) follen die städtischen Wirtschaft Brot, Dasein und Zukunft bedeuten, nämlich Berschlechterungen eintreten." In Wirklichkeit sollten die neuen die Arbeiter und Angestellien selbst. Berhandlungen bis spätestens am 1. März beginnen.
Die Straßenbahn.
Stachdem ble Etreitleitung den Betriebsrat der Straßenbahn von dem Streitbeschluß in Kenntnis gesetzt hatte, ließ diefer durch Muffichtsbeamte en 9 Uhr abends ab die auf der Strede befinde lichen Bagen nach den Depots fahren.
Magiftrat: Bö
berüber hinaus bie fortschreitende Umformung der gesamten tapita liftischen Wirtschaft zur sozialistischen, zum Wohl der Gesamtheit betriebenen wirtschaft erfennt sie als notwendige Mittel, um das schaffende Volt aus den Feffeln der Kapitalherrschaft zu befreien, die Produktionserträge zu steigern, bie Menschheit zu höheren Formen wirtschaftlicher und fittlicher Ge meinschaft emporzuführen.
Nach fozialdemokratischer Auffassung fann also die Um. wandlung der tapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische Die Kommunisten am Werk. nicht mit einem Rud, sondern nur durch fortschreitende Um Der Borstand der Union der Hand- und Ropfarbeiter will die formung erfolgen. Stüßpunkte diefer Entwicklung sind die gemeinwirtschaftlichen BeBewegung im Stuhrrenier durch Betreibung von Streits vorhandenen i fördern. triebe bes Reichs, der Staaten, der Gemein