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Nr. 115 39. Jahrgang Ausgabe A nr. 58

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Donnerstag, den 9. März 1922

Vorwärts- Verlag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Berlag, Expedition und Zuferaten. Abteilung Moritplan 11753-54

Hermes und die Getreideversorgung. Der Daseinskampf der Presse.

Reichsernährungsministerium Der= So handeln die Beamten des Reichsernährungs- teit. Die Souveränität des Boltes wird zum Hohn, wenn der

Das breitet eine mehr als fünf Seiten lange Erwiderung auf unsere ministeriums, nachdem der reaktionäre Beauftragte des Vorwürfe, daß die Regierung nichts tue, um dem Getreide- Reichsfinanzministeriums, das dem gleichen wucher entgegenzuwirken. Wir geben aus der Zuschrift, deren Manne untersteht, in den Pariser Verhandlungen durch sein polemische Form sich besser für Anwärter auf die Ehrenmit Ungeschick um weniges eine Erhöhung der in Cannes vor­gliedschaft des Landbundes als für eine amtliche Behörde gesehenen deutschen Zahlungen herbeigeführt hätte. eignet, die wesentlichsten Tatsachenmitteilungen wieder.

Das Reichsernährungsministerium bestreitet, daß Getreide der tommenden Ernte zu Breifen, die weit über den heutigen Preisen liegen, bereits jetzt verkauft werde. Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist diesen Behauptungen nach gegangen, die aber bisher in feinem Falle Bestätigungen gefunden haben. Die Nachforschungen werden fortgefeßt und etwaige Mitteilungen werden nachgeprüft werden. Die Nachrichten find aber aus inneren Gründen unwahrscheinlich. Es ist in der Bresse mitgeteilt worden, daß Preise von 18 000 bis 22 000 m. für die Tonne neuer Ernte gezahlt würden. Es wäre ganz unvernünftig, einen solchen Preis zu zahlen. Da Weizen zurzeit in Chicago für Juli- Termin 15 Proz. billiger als Mai- Termin notiert, fann sich jeder Händler für Juli- August Weizen zum Preise von rund 13 000 Mart für die Tonne ab deutschen Hafen sichern, wobei berücksichtigt ist, daß er, um jedes Balutarisiko zu vermeiden, die erforderlichen Devisen zum derzeitigen Kurse eindeckt. Außerdem hat er den Vor­teil, daß Zahlung erst im Juli August zu leisten ist. Aber auch im Inlande ist Weizen jetzt zu etwa 13 000 m. bie Tonne zu haben. Selbst wenn man Zinfenverlust, Lagerkosten usw. hinzurechnet, fo würde jetzt aufgekauftes Getreide im Juli/ Auguft hochgerechnet um etma 1000 m. höher zu stehen fommen. Rein vernünftiger Mensch fann unter solchen Umständen jetzt Kaufverträge für die

nächste Ernte abschließen, die weit über diesen Preisen. liegen.

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Wir geben von diesen Mitteilungen Kenntnis, möchten jedoch bemerken, daß wir vernünftigen Menschen es ebenfalls nicht zugemutet haben, Getreide zu diesen Wucher­preisen einzukaufen, die uns von privater Seite sowohl wie burch die Telegraphen- Union mitgeteilt worden sind. Die Breisentwicklung für Getreide ist in der Tat unsinnig, felbst wenn was wir nur wünschen möchten Angstfäufe auf die kommende Ernte nicht vorgenommen werden. Die un finnige Preisbildung begünstigt zu haben, ist das Verdienst der­jenigen Männer, die jetzt noch den Mantel christlicher Nächstenliebe über die Wucherpraktiken gewisser Kreise der Landwirtschaft und des Handels zu decken suchen. Daß wir diese nicht für vernünftige Menschen halten, darüber haben wir schon früher feinen Zweifel gelassen. Bir haben endlich an Hand einer Statistit des Statistischen Reichsamtes auf den katastrophalen Rückgang der Einfuhr an Brotgetreide hingewiesen und unsere Bedenken darüber ge­äußert, daß die Reichsregierung nicht zur Zeit eines besseren Balutastandes größere Einkäufe gemacht habe. Das Reichsernährungsministerium teilt nun mit, daß im Dezember und Januar tatsächlich erhebliche Einkäufe an Aus­landsgetreide erfolgt sind, nur daß die Einfuhren noch nicht zustande tamen. Warum das nicht mitgeteilt worden ist, als das Statistische Reichsamt seine Zusammenstellung bekannt­gab, die die größten Besorgnisse auslösen mußte, ist uns rätsel­haft. Schon im Januar wurde ja auf den Rückgang der Lebensmitteleinfuhr hingewiesen. Es hätte auf die Getreide­preise sicherlich einwirken müssen, wenn die Regierung erklärt hätte, was sie erst jetzt zu sagen für nötig findet, daß bis über Mitte Juli hinaus genügend Getreide für die Versorgung vor­

handen ist.

Im übrigen ergeht sich die Zuschrift des Reichs­ernährungsministeriums in einer Borlesung darüber, daß niemand weiß, wie der Dollar stehen wird. Die Laienpredigt gipfelt in folgender Weisheit:

Wenn jemand glaubt, aus einer im vorliegenden Falle tat­fächlich nicht einmal zutreffenden Unterlassung von Käufen nach träglich Borwürfe gegen die Nichtausnutzung eines günstigen Balutastandes zu erheben, so möge er jetzt und für die Zukunft ein­mal verantwortliche Voraussagen über die Valuta­gestaltung machen."

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In einem Lande der Demokratie ist die tägliche 3eitung in der Hand jedes Staatsbürgers eine Notwendig­Souverän auf die tägliche Unterrichtung durch die Presse ver­zichten muß, weil er das Geld, das der Bezug eines Blattes er­fordert, für Margarine oder Stiefelsohlen oder Nähgarn braucht. Das Halten einer Zeitung gehört für den zivilisierten Europäer zum Existenzminimum, der Zwang, sie aufzugeben, bedeutet den sozialen Absturz unter dessen Grenzen.

Mit seiner Erwiderung verfennt das Ernährungsmini- Heute stehen wir vor der Gefahr eines solchen sozialen sterium übrigens ganz und gar, daß es nicht so sehr darauf Massensturzes. Denn die Presse ist in ihrem Kampf gegen die ankommt, unsere Vorwürfe zu widerlegen, sondern darauf, zu Notwendigkeit, ihren eigenen Preis zu steigern, zu immer zeigen, daß überhaupt von der Reichsregierung etwas weiterem Zurückweichen genötigt. Sie weiß, daß sie diesen gegen die unbegründete Steigerung der Ge- Rampf um ihre eigene Eristenz führt. Denn wenn treibepreise geschieht. Aus dem gereizten Dementi die Erzeuger der unentbehrlichen Lebensmittel so lustig, wie läßt sich beim besten Willen nicht mehr herauslesen, als daß sie nur wollen, auf der Preisleiter hinaufflettern. fönnen, eben nichts dagegen geschehen soll. Vor diesem Schlendrian wenn die Fabrikanten von Lurusmare eines beschränkten muß man warnen, wenn man die Stimmung der breiten Umfazes bei riesigen Gewinnen gewiß sein dürfen, so muß Massen kennt. der Zeitungsverleger damit rechnen, daß jede weitere Mart, Herr Hermes hat die Getreidewirtschaft abgewirtschaftet, die er am Abonnement zu fordern genötigt ist, sein Unter­er geht jetzt ins Reichsfinanzministerium. nehmen schädigt und seinen Markt einengt. Daraus erklärt es sich auch, daß die Presse bisher immer noch so verhält= nismäßig billig geblieben ist.

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Neue Anklage gegen Hermes.

In Friedenszeiten kaufte man eine einzelne Zeitung für Die Ueberraschungen, die in bezug auf die Ernennung 5 bis 10 Bf. Damals fostete eine Straßenbahnfahrt 10 Bf., des Reichsernährungsministers Hermes zum Reichsfinanz- ein Brief innerhalb Deutschlands ebensoviel. Heute foftet eine minister angekündigt waren, haben durch Mitteilungen der Straßenbahnfahrt oder ein Brief 2 M. Diese 2 M. find also inzerverband eine größere Sendung Wein zu dem außer wäre der Zeitungspreis in gleichem Maße gestiegen, so müßte Freiheit" begonnen. Hermes foll von einem rheinischen für Straßenbahn und Post sozusagen der Groschen von heute. gewöhnlichen Preise von 3 M. pro Flasche kurz nach seinem ein Morgenblatt gleichfalls einen solchen Groschen von heute, Amtsantritt bezogen und fich dem Wingerverband bas heißt 2 M., fosten und das Abendblatt einen halben gegenüber in anderer Weise erkenntlich gezeigt haben. Groschen, das heißt 1 M. Der monatliche Abonnements­fünfzehn- bis zwanzigfachen Teil des offiziellen Handelspreifes mindestens fünfzehn neue Groschen, das heißt 30 m., be­Nach der Freiheit" hat Minister Hermes den Wein zum betrag für eine zweimal täglich erscheinende Zeitung müßte erworben.

Seite" erfahren haben, daß Dr. Hermes in der Tat ganz zögernd der allgemeinen Breisbewegung gefolgt find, die auf Die B. S.- Korrespondenz will ,, von gut unterrichteter tragen. Dabei weiß man, daß Straßenbahn und Post nur sehr furze Zeit nach dem Antritt seines Ministerpostens, etwa im anderen Gebieten noch ganz andere Sprünge gemacht hat. April 1920, von dem Winzerverband für Mosel , Saar Und schon wird davon gemuntelt, daß auch die 2- M.- Fahrt und Ruwer E. V." in Trier einen ansehnlichen Bosten auf der Straßenbahn feinen langen Bestand mehr haben wird, ebler Gewächse bezogen habe. 200 Flaschen zum Preise von 3 M. pro Flasche. Selbst 1 Groschen X Papiermart. Es handelt sich um und dann wird es wieder eine neue Relation geben: bei dem damaligen Stand der Baluta war dieser Preis für die Weine, die man größtenteils als edle Gewächse ansprechen zurückgeblieben. Sie falkulieren heutzutage bestenfalls so, daß Die Zeitungen sind bei dieser Bewegung am weitesten fann, ein ungewöhnlich niedriger; er entsprach ungefähr dem ihnen das nackte Leben übrigbleibt. Das ist aber gerade in Breise von 1914 und man könnte der Ansicht sein, daß es sich der gegenwärtigen Zeit ein äußerst gefährliches Beginnen. habe, wenn nicht ein Teil der gelieferten Sorten aus dem be- anders: die eilen der Preisbewegung immer mit Riesen­noch um Friedensbestände des Winzerverbandes gehandelt Die Produzenten unentbehrlicher Waren falfulieren ganz fanntlich sehr guten Jahrgang 1915 gestammt hätte. Nach schritten voraus und heimsen, trok gesteigerter Produktions­unseren Informationen betrug der offizielle Handels- fosten, gewaltige Gewinne ein. Dadurch machen sie sich gegen Preis für die von Minister Hermes erworbenen Marken Rückschläge, auf die man heutzutage mehr denn je ge­schon zum Zeitpunkt der Lieferung 35 bis 60 M. Minister faßt sein muß, widerstandsfähig. Anders der Zeitungsunter­Hermes war damals also in der Lage, bei der Lieferung nehmer, der so rechnet, daß er noch gerade herauskommt. Eine edler Weine durch den Winzerverband etwa 7000 m. er unvorhergesehene rasche Steigerung der Herstellungskosten, fparen zu fönnen. ein unerwarteter Einnahmeausfall reißt sein Unternehmen in den Abgrund.

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Soweit der Sozialdem. Parlamentsdienst" sich infor­mieren fonnte, treffen die Angaben der Freiheit" zu. Ver­suche, den Reichsernährungsminister persönlich über die An­gelegenheit zu sprechen, scheiterten daran, daß Herr Hermes an einen seiner Geheimräte verwies. Sonderbarerweise war dieser Herr Geheimrat trok mehrfacher Anrufe nicht zu erreichen. Wir erwarten, daß Herr Hermes bald eine Erklärung zu den Beschuldigungen abgibt. Bevor nicht auch Herr Hermes zu Wort gekommen ist, werden wir uns jeden Kommentars zu der Angelegenheit enthalten.

eine Interpellation au richten, in der sie die Beschuldigungen Die Unabhängigen beabsichtigen, an die Reichsregierung gegen Hermes aufzählen und fragen, ob ihn die Regierung noch für geeignet zum Reichsminister halte.

Heute ist zweifellos ein großer Teil der deutschen Zeitungsunternehmungen in einen solchen Zustand des labiler Gleichgewichts schon eingetreten. Ein neuer Stoß der Teue­rungswelle wird einen Trümmerhaufen zurücklassen. Die Eriftenz der meisten Zeitungen erscheint ja schon jetzt ge= radezu als ein Rätsel, wenn man bedenkt, daß alles, was zur Herstellung einer Zeitung notwendig ist, unvergleichlich höher im Breise gestiegen ist als die Zeitung selbst. Man betrachte unter diesem Gesichtspunkt die nachstehende Tabelle:

Papier Farbe. Del Waschmittel. Buzlappen Walzenmasse

1914 Febr. 21 per Kilogramm 0,20 m. 3, M. 0,45 7,80 12,75

Febr. 22

"

"

0,45

7,30 M. 10,20 21,- " P

"

0,24

5,25

"

H

"

0,45

"

5,20

7,90 9,75

"

2,70

W

50,-

"

115,-

"

Metall 0,42

5,90

"

" 1

17,50

N

5,50

"

"

15,-

"

"

20,85 1,30

52,30

"

"

2,30

"

"

Matern

Kohlen

"

"

Die bayerische Koalition gescheitert. Die Demokraten gegen Rechtserweiterung. Quadratmir. 0,90 Dem Reichsernährungsministerium scheint entgangen zu München , 8. März.( WIB.) Die München - Augsburger Zentner 1.37 sein, daß nicht nur wir, sondern auch andere Blätter, und ins- Abendzeitung" meldet: Der Fraktionsvorsitzende der Bayerischen Elektrizität. Kilowattside. 0,20 besondere auch der Reichswirtschaftsrat, einen weiteren Volkspartei, Abg. Held, hat im Auftrage feiner Fraktion den Inzwischen ist das Papier, der entscheidend wichtige Roh­Kurssturz der Mart als unausbleiblich bezeichnet haben, Fraktionsvorsitzenden der Bayerischen Mittelpartei und der Deut- stoff des Zeitungsgewerbes, im März abermals weiter im wenn nicht eine energische Heranziehung des Befchen Volkspartei mitgeteilt, daß die Berhandlungen über Preise gestiegen bis auf 8,25 m., und für den April spricht figes zur Dedung der Reparationszahlun- eine Erweiterung der bestehenden koalition durch man schon von einem Preis von 11 M. für das Kilogramm gen erfolgt. Der gleichzeitig als Reichsfinanzminister Aufnahme der Fraktion der Bayerischen Mittelpartei und der unbedruckten Zeitungspapiers! Die rund anderthalb Kilo amtierende Ernährungsminister Hermes hat daraus die Deutschen Volkspartei am Widerspruch der Demokraten gramm Zeitungspapier, die der Berleger einer zweimal täg­Konsequenz gezogen, die Erfassung der Sachwerte mit recht gescheitert sind. #lichen Zeitung seinem Runden monatlich ins Haus liefert, ver­weitgehendem Erfolg zu bekämpfen. Den Mut oder die München , 8. März.( TU.) Zu der geftrigen Regierungs- fchlingen also heute annähernd schon die Hälfte des Abonne­Zeit dazu, dann den angekündigten unausbleiblichen Sturz erklärung im Landtage über die Bespihelung Bayerns erklärt die mentspreises. Die andere Hälfte und die Inserateneinnahmen der Valuta auch vorauszusehen, hat er nicht gefunden. Dafür München - Augsburger Abendstg.", es sei zu begrüßen, daß der follen alles das decken, was es foftet, aus weißem Rollen­ereifern sich jetzt seine Leute aus dem Reichsernährungs- Miniffer Schwener ausdrücklich betonte, Bayern werde feine staat- papier eine fertige Zeitung zu machen und sie dem Leser zwei­ministerium, den Getreidewucher zu decken. Die von uns ge- lichen Rechte wahren. Man fönne es nur gutheißen, daß die mal täglich ins Haus zu schicken. forderte Auskunft, ob für den Fall fünftiger Breistreibereien bayerische Regierung den Fall zum Anlaß genommen habe, ernstlich Da dies nicht möglich ist denn wie die Papierpreise genügend Borräte zur Regulierung des Marktes vorhanden find, wird auch jetzt nicht erteilt, weil eben feine da sind, poraus der Getreidehandel wieder Mut schöpfen fann

in Berlin vorstellig zu werden. Hoffentlich nehme sich die Berliner Regierung die Worte des bayerischen Ministers zu Herzen, damit endlich die Saat des Mißtrauens beseitigt werde.

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steigen auch alle übrigen Herstellungskosten muß auch die Zeitung, wenn auch zögernd, wenn auch ganz zuletzt der all­gemeinen Bewegung nach oben folgen. Sie weiß, daß sie es