Nr. 301.
Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Vierteljährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags: Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 8,30 Mt. pro Quartal. Unter Kreuz band : Deutschland u. Desterreich Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Eingetr. in der Post Beitungs- Preisliste für 1894 unter Nr. 6919.
Vorwärts
11. Jahrg
Insertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder beren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 fg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochens tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet.
Fernsprecher: Amt 1, Nr. 1508. Telegramm- Adresse: wozialdemokrat Berlin ,
Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .
Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Freitag, den 28. Dezember 1894. Expedition: SW. 19, 23enth- Straße 3.
Arbeiter! Parteigenossen! Trinkt kein boykottirtes Bier!
Abonnements- Einladung.
"
Erzählung aus dem Leben:„ Zu Tode gehekt", von Franz Held. Diese Erzählung beruht durch Bur Jahreswende richten wir an alle Freunde und weg auf gerichtlichen Akten, die von uns Parteigenossen die dringliche Bitte, für die Erweite- dem Verfasser zur Verfügung gestellt worden sind, rung unseres Abonnentenkreises mit aller und sie zeigt, wie heute der, welcher von seinem Rechte nicht Energie thätig zu sein. Gegen die Partei, deren weicht, in Form Rechtens" zu Grunde gerichtet Zentralorgan der„ Vorwärts" ist, haben die ver- werden kann. einigten Parteien der Reaktion, denen der Nach Schluß von: Zu Tode gehetzt! beabsichtigen wir Boden unter den Füßen wankt, jetzt alle ihre Kräfte auf den früher angekündigten Roman, die Berliner März geboten; durch ein neues Knebel geset soll die zahl- ereignisse des Jahres 1848 behandelnd, zu veröffentreichste Partei in Deutschland , mundtod gemacht, und für lichen. unsere Feinde und des Volkes Feinde die Ruhe des Judem wir so bestrebt sind, unsere Leser zufrieden zu Kirchhofes hergestellt werden, damit sie ungestört stellen, dürfen wir uns auch der Hoffnung hingeben, daß ihre gemeinschädliche und gemeingefährliche Arbeit dieser Aufruf an die Freunde und Genossen seinen Zweck verrichten können. Die Kämpfe, in denen wir stehen, nicht verfehlen wird.
=
sind von entscheidender Bedeutung; und die Verhand Iungen des Reichstages über die sogenannte Um= Redaktion und Expedition des ,, Vorwärts". sturz vorlage, die sofort nach den Ferien beginnen, werden von ganz besonderer Wichtigkeit sein. Unter diesen
auf den Flüffen schwimmend, zu großen Flößen vereinigt. Eine Reihe dieser Stämme wird durch Duerbalken, Ketten, Tane u. s. w. aneinandergeschlossen, mit einem Steuer, den nöthigen Ausrüstungsgegenständen, häufig auch und das Floß ist transportfähig. Mit einem Floßmit einer Hütte für die Mannschaft versehen, führer und mehreren Flößerknechten bemannt, wird es nun in tages und wochenlanger Reise, eine Anzahl unbemannter, aneinandergekoppelter Flöße hinter sich her schleppend, die Flüsse und Ströme entlang, dem Bestimmungsorte entgegengeführt.
Wie aufreibend, wie lebensgefährlich dieser Beruf der Flößerknechte und Floßführer ist, liegt auf der Hand, und unsere Leser werden nicht überrascht sein, zu erfahren, daß auch diese Flößerei längst in das Getriebe der kapitalistischen Unternehmungen hineingezogen ift. Nicht etwa, daß die Herren Kapitalisten sich selbst als Flößerknechte oder Floßführer verdingten- das sei ferne von ihnen. Aber als tapitalistische Unternehmer den Transport der Hölzer aus den Gebirgsgegenden in die Stapelpläge der industriereichen Tiefebenen zu bes vou Proletariern zu versichern, diesen die Lebensgefahr und einen färglichen Lohn zu überlassen, für sich selbst aber den sorgen, daß der Vorwärts" immer weiter vertreffend die Verhältnisse in der Flößerei vorgelegt Rapitalisten nicht lange nöthigen lassen. Man nennt Dem Deutschen Reichstag ist ein Gefeßentwurf, be- reichen Gewinn einzustreichen, dazu haben sich unsere breitet wird. Je größer die Verbreitung des Zentral worden, wie ein ähnliches Gesetz über die Binnen- diese Herren Frachtflößer". Ihre Unternehmungsorgans, desto größer sein Einfluß und seine Wirksamkeit, Schifffahrt bereits im Sommer 1893 vorgelegt, bis art zeigt viele Aehnlichkeit mit der der sogenannten und desto größer die Macht der Partei. jetzt aber noch nicht berathen worden ist. Speditionsfirmen.
Umständen ist es doppelt nothwendig, daß die Partei- Der Schuh der Flöker- forgen, sich zu diesem Zweck der Arbeitskraft einer Reihe
genoffen sich in dem Zentralorgan der Partei über alle Vortommnisse aufs genaueste unterrichten, und daß sie dafür
Die Redaktion des Vorwärts" wird bemüht sein, ihre Pflicht zu thun, und das Zentralorgan der Partei würdig zu machen!
Mit dem 1. Januar eröffnen wir ein neues Abonnement auf den „ Vorwärts"
mit der illustrirten Sonntags- Beilage
Die Neue Welt".
Für Berlin nehmen sämmtliche Zeitungsspediteure, sos wie unsere Expedition, Beuthstr. 3, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von
1 Mark 10 Pfennige frei ins Haus. Für außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Abonne3,30 M. für das Quartal
ments zum Preise von
entgegen.
Nach Beendigung des Romans: Im Exil", der im Laufe des Januar zu Ende gehen wird, bringen wir eine
Feuilleton.
Am Exil.
[ Nachdruck ver boten.]
37
Roman von Georges Renard. Autorisirte Uebersetzung
knechte.
"
-
Die Flößerei ist eine besondere Art der Binnen- Die Verhältnisse dieser Unternehmungen zu den aufEchifffahrt. Meistens handelt es sich in der Flößerei bet traggebenden Waldbefizern, Holzhändlern zc. einerseits und uns in Deutschland darum, das aus den mächtigen Wäldern den angestellten Floßführern, Flößerknechten andererseits der deutschen und österreichischen Berge und Gebirge bildet nun den Gegenstand, den der oben erwähnte Gesetzstammende Holz zu Thal und die Flußläufe entlang an entwurf regeln will. Vieles von dem, was die Stapelplätze und Zentralen des Holzhandels zu befördern. er enthält, interessirt uns natürlich nicht, oder Aus den meilenweiten, dichten, urwaldähulichen Wäldern es ist hier doch nicht der Ort, sich damit zu bes oben werden die gefällten Stämme meist durch die Holz- schäftigen; dafür fehlt aber auch vieles darin tuechte selbst auf Rutschbahnen oder mit Benüßung der alter, lieber, bureaukratischer Gewohnheit gemäß,- was Gebirgsbäche zu Thal befördert,- eine lebensgefährliche uns sehr lebhaft intereffiren würde. Wir denken das Arbeit, bei der alljährlich tausende von Unfällen geschehen bei an eine vernünftige Regelung der Verhältnisse der und Jahr für Jahr viele der armen Holzknechte ins Gras Flößerknechte, an einen ausreichenden Arbeiterschutz beißen und dafür büßen müssen, daß sie nicht als reiche dieser Aermsten der Armen, wovon das Gesetz so gut wie Beispiel der durch die Fuchsmühler Affäre so die Binnenschifffahrt wurde von einsichtigen SozialWaldbesitzer auf die Welt gekommen sind, wie zum nichts enthält. Schon bei dem vorjährigen Entwurf über berühmt gewordene Herr von 3oller einer ist, sondern politikern ein ähnlicher Mangel beklagt. Aber unsere eben nur als arme Holzknechte. Geheimräthe haben wichtigeres zu denken, als sich Erst am Fuße der Berge und Gebirge, wo sich die über Leben und Gesundheit der Schiffer- und reißenden Sturzbäche zu Flüssen und Strömen vereinigen, Flößerknechte den Kopf zu zerbrechen; und irgend eine wird das in einzelnen Stämmen heruntergebrachte Holz, Arbeiterorganisation, die den betheiligten Herren Geheim
Mischung von Prunkliebe und Knauserei vereint, die zugleich feierlich und banal war und sozusagen nichts Individuelles, feine Seele hatte.
Gewiß, antwortete Herr Dubourg. Ich habe bereits ein Lustspiel geschrieben, ein Lustspiel.... zum Lachen. René sagte sich, daß ein Lustspiel zum Weinen etwas viel Selteneres wäre. Es ist noch nicht gedruckt. Ich habe auch einen Roman verbrochen. Ich muß Ihnen gelegentlich meine Manuskripte vorlesen.
Ein dicker, kleiner, kahlköpfiger Mann trat in diesem Moment ein. Es war Herr Dubourg. Sein röthliches, glatt rafirtes Gesicht erschien durch die hängenden Wangen, und Leeres gaben, noch breiter. Kleine gutmüthige, aber die seiner Physiognomie etwas Weichliches, Unterwürfiges René sauderte im Voraus. Der Vetter fuhr fort: lebhafte Augen vermochten sie nicht zu beleben. Der allzu Sein Haus machte schon beim Eintritt einen reichen gut genährte Körper schien den Geist völlig absorbirt zu Eindruck. Frau Messant, welche die lange Gewohnheit an haben. Sogar der Leib schien sich auf Kosten der Arme, ein beschränktes Leben auf eine gewisse Demuth nieder- die jämmerlich kurz geblieben waren, gerundet und gegedrückt hatte, schritt voll Respekt über den Teppich dahin, mästet zu haben. Zu all dieser Fülle gehörte eine quäkende der die Treppe bedeckte. Bescheiden klingelte sie und trat Kinderstimme.
Geht es Ihnen ebenso wie mir? Was mir am meisten Mühe macht, das sind die verdammten Uebergänge. Wien Sie, was ich in der Nacht mache, wenn ich nicht schlafen kann? Nein, René wußte es nicht, und dieses Mal gestand er es aufrichtig ein.
Nun, ich suche meine Uebergänge. Sehen Sie, in Literatur machen ist hundertmal besser als in Politik. Ach, mein Gott, in jeder Regierung giebt es ja immer etwas, was nicht in Ordnung ist, aber vorausgeseßt, daß die Ges schäfte gut gehen, ist es doch das Vernünftigste, wenn man refignirt. So habe ich das Kaiserreich durchaus nicht ge= liebt, aber ich habe es ertragen. Ich bin durchaus nicht vernarrt in die Republik - Sie werden mir meine Offenheit verzeihen; dennoch nehme ich sie an. Ich glaube, Sie selbst, mein junger Vetter, denken jetzt nicht mehr daran, eine Revolution zu machen?
dann achtungsvoll in den Salon ihres reichen Betters. Herr Dubourg umarmte Frau Messant, drückte René René sah sich neugierig um, um aus der Art der Einrich- die Hand, entschuldigte die Damen, die auf die Vortung sich ein Bild der Leute zu machen. Er hatte sie seit bereitungen zu dem Diner noch einen legten Blick warfen. so langer Zeit aus den Augen verloren, daß sie fast Er war voll Herzlichkeit, voll vertraulicher Zärtlichkeit. Unbekannte für ihn waren. Er bemerkte rings einen Die liebe Kousine bleibt doch immer dieselbe, sagte er. Das Lurus, der mehr solide als elegant, mehr bürger- Alter berührt sie garnicht. Und Sie, mein junger Better, lich als künstlerisch war, nicht zusammen passende schwere ein schöner Erfolg! Preisgekrönter des Instituts! Das Möbel aus drei oder vier verschiedenen Epochen, Stühle ist ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet! Ich vermag mehr als mit vergoldeten Lehnen, deren blanker Goldglanz bewies, irgend jemand anders den Werth einer derartigen Ausdaß sie weit mehr in Decken gehüllt, als den Reckheiten der zeichnung zu schäßen. Sonne und der Fliegen ausgesetzt waren, einen ebenfalls Er machte eine Pause und sagte dann halb verschämt, Die Frage kam etwas schüchtern heraus. Frau Messant vergoldeten Kronleuchter, den eine vorsichtige Umhüllung halb geheimnißvoll: warf ihrem Sohne einen beredten Blick zu, und René vers von Gaze schützend umgab. In vergoldeten Rahmen, die Wissen Sie, daß ich auch in Literatur mache, ich? sicherte ganz ernsthaft, daß er nicht die geringste Luft hätte, fich gegenüber hingen, sah man zwei Porträts, Kniestücke, Nein, René wußte es nicht, und er hätte es auch nie- für sich allein eine Revolution zu machen. Herr Dubourg welche den Herrn und die Frau des Hauses darstellten, den mals geahnt beim Anblick seines würdigen Vetters. Aber nahm diese Antwort sichtlich erleichtert auf und be einen bis zum Hals in einen langen, weiten Mantel ge- sein Grundsatz war: Man muß alles denten, was man merkte noch: knöpft, die andere dekolletirt in einer Ballrobe nach der fagt, aber nicht alles sagen, was man denkt. Er begnügte Mode der letzten Jahre unter Louis- Philipp. Es schien sich, zu erwidern: René, daß diese ganze Zusammenstellung eine belustigende Wirklich?
Nicht daß ich alle Veränderungen table! Es ist gewiß nöthig, daß die jungen Leute, die jungen Advokaten vor allem Forderungen erheben, für sie sprechen, ja selbst ein