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Tr. 275 39.Jahrgang Ausgabe B Nr. 135

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutfchlands

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Dienstag, den 13. Juni 1922

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Vor einer neuen Reparationsnote. Dokumente zum Kriegsausbruch.

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Bon Karl Kautsty.

Paris , 13. Juni. ( WIB.) Die Reparatiostommis- schlag der Ernennung der Haager Kommiffion an. Die Regierung Da ich die Berantwortung für die von mir zusammen­fion ift gestern zu einer offiziellen Sigung zufammengetreten, um hielt darum das russische Memorandum für überholt gestellten deutschen Dokumente zum Kriegsaus. über den Text einer neuen Note an Deutschland zu beraten, durch die Verhandlungen der Plenarsizung und glaubte, die Kom- bruch trage, fragt mich die Redaktion des" Borwärts" um die die Ergänzung des am 1. Mai und des am 31. Mai als Antwort miffionen würden das Memorandum gänzlich außer Betracht laffen. meine Meinung über die Aeußerungen, die Dr. Kanner in auf die Note der deutschen Regierung vom 28. Mai nach Berlin ge- Die Regierung ist dagegen bereit, den französischen Standpunkt Betreff der Unvollständigkeit der Sammlung zuerst in seinem richteten Memorandums bilden soll. In diesem Memorandum gelten zu lassen, daß die Resolution von Cannes für die Buch, dann hier in Nr. 266 d. Bl. veröffentlicht hat. hat die Reparationsfommiffion sich vorbehalten, einige noch unge- Resolutionen im Haag grundlegend sein muß. Die Regierung lehnt Ich habe einfach zu erwidern, daß ich die Auffassung des klärte Punkte wie die Frage der Autonomie der Reichsbant weiter die französische Behauptung ab, daß ausländische Antrag- Rezensenten des Vorwärts" vollständig teile und darin auch und die Maßnahmen gegen die kapitalflucht zum steller das Recht haben sollen, ihr von Rußland tonfisziertes Eigen- durch die Mitteilungen des bayerischen Legationssekretärs Gegenstand einer besonderen Mitteilung zu machen. Die Kommiffion, tum zurückzuverlangen. Sie besteht aber darauf, daß wirkliche Freiherrn v. Soden nicht erschüttert werde, der bei dem die gestern noch zu feinem endgültigen Beschluß gekommen ist, wird Entschädigung geleistet wird. Die Regierung gibt zu, daß Fechenbach- Prozeß ausgesagt haben soll, daß, amtliche Privat­heute ihre Beratungen fortsetzen. der sicherste Weg für Rußland , den Wohlstand wiederherzustellen briefe an Gesandte den amtlichen Berichten vollständig gleich­und Rapital zu erhalten, der wäre, daß man denjenigen, welche in gehalten und ebenso wie diese unter den amtlichen Akten be­Der Pefit Parifien" teilt in diesem Zusammenhange mit, daß der Vergangenheit Rußland Hilfe geleistet haben, die Rüdtehr wahrt werden. der Gedankenaustausch zwischen der Reparationsfommission und der zu ihren Unternehmungen ermögliche. Ich habe kein stenographisches Protokoll des Prozesses zur deutschen Regierung in der nächsten Zeit wieder sehr lebhaft werden Der französische Vorschlag, wonach eine nichtrussische Hand, fann also nicht nachprüfen, ob der Herr Legationssetre­würde, da das Scheitern der Anleihepläne eine neue Rommission, ohne die ruffische Delegation in das Bertrauen tär fich wörtlich so ausgedrückt und wie er die amtlichen 3nflationswelle in Deutschland entstehen lasse, der die Repa- zu ziehen, einen vollständigen Wiederaufbauplan für Privatbriefe" definiert hat. Ich möchte demgegenüber nur auf rationsfommission schon heute feste Grenzen zu ziehen beabsichtigt. Rußland ausarbeiten und ihn ihr nachher als ultimatum prä- einen anderen Sachverständigen hinweisen, dessen Sachkunde sentieren solle, hieße die Zwecke der Haager Konferenz lächerlich niemand bezweifeln wird und dessen Aussage, von ihm selbst Chefbesprechung in der Reichskanzlei. machen. Eine Beratung mit den russischen Delegierten und ein abgefaßt, mir gedruckt vorliegt. Ich rede von dem sehr nüz­In der Reichskanzlei fand gestern nachmittag eine Chefbesprechung Zusammenarbeiten mit ihnen ist durchaus notwendig, wenn die lichen Büchlein über Das politische Schriftwesen im deutschen statt. Man befaßte sich mit der parlamentarischen Lage und mit den haager Konferenz praktische Ergebnisse zeitigen soll. Die britische Auswärtigen Dienst, ein Leitfaden zum Verständnis diplomati­Reparationsfragen. Staatssekretär a. D. Bergmann hat heute Regierung wünscht, auf der Haager Konferenz die Frage der Schul- fcher Dokumente"( Tübingen , Mohr, 1920), das Dr. Her vormittag in einer erneuten Chefbesprechung in der Reichskanzlei den, des Brivateigentums und der Kredite zu erörtern und als Sachmann Meyer, Archivar beim Geheimen Staatsarchiv in über die Besprechungen in Paris berichtet. Die Aussprache wird verständige mit Sachverständigen zu unterhandeln. Was die Rüd Berlin, verfaßte. Dort heißt es auf Seite 24: heute nachmittag um 5 Uhr in einer Kabinettsfißung fortgesetzt. Für gabe des tonfiszierten Eigentums angeht, so muß Mittwoch ist eine Sigung des Aelteftenausschusses vorgesehen, es entweder den früheren Eigentümern zurüd erstattet oder es muß voller Ersatz geleistet werden. Rußland fann von privaten Darlehnsgebern nur Kredite erhalten, wenn diese die gebotene Sicherheit für ausreichend halten.

Frankreichs Kriegsschulden.

Paris , 13. Juni(( WTB.) Nach der Chicago Tribune" foll der französische Botschafter in Washington , Jusserand, seiner Regierung mitgeteilt haben, die amerikanische Regierung lege den größten Wert darauf, daß die feit langem vorgesehenen Berhand lungen über Frankreichs Kriegsschulden nicht länger hinausgeschoben werden. New York Herald " meldet dazu, die französische Regierung habe nicht die Absicht, schon jetzt die Frage der Annullierung der interalliierten Kriegsschulden aufzuwer­fen, vielmehr beabsichtigte sie, sich auf die Erklärung zu beschränken, daß Frankreich in den nächsten Jahren nicht im stande sei, ir gend welche Zahlungen zu leisten. Der französische Mi­nisterrat wird sich heute mit der Frage der Entsendung eines Ber­treters der französischen Regierung nach Washington zu Berhand­lungen über die Angelegenheit der Kriegsschulden zu befaffen haben.

Poincarés Antwort.

Die Entgegnung der französischen Regierung auf das englische Memorandum, die dem englischen Rabinett bereits überwiesen worden ist, läßt die Forderung auf zurückziehung des russischen Memorandums fallen, hält in der Eigentumsfrage und in der Forderung einer Borkonferenz an dem bisherigen Standpunkt feft. Ueber das Konferenzprogramm äußert sich die Note dahin, daß, wenn die Konferenz tatsächlich stattfinden sollte, die französische Re gierung auf das nachdrücklichste darauf bestehen müsse, daß jede po­litische Diskussion vermieden werde und lediglich die rein technischen Fragen, insbesondere die Fragen der Schulden, des Privat­eigentums und der Kredite behandelt würden. Sie erklärt, daß es ihr unmöglich sei, in irgendeine Ermäßigung der Kriegsschuld einzuwilligen, wenn sie auch grundsäglich bereit fei, Rußland weitgehende Zahlungserleichterungen zu gewähren. In der Frage der russischen Staatsanleihen erachte es die Der französische Ministerrat wird sich heute mit der Frage französische Regierung als conditio sine qua non, baß die Rechte beschäftigen, in welcher Form sich Frankreich an der Konferenz der Litefinhaber anerkannt und respektiert und daß ihnen von Haag beteiligen foll. Matin" glaubt zu wissen, daß ausreichende Bürgschaften von den Sowjets gegeben Frankreich lediglich Beobachter schicken werde. werden. Hinsichtlich der Rußland zu gewährenden Krebite Der amerikanische Regierungsvertreter in Wirtschafts- stimme die französische Regierung mit der englischen überein in der fragen Hoover erklärte, für die Vereinigten Staaten fei es Auffassung, daß Rußland unmöglich Geldgeber finden könne, wenn fein Berlust, nicht mit der Sowjetregierung in Verbindung es nicht befriedigende Bedingungen anbiete. zu treten. Rußland nähere sich der wirtschaftlichen Baralyse. Der Zeitpunkt rüde heran, in dem das russische Papiergeld wertlos sein werde. Daily Telegraph " sieht in diesen Aeußerungen die Bestätigung dafür, daß Amerika nicht attiv an der Haager Konferenz teilnehmen werde.

Die russische Frage.

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Oesterreichs Finanzkatastrophe.

Wien , 13. Juni. ( TU.) An der gestrigen Börje find die

diplomatischen Schriftverkehr nicht nur zwischen der Zentralbehörde Es sei betont, daß unter den amtlichen Schriftstücken im auf der einen und den auswärtigen Missionen, den Reichsbehörden, der Obersten Heeresleitung uff. auf der anderen Seite, sondern auch zwischen dem Außenminister und fremden Diplomaten uff. die. Privatbriefe eine große Rolle spielen. Es ist immer bei uns üblich gewesen," fo erklärte unlängst ein langjähriger deutscher Aus landsdiplomat, daß man amtliche Nachrichten durch Privatbriefe unterstützte. Das ist ein Modus gewesen, der in der Diplomatie poffkommen gang und gäbe war."( Gemeint ift Graf v. Bernstorff. K.)

PP

Mitunter ist vom Absender bzw. vom Empfänger oder von dritten Personen in den Akten die Tatsache der Absendung bzw. des Eingangs eines folchen Privatbriefes in einer bestimmten Frage ver merkt, hin und wieder findet sich auch das Konzept des abgesandten Briefes oder wenigstens ein Auszug aus ihm bzw. das Original oder eine Abschrift des empfangenen Briefes oder doch ein Auszug daraus bei den Akten. Das ist aber, wie bemerkt, feines wegs die Regel Beflagenswerte Lüden im Aftenmaterial, durch die nachmals die richtige Beurteilung des Ganges einer politi­schen Aktion nur auf Grund der vorliegenden diplomatischen Schrift. ftücke schlechthin unmöglich gemacht wird, erklären sich häufig dadurch, baß politisch wichtige Privatbriefe weder in ihrem vollen Wortlaut noch auszugsweise aufgenommen und daß weiterhin über stattge habte mündliche, auch telephonische Erörterungen irgendwelche Auf­zeichnungen nicht gemacht worden sind."

Hinzugefügt sei, daß manche Weisungen mündlich durch entsandte Vertrauensmänner übermittelt wurden. Das war namentlich leicht möglich im Verkehr zwischen Berlin und Wien , zwischen welchen Städten nur die Eisenbahnfahrt einer Nacht lag. Und die Wochen vor dem Krieg fielen in die Zeit der Ferien- und Badereisen, wo man sich unauffällig, etwa in Salzburg oder Berchtesgaden treffen konnte.

Um die Lücken in den Dotumenten zu erklären, muß man also feineswegs annehmen, daß man in Berlin und Wien dem Beispiel des Herrn v. Löẞl gefolgt ist, der im Mün­ chener Prozeß als Zeuge und nicht etwa als Angeklagter gleichmütig mitteilte, er habe als Archivar drei ihm anver­traute Dokumente vernichten lassen. Daß im Berliner Auswärtigen Amt etwas Derartiges vorgekommen sei, dafür habe ich nicht die geringsten Anzeichen gefunden.

Kurse der Devifen in einem bisher noch nicht dagewefenen Englisch - französischer Notenwechsel. Tempo in die Höhe geschnellt. In allen Börsenkreisen herrschte Condon, 13. Juni. ( Reuter.) Die britische Antwort auf das panitftimmung, und man verwies darauf, daß die derzeitigen französische Memorandum vom 2. Juni betreffs der Haager Konfe- Justände unhaltbar feien. Man sieht den kommenden Tagen mit renz fagt: Das franzöfifche Memorandum scheint auf einer großer Unruhe entgegen und erklärt, daß gegenwärtig nur die Ruhe Begriffsverwirrung zu beruhen und zeigt auch keine Ber - vor dem Sturme herrsche. Heute wurde der Brofpreis von 940 trautheit mit dem, was auf der Genueser Konferenz behandelt auf 1230 kronen, der Preis für kleines Weißgebäd von 50 auf worden ist. Die Haager Konferenz foll eine Sachverständigen 70 Kronen, der Preis für eine Straßenbahnfahrt von 80 auf Konferenz sein und die britische Regierung beabsichtigt nicht, 150 kronen erhöht. Die unerfüllten Kreditversprechungen der Entente mente die Lüde sofort aufgefallen, die jetzt Dr. Kanners Ver­Und doch war mir bei der Sammlung der Kriegsdoku­Bertreter irgendeines anderen Charakters oder mit irgendeiner rächen fich also in furchtbarer Weise. Der Dollar wurde bis auf mente die Lücke sofort aufgefallen, die jetzt Dr. Kanners Ver­anderen Eigenschaft dorthin zu senden. Die Tatsache, daß die beiden 21 000 und 22 000 kronen, die deutsche Mart vorübergehend auf Attentat von Serajewo hatte sich der deutsche Botschafter in dacht erregt. Sie war auch zu auffallend: Gleich nach dem britischen Hauptvertreter parlamentarische Unterfekretäre find, 70, die tschechische krone auf 407, ein Pfund Sterling Bien, Tschirschty, gegenüber den Wiener Kriegsgelüften ändert diesen Grundsatz nicht. Beide sind Sachverständige; der auf 100 000 kronen hinaufgetrieben. Der Bantnotenumlauf derselben abmahnenden Stellung befliffen, die von der deutschen eine in Finanzsachen, der andere in geschäftlichen Angelegenheiten. ift in den letzten zwei Wochen um 41% Millionen Kronen geffiegen. Bolitik in den Vorjahren eingenommen worden war. Da fuhr Sie sind feine Bevollmächtigten. Jede Abmachung, die sie treffen, Die Börsenkammer beschloß, angeblich aus technischen Gründen, muß der Regierung zur Entscheidung vorgelegt werden. Die Re- den morgigen Börsentag ausfallen zu lassen. Die Regierung fündigt plötzlich Wilhelm mit einer unerwarteten Wendung da gierung hat nicht die Absicht, politische und diplomatische einschneidende Maßnahmen an, um der panifarfigen Stimmung in 30. Juni tobt er gegen dessen besänftigende Haltung mit Aus­zwischen. In Randglossen zu einem Bericht Tschirschkys vom Vertreter zur Konferenz zu ernennen. Eine vorherige Er der Bevölkerung zu begegnen. Die Regierung erklärt, daß die Be- brüchen, wie: Wer hat ihn dazu ermächtigt? Das ist sehr örterung der Brinzipien würde nublos sein, da sie nur völkerung mit Ruhe den Vorbereitungsmaßnahmen entgegensehen dumm!... Tschirschen soll den Unsinn gefälligst lassen! Mit wiederholen würde, was schon in Genua gesagt ist. Daher liegt könne. Bisher hat der Bundespräsident Dr. Seipl die Führer der den Serben muß aufgeräumt werden, und zwar bald." fein Grund vor zu einer Berlängerung der Frist zwischen dem parlamentarischen Parteien ersucht, der übertriebenen Beunruhigung 15. Juni, dem Tage der Ankunft der nichtrussischen Mitglieder, der Bevölkerung, die sich in Angstfäufen äußert, entgegenzuwirken, und dem 20. Juni, an dem die russische Kommission zusammen- weil diese Angstfäufe nur die Teuerung erhöhen. getreten sein wird, oder dem 26., an dem beide Kommissionen zu­fammenkommen. Die Regierung ist entschieden gegen den

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französischen Vorschlag, daß das russische Memorandum vom Eine leichte Besserung scheint allerdings inzwischen eingetreten 11. Mai zurückgezogen wird, ehe die haager Rommissionen zusam- au sein, da an der heutigen Berliner Börse die Mart nur noch zirka mentreten. Die Frage der Zurücknahme des Memorandums wurde 52 Kronen wert war, gegenüber 70 am geftrigen Tage.

in Genua nicht aufgeworfen. Alle Delegationen, mit Einschluß der franzöfifchen, nahmen vielmehr in der letzten Plenarsihung den Bor­

Dollar 315.

Am 4. Juli bereits fann man bei Tschirschtyeinen geänderten Kurs fonstatieren. Unzweifelhaft auf eine Weifung von Berlin hin. Aber feine solche fand sich im Archiv. Auch in den Akten der deutschen Botschaft in Wien suchte ich vergeblich danach. Wie raffiniert hätte man vorgehen müssen, um gleideitig in Wien und Berlin die Spuren des Berweises zu tilgen, und welche Kopflosigkeit mußte sich mit der Raffia niertheit paaren, daß man dabei Wilhelms Ranbgloffe unversehrt ließl