Nr. 5.
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Vorwärts
12. Jahrg.
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Christenthum und Sozialismus.
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Sonntag, den 6. Januar 1895.
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demokraten, obgleich damit keineswegs zugegeben sein soll, daß alle anderen Parteien Hände und Füße haben. Die politische Macht ist für jeden verständigen Menschen nur Mittel zum Zweck. Daß hinter dieses Geheimniß der In einer Versammlung des Volksvereins für das herrschenden Klassen, zu denen außer den Schlotjunkern und katholische Deutschland , die Ende des vorigen Jahres zu" Edelſten" nebst Anhängsel noch die Herren von der GeistMünster abgehalten ward, sagte der bekannte Bentrums: lichkeit( der geschorenen wie gescheitelten) nebst Anhängsel Abgeordnete Lieber dem Westfälischen Merkur" zufolge: gehören, auch die deutschen Arbeiter gekommen sind, Die sämmtlichen Gebrechen der heutigen Gesellschaft, selbst das dürfte allerdings nicht nach dem Geschmack des Herrn in der Uebertreibung Eurer Schilderung, sind nicht ein Ausfluß Lieber und seiner Leute sein. des Christenthums, sondern ein Widerspruch gegen das Christen- Wenn Herr Lieber das gesammte private, wirthschaft thum.( Bravo !) Und das hat sogar vor wenig Tagen Herr liche, politische, das gesammte häusliche und öffentliche Liebknecht im deutschen Reichstage ausgesprochen. Es ist, wie ich Leben aller Katholiken Deutschlands organisiren" will, so bemerkte, ziemlich unbeachtet an unserer Preffe vorübergegangen. freut uns das sehr, und wir wünschen ihm besten Erfolg. Es mag der gedruckte stenographische Bericht daran schuld sein. Denn trauen wir auch den Absichten des Herrn feineswegs Bor Ihnen steht aber ein Ohrenzeuge, welcher aus dem Munde und sind wir sogar sicher, daß sie sich ganz wesentlich gegen Liebknecht's den Satz, den er Ihnen jetzt wiederholen wird, so uns richten, so wissen wir doch, daß die Logik der That fort zu Papier gebracht und sich dann im stenographischen Bureau des Reichstages davon überzeugt hat, daß seine Niederschrift, sachen stärker ist, als die Wünsche der Menschen, auch nicht der Druck im stenographischen Berichte, den Ausspruch Lieb- wenn diese Lieber heißen und in Lieber- Thee und Liberté Enecht's richtig enthält. Herr Liebknecht sagte im Reichstage machen. unter einem neuen Angriff auf das Christenthum unter der Be- Und die Logik der Thatsachen will, daß jede Großhauptung, das Christenthum habe mit der sozialen Frage gar organisation der katholischen Bevölkerung den Bazillen des nichts zu thun: Wer unter dem Christenthume die Religion Sozialismus verfalle.
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
dem Kapitalismus, und die unchristlichste Aus beutung herrscht."
Das ist der Standpunkt der Sozialdemokratie, wie wir ihn hundertmal ausgedrückt haben, und wie Herr Lieber ihn namentlich auch in dem, wie besonders für die Christlichsozialen beider Konfessionen geschriebenen Roman Josua Davidson) und der Vorrede dazu, des näheren dargelegt findet.
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Das de al christenthum, welches die christlichen Herren Politiker bei jeder Gelegenheit dem wirklichen Christenthum, das sich überall findet, nach Taschenspielerart unterschieben, ist eine reine Phantasie. Es ist nirgends vorhanden, als in der Einbildung eines kleinen Häufleins gutmüthiger, glaubensstarker und urtheilsschwacher Schwärmer, die von der Welt, wie sie ist, keinen Begriff haben oder auf der Bunge des großen Haufens scheinheiliger Selbstsüchtlinge, die als Demagogen im großen und kleinen den Menschenbetrug geschäftsmäßig treiben, und bei denen das„ Christen thum " zum Handwerkszeuge gehört. Es ist eine alte Ge schichte, daß die meisten und schuftigsten Verbrechen an der Menschheit im Namen der Religion und vor allem der Religion der Liebe": des Christenthums, verübt worden sind. Zwischen dem Christenthum des kleinen Häufleins der Demuth, die Religion der Armuth, die Religion Doch nun zu dem Punkt, auf den es uns ankommt der wirklich Gläubigen und dem des großen Haufens der Gleichheit versteht, für den ist die soziale Frage gelöst." Im stenographischen Bericht steht aber:„ ber fann 3 dem Verhältniß des Christenthums zum Sozialismus, der ichanbetenden Demagogen gähnt eine breite, unüberbrückbare Kluft. Und die wenigen Schwärmer, Sozialdemokratie nicht nicht bekämpfen." Das Bentrum oder richtiger vielleicht: des Christenthums zur sozialen Frage. wird auch mit der sozialdemokratischen Partei im Reichstage, Weshalb Herr Lieber sich zur Erhärtung von etwas nie die es mit dem Jdealchristenthum ernst meinen und es im und wenn die Zeit kommen sollte, auch im Landtage einen ehr- Bestrittenem auf Liebknecht stüßt, ist uns unerfindlich. Daß praktischen Leben verwirklichen, oder, wie es klassisch belichen Kampf fämpfen und, wie man zu sagen pflegt, fertig das Christenthum an dem sozialen Elend schuld sei, hat zeichnet wird: die" wie Christus leben", oder noch werden. Die Sozialdemokratie aber ist als politische Partei nur nie ein Bernünftiger behauptet. Was wir behauptet haben forrekter: die Christus leben" wollen, kommen mit dem Mittel zum Zwecke. Sie will das Parlament, fic will das all- und behaupten, ist: das Christenthum hat das soziale Elend praktischen Christenthum sehr bald in harte Kollisionen und gemeine Wahlrecht benußen, aber ihr Ziel gebt so weit über das nicht verhindert, und es ist auch nicht im stande, das soziale werden im christlichen Staat ebenso geschmäht und verfolgt, Barlament hinaus, daß am Ende ihrer Thätigkeit es weder ein Glend zu beseitigen. Ersteres ist eine geschichtliche That- wie Christus selbst im heidnischen Staat. Barlament, noch überhaupt eine Politik mehr geben soll; es foll ja gar feinen Staat mehr geben. Insofern alfo sache, letzteres eine aus dieser Thatsache und den allgemeinen die Sozialdemokratie weit über das Gebiet der gesetzgebenden thatsächlichen Verhältnissen sich zwingend ergebende SchlußKörper ihre Thätigkeit ausdehnt, insofern reicht die politische folgerung."
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Und der Verfasser des von uns zum Abdruck gebrachten Artikels der konservativen Grenzboten" über die Umsturzvorlage giebt der Wahrheit nur das Recht, indem er sagt, Organisation, das Zentrum, nicht aus, sondern ibrer Was den von Herrn Lieber zitirten Satz betrifft, so ist wenn Chriftus heut lebte, stünde er auf seiten der sozialOrganisation entsprechend muß auch unsere Organisation eine es richtig, daß derselbe in dem Urstenogramm so lautete, demokratischen Arbeiter und würde vom christlichen Staat das gesammte private, wirthschaftliche, politische, das gesammte wie Herr Lieber angiebt. Allein gerade bei dieser Stelle ins Zuchthaus gesteckt. häusliche und öffentliche Leben umfassende Organisation aller herrschte, nachdem Liebknecht soeben zur Ordnung gerufen Was insbesondere der Katholizismus für die Lösung der Katholiken Deutschlands sein. Wir wünschen deswegen lebhaft, worden war, weil er in bezug auf die Thronrede den Ausdruck Arbeiterfrage zu thun gewillt ist oder vermag, das zeigt und wir haben den Rahmen weit genug gesteckt, daß auch solche Katholiken, die mit der politischen Organisation des Zentrums Heuchelei" gebraucht hatte, sehr großer Lärm auf der uns Belgien , wo das greulichste Arbeiterelend herrschtnicht einverstanden sind, sich mit uns zusammenthun tönnen. Rechten, so daß der Redner für einen Moment von den übrigen katholischen Staaten ganz zu geschweigen. verständlich war. Betrachten wir doch, wie wir in unserem Vaterlande stehen: in nicht durchaus Der Say, wie Und das protestantische Christenthum hat Preußen eine Minderheit, im Deutschen Reiche eine Minderheit. er im Urstenogramm steht, hat in dem Zusammen- seine beste Vertretung in dem Deutschen Reich, das fich Rönnen wir denn glauben, irgend etwas auf die Dauer auch an hang gar keinen Sinn. Er ist offenbar die Ver- jetzt anschickt im Namen der„ Ordnung, Sitte und Religion" materiellen Gütern zu erringen und zu behalten, wenn wir uns einigung zweier Säße in einen: Wenn das Christen- die Arbeiterklasse zu knebeln. nicht zusammenthun, um alle für einen und einer für alle ein- thum die Religion der Demuth, Armuth und Gleichheit Diejenigen aber, die sich Christen nennen und ihren wäre, dann gäbe es teine soziale Frage. Gifer für die Lösung der sozialen Frage betheuern, sie stellen So Herr Lieber, dem wir einige Bemerkungen zu Und wer das Christenthum so auffaßt, tann die wir ohne lang Federlesens vor das Dilemma: widmen haben. Zunächst das Nebensächliche. Der brüchige Entweder ist es Euch ernst mit dem Christenthum Führer eines Zentrumsbruchstücks meint: die Sozialdemo- Sozialdemokratie nicht bekämpfen." fratie sei als politische Partei uur Mittel zum Zwed, das weiteren Stellen des Stenogramms machen dies vollkommen und der Beseitigung des menschlichen Elends, und dann müßt Ihr Sozialdemokraten werden. Parlament sei ihr nicht Ziel. Herr Lieber hat da gewiß recht, flar. Sie lauten: Dieses Christenthum herrscht aber nicht Oder es ist Euch nicht ernst, und dann seid Ihr aber was er sagt, ist ebenso überflüssig, als wenn er gesagt im Staat und der Gesellschaft. Ob der moderne verächtliche Heuchler. hätte, die Sozialdemokraten hätten Köpfe, Beine, Hände Staat sich chriftlich nennt, oder jüdisch, oder heidnisch, ob er sich Ein Drittes giebt es nicht. und Füße. Das versteht sich einfach von selbst und gilt zu dieser oder jener Konfession bekennt, das ist ganz von allen anderen Parteien genau so wie von den Sozials gleich, der Staat ist tapitalistisch und dient
zustehen?"
Feuilleton.
[ Nachdruck verboten.] Im Exil. 44 Roman von Georges Renard. Autorisirte Uebersetzung von Marie Kunert .
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facher als das. Der junge Student, der jetzt ein hoch- Salt! Sind Sie etwa böse, weil Sie keine Anzeige von der gewachsener schöner Jüngling von zwanzig Jahren war, Vermählung meiner Schwefter erhalten haben? Das ist hatte seiner Mutter die Erlaubniß abgerungen, einige jedoch nicht unsere Schuld. Wir wußten Ihre Adresse nicht. Semester in Paris auf den Bänken der Rechtsschule zu- Nein, das ist es nicht, sagte René mit bitterem Lächeln. zubringen. Er war erst vor wenigen Tagen ange- Aber lassen wir dies Thema fallen, wollen Sie? tommen, hatte sich im lateinischen Viertel ein Stübchen gemiethet und war geblendet und entzückt von der Weltstadt.
Sind Sie es doch, sagte er fröhlich, der mich Paris aus der Ferne lieben lehrte. Aber wollen Sie mir nicht helfen, mich nun hier zurecht zu finden? Ich würde mich unendlich freuen, wenn wir unsere hübschen Plaudereien von früher wieder aufnehmen könnten.
War er nicht wie der Vogel auf dem Zweige? Besaß er eine Stellung, die es ihm gestattete, sich um die Hand eines reichen, jungen Mädchens zu bewerben? Er wollte sich nicht zum zweiten Male der Demüthigung einer AbLehnung aussehen. Und dann, selbst wenn er gut auf genommen wurde, so fürchtete er doch sehr, jene Harmonie Als René sagte, daß er ihn stets gern sehen und ihm der Seelen dort nicht zu finden, die für ihn die erste, die als Lootje dienen würde, erwiderte Henri: wesentlichste Bedingung der Ehe war. Er segnete den Ist das auch wahr? Sie haben Ihre Freunde aus Winter, der in diesem Jahre sehr kalt war und viel Schnee und Schmutz brachte, weil er für zwei lange Monate den Besuchen, Empfangstagen und Familiendiners ein Ende machte und Paris in eine Kloake verwandelte, die Husten, Schnupfen und mancherlei andere Krankheiten verbreitete.
Eines Abends im Februar ging er während des Zwischenattes im Foyer des Vaudeville auf und nieder, als er einem jungen Manne begegnete, der stehen blieb, einen Freudenruf ausstieß und ihm die Hand entgegenstreckte
mit den Worten:
der Schweiz nicht vergessen? Dann müssen Sie auch meine Schwester Annette besuchen, die sich auf der Durchreise hier mit ihrem Gatten aufhält.
René erblaßte. Einige Augenblicke lang blieb er stumm. Dann stammelte er mit erstickter Stimme:
Nein, nein, ich will die Gründe Ihrer Weigerung, die mir peinlich ist, ans Licht ziehen. Liegt vielleicht eine alte Abneigung gegen meinen Better und Schwager vor? Ich glaube mich zu erinnern, daß er Ihnen nicht gerade gefiel. mir auch nicht! Ich schwärme nicht für ihn, wie Sie wissen. Nun, wir werden es schon so einrichten, daß wir ihn nicht sehen. Die Sache ist sehr leicht Am nächsten Sonntag gehen wir zum Konzert im Chatelet, Loge 22. Wir werden allein sein, Annette und ich. Wenn mein Herr Schwager auch ein junger Ehemann ist, so geht er doch häufiger allein als mit seiner Frau aus.
Schon? sagte René mechanisch. Er fühlte wohl, daß dies Bekenntnisse provoziren, die Unterhaltung auf den brennenden Boden ziehen hieß, den er fliehen wollte. Um so schlimmer! Er wollte von Annette sprechen hören. War es nicht genug, daß er sich ihren Anblick versagte? Auch ahnte er, daß die Ehe nicht glücklich war, und in einem Egoismus, den leidenschaftliche Naturen begreifen werden, schien es ihm, als würde er weniger unglücklich sein, wenn er sie mit einem anderen unglücklich wußte.
Nein, nein, entschuldigen Sie mich. Ich kann nicht. Die elektrische Glocke, welche in diesem Moment die Buschauer auf ihre Plätze rief, ersparte ihm die Pein, noch mehr zu sagen. Aber Henri, der neugierig geworden war und ihn wiedersehen wollte, bestimmte eine Zusammenkunft Wie freue ich mich, Sie zu treffen, mein lieber nach Schluß des Theaters in einem nahen Café. Ja, begann Henri wieder, ich fürchte sehr, daß mein Lehrer! Ihre letzten Worte sind mir während des ganzen letzten Herr Schwager an kleinen, feinen Soupers und allem, was René fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann. Aktes im Kopfe herumgegangen, sagte er, sobald sie sich in mit dem Ballet zusammenhängt, nur zu großen Gefallen Er hatte Henri Noveray erkannt. Zuerst vermochte er nur einer Ecke, in der sie frei plaudern fonnten, niedergelassen findet. Ich bin nicht sicher, daß mein armes Schwesterchen durch einen herzlichen Händedruck zu antworten. Dann hatten. Berzeihen Sie mir, wenn ich indiskret bin. Aber in ihm den Mann gefunden hat, den sie haben müßte. wollte er wissen, wie Henri hierher kam. Nichts war ein- lich möchte wetten, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt. Ich bin sogar sehr überrascht gewesen, als ich aus Deutsch