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Nr. 404 39. Jahrgang Ausgabe A r. 198

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Sonntags- Ausgabe

Vorwärts

Berliner Volksblatt

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295

und 2506-2507

Sonntag, den 27. August 1922

Erste Maßnahmen des Reichs.

Gestern, Sonnabend vormittag, fand unter dem Vorsitz Wintervorräte vorschußweise zu beschaffen. Auch die des Reichspräsidenten ein Ministerrat statt, an dem alle Reichs Mittel der sozialen Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinter minister bzw. in ihrer Vertretung die Staatssekretäre und bliebene sind verdoppelt, für Rieinrentner steht das gleiche auch ein Bertreter Breußens teilnahmen. Gegenstand der Bes bevor. Die Bezüge der Sozialrentner find erst vor kurzem aufge­ratung war die innere Lage des Reiches, namentlich die durch bessert worden; Berhandlungen über weitere Hilfsmaßnahmen stehen bie Geldentwertung der letzten Wochen verschärfte Teue vor dem Abschluß. Um eine beffere und sparsame Er rung und die daraus für das Reich und die Bevölkerung nährung besonders bedürftiger Boltstreife zu ermöglichen, foll für den kommenden Winter drohenden Schwierigkeiten. der Ausbau und die Erweiterung der Bolts-, Kinder- und Studenten­speiseanstalten soweit wie irgend möglich angestrebt werden.

Zur Einleitung regte der Reichskanzler an, daß bis zu der auf morgen, Montag, anberaumten Verhandlung der Reichsregierung mit den Ministerpräsidenten und Innen­ministern der Länder die hauptsächlich dazu berufenen Reichsrefforts fertige Borschläge ausarbeiten möchten, mit denen der drohenden Krisis in der Ernährung und Wirt fchaft unseres Volfes entgegengewirkt werden könnte.

In der sich anschließenden Aussprache gaben die Vertreter ber Refforts ein Bild der Lage innerhalb ihres Aufgabenfreifes und er. Brterten die Möglichkeiten gesetzgeberischen oder verwaltungsmäßigen Borgehens. Auf dem Gebiete des allgemeinen Wirtschaftslebens find vom Reichskabinett zur

Berringerung des Bedarfs an Einfuhrdevisen bereits Beschrän­tungen in der Einfuhr von Lurusgegenständen beschlossen; ferner werden Erhöhungen der Ausfuhrabgabe in den nächsten Tagen befanntgegeben. Es sind Maßnahmen in Borbereitung, um tie reine Devifenfpetulation durch eine periodisch erfolgende nachträgliche Kontrolle der vollzogenen Devisengeschäfte zu unterbin­ben, ohne daß durch diese Maßregel ber für den Geschäftsverfehr not

wendige Devisenhandel behindert werden soll. Ob auf dem Gebiete des Geldmefens und der Balutagestaltung, insbesondere im inne. ren Geldmartt, noch weitere Maßregeln getroffen werden können, wird geprüft.

Der besonders wichtigen C

Sicherstellung der Bolfsernährung

follen folgende Maßnahmen dienen: Die angebahnte Regelung Der Kartoffelversorgung für den Winter wird durch nach drückliche Förderung des Bertragsabschluffes zwischen Er zeugern und Verbrauchern weiter verfolgt werden. Die Berwer­tung von Kartoffeln in den Brennereien wird auf das mit Rücksicht auf die Viehhaltung( Schlempefutter! Red.) gebotene Mindestmaß befchränkt. Durch geeignete Maßnahmen wird eine fachgemäße Verteilung des Zuders

Auf dem Gebiete des Transportwesens hat die Reichs­bahnverwaltung alle Vorbereitungen getroffen, um für den Winter einen möglichst geregelten Abtransport der Rohlen, der Kartoffeln und des Getreides zu sichern; der Lokomotivbestand ist gegen das Borjahr etwas, der Beftand an Güterwagen erheblich vermehrt. Es bestand im Ministerrat Einmütigkeit darüber, daß die Ueber tretung der bestehenden und der neu hinzukommenden im Intereffe des Boltsganzen erlassenen Berbote unter

scharfe Strafen,

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insbesondere unter Gefängnisstrafen gestellt werden müßte. Das Reichskabinett ist entschlossen, in Erkenntnis der Ge. fahren, denen bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage weite Bevölkerungsschichten ausgefeßt sein würden, mit schnellen und umfassenden vorbeugenden Maßnahmen einzu­greifen. Die in der Sigung des Ministerrats vorbereiteten und hier frizzierten Absichten der Reichsregierung werden am Montag mit den Bertretern der Länder durchberaten, nach durchgeführt werden.

ihren Anregungen eventuell erweitert und unmittelbar

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Zeitungsnot und Arbeiterpresse.

Die Krise, die schon seit Monaten das Zeitungs­gewerbe bedroht, ist jetzt in ein verschärftes, wenn nicht entscheidendes Stadium getreten. Die Verteue rung der wichtigsten Rohstoffe zur Herstellung der Zeitung nimmt Formen an, denen die selbständigen Zeitungsbetriebe auf die Dauer nicht mehr gewachsen sind. Man muß fürchten, daß die Zahl der Zusammenbrüche im Zeitungsgewerbe in allernächster Zeit noch gewaltig zunehmen wird. Letzten Endes ist dieser kritische Zustand bedingt durch die geradezu phantastische Steigerung der Preise für Druckpapier, die mit dem Dollar nahezu Schritt halten. Ein Kilo Zeitungs­drucpanjer, das vor dem Kriege 0,20 m. gekostet hatte, war bis zunt Januar d. 3. auf 7 M. in die Höhe gegangen; es foftete im August 28 und soll jetzt auf 70 m. erhöht werden. mit anderen Worten: im September wird ein Kilogramm Zeitungspapier den 350fachen Friedenspreis fosten. Da die Herstellung des Borwärts" für jeden Abnehmer 2 Kilo­gramm Papier monatlich benötigt, wird allein das Drud­papier im nächsten Monat 140 M. fosten, während heute noch der Bezugspreis 90 M. monatlich beträgt.

Das ist nicht der einzige Rohstoff, der so unglaublich viel Rosten bereitet, auch der übrige Materialaufwand im Zei­tungsgewerbe hat sich enorm verteuert. War es schon bisher den Zeitungen unmöglich, ihre Bezugspreise ent­sprechend den gestiegenen Broduktionskosten zu erhöhen, so be­steht heute die Gefahr, daß das noch weniger als früher mög­lich sein wird, daß also eine große Zahl von Zeitungs­betrieben eingestellt werden muß.

Saft schwere Rlage führt, so hat die Arbeiterpreffe erst recht

Benn schon die bürgerliche Breffe über diese gewaltige

alle Ursache, dieser Entwicklung mit der größten Besorgnis entgegenzusehen. Biel mehr als die meisten bürgerlichen Zeilun­Die Maßnahmen der Reichsregierung, wie sie in vor gen ist fie auf die Erlöse aus den Abonnements ange­stehenden Communiqué angefündigt werden, find beachtliche wiesen, und sie fann sich nicht wie die übrige Presse durch In­Anfänge zur Durchführung eines Wirtschaftspro ferate, die manchmal mit Zugeständnissen an interessierte Kreise gramms, das die schwierigsten Nahrungssorgen für den verbunden sind, für den Ausfall schablos halten. Die Ar­Winter von den betroffenen Kreifen, insbesondere von den So- beiterschaft ist in Gefahr, ihr stärkstes machtmittel zialrentnern abwenden soll. Aber es find erst Anfänge. im Kampfe um ihr Recht und um die Berbreitung ihrer Forde zu begrüßen ist es, daß man ohne Vorurteile die Borschläge rungen vor der Deffentlichkeit zu verlieren oder in ihrem Wir­der Gewerkschaften mit aller gebotenen Beschleunigung geprüft fungsgrad beeinträchtigt zu sehen. Was das bedeutet, nach­und in der Tat positive Maßnahmen ins Auge gefaßt hat. dem schon heute ein gewaltiger Teil der öffentlichen Meinung um nur auf einige, noch dringend einer weitergehenden Rege- von den Interessen privater Gelbgeber diftiert wird, darüber lung bedürftige Bunkte hinzuweisen, fei hervorgehoben: Es wird fich niemand einer Zäufung hingeben fönnen. In genügt nicht, dem Unwefen der Schlemmerei durch Seuern ent- demselben Maße mie die Arbeiterpresse zu Einschränkungen Im nächsten Wirtschaftsjahr herbeigeführt werden; die Berwendung gegenzutreten, es muß auch die 3uderversorgung be- gezwungen wird, wird die Arbeiterschaft mundtot gemacht.. von inländischem Zuder zur Herstellung von Trinkbranntwein reits bei der Einfuhr richtig organisiert sein, um zu ver- Das muß unter allen Umständen verhindert werden. wird verboten, zur Herstellung von Süßigkeiten weitgehend ein- hindern, daß ausländischer mit inländischem Zuder zusammen Ungeheurer Opfer und gewaltiger Kraftanstrengung hat geschränkt. In Aussicht genommen ist ferner nach Einvernehmen in den Versorgungsmartt tommt und daß in Wirt- es bedurft, um die Arbeiterpresse zu dem zu machen, was sie mit den Ländern ein Verbot der Herstellung starter Biere. In der lichkeit der Auslandspreis des Zuders maßgebend wird. Auch heute ist, zu einem Organ, das die Interessen der Arbeiter­angesichts der hohen Fleischpreise besonders wichtigen Frage die Kartoffelversorgung müßte noch straffer organi- fchaft gegenüber den politischen und reirtschaftlichen Anschau­der Bersorgung der Bevölkerung mit Seefischen soll auf eine fiert werden, vor allem, um zu verhindern, daß eine un- ungen anderer politischer Gruppen mit großem politischen Ge­genügende Bersorgung der Hochseefischerei mit deutscher Rohle nötige Belastung der Eisenbahnen eintritt, welche die Gesamt micht und mit dem technischen Ausgebot aller modernen Mittel hingewirkt werden; das würde gleichzeitig ermöglichen, ein Berbot versorgung mit Lebensmitteln nachteilig beeinfluffen würde. des Zeitungswesens vertritt. Jest droht dieser kraftvollen des Löschens in fremden Höfen an deutsche Fischdampfer und Schließlich aber muß noch mehr, als in den furzen Andeu- Entwicklung durch die Rohstoffverteuerung eine nicht zu unter­ein Ausfuhrverbot für Seefische zu erlassen. tungen der Regierung zum Ausdrud tommt, für die Kriegs schäzende Gefahr. Nachdem ohnehin die Aufwandstoften einer invaliden und hinterbliebenen sowie für die Arbeiterfamilie durch die fortschreitende Teuerung der Lebens­Sozialrentner gesorgt werden. Eine Erhöhung der mittel und Bedarfswaren in erschreckendem Ausmaße gestiegen Papiermarkbezüge nützt hier wenigfie ist meist schon ent- find, liegt es nahe, daß eine Anpassung der Bezugspreise an wertet, ehe die Zahlung erfolgt. Man müßte unter allen Um die erhöhten Produktionskosten der Beitung weite Streife ständen eine Hilfe durch Lieferung von Lebensmitteln abschrecken wird, noch weiter eine Tageszeitung zu halten. in großzügigfter Weise organisieren und mit Hilfe der von Der Arbeiter, der so handelt, der sich seines wichtigsten den großen Organisationen schon gebildeten oder noch zu bil- Rampfmittels begibt, schäbigt damit sich selbst. Es iſt benden Bezugsvereinigungen in ähnlicher Weise wie bei der Aufgabe aller Parteigenoffen, nach Mitteln zu suchen, die dazu Kartoffelversorgung eine Gewähr dafür schaffen, daß die beitragen, die fatastrophale Krife zu überwinden. Oft ist es Aermiten der Armen, die Hilfsbedürftigsten der Hilflosen nur ein Trugschluß, wenn man von den hohen" Zeitungs­wenigsten etwas zu effen bekommen. Ohnehin sind sie gebühren spricht. Man vergist oft, daß es andere Baren des schwer genug davon betroffen, daß sie durch die Geldentwertäglichen Bedarfs gibt, die noch viel gewaltiger im Preise ge­tung ihrer mühsam erarbeiteten oder im Kriegsdienst mit stiegen find, und die trotzdem noch getauft werden. Aber man Lebensgefahr und törperlichen Schäden verdienten Bezüge so ist es mun einmal gewohnt, bie geistige Nah­gut mie enteignet worden sind. rung minder 31 u achten als die körperliche Ernsteste Arbeit tut not. Wir begrüßen die Anfänge, und als manche Genußmittel. Und so tommt. es, möchten aber wünschen, daß auf dem Wege entschieden daß die Wirtung steigender Bezugspreise im ge= weitergegangen wird. Weite Boltsteile find von famten Zeitungsgewerbe ein Rüdgang der Abonnentenzahl höchster Not bedroht.

Dem ärgernisgebenden und widerlichen Treiben in den Schlemmergaststätten

und in manchen Bergnügungslokalen muß Einhalt geboten werden; und in manchen Bergnügungslokalen muß Einhalt geboten werden; es ist Aufgabe der Länder und Gemeinden, durch Steuern und sonstige durchgreifende Maßregeln diesem wachsenden und beschä menden Unfug entgegenzutreten. In Preußen ist bereits eine Verfügung vorbereitet dahin, daß bei Behandlung von neuen Ron­zessionsgefuchen für Schanklokale das Bedürfnis grundfählich ver

neint werden solle.

Auf dem Gebiet der Fürsorge für die notleidende Bevölkerung find vor allem verstärkte Hilfsmaßnahmen für Kriegsbeschädigte, Kriegshinterbliebene, Sozial­

und Kleinrentner eingeleitet. Die Teuerungszuschüsse für bedürftige Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene sind mit Birtung vom 1. August 1922 er. höht worden und erhöhen sich ab 1. September 1922 um durch schnittlich weitere 66% Broz. Die Hauptfürsorgestellen sind ferner ermächtigt, für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene

Kompromißmöglichkeit?

Baris, 26. Auguft, 9 Uhr abends.( EE.) Ueber die heutige Nachmittagsfihung der Reparationskommission wurde folgendes fommuniqué veröffentlicht:

Ruhrbefegung Streit und ernsthaften Widerstand der Arbeiter vor­aussehe, wähend fie Frankreich fein Gelb bringe. Der Borschlag bringe Frankreich bie Rontrolle der Ruhrbergwerte durch die recht­mäßigen Besizer. Das schlechte Gewiffen.

Die Reparationstommiffion war von 5 bis 7 Uhr versammelt. Sie hörte die Darlegungen ihrer ans Berlin zurüdgekehrten Mitglie Rom , 26. Auguft.( EB.) Wie das italienische Außenministerium der Bradbury und Mauclère an und beschloß danach, am morgigen ben an ber interparlamentarischen Ronferenz in ien teilnehmen Sonntag eine neue Sihung abzuhalten, um den Bericht durchzu- den Abgeordneten mitteilt, haben Frantreich, England, fprechen. Belgien , bie Tschechoslowatei und Rumänien ihre Hier herrscht heute abend der Eindrud vor, daß ein kom- Teilnahme an der Ronferenz wegen Meinungsverschiedenheiten in promis im Berelge des möglichen lege. der nationalen inderheitenfrage in legter Stunde ab gefagt. Die italienischen Abgeordneten beschlossen, trogdem as Der deutsche Lösungsvorschlag wird in Berliner Melbungen der Ronfereng teilzunehmen, um zur internationalen Ber Der Daily News Suge Stinnes zugeschrieben, der von ber[ hnung beizutragen.

ist. Das ist ein offenes Geheimmis; es wird durch die Ein­stellung vieler Zeitungsbetriebe bestätigt, und es wäre Torheit, an der Gefahr vorbeizugehen, obwohl man gerade in der Ar­beiterpreffe oft genug die Behrnehmung machen konnte, daß ber meitaus überwiegende Teil der geschulten organisierten Sozialisten den Wert seines Blattes im Rampf um die Macht Fisher richtig einzuschäßen wußte.

Es muß also Borsorge dagegen getroffen werden, daß die Arbeiterpreffe von der wachsenden Teuerung erdrosselt, der politische Einfluß der Arbeiterschaft in der Deffentlichkeit herabgemindert oder in einzelnen Teilen des Reiches fogar ausgeschaltet wird. Noch mehr als bisher muß sich die Ar­beiterschaft bewußt werden, daß alle Demonstrationen und politischen Attionen im Parlament an irtungstraft ver­fieren, wenn sie nicht von einer tatkräftigen und einflußreichen Bresse unterstützt werden. Würde die großstädtische Arbeiter= presse durchweg auch nur einmal täglich erscheinen, so wäre ihre