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Nr. 600+ 39.Jahrgang Ausgabe B Nr. 292

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

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Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

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Mittwoch, den 20. Dezember 1922

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Die neue Getreidepreiserhöhung. Förderung des Wohnungsbaues.

Erhöhung des Brotpreises um mindestens zwei Drittel.

Die Reichsregierung hat gemäß§ 50 des Getreideumlage-| Darüber hat die Reichsregierung mit Bertretern des Wirtschafts. gefehes beschloffen, den Preis des dritten Sechstels der Ge- lebens bereits Fühlung genommen. Weiter sollen neben den Maß­freideumlage auf 165 000 m.( bisher 28 600) für nahmen für die Beamten und sonstigen öffentlichen Bediensteten Roggen, mit den entsprechenden Abstufungen für die anderen auch Borkehrungen getroffen werden, um den Sozialrentnern Getreidearten festzusehen. Gleichzeitig ist befchloffen worden, und anderen aus sozialen Gründen zu Betreuenden die Wirkungen eine Vorlage einzubringen, wonach der Endtermin für der Getreidepreiserhöhung zu erleichtern. die Ablieferung des Umlagegetreides vom 15. April auf den 15. März 3urüdverlegt wird.

Reichsernährungsminister Dr. Luther begründete den Be schluß der Reichsregierung folgendermaßen: Der jezige freie Marktpreis für Roggen beträgt rund 270 000 m. und für das erste Umlagedrittel nur 28600 Mart. Der 20er- Ausschuß hat vom 13. Dezember beschlossen, daß die Grundlage der Preisberechnung aus der sogenannten landwirtschaftlichen Indegzahl für den 1. De zember, d. h. für den mittleren Tag der Ablieferungspflicht des britten Sechsteis entnommen werden foll; diese Inderzahl ergibt 167 096 M. Dazu soll nach dem Ausschußbeschluß ein Ausgleich für die infolge irriger Schäßung zukünftiger 3ahlen entstandene geringere Bezahlung des ersten Drittels gewährt werden, der sich auf 18 246 m. berechnen würde. In Zahlen ausgedrückt lag mithin ein Mehrheitsbeschluß auf 185 000 m. vor, während die beiden sich hauptsächlich gegenüberstehenden Gruppen Preise auf der einen Geite von etwas über 100 000 m. und auf der anderen Seite von mehr als 200 000 m. wünschten.

Bon A. Ellinger.

Die Wohnungs- und Bauwirtschaft zerfällt in drei Teil­gebiete, die eng miteinander zusammenhängen und auf denen gleichzeitig vorgegangen werden muß, wenn die bestehende Wohnungsnot in einer für alle Bevölkerungsschichten erträg­lichen Weise in möglichst kurzer Zeit beseitigt werden soll, nämlich: 1. die Bewirtschaftung der vorhandener Wohnungen,

2. die Erbauung neuer Wohnungen, 3. die Baustofferzeugung

beschaffung.

und Baustoff­

Auf dem ersten der drei Teilgebiete herrscht heute noch die gebundene Wirtschaft. Es ist das einzige Wirtschafts­gebiet, auf dem die freie Wirtschaft noch nicht zugelassen ist. Die Folge dieser gebundenen Wirtschaft ist, daß die Mieten bis jetzt im Reichsdurchschnitt nur um etwa das Fünf bis Behnfache gestiegen sind, während sich die Preise aller Lebens­mittel und Gebrauchsgegenstände, die der freien Bewirt schaftung unterliegen und zwar auch derjenigen, die im Inland mit inländischen Rohstoffen erzeugt werden um das Fünfhundert, ja sogar teilweise um über das Tausendfache erhöht haben.

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An dieser ausführlichen Begründung der neuen Getreide­preiserhöhung ist richtig, daß sich auch die Verbraucher der Notwendigkeit einer Steigerung des Umlagepreises nicht ent­zogen haben. Aber auch die komplizierteste Rechnung wird nicht belegen fönnen, daß eine Herauffezung der Umlagepreife auf das Sechsfa che des für das erste Drittel bereits nachträglich erhöhten Preises erforderlich geworden ist. Die Landwirtschaft erzielt aus dem freien Verkauf eines wefent lichen Teiles ihrer Ernte Gewinne, die weit über ihre Bro­duktionskosten hinausgehen; sie hat daher die Pflicht, die Not, die auf der minderbemittelten Bevölkerung laftet, durch die Abgabe eines Teiles threr Ernte zu ermäßigtem Preise zu lindern. Das Reichsernährungsministerium hat einen Aus­gleich versucht, indem es aus den Forderungen der Produ­Diese Sachlage ist ganz ungewöhnlich günstig für die zenten und den Zugeständnissen der Berbraucher ziemlich mieter, die, gemessen am realen Wert der Häuser, thre genau die Mitte nahm. Es hat sich aber nicht vergegenwärtigt, Wohnungen zu einem Bruchteil ihres tatsächlichen Wertes be= Daß die von den Verbrauchern genannten Preise von rund kommen. Sie ist aber sehr ungünstig für die Wohnungs­102 000 m. pro Tonne tatsächlich die äußerste Grenze losen, für die infolge der Unwirtschaftlichkeit des Häufer­Die Gründe für die Stellungnahme der Reichsregierung dessen darstellten, was nach Kenntnis der Lebensbedingungen baues auf privatwirtschaftlichem Wege feine Wohnungen mehr find folgende: ber breiten Masse getragen werden fann und im Notfalle, be- gebaut werden fönnen und für die, infolge Mangels an Mit­Die durch die gesetzliche Lage für die Reichsregierung gebotene fonders aber im Hinblick auf die Steigerung der landwirt feln, auch der gemeinnüßige und gemeinwirtschaftliche Woh­Berücksichtigung des Beschlusses des 20er- Ausschusses hat die Reichs schaftlichen Produktion auch getragen werden müßte. Ebenso nungsbau immer unmöglicher wird. regierung veranlaßt, als Ausgargspunkt für ihre Stellungnahme irrt sich das Reichsernährungsministerium über die Wirkun den hauptsächlichsten Ausschußbeschluß zu wählen, wonach die land- gen der Getreidepreiserhöhung, wenn es darauf hinweist, 11, Millionen Wohnungen. Da aus den vorhan­Burzeit fehlen in Deutschland schäzungsweise 114 bis wirtschaftliche Inderzahl des mittleren Tages der Ablieferungs- daß dadurch das Brot durch den neuen Preis nur um etwa denen Wohnungsbeständen- durch Aufteilung großer Woh­periobe zugrunde gelegt werden soll. Die Reichsregierung hat an 66 Broz. verteuert werden würde. Noch immer sind mit einer nungen in Kleinwohnungen, den Ausbau von Dachgeschossen, ihrem alten Standpunkt festgehalten, daß das Inderverfahren grund- Berteuerung des Brotes auch die übrigen Produktionskosten den Einbau von Wohnungen in öffentliche Gebäude usw. fäglich geeignet ist, um den Landwirten im großen Durchschnitt des gestiegen, und ein für die Ernährung verantwortliches nach dem Urteil aller Sachverständigen feine nennenswerts bereits Aufgewandten und noch Aufzuwendenden die finanziellen Ministerium müßte längst einen einigermaßen einwandfreien 3ahl von Wohnungen mehr zu gewinnen ist, so bleibt zur Voraussetzungen für die Weiterführung der Brotgeteideerzeugung Schlüssel für die Berechnung des Brotes gefunden haben. Beseitigung der Wohnungsnot nur der Bau neuer Wohnun. zu geben. Daneben ist zum Vergleich der freie Marktpreis nach unserer Rechnung ist eine Berdoppelung des Brot­für den November berüdsichtigt worden. Bon dem so errechneten preises bis Mitte Jamuar unvermeidlich. gen übrig. Zum Bau neuer Wohnungen in größerem Umfang gibt freien Marktpreis wurde gemäß den Grundabsichten des Getreide­Bugegeben felbst, daß das Ernährungsministerium richtig es heute theoretisch zwei Möglichkeiten, nämlich entweder die umlagegesetzes ein Abschlag von 35 Proz. angenommen, in der daran tut, die Produktionsinteressen der Landwirtschaft im Anpassung der Mieten an die Baukosten durch Be­Meinung, daß mit diefer Prozentzahl der Bereinigungs Hinblick auf die Ernährung des nächsten Jahres feitigung der Mieterschutzgeseße und Freigabe der Mieten. punkt zwischen den volkswirtschaftlichen Not stärker zu fördern. Aber es ist ein verhängnisvoller Irrtum, oder die tatkräftige Fortführung des ge­wendigkeiten der Getreideerzeugung und den Preis zu glauben, daß die Landwirtschaft wirksam gefördert wird, meinnügigen und gemeinwirtschaftlichen intereffen der Berbraucher gefunden ist. wenn man den überspannten Forderungen der Wohnungsbaues. Würde der erste Weg beschritten, fo Zahlenmäßig ist danach das Ergebnis folgendes: Auf der einen Landbündler zu weit entgegentommt. Diese Tat reiht sich bedeutete dies, wie Genoffe Dr. Engler in der Abendausgabe Seite steht die Mittefinderzahl mit 167096 M., auf der anderen eben würdig den übrigen Taten des Bürgerkabinetts Cuno bes Borwärts" vom 21. November sehr anschaulich dargelegt Seite stehen 233 520 m., vermindert um 35 Broz., gleich 151 768. an, das feine höchste Aufgabe in der Förderung des Unter- hat," eine wahnsinnige Bereicherung der Hausbefizer Demnach dürfte, so führte der Minister aus, eine Zahl von rund nehmertums sieht. 160 000 m. das Richtige treffen.

Die Regierung hat weiter dem Beschluß des Ausschusses, wonach eine Bergütung für die nachträglich als zu niedrig erwiesene Schätzung bei der Berechnung des Umlagegetreidepreises für das er ste Drittel gewährt werden soll. Rechnung getragen. Es erschien aber nicht richtig, mit dem Ausgleich, der 18 246 m. je Tenne be. tragen würde, allein das dritte- Sechstel zu belasten. Vielmehr fonnte nur eine Berteilung auf die noch ausstehenden vier Sechstel in Aussicht genommen werden, so daß bei dritten Sechstel 4561 m. hinzugefügt sind. Aus der Hinzufügung dieser 4561 m. zu den oben begründeten 160,000 m. ergibt sich unter angemessener Ab. rundung der Umlagegetreidepreis für das dritte Sechstel von 165000 Mart.

Hohe polnische Offiziere verhaftet. Warschau , 20. Dezember.( DA.) Zwei Adjutanten des Generals Haller , und zwar Oberst Modelfti und Hauptmann Malinowski, sowie der Generalftabsoberst Dowvojno Sollogub wurden verhaftet. Die Korpskommandanten von Kratau, Czifiel, und von Przemysl , Catinit, wurden ihrer Stellung enthoben. Schließlich ist gegen einige höhere Offiziere der Armee, darunter gegen einen Schwager des Führers der Chriftlichnationalen Voltspartei, Duba­novic, eine Untersuchung im Gange. Bei einer Haussuchung in der Wohnung des Mörders Niewiadomski wurden ein Bruder des Mör­ders und einige weitere Personen verhaftet. Kuryer Politi" bringt Einzelheiten der Untersuchung, die ergab, daß die Umgebung des da­hingefchiedenen Präsidenten ihm den Besuch der Ausstellung abge­rafen und ihn gewarnt hat. Der Präsident erklärte jedoch kategorisch, daß er feine Luft habe, ein Gefangener zu sein, und fagte, er habe Bertrauen zu seinen Bolfsgenossen..

Der Mörder befindet sich im Motofower Gefängnis. Er ver­hält sich vollkommen ruhig. Die Atten der abgeschlossenen Unter­fuchung find bereits einem Standgericht überwiesen. Die Nationalverfammlung trift heute mittag zur Neuwahl des

Die Regierung erwartet, daß der Landwirt aus diefer fehr erheblichen Steigerung gegenüber den bisherigen Breis. festsetzungen erkennt, daß sie entschloffen ist, ihm die wirtschaftliche Grundlage zu einer vollen Anspannung seiner Kräfte auch für die tommende Ernte zu gewähren Der möglichst baldigen Ueber­führung der diesjährigen Ernte in die öffentliche Hand soll die beab­fichtigte Rüdverlegung des Umlagetermins dienen. Die Regierung geht auch von der Erwartung aus, daß die Ber­braucher, deren eigenstes Interesse die. Ablieferung der nächstjährigen Ernte ja ist, der Notwendigkeit einer Preisfestsetzung Verständnis Staatspräfifidenten zusammen. entgegenbringen, die den Landwirt allgemein in bie Lage verfekt, feine volkswirtschaftlichen Aufgaben zu erfüllen. Die Regierung hat auch Schritte getan, um den Druck der für Mitte Januar zu erwartenden Brotpreiserhöhung unter Berücksichtigung der gesamten dann obwaltenden Geldwertverhältnisse tunlichst zu erleichtern. Der neue Abgabepreis der Reichsgetreidestelle fann aber noch nicht angegeben werden, ba dabei mancherlei noch unbekannte Umstände

mitsprechen.

Dollar 6700.

und eine außerordentliche Belastung der Mieter. Da die Er bauung einer Dreizimmerwohnung heute ungefähr Millio­nen Mark tostet, so müßte, um das Bauen privatwirtschaftlich rentabel zu gestalten, die Miete für eine solche Wohnung( Ber­zinjung, Tilgung, Verwaltung, Steuern usw.) nahezu 200 000 Mark jährlich betragen. Bei einer weiteren Verteuerung des Bauens wäre voraussichtlich bald mit einer Jahresmiete von 250 000 bis 300 000 Mart zu rechnen. Es bedarf feines Be= weises, daß die Erhebung solcher Mieten zu gewaltigen Lohn­tämpfen, einer riesigen Zunahme der Inflation und der Geld­entwertung und damit zu einer weiteren Zerrüttung unserer Wirtschaft, wahrscheinlich aber infolge der weiteren Berelen dung der arbeitenden Massen und der Vertiefung des Klaffen­gegensatzes auch zu neuen Aufständen und Butschen führen würde. Die Beschreitung dieses Weges ist somit aus volts. wirtschaftlichen und politischen Gründen nicht möglich.

Den zweiten Weg ist man durch das Reichsmietengesetz und das Gesetz über die Erhebung einer Abgabe zur Förde­rung des Wohnungsbaues bereits ein Stückchen gegangen. Er besteht darin, daß man das ganze deutsche Bolf zu einer Wohngemeinschaft zusammenfaßt, die auf der einen Seite die Mieter der vorhandenen und billig erbauten Woh­nungen vor tapitalistischer Auswucherung schüßt, die aber gleichzeitig dafür zu sorgen hat, daß die Wohnungslosen eben­falls zu erschwinglichen Preisen Wohnungen erhalten. Wenn irgendwo, dann muß hier das Sprichwort geften: Einer für alle, alle für einen!

Die erneute Rurssteigerung der Mart an der gestrigen New Vorter Börse führte heute in Berlin im Zusammenhange mit fon Die Solidarität derjenigen, die Wohnungen haben, mit treteren Nachrichten über die Absichten Ameritas zu einer Ab- denjenigen, die feine Wohnungen haben, ist bis jetzt geübt schwächung der Devisenkurse. Der Dolar ging zeitweise bis worden durch eine geringe Wohnungsbauabgabe. auf 6700 zurüd. Gegen Mittag wurde er an der Börse mit 6800 Diese Abgabe hat der fortschreitenden Geldentwertung nicht gehandelt. Die Bewegung scheint jegt in ruhigere Bahnen einzu im entferntesten entsprochen. Ihre Niedrigkeit und feste Be­Die Getreidepeiserhöhung für sich allein wird nur etwa eine lenten. Diese Befestigung der Stimmung fommt auch in der Kurs grenzung hat zusammen mit dem Baustoffwucher dazu ge­Steigerung des Brotpreises um zwei Drittel des bisherigen bewegung am Effettenmarkte deutlich zum Ausdruck. Heute wurde führt, daß nur ein geringer Teil der im vorigen Jahre in Brotpreises nach sich ziehen, da sich dieser Preis auch nach dem von der Mehrzahl der Papiere der vorgeftrige Kursverluft zu einem Aussicht genommenen Wohnungen gebaut werden konnte, Breise des zu erheblichem Teil bereits erworbenen Auslandsgetreides erheblichen Teile wieder gutgemacht. Naturgemäß bleibt das und daß wir heute vor der Einstellung der gesamten Woh­und den Frachten, sonstigen Beförderungs-, Mahltoften usw. richtet. Geschäft im Hinblick auf die bevorstehende Weihnachtspause ver- nungsbautätigkeit und vor dem Zusammenbruch der deutschen Es ist selbstverständlich, daß die Gestaltung der Bezüge im hältnismäßig ruhig. Auch die Geldsorgen wirken drückend. Be- Bauwirtschaft stehen. Wenn der völlige Zusammenbruch der Rahmen der allgemeinen Bedingungen den durch die Brotpreis- fonders gesucht waren heute Schiffahrtswerte und Balutapapiere. gemeinnüßigen Wohnungsbautätigkeit vermieden werden soll, erhöhung geschaffenen Berhältnissen Rechnung tragen wird. Die Stimmung fann als fest bezeichnet werden. so ist es notwendig, die Wohnungsbauabgabe entsprechend dem