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Nr.120+ 40. Jahrgang Ausgabe A nr. 60

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Telegramm- Abreffe: Sozialdemokrat Berlin "

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

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Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Dienstag, den 13. März 1923

Elf Fragen und keine Antwort.

Jaspar weicht vor Vandervelde aus.

Die Verantwortung für die Richtigkeit dieser wahr haft grauenerregenden Schilderung muß dem zitierten Nach­richtenbureau überlaffen bleiben. Leider scheint die Tatsache an sich, daß in Buer schon mehrere unschuldige Deutsche einem viehischen Bergeltungsverfahren zum Opfer gefallen find, un bestreitbar. Geiselerschießungen?

Am 22. Februar hatte Genosse Bandervelde bem] Die Leichen der beiden Ermordeten wurden im Laufe der Nacht belgischen Außenminister Jaspar elf Fragen, die sich auf das in das Buersche Rathaus gebracht mit dem Bemerken, die beiden Ruhrunternehmen bezogen, zur öffentlichen Beantwortung Deutschen feien auf der Straße erfchoffen worden, well fie unterbreitet. Der Außenminister hat jetzt seine Antwort er gegen die Verordnung, betreffend den Nachtverkehr, verstoßen teilt, die allerdings mehr als fümmerlich ausgefallen ist. Die hätten. Mehrzahl der Fragen Banderveldes läßt er unberührt, da angeblich das Staatsinteresse eine öffentliche Beantwortung nicht gestatte. So werden mit Stillschweigen übergangen die Fragen nach einer Auskunft über das Ergebnis der Kontrolle der Ingenieurfommission, über die Menge der seit dem Ruhr einfall abgeförderten Rohlen, über die Mitwirtung Italiens , über die Kosten, die Belgien bis Ende Februar entstanden find und über die Folgen des nahezu völligen Ausbleibens der Kohle für die belgische Industrie. Bon all dem fein Wort. Auch um die Antwort auf die Frage, ob die belgische Regie rung der Ansicht sei, daß eine Kontrolle unter dem Schutz von mehr als zwei Armeekorps wirtschaftliche Ergebnisse zeitige, drückt sich der Herr Außenminister.

Scharfe Repreffalien.

Provokateure an der Arbeit.

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Gemeinschaftsschule in Gefahr!

Bon Kurt Kerlöw Löwenstein.

Um die Gemeinschaftsschule wird augenblicklich in den Berhandlungen des 30. Reichstagsausschusses gefämpft, und diese Kämpfe und ihr Ausgang sind deswegen von so großer Be­deutung, weil die Bestimmungen über die Gemeinschaftsschule ihre wesentlichen Folgen für die übrigen Schularten Bes fenntnisschulen, weltliche und Weltanschauungsschulen haben werden. Wir Sozialdemokraten haben die Gemein­schaftsschulen durch folgenden Antrag umschrieben:

" Die Gemeinschaftsschule ist grundsäglich und ihrem Wesen nach unabhängig von dem Bekenntnis oder der Weltan schaung der Kinder, die sie besuchen, und der Lehrer, die an ihr tätig sind.

Sie ist daher für Kinder aller Bekenntnisse und Beltanschauungen bestimmt. Lehrer aller Konfeffionen und Weltanschauungen förmen an ihr unterrichten. Borübergehender oder dauernder Besuch von nur Kindern eines Bekenntnisses oder nur Kindern feines Bekennt niffes, vorübergehende oder dauernde Beschäftigung von nur Lehrern eines Bekenntnisses oder feines Befenntniffes verändern nicht den Charakter der Schule als Gemeinschaftsschule.

Die Gemeinschaftsschule erteilt den Unterricht für alle Kinder gemeinsam auf allgemein fittlicher Grundlage im Sinne sittlicher Rolfsgemeinschaft. Sind für Kinder einer Altersstufe Parallelklassen eingerichtet, fo darf die Trennung der Kinder nicht nach dem Be­fenntnis oder der Weltanschauung vorgenommen werden. Nur der Religionsunterricht, der nach Artifel 149, Abf. 1, der Reichsverfaffung ordentliches Lehrfach ist, wird für die Bekenntnisse getrennt und in Uebereinstimmung mit den Grundsätzen der betreffenden Religions gemeinschaft erteilt. Bekenntnisfreier Religions- oder Moralunter­

Die Gemeinschaftsschule erteilt den Unterricht auf christlicher Grundlage ohne Rücksicht auf die Besonderheiten der einzelnen Be­fenntnisse für alle Kinder gemeinsam; der Religionsunterricht wird nach den Bekenntnissen getrennt erteilt. nach den Bekenntnissen getrennt erteilt. Bei der Befehung bas religiöse Bekenntnis der die Schule besuchen­ben Rinder nach Möglichkeit Rüdsicht genommen werden. Die Gemeinschaftsschule verliert ihren Charakter nicht dadurch, daß Lehrer an ihr tätig sind, die einem christlichen Be= tenninis nicht angehören."

der Lehrstellen an der Gemeinschaftsschule foll auf

Dortmund , 12. März.( WIB.) Der fommandierende General des 32. Armeekorps, General Caorn, gab dem Magiftrat in Buer befannt, daß im Falle in Buer ein Mord an einem Franzosen verübt werden follte, der als Geisel feffgehaltene Oberbürgermeister ohne Urteilt erschossen werden würde. Der General übernehme die volle Aber noch mehr, das Staatsinteresse muß fogar als Vor- Verantwortung für dieses Urteil und sei bereit, sich unter ge­wand dienen, um sich auszuschweigen über Maßnahmen der wiffen Umständen vor dem franzöfifch- deutschen oder internatio­Regierung gegen das Sinten des belgischen Frant und das nalen Gerichtshof zu stellen. Der Vertreter der Buerschen Kauf­Steigen der Breife. Eine flare Antwort gibt der Außen- mannschaft Arnhold wurde freigelaffen, um den Beschluß des minister lediglich auf die Frage, ob man mit den ergriffenen fommandierenden Generals dem Magiftral sowie der Bevölkerung Maßnahmen nur einen wirtschaftlichen Drud auf zur Kenntnis zu bringen. Deutschland ausüben wolle, oder ob man vielmehr ein poli tisches Ziel, die endlose Besetzung des Ruhrgebiets, im Auge habe. Hier wiederholt der Minister seine bereits im Buer , 12. März.( Eigener Drahtbericht.) Bon heute nachricht ist an den Gemeinschaftsschulen ordentliches Lehrfach. Die Auswärtigen Ausschuß der Belgischen Rammer abgegebene mittag 4 Uhr ab darf die Bevölkerung nur den Fahrdamm, nicht näheren Bestimmungen über die Einrichtung von Religionsunterricht Erklärung, daß die durchgeführten Maßnahmen als einzi- den Bürgersteig betreten. Weiter darf die Bevölkerung die Hände oder Moralunterricht( Anzahl der Unterrichtsstunden und Mindest. gen Zwed die Bezahlung der Reparationen verfolgen. nicht in den Taschen haben, die Arme müssen pendeln, zahl der teilnehmenden Schüler) erfolgen durch Landesgesetz." Der Druck auf Deutschland soll allerdings eine immer die innere Handfläche muß zu fehen sein. Heute abend Wir stehen mit dieser Formulierung im schroffen Gegen­schärfere Form annehmen und nicht nachlaffen, bis 7, Uhr darf niemand mehr auf der Straße fein. Um 10 Uhr faß zu dem Kompromißantrag, der von dem Zentrum, der Deutschland seine eingegangenen Berpflichtungen erfüllen wird. darf teine Beleuchtung in den Häusern mehr fein. Es darf fein Deutschen Volkspartei , den Demokraten und der Bayerischen Welche Verpflichtungen gemeint find, läßt die ministerielle Licht mehr nach der Straße dringen. Vor dem Rathaus Buer Volfspartei eingebracht worden ist. Dieser Antrag hat folgen­Antwort nicht durchblicken. Der belgische Außenminister geht stehen fünf Tants. den Wortlaut: aber auch nicht auf die Frage des Genossen Bandervelde ein, ob die belgische und die französische Regierung ihrerseits be stimmte Forderungen formuliert haben, die Deutsch­Ruhrgebiet, 12. März.( Eigener Drahtbericht) Ueber land unterbreitet werden sollten für den Fall, daß es zu Berdie blutigen Zwiscnefälle in Dortmund befagt ein amilicher handlungen fäme; und ebensowenig auf die Frage, ob Bericht der zuständigen Stellen folgendes: Am Sonnabendatens Die Besetzung des Ruhrgebietes aufhörte, wenn Deutschland famen brei angetrunkene französische Soldaten mit einem deutsch Garantien biete für die Bedingungen, die es übernommen sprechenden Legleiter in eine Gastwirtschaft und beitellten Bier. Der deu 'ch sprechende Begleiter versuchte vergeblich, die anwesenden Wie sehr sich die belgische Politik im Schlepptau Frant- Gáfte gegen die Franzosen aufzuheben. Hierauf bearbeitete er die reichs befindet, erfieht man auch daraus, daß sich der Außen- Soldaten, bis diese mit ihren Gewehren die Anwesenden Sedrehten. minister nicht darüber ausläßt, ob es die Auffassung der bel In der Gaststube gelang es dem Wirt, die Ruhe wieder herzustellen. gischen Regierung fei, daß das Reparationsproblem gelöst Im Flur jedoch schlug ein französischer Soldat einen deutschen Sivi werden könne ohne ein lebereinkommen aller Alliierten liften mit dem Seitengewehr, und auf der Straße fetzten sich die und ohne daß die Zahlungsfähigkeit Deutschlands durch Streitigkeiten zwischen dem Deutschen und den Franzosen fort. Schiedsgericht festgestellt worden ist. Dafür aber leistet Einige Leute fielen über den deutsch sprechenden Begleiter her, was sich der Minister in feiner Antwort eine flare Geschichts - die Soldaten mit Angriffen auf die Menge beantworteten. Poli­Flitterung, wenn er behauptet, daß die franzöfifch- belgische zeifommiffar Schloeter, der sich auf einem Revisionsgange be Ingenieurkommission bei ihrem Erscheinen im Ruhrgebiet sich fand, rief durch Notsignale Verstärkung herbei, von der die Sol mit den Unternehmern und Arbeitern verständigt hätte und daten zurückgehalten wurden. Der deutsche Begleiter der letzteren daß die Lieferungen regelmäßig weitergegangen wären, wenn hegte jedoch die Soldaten wieder auf, so daß sich diese schußfertig nicht die Berliner Regierung ihren Staatsangehörigen ein machten und auf die Menschenmenge eindrangen. Den Polizei entsprechendes Berbot auferlegt hätte. Dadurch, daß man in tommiffar, der zu vermitteln und zu beruhigen versuchte, erklärten Frankreich und in Belgien diese Behauptung immer wieder sie für verhaftet und eröffneten gleichzeitig in einer Entfernung von aufstellt, wird diese Lüge nicht zur geschichtlichen Wahrheit. fünf bis sechs Schritten lebhaftes Feuer. Hierbei erhielt der Polizeitommiffar einen Schuß durch die Schulter. Auch die Sol­Die Greuel von Buer. baten erhielten Berstärkung und fäuberten die Straße durch Abgabe Buer , 12. März.( WIB.) Am Sonntag miffag wurden der von Schüssen. Bei dieser Schießerei wurde der Metallarbeiter Kriminalbeamte Burchhoff aus Buer - Erle und der Elektro- Heinrich Gnfels getötet, der Arbeiter Ernst Scholl monteur Wittershagen von den Franzosen verhaftet. Burch- durch einen Bruftschuß schwer verlegt. Mehrere Personen er hoff wurde auf Grund einer Denunziation eines Großpolen , der hielten fchwere Schuß- und Stichperlegungen. Die franzöfifchen dem Beamten Rache gefchworen hatte, von den Franzosen fefige- Soldaten sperrten daraufhin alle Straßen ab und durchsuchten nommen. Er nannte als Alibizeugen den Monteur Wittershagen, sämtliche Paffanten nach Waffen. mit dem er zur Zeit der Mordfat zusammengewesen war. Beide

hätte.

Bolkspartei auf dem Gebiete des Schulwesens ein Kompromis Es ist nicht ohne Ironie, daß Demokraten und Bayerische schließen können. Ein großer Teil der Lehrer steht in tulturel len Fragen auf demokratischem Boden, und vielleicht empfin­den es die Herren des Allgemeinen deutschen Lehrervereins und vor allen Dingen die bayerischen Lehrer, die erst jüngst gegen das reaktionäre Vorgehen des Kultusministers Matt in Bayern protestiert haben, der der Bayerischen Volkspartei nicht gar so ferne steht doch ein wenig fompromittierend, daß ihre parlamentarischen Gesinnungsfreunde fich gerade in diesem Augenblick mit der Bayerischen Volkspartei in Kultur­fragen zusammenfinden.

Die demokratischen Zeitungen vor allen Dingen das Berliner Tageblatt" und die Bossische Reitung" scheinen sich auf diesen Kompromißantrag noch sehr viel einzubilden, und sie werfen uns Sozialdemokraten vor, daß wir versuchen wollten, aus der Gemeinschaftsschule eine verschleierte weltliche Schule zu machen. Ja, das Berliner Tageblatt" will uns fo­gar flarmachen, daß die Reichsverfassung in der Gemeinschafts­Schule eine ähnliche christliche Simultanschule habe schaffen wollen, wie sie schon seit langem in Baden und Hessen be­stände. Nun sind zwar die badischen und hessischen Simultan­schulen etwas anderes als die in der Verfassung veranferte Gemeinschaftsschule, aber auch abgesehen davon sind selbst

wurden in der Nacht im franzöfifchen Arrefflotal schwer miß- Belagerungszustand in Koblenz . handelt. Es scheint ,, daß Burchhoff sich gegen diefe unmensch- Koblenz, 12. März.( WTB.) In der Nacht vom Sonnabend die hessischen und badischen Gemeinschafts­liche Behandlung gewehrt hat. Gegen 9 Uhr abends führten die zum Sonntag wurde auf die sonderbündlerische Gutenberg- schulen ihrer gefeglichen Bestimmung nach Franzosen ihn auf den Plah hinter dem Rathaus. Die Bewohner bruderei zum dritten Male ein Angriff ausgeführt. Die Drud nicht christliche Simultanschulen, wobei es für der umliegenden Häuser waren vorher aufgefordert worden, die und Sehmaschinen wurden diesmal vollständig zerstört. Verlags- die gefeßliche Festlegung gleichgültig sein mag, daß wegen Fenster zu fchließen. Auch war verboten, Licht zu machen. Zwei direktor Mull hatte, als die Täter das Gebäude gerade verlassen der Zugehörigkeit des überwiegenden Teiles der Bevölkerung Offiziere und zwei Soldaten schleppten Burchhoff unter fortwäh- wollten, einen Schuß abgegeben, worauf die Polizei an Ort und zum christlichen Bekenntnisse tatsächlich christlicher Religions­renden Kolbenstößen und Peitschenhieben auf den freien Stelle erſchien und einen Täter festnahm. Heute vormittag wurde unterricht durchgängig erteilt wird. Nur in Bayern hat man infolge der Zerstörung der Maschinen des Gutenbergverlags von den Plah. Die Bewohner der Häufer hörten die lauten Schreie des französischen Besagungsbehörden über die Stadt Koblenz der Aus- aus der bestimmten reaktionären Absicht heraus die bestehen­Bedauernswerten. Gleich darauf fielen zwei Schüffe, dann na hm zu stand verhängt. Die Bevölkerung darf von 10 Uhr den Simultanschulen zu chriftlichen Schulen gemacht, um das wurde es fill, und die Franzosen entfernten sich haftig. Die Leiche abends bis 6 Uhr morgens die Straßen nicht betreten. Nur Aerzten mit jüdischen oder diffidentischen Lehrern die Anstellungsmög­weift graufige Berletzungen auf. Der Schädel ist durch und Hebammen ist der Aufenthalt auf den Straßen während dieser lichkeit an solchen Schulen zu nehmen. Kolbenschläge vollständig 3ertrümmert. Eine Beit gestattet. Schußverlehung findet sich in der Brust, eine zweite vor der Stirn.

Dec Monteur Wifiershagen wurde furz nach diesem Belgische Sozialistenabordnung im Ruhrgebiet . Borfall auf den Cyzeumshof gefchleppt und dort erschossen. Die Kugel durchschlug den Schädel, der vollständig zerriffen ist. Der Schuß muß aus nächster Nähe abgegeben worden sein, da das Ge­ficht zahlreiche Pulverslede aufweist.

Brüssel , 12. März.( Deta.) Der Generalrat der Belgischen Sozialdemokratischen Partei hat den Beschluß gefaßt, eine kom­miffion von 8 Mitgliedern ins Ruhrrevier zu enfjenden, um die dortige Lage zu untersuchen.

Die Demokraten von gestern dachten übrigens über die Gemeinschaftsschule anders. In ihren früheren Anträgen ver­langten fie nämlich, daß die Gemeinschaftsschule nicht auf christlicher, sondern auf allgemein religiöser Basis errichtet werden solle.

Aber das ist nicht der einzige Prinzipienbranch. In dem Antrage wird ferner verlangt, daß bei der Besetzung der