Abendausgabe
Nr. 20040. Jahrgang Ausgabe B Nr. 100
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Vorwärts
Berliner Dolksblatt
Preis 100 Mark
Montag
30. April 1923
Berlag und Anzeigenabteilung Geschäftszeit 9-5 Uhr
Verleger: Vorwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 2506-2507
Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutfchlands
Anschlag auf die deutsche Post.
Der 1. Mai... verboten!
O. L. Rom , den 27. April. Redet uns nicht von Freiheit", hat dieser Tage eine
Frankfurt , 30. April. ( mtb.) Wie der Pariser Korrefpon- in Frankreich nicht zu Borte tommen. Die französische Regierung Leuchte des Fascismus einem Interviewer des Temps" gedent der Frankfurter Zeitung berichtet, hat Tirard angeordnet, habe irrtümlich geglaubt, fidh bei der Ruhrattion auf die Gegenfäße sagt, das ist ein Lurusartikel für wohlhabende und ruhige die gesamte für das unbefehte Deutschland be- stüßen zu können, die in Deutschland zwischen dem Unternehmer Völfer; nichts für Italien ". Im Zeichen dieser Auffassung begeht, stimmte Post zurückzubehalten und zu beschlagnahmen, und dem Arbeiter bestehen. Die deutsche Arbeiterschaft man diesmal in Italien den 1. Mai. Die Regierung hat ihn angeblich weil die deutsche Post fich welgere, die für die Offupations- werde den Klaffengegefaß auch gegenüber dem franzöfifchen verboten. Sie hat freilich einen„ Ersatz" beigestellt, indem organe bestimmten Poftfendungen zu befördern. Rapitalismus befunden. Der Abwehrkampf an der Ruhr sie den 21. April zum ,, nationalen Fest der Arbeit" stempelte. Der Beschluß Tirards würde, wenn er durchgeführt wer- fei nicht ein Dittat des Kabinetts Cuno, sondern in erster Linie ge- Was ist eigentlich dieser 21. April? fragt man sich im Auslande den sollte, einen weiteren Schritt zur Loslösung des besetzten tragen vom freien Willen der Arbeiterschaft. Seitens Deutschlands und auch in einem guten Teil Italiens . Es ist das Datum, das Gebietes von Deutschland bedeuten. Es ist zwecklos, die Maß- müßten positive Borschläge gemacht werden, um zu Verhandlungen man übereingekommen ist, als Tag der Gründung Roms nahme vom rechtlichen und moralischen Standpunkt aus zu be- zu kommen. England sei Gegner der Ruhrpolitik, weil es die fran- zu feiern; als Festtag empfunden wurde der Tag ausschließlich trachten. Der Kampf, den die französische Regierung am Rhein zösische Macht auf dem europäischen Rontinent fürchte. Nach Anin Rom, und zwar erst feit wenigen Jahren, seit nämlich die und an der Ruhr führt, ist ein reiner Machtlampf. Er hat sicht Breitscheids solle die deutsche Regierung eine bestimmte Freimaurer anfingen, ihn als Fest mit ausgesprochen antiin den letzten Wochen immer erbittertere Formen angenom- Biffer nennen, die sich etwa in einer Höhe von 30 milliarben fleritalem Charakter zu begehen. Künftighin wird der men. Nachdem man die Eisenbahnen teilweise militarisiert und Goldmart bewege, wovon Frankreich 26 Milliarden erhalten Tag mun einen ausgesprochen antiproletarischen einen großen Teil des Berwaltungsförpers durch Beamtenaus folle, in die die Besatzungskosten der Ruhr einzurechnen feien. Charakter tragen. weisungen lahmgelegt hatte, schritt man zur Auflösung Deutschland und Frankreich fonnten sich gegenseitig verpflichten, auf Aber der 1. Mai ist abgeschafft, er ist verboten. Die des deutschen Rheinland tommissariats und hundert Jahre feinen Krieg zu führen vorausgesetzt, daß Polizei von Mailand hat sogar Strafmaßnahmen bei versuchte auf diese Weise, den amtlichen Verkehr zwischen dem die deutschen Grenzen gesichert würden. Unter teinen Umständen Arbeitsenthaltung angedroht. Wer streift, wandert besetzten und unbesetzten Deutschland zu paralysieren. Durch werde man zulassen, daß auch nur eine Straße vom deutschen Land ins Gefängnis; wer etwa eine rote Nelle tragen sollte, wird die Maßnahmen gegen den Automobilperfehr, abgetrennt werde. Die Räumung des Ruhrgebietes fei sofort nach voraussichtlich mit fascistischem Reisepaß dahin wandern, wo die übrigens auch die Lebensmittelverteilung im befeßten Ge- Tätigung des neuen Vertrags vorzunehmen. biet sehr erschweren, versuchte man den persönlichen Berkehr zwischen den Gebietsteilen zu unterbinden. Der Anschlag gegen die Post würde das befeßte Gebiet hermetisch von Deutschland abschließen. Es ist auffällig, daß die französische Regierung zu derartigen Mitteln in einem Augenblic greift, in dem wir unsere Bereitschaft zu Verhandlungen zeigen.
Endlich Offenheit!
Die Rheinrepublik Frankreichs Programm. Brüssel, 30. April. ( EP.) In einer hier gehaltenen Rede, der u. a. Thennis und Jafpar beiwohnten, bedauerte der franzöfifche Ariegsminister Maginot, daß am Kriegsende die Alliierten nicht nach Deutschland marschiert seien. Man hätte dann heute längst die cheinische Republit und somit eine Wand gegen zufünftige Revanchetriege.
Vor neuen Kohlenpreiserhöhungen.
es feine Gefängnisse mehr gibt und wo die Freiheit fein Lurus mehr ist. Dies geschieht im Jahre 1923 oder, wie Mussolini mit tiefem historischen Sinn und noch tieferer Bescheidenheit zu schreiben geruht: im ersten Jahre der neuen Aera". zeit. Was Wunder, wenn dabei auch der 1. Mai erfriert? Freiheit ist für reiche Bölter und das italienische Proletariat ist bitter arm, das will ihm seine Regierung zum Bewußtsein bringen. Wir hatten gedacht, daß es weit ärmere Bölter gibt, aber wenn die Freiheit das Maß der Wohlhabenheit ist, danni war das wohl ein Irrtum, dann gibt es höchstens noch in Rußland ein ärmeres Bolt.
Der Sturz der Mart hat zu neuen Preissteigerungen ge- Diese neue Aera läßt sich an wie eine Art moralische Eisführt und damit die Arbeiter zu neuen Lohnforderungen veranlaßt. Auch die Bergarbeiter sind dadurch in die Zwangslage verlegt worden, neue Lohnforderungen zu stellen. Die Verhandlungen darüber beginnen am 30. April. Schon die Anfegung des Berhandlungstermins gab den Kohlen synditaten Beranlassung, beim Reichstohlenrat eine Sigung zu beantragen, die auf den 3. Mai festgesetzt ist. In dieser Sigung sollen neue Preiserhöhungen be schloffen werden, falls die Forderungen der Arbeiter bewilligt werden. Das bedeutet eine völlige Schwenfung in der Haltung der Reichsregierung. Noch in einer der legten Sigungen des Reichstages brüstete fich der Reichswirtschaftsminister Beder mit dem Abbau der Kohlenpreise, obwohl er doch in der Hauptsache durch die Ermäßigung in der Rohlensteuer von 40 auf 30 Broz erzielt worden ist. Seit dieser Erklärung sind nur wenige Tage verflossen und schon stehen wir vor gewaltigen Breiserhöhungen der Kohle. Das ist der Schiffbruch der Preispolitif der Regierung Cuno Beder. Nicht Preisabbau, sondern Preiserhöhungen hat sie gebracht, dafür aber den Unternehmern Riesengeschente aus Reichsmitteln
Klagen der französischen Hüttenbesitzer. Meh, 30. April( EP.) Der Borsigende des Comité des Forges, de Wendel, hielt in der Meter Handelskammer vor einer Ingenieurverfammlung eine Rede über den Ruhrkonflikt. Er er flärte, daß die Produktionsfähigkeit der Lothringischen Industrie gegenwärtig infolge des Ruhrkonflittes start eingeschräntt worden sei. Drei Biertel der Hochöfen, die im letzten Jahre in Betrieb waren, mußten ausgelöscht werden, und nur noch ein Fünftel bewilligt. bis ein Biertel der im letzten Jahre behandelten Erze würden heute In welch ungeheurer Weise die Rohlenpreise einschließlich verarbeitet. Die Industriellen hätten außerdem große Geld. der Frachten Dom Jahre 1914 bis zum Februar 1923 fich opfer für die Arbeitslosenunterstützung bringen müssen. Der letzte steigerten, zeigt die Tatsache, daß ein Behntonnen Don Deutschland angeftiftete Rohlenstreit hätte ebenfalls betrachtwagen Britetts im Juli 1914 90 m. foſtete, in der liche Berluste für die Industrie im Gefolge gehabt. Die letzten Hälfte des Dezember 1922 263 330 M., im Januar 1923 Lothringischen Industriellen hätten bis jetzt aber nicht die staatliche 445 350 m. und im Februar 1923 815 200 m. Vom Jahre Hilfe angerufen wie die Ruhrindustriellen. Es sei falsch, wenn ge- 1914 an haben sich die Kohlenpreise um das 9600fache gefagt werde, die französischen Großindustriellen hätten die Befehung fteigert, alfo weit mehr als der Dollar, der nur etwa der Ruhr veranlaßt, um die deutsche Konkurrenz auszuschalten. Die um das 7000fache gestiegen ist. Wird aber das Urprodukt Lothringischen Industriellen feien im Gegenteil weder befragt noch unferes ganzen wirtschaftlichen und industriellen Lebens in so von der Besetzung der Ruhr von vornherein verständigt worden. Da gewaltiger Weise verteuert, dann müssen notgedrungen alle anderen Breise folgen. Frankreich ein acerbautreibendes Land sei, könne es länger durchhaften als Deutschland und werde den Sieg davontragen.
Der Kampf um die Kohle.
Paris , 30. April. ( EP.) Die Franzosen haben 4 weitere Rohlengruben im Ruhrgebiet befegt, und zwar die Grube Graf Molite II bei Gradebed, die Grube Blumenthal bei Redling hausen und die Gruben Recklinghausen , sowie Dahlbusch bei Geffen
firchen.
Ludwigshafen , 30. April. ( BTB.) Die Bestimmungen der Rheinlandtommission über den Verkehr von Lasttraft. magen im befeßten Gebiet haben eine Einschränkung info. fern erfahren, daß nun nicht nur in der Pfalz anfäffige, sondern auch rechtsrheinische Besiger non Kraftwagen die Erlaubnis, in der Pfalz zu verfehren, erwirten fönnen, wenn fie die für die lintsrheinischen Autobefizer geltenden Formalitäten er füllen. Sie erhalten demnach einen Verkehrsschein, wenn sie vor dem 15. Januar von der deutschen Behörde die Verkehrserlaubnis besessen haben. In diesem Falle haben sie sich an den franzöfifchen Bezirks oder Kreisdelegierten zu wenden, worauf ihnen gegen eine Gebühr von 5000 M. ein Berkehrsschein ausgestellt werden fann
Die Vorbereitung des Angebots. Die Konferenz mit den Parteiführern, in der der deutsche Reparationsvorschlag besprochen werden soll, ist abermals um einen Tag, auf Dienstag, verfch oben worden. Man rechnet dennoch damit, daß die Ueberreichung der Note am Mittwoch erfolgen tann.
Die Grubenbesiger tönnen nicht flagen, daß sie niedrige Gewinne erzielt haben. Besonders nicht in der letzten Zeit. Gerade sie haben vom Reich ungeheure Rre dite in Martbeträgen erhalten und durch den Sturz der Mart automatisch ein Drittel des Kredits verdient. Deshalb brauchen sie auch bei den Lohnerhöhungen teine Preiserhöhungen. Ge= währt die Regierung fie trozdem, so wird man sie wegen Verschleuderung von Reichsgelbern verantwort lich machen müffen.
Neue Devisensteigerung.
Die Börse stand bei Beginn ter neuen Woche im Zeichen einer allgemeinen Hauffe. Die ungünstige Beurteilung der außen politischen Lage erwedt hinsichtlich der weiteren Kursgestaltung der Mart fehr ernste Befürchtungen. Die Mitteilung der Reichs bant, daß das Golddepot im Auslande weiter vergrößert und bereits in Höhe von 84,9 Millionen Goldmark für die Aufnahme eines Lombarddarlehens in Anspruch genommen fei, verstärkt tiefen Beffimismus ganz wesentlich. Auch die Steigerung des Noten umlaufes um weitere 258,1 milliarden auf 6096,01 Milliarden Mart in der dritten Aprilwoche macht einen ungünstigen Einbrud. Die Folge ift eine sehr fefte Tendenz für Devisen. Der Dollar stellte sich auf 30 000-30 250. Am Effektenmarkte fegte eine neue allgemeine art flucht ein. Die Kursbewegung artete besonders am Montanmartt, Ralimarkt und bei den Balutapapieren in eine stürmische Hausse aus.
Morgen keine Börse.
Während die Mä..ter der Arbeit der ganzen Welt ihr Fest feiern, das Fest ihrer Würde und ihrer Rechte, steht das italienische Proletariat als Paria beiseite. Ihm flingen noch die Fanfaren der Feste in den Ohren, die man in seinem Namen feiert denn Geld zu Festen hat man, viel Geld zu vielen Festen, nur zur Freiheit reicht es nicht. Aber lauter als all diese Fanfaren klingt ihm die Erinnerung an eine Zeit, in der der italienische Arbeiter ebenbürtig neben dem der anderen Länder stand, die Feste feiern durfte, von denen sein Herz etwas wußte, noch nicht zu arm war, um aus freiem Willen eines Tages Arbeit hinzugeben für eine Idee des Rechtes und der Menschenwürde.
Damals gab es ein Proletariat, heute scheint es nur noch Böbel geben zu sollen, damit sich die neuen Herren von ihm abheben als Aristokratie. In einer blutrünftigen Redetannibalistisch nennt sie die„ Boce Republicana"-hat der Unterstaatssekretär der Finanzen erklärt, der Fascismus werde mit allen Mitteln seine„ streng aristokratische Auffassung durchsetzen, mit der Zustimmung der Nation und ohne ihre Zustimmung". Die nationale Miliz, die heute Gewehr und Bajonett hat, wird morgen Flammenwerfer und ka nonen haben für die innere Ordnung und als Warnung für das Ausland, das uns Achtung schuldig ist." Diese Achtung wird dem Lande in unbegrenztem Maße zufließen. Ein Bolf, das zur Freiheit zu arm und zu niedrig ist, das man mit Kanonen und Flammenwerfern in Ordnung halten muß, dessen Aristokratie nach außen die Weltherrschaft anstrebt und nach innen nach einer halben Stunde Belagerungszustand und einer Minute Feuer" lechat, zwingt der ganzen Kulturwelt Achtung ab. Da war ja die römische Weltherrschaft ein Waifenfnabe dagegen.
werden jetzt alle Mitglieder der fafciftischen Partei von Amts In die freiwillige Miliz für die nationale Sicherheit" wegen eingetragen; so löst sich auch hier das Problem von Disziplin und Freiheit durch die Schaffung des Begriffs der , obligatorischen Freiwilligfeit". So werden im Lande also nicht mehr 150 000, sondern 300 000 Fascisten Ordnung halten, mit Flammenwerfern und Kanonen. Es muß flar machte, wenn es eines so großen Apparates bedaraf, um doch mehr Freiheit im Lande gewesen sein, als man sich selbst mit ihr aufzuräumen.
"
Mitarbeit der nicht fascistischen Elemente" in dem Sinne verWie die Freiwilligkeit obligatorisch wird, so wird auch die einfacht, daß man den Begriff aufspaltet, so daß auf der einen Seite die Mitarbeit bleibt, auf der anderen die nicht fascisti. schen Elemente"; beide eriftieren weiter, aber jedes für sich. Bisher durften die Kleritalen dem Kabinett Mussolini einen Minister und drei Unterstaatssekretäre stellen, wobei ausbrücklich abgemacht war, daß diese nicht als Vertreter einer Partei, sondern mit Rücksicht auf ihre persönliche Tüchtigkeit dem Kabinett angehörten. Auf dem Parteitag der fleritalen Partei, der Mitte April in Turin tagte, nahm aber die Mehrheit eine, wenn auch sehr gemäßigte antifafcistische Haltung an, namentlich durch Annahme einer Tagesordnung, die die Aufrechterhaltung des Proporz forderte. Obwohl auf diese Haltung des Kongresses einige afrobatische Krümmungen der flerifalen Parlamentsfrattion folgten, hat Mufiolini den Rücktritt der vier flerifalen Mitglieder seines Kabinetts angenommen, so daß nunmehr Faseisten und Natio nalisten ganz unter sich find. Einen Stich ins Lächerliche be= tommt die Sache einmal durch die Liste der fascistischen Ber dienste, die man den Kleritalen jetzt unterbreitet und dann
Der Börsenvorstand gibt bekannt: Wegen ter für den 1. Mai Köln , 29. April. ( WIB.) Der Abgeordnete Breitscheib zu erwartenden Berkehrsschwierigteiten findet eine Börsenversamm fprach heute in einer sozialistischen Parteiversammlung im Gürzenich lung an diesem Tage nicht statt. Demgemäß entfällt an diesem über das Thema:„ Deutschland und Frankreich ". Der als zweiter Tage auch die Lieferung von Wertpapieren und ausländischen Bah. Redner angefündigte franzöfifche Arbeiterführer Grumbach war lungsmitteln. Die Notierung von Bezugsrechten verschiebt sich um gestern telegraphisch von hier nach Paris , abberufen worden. Breit einen Börsentag. Am Mittwoch, dem 2. Mai, werden die Rursfcheid bezeichnete den Weg, den die Regierung Boincarés einschlage, matler in der Zeit von 1 bis 3 Uhr zur Entgegennahme von Aufals ungeeignet, uni eine Berständigung zwischen Deutschland und trägen und zur Erledigung von Reklamationen in den Börsenräumen durch die Abschaffung der frei gewordenn Minister Frankreich herbetzuführen, aber die Gegner diefer Politit laffe man anwesend oder vertreten fein,
und Unterstaatssekretärstellen. Das Arbeitsmini