Abendausgabe Nr. 484 ♦ 40. Jahrgang Ausgabe B Nr. 245
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Das neue Geld.
Der Uebergang zur neuen Währung ist, wie wir heute I morgen bereits mitteilen konnten, vom Reichskabinett be- schloffen worden. Neben der Papiermark und unabhängig von ibrer Kursgestaltung wird einneuesZahlungsmittel, Rentenmark genannt, geschaffen, das sich von der ganz- lich ungedeckten Papiermark in einem Punkte wesentlich unter- scheidet, nämlich, daß sie durch Besitztitel gedeckt ist. Eine Rentenbank soll gegründet werden, welche auf Grund von Goldgrundschulden der Landwirtschast und entsprechenden Schuldverschreibungen der Industrie neue Zahlungsmittel herausgibt, die jederzeit in Goldrentenbriefe umgetauscht wer- den können. Das neue Geld, das geschaffen wird, ist nur als eine Zwischenlösung anzusehen. Dadurch, daß das neue Geld gedeckt ist, wird es fraglos wertbeständiger fein als es die Paviermark bisher war. Schon in der ersten Hälfte oes nächsten Monats werden die neuen Scheine in Höhe von 1, 2, 3, 5, 10, 50, 100 und 1000 Nentenmark im Verkehr erscheinen, die die Unterschrift der 14 aus Landwirtschaft, Industrie, Großbanken und Handel gestellten Verwaltungsratsmitglieder tragen. � Dieses äußere Zeichen bekundet die Solidarhaftung derErwerbsständefür das neue Geld. Es unterscheidet sich von der bisherigen Reichsbanknote überhaupt dadurch, daß es nicht mehr vom Staate ausgegeben wird, und auch nicht mehr durch neue Schulden des Staates beliebig vermehrt wer- den kann. Die Rentenbank ist dem Reiche gegenüber durch- aus selbständig bis auf einige Sicherungen, welche ihre Satzung dem Reiche läßt. Dieses kann das Recht der Renten- dank, Rentenbriefe und dementsprechend Rentenmark auszu- geben, ausheben. Es bestätigt den Präsidenten der Bank, der vom Ver'",oltungsrat vorgeschlagen wird. Im übrigen aber sind die Befugnisse der Währungsbank gegenüber dem Reiche und die des Reiches gegenüber dem neuen Geldinstitut genau iu gegrenzt und die enge Lerquickung zwischen Staatshaushalt und Geldschöpfung Hört auf. Das gilt auch für die P a p i e r m a r k. Bon dem Tage crn, an dem die Rentenbank die neuen Geldzeichen dem Ver-! kehr übergibt, darf das Reich kerne neuen Schatzwechsel mehr t ausstellen, die Reichsbant also keine neuen unge-! deckten Noten mehr drucken. Damit ist, wenn nicht un-! vorhergesehene Ereignisse eintreten, der Entwertung der Pap'.ermark ein gewisses Ziel gesetzt. Um schon in der Zwischenzeit den Bedarf der Wirtschaft an wertbeständigen Zahlungsmitteln einigermaßen zu befrie- digen, sollen kleine Goldanleihe stücke bis zum Gesamt- betrage von 200 Millionen Goldmark in den Verkehr gebracht werden. Man will auch dafür Sorge tragen, daß das um- ständliche und verlustbringende Verfahren, das heute mit dem Erwerb und der Veräußerung von Eoldanleihestücken ver» Kunden ist, vereinfacht wird. Goldanleihe soll demnächst an den Schaltern der Reichsbank zum Tageskurse angekauft und verkauft iverden, in ähnlicher Weise wie jetzt fremde Geldsorten gewechselt werden. Es wäre dringend zu wünschen, daß auch die privaten Banken sich diesem vereinfachten Verfahren an- schließen. Ueber die Aussichten des neuen Geldes und seine Wirkung auf die Wirtschaft läßt sich nicht viel Bestimmtes prophezeien. Die Währungsfragc ist ja nur ein Ausschnitt aus dem Gesamtproblem der Inflationswirtschast. Die Reichsregierung scheint fest entschlossen zu sein, die Sanierung der Staats- finanzen mit größter Energie zu betreiben. Gelingt sie und gelingt die Steigerung der Produktivität der Gesamtwirtschaft, w muh sich die Tatsache, daß dos neue Geld auf dem sichersten De''tz der deutschen Wirtschaft, den Produktionsmitteln, beruht, auswirken in einer größeren Wertbeständigkeit des Geldes. Diese erhöhte Wertbeständigkeit aber müßte dazu-führen, daß die wahnsinnige Flucht aus der deutschen Währung in die Ware und in fremde Zahlungsmittel wie auch in Effekten nachläßt, daß also die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes sich verlangsamt. Tritt das aber ein, so besteht die Gefahr nicht mehr, daß die neu geschaffenen Zahlungsmittel bis zu einer Gesamthöhe von 2,4 Milliarden Gollimark eine Inflation be- wirken. Dafür bürgt bis zu einem gewissen Grade auch die Be- telligung der Industrie und Landwirtschast an der neuen Währungsbank. Wir zweifeln gor nicht daran, daß im Falle eines Interesienkonflikts in einer derartigen' Bank das Profit- interesse sehr bald den Sieg über das Gefamtinteresie davon- tragen würde, daß man also ruhig das neue Geld der Ent- wertung preisgibt, wenn der Privatwirtschaft aus einer neuen Geldentwertung ein größerer Gewinn winkt. Hier ist aber eine wirksame Hemmung eingeschaltet. Einmal kümmert sich der Staat nicht mehr darum, ob man ihn selbst in Papier- mark oder in Rentenmark bezahlt, die Steuern werden stets nach dem Goldwert erhoben. Ein gewisser Bedarf der beteiligten Kreise an Rentenmark wird in der nächsten Zeit dadurch herbeigeführt, daß die Sprvzentige Verzinsung der Grundschulden und Goldschuldverschreibungen an die Renten» dank in Rentenmark zu leisten ist. Schließlich wirkt in der Richtung der Wertbeständigkeit auch die Tatsache, daß die Rentenbriefe, gegen die die Rentenmark eingelöst werden kann, nach dem Goldwert zu verzinsen und zu tilgen sind. Auf diese Weise entsteht auf ganz bestimmten Gebieten den Sachwert- besitzern fortab bei einer Entwertung des neuen Geldes kein
Gewinn mehr, und es ist das ein nicht zu unterschätzender' psychologischer Faktor, um einer neuen Geldentwertung ent- gegenzuwirken. Um so verhängnisvoller wäre es, wenn man auf dem Wege über die Reichsbank Kredite in Bodenmark vergeben und nicht wertbeständig' sichern würde. Die Er- wägungen über die Gestaltung des Kreditverkehrs mit der Privatwirtschaft sind noch im Gange, und es steht bis jetzt lediglich fest, daß die Rentenbank selbst keine Kredite an die Privatunternehmer vergibt, daß vielmehr alle Kredite bis zu 1 einer Gesomthöhe von 1200 Millionen Goldmark über die Reichsbank und über die privaten Notenbanken geleitet wer- den. Bis zu der gleichen Höhe kann das Reich seinerseits den Kredit der Rentenbank in Anspruch nehmen. Die Arbeiterschaft wird von der Rentenmark soviel zu Gesicht bekommen, als sie durch ihre gewerkschaftliche Macht durchzusetzen vermag. Gesetzliches Zahlungsmittel bleibt die Papiermark, die jetzt durch das Abstoppen der Notew
uf läng hinaus eine große Rolle spielen. Es wird aver immerhin möglich fein, die Zahlung eines bestimmten Betrages oder des ganzen Lohnes in Rentenmark auszubedingen, und es wird sogar notwendig sein, wenn die Schwankungen der Papiermark anhalten sollten. Um die Milliardenrech- nungen in Papiermark, die heute infolge der Geldentwertung üblich geworden sind, zu beseitigen, ist beabsichtigt, eine Denomination vorzunehmen, sobald die Verhältnisse sich be- ruhigt haben, d. h. entsprechend dem tatsächlichen Wert der Papiermark etwa 1 Milliarde auf 1 Mark herunterzusetzen. Alles in allem trägt der Versuch, den die Reichsregierung jetzt unternimmt, immer noch viele Bedenken in sich, die auch an dieser Stelle geäußert worden sind. Ob die Absicht, zu einer größeren Wertbeständigkeit zu kommen, gelingen wird, und endlich einmal zur Rechnung in tatsächlichen festen und gesetzlich zugelasienen Werteinheiten führen wird, hängt nicht allein von teckmischen Momenten ab. Man ist sich bewußt, hier eine Zwischenlösung erreicht zu haben und damit nur eine Etap pe auf dem Wege zu dem Endziel, der wirklichen Goldwährung. Ob und wann diese durchsetz- bar ist. hängt nicht nur von der kommenden wirtschaftlichen Ge- staltung in Deutschland , sondern auch in hohem Maße von der weiteren Entwicklung der Reparationsfrage ab. Hält die Regierung ihr Versprechen, mit größter Intensität an der Gesundung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage zu arbeiten, so wird der Erfolg nicht ausbleiben und mindestens für eine Zeillang eine Beruhigung des Geldmarktes eintreten, wofern nicht diese Aufbautätigkeit wieder zerstört wird durch mutwillig herbeigeführte Konflikte zwischen dem Unternehmer- tum, das jetzt seine eigenen' Ziele zu verfolgen sucht, und der Arbeiterschaft, die bei allem Verständnis für die wirtschaftliche Not und bei aller Bereitwilligkeit ihrerseits, an der Gesundung Deutschlands mitzuarbeiten, sich ihre Waffen im Kampf um die Selbsterhaltung nicht entringen lasten kann. Der Verwaltungsrat öer Rentenbank. Der Präsident der neuen Rentenbant ist noch nicht er- mannt. Ihr Verwaltungsrat besteht aus vierzehn Mitgliedern und setzt sich nach den Wirtschastsständen folgendermaßen zu- sammen: Landwirtschaft: Abg. Dr. Roesick«, Vorsitzender des Reichslandbundes: Abg. Dietrich. Vorsitzender des Generalver- band«? der deutschen Ralfseisen-G-nostenschaften: Regierungsrat Dr. Vennes, Vorstand des Reichsverbandes der deutschen landwirt- schaftlichen Genossenschaften: Dr. Crone-Münzebrock, Geschäfts- führendes Mitglied der deutschen Dauernveveine; HUger, Vor-
Zurückhaltung an üer Sörfe. Dollar amtlich 4100 Millionen. Auf den Devisenvertehr blieben die heutigen Krawall« zunächst ohne merklichen Einfluß. Die Kurs« des Frühverkehrs tonnten sich halten. Di« Geschäftstätigkeit war sehr gering. Für Dollars nannte man zuerst 4 Milliarden, späterhin 4,S Milliarden. Pfunde wurden zwischen 19 und 21 Milliarden gehandelt. Dollarschätze waren eher angeboten. Der erst« Kurs war 4,1 Milliarde, später wurden 4,? geboten. Goldanleihe bewegt« sich zwischen 3,8 und 3,9 Milliarden. Effekten scheinen stärker angeboten zu sein. Ein fester Grund- z u g ist nicht zu verkennen, jedoch ist die K a u f n e i g u n g g e r i n g. Kurs« waren kaum zu hören. Denn amtlichen Verkehr hatte sich die Nachfrage nach ausländi- schen Zahlungsmitteln inzwischen beträchtlich gesteigert, so daß die Reichsbank wiedor erheblich schärfer al« an den Vortagen Repar- ti er un gen vornehmen mußt«. Amerika wurde amtlich bei SOprozentiger Zuteilung aus 4,1 Mlliardea, England bei 80prozentlger Zuteilung auf 18,5 Milliarden und cholland bei Svprozentiger Zuteilung aus 1,8 Milliarden festgesetzt. Die Reichsbank betont, daß Ihr große Mittel für die Inter- oention zur Verfügung stehen. Nach der amtlichen Kursfestsetzung kletterten Dollar aus S Milliarden und Pfunde auf 22 Milliarden.
sitzender des Reichslandbundes: Dauernführer Dr. Heim und Brandes. Industrie: Abg. Sorge, Mitglied des Fried.-Krupp-Di- rettoriums: Abg. v. Siemens und Geheimntt Bücher vom Reichs- verband der deutschen Industrie. Großbanken: Urbig, Geschäftsinhaber der Disconto-Ge- sellschaft und ein Vertreter der Deutschen Dank, wahrscheinlich Di- rektor Wassermann. Groß- und Kleinhandel: Abg. ÄeinatH, Geschäftsführer des Zentral Verbandes für den deutschen Großhandel und Großkaufmann Grünfeld. Der belgische Busgleich. London , 18. Oktober. (WID.) ver belgische Außenminister Iaspar erklärte In einer Unterredung mit dem Brüsseler Berichl- erstatter der.Times" über die Prüfung des den alliierten Regie- rungen im letzten Mal unlerbrciteken belgischen technischen Planes durch die Reparationekommission, die Besetzung des Ruhrgebiets sei einfach eine INekhode gewesen, um etne» Druck ans das Deutsche Reich auszuüben, seine Reparation sverpslichtungen auszuführen. Sie habe keinen anderenZweck verfolgt. Die Operation sei erfolgreich gewesen, da der Widerstand aufgehört habe. Die britische Regierung habe vorgeschlagen, daß eine internationale Kommission gebildet wird, um die Zahlungsfähigkeit Deutschlands abzuschätzen. Frankreich und Belgien Hätten diesen Vorschlag für unannehmbar geHallen. Belgische Sachverständige hätten die Frage der Zahlungsfähigkeit des Reiches untersucht und den AMierlen einen technischen Plan unterbrcikel. Die britische Regierung habe dann vorgeschlagen, diesen PlaN an eine internationale Kam- Mission zu verweisen, indem sie dabei blieb, daß die Reparations- kommission nicht eine unparteiische Körperschaft ist. Poineare habe sich diesem Vorschlag widersetzt und darauf bestanden, daß die Re- parattonskommission allein befugt sei. sich mit dieser Frage z« be- fasten. Die britische, französische und Italienische Regierung hätten jetzt erklärt, daß die Reparationskommission dazu übergehen könne, die belgischen technische» Vorschläge zu untersuchen. Die belgische Politik der Ausgleichung habe daher zu einem Ergebnis geführt. Zn einem Leitartikel schreibt.Times", die belgische Regierang müsse beglückwünscht werden, daß sie einen lobenswerten Wunsch zeigte, die Aufmerksamkeit der Alliierten von neuem ans k o n- str aktive Vorschläge zu lenken. Selbst die am wärmsten mit Frankreich Sympathisierenden würden seiner beharrlichen negativen Haltung ein wenig müde. Deutschlands Angebot vom 7. Zum fei verworfen worden, ohne erwogen zu werden, mit der Begründung. daß der passive Widerstand von Berlin nicht abgestellt worden sei. Vor drei Wochen sei der passive Widerstand von der deutschen Regierung eingestellt worden, aber immer noch sei Poinrare der Ansicht, daß nichts von Frankreich unternommen werden solle, weil indivi- duelle Fälle des widerflandes weiterhw im Ruhrgebiet vorkämen. Sogar diese schienen jetzt verschwunden z» sein. Die Deutschen zeigten ihre vereltschasl zu arbellen. und trotzdem warte Poinrare auf Deutschland , und Eurzou warte auf Poinrare. Ans diese weise werde man überhaupt keinen Fortschritt machen. Ein erster Schritt müste getan werden. und der erste Schritt sei zweifellos, Deutschland in die Lage zu versetzen zu zahlen. Es sei daher notwendig, die Organisation der deulschen Industrie bi» zu dem Punkte wiederherzustellen, wo eine Zahlungsfähigkeit wieder mögllch gemacht wird. Die unumgängvche Vorbedingung des belgischen Planes sei daher eine Reform der deutschen Finanzen. Gedämpfter Optimismus in England.' London , 18. Oktober. (WTB.) Dem diplomattschen Bericht- erstatter des.Daily Telegraph ' zufolge wird der Sieg des Reichs- kanzlers Stresemann über die extremen Elemente auf beiden Sellen des Reichstages in britischen Kreisen als ein zur Stabilität beitragendes Faktum begrüßt. Angesichts der lauwarmen Haltung der französischen Regierung gegenüber dem jetzt der Raparations- tommistion vorliegenden belgischen Reparattonsplcm fei aber in denselben britischen Kreisen der Optimismus doch ge. dämpft. Man fei der Ansicht, daß Präsident Millerands Rede- Poincares beharrliche Weigerung, ds« örtlichen Pfänder in den besetztem Gebieten zurückzugeben, bis die letzt« deutsch « Zahlung ge,' leistet ist, nur verstärkt hat. Der Berichterstatter des.Daily Telegraph " erfährt, daß es, trotzdem keine wetteren Debatten über die Außenpolitik und ins- besonder« die Reparationen in dieser Woche stattfinden werden, falsch sein würde, anzunehmen, daß die i« Frage kommende Debatte notwendigerweise bis zur letzten Woche der Konferenz verschoben werden wird. Zuvor könnten Ereignisse eintreten, die die un- verzügliche Erwägung durch die Konferenz notwendig machen würden, und die konkreten Borschläge für«ine Reichsautzenpolllik, die von den Premierministern der Dominions vorgebracht wurden, würden eine seh? eingehende Untersuchung und Erörterung notwendig machen.