MenSausgabe Nr. 4$6 ♦ 40. Jahrgang Ausgabe B Nr. 244
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Vevlinev Volksblatt
25 Millionen M. Mittivoch 17. Oktober 1�23
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Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokrati fchen Partei Deutfcblands
Gewerksthasten und Mrtsthastsnot. Gemeinsame Ausschntzsitzung der drei SpitzenverbKnde.
D?e Bundesausschüsse der drei gewerkschaftlichen Spitzen- organisatwnen. des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts- bundes, des Allgemeinen freien Angestelltenbundes und des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes, traten heute vormittag zum erstenmal im Plenarsitzungssaal des Reichswirtschafts- rates zu einer gemeinsamen Tagung zusammen, um zu der gegenwärtigen bedrohlichen Lage unseres Volkes Stellung zu nehmen. Auf der Tagesordnung steht ein Referat des Genossen Tornow, Verbandsvorsitzender der Holzarbeiter, über „Wirtschaft und Ernährun g", und ein Referat des Genossen Schweitzer. Bundesvorsitzender der technischen An- gestellten, über„Finanz- und Währungsrefor m". In folgender Entschließung wurden die Leitgedanken der Tagung zusammengefaßt: Im Namen des arbeitenden Volkes erklären die verfammelien Ausschüsse der drei gewerkschaftlichen Spitzenorganisationen, daß die Not der breiten Massen einen Grad erreicht hat, der nicht mehr ertragen werden kann. Große Massen �Arbeits- loser und Kurzarbeiter sind der Verzweiflung überliefert. Die Löhne der noch Arbeitenden sind auf ein Maß herabgedrückt, das zum nackten Leben nicht mehr ausreicht. Int melden Taumel überstürzen sich die Preis« und überschreiten den Weltmarttstand. Die völlig« Desorganisation der Wirtschaft stürzt das deutsch « Volk in den Abgrund. Unverantwortliche Kräfte sind offen und ver- steckt am Wert«, um die Republik zu zerschlagen, die Reichseinheit zu zerstören und die wlrtschafttiche und poiilische Diklaiur gegen die Mehrheit des Volkes zu errichten. Nur rasch« und tiefgreifend« Maßnahmen können den völligen Zusammenbruch vechindern. Di« Ordnung der Währung und der S t a a t s s i n a n z e n. die nicht möglich ist ohne Zwangs- opfer des Besitzes, muß sofort herbeigeführt werden. Nur auf der Grundlage einer festen Wöhning kann auch die ollgemein als notwendig anerkannt« höher« Leistung des Produktionsapparates — unter Ausschaltung aller parasitären Wucherungen, die heute am Ertrag der nationalen Arbeit zehren— erreicht werden. Die Bundesausschüsse fordern deshalb die schnellste Rückkehr zur kalfächNchen Goldwährung für das ganze Volk, nachdem Industrie und Großhandel sie für sich längst eingeführt haben. Eine Zwischenlösung ist für die Arbeit- nehmer nur tragbar, wenn damit gleichzeitig der Zustand beseitigt wird, daß die Warenpreise nach einer festen Goldwährung berechnet die Löhn« und Gehälter aber in einer Währung bezahlt werden, deren Kaufkraft täglich und stündlich sinkt. Unverzüglich müsien Preist und Löhn« auf die gleiche fest« Währungsbasis gestellt werden. Die W« r t b« st ä n d i g k e i t der neuen Währung kann nur gesichert werden, wenn es gelingt, in kürzester Zeit die öffentlichen Finanzen in Ordnung zu bringen und die Notenpoesie stillzulegen. Rücksichtslost finanzpolitische Maßnahmen sind dazu erforderlich. Es genügt nicht, bestehende Steuern wertbeständig einzuheben, viel- mehr müssen weUere starke Abgaben vom Vesih «hoben werden. Di« Gewerkschaften wiederholen ihre Forderung, zu diesem Zweck«ine Erfassung von Sachwerten und die unmittelbar« Beteiligung des Reich«, an den Gewinnen der Wirtschaft durchzuführen. Die Versammelten sind sich bewußt, daß eine dauernde Sta- bMsierung der Währung und Ordnung der öffentlichen Finanzen nicht ereicht werden kann ohne eine Gesundung der Wirtschaft. Die Gewerkschafkn versagen sich nicht der Mitwirkung bei der notwendigen wirtschaftlichen Reorganisation. Dem entgegen steht aber der Egoismus des Unternehmertums, der sich auswirkt in mahlostn Preisausschreitungen und seinen sinnfälligsten Ausdruck gesunden hat in der schomlostn prcisdiktatur der Kartelle. Di« rücksichtslos« Zerschlagung dieser gegen das Gemewwohl gr- richteten privaten Zwangswirtschaft, die Beschränkung des hemmungslosen Gewinntrubels, die Erzwingung eines erheb- lichen Preisabbaues und damit Stärkung der Konsumkraft sind notwendig« Voraussetzungen für die wirtschaftliche Wiedergesun» dung Die Unternehmer versuchen, die eigene Schuld und Unfähig- Kit in der Führung der Wirtschaft zu ver st ecken hinter Angriffen auf die Arbeitnehmerschaft und den Achtstundentag. Die gewerkschaftlich organisierte Arbeit» nehmerfchaft setzt dem Versuch, den geschlichen Achtstundentag zu beseitigen. nach wie vor entschlosienen Widerstand entgegen in der Ge- wißheit, daß bei einer vernünftigen Ordnung der Wirischast im Rahmen de» Achtstundentages «in« ausreichend« Produktion mög- sich Ist. Soweit an einzelnen Stellen der Wirtschaft U e b« r- zeitarbeit notwendig ist, find die Gewerkschaften bereit, darüber tarifvertragliche Vereinbarungen zu treffen. Im Ramen der hungernden Massen fordern die Gewerkschaften von der Regierung sofortige Maßnahmen zur Behebung der Lebensmiltelnot. All« Mittel der Staatsgewalt müssen eingesetzt werden, um zu ver- hindern, daß das Volk bei vollen Scheunen verhungert. Erfassung der Ernte, schärfste Strafen für Zurückhaltung und Wucher
mit Lebensmitteln müssen unverzüglich angeordnet werden, mn ausreichende Mengen Lebensmittel zu angemessenen Preisen aus den Markt zu bringen. Um vor Eintritt der Frostperiode die Ein- deckung mit Wintcroorräten zu ermöglichen» fordern die Gewerk- '■ schaften Kreditabkommen mit solidarischer Haftung des industriellen, gewerblichen und landwirtschaftlichen Besitzes. An die gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmerschaft richten die Versammelten die Mahnung zur Besonnenheit, Einigkeit und Disziplin. Der politische, wirtschaftliche und soziale Generalangriff gegen die Arbe'.tnehmerschast kann erfolgreich nur abgewehrt wer- den durch deren geschlossene Front. Der von den drei Spitzen- verbänden eingesetzte Aktionsausschuß übernimmt die Führung dieses Abwehrkampfes. Den Borsitz der Versammlung übernahmen die drei Bor- sitzenden der Spitzenorganisationen, L e i p a r t vom ADGB. , Aufhäuser vom AfA-Bund und
ADB.
Falkenberg vom
Leipart eröffnete die Tagung mit einer Begrüßungsansprache, in der er betonte, daß die Vertretung der Regierung nicht ganz den Wünschen der Gewerkschaften entspreche, da keiner der Minister selbst erschienen sei. Immerhin habe der Reichsarbeitsminister noch sein Erscheinen In Aussicht gestellt. Leipart wies darauf hin, daß die Tagung in einer furchtbar ernsten Stunde stattfindet. Die Aufgaben der Gewerk- schaften seien zweifacher Art: sie wollen an die Regierungen und an die gesamte Oeffentlicht-lt Worte der Mahnung, an ihr« Mitglieder und auch an die Regierung Worte der Ermutigung und Stärkung hinaustlingen lassen. Wenn auch die Regierung in ihrer Gesamtheit zweifellos über die Lage des Volkes genügend informiert sei, so sei es doch nicht überflüssig, wenn aus dem Munde der Vertreter der großen Spitzenorganisationen die Lag« noch«in- mal geschildert würde. Diese Gewerkschaftsführer dürften aber nicht mit den Interessentenverbinden verglichen werden, wie sie täglich an die Regierung heranträten. Die Gewerkschaften, die manchmal in schwierigen Augenblicken von der Regierung berufen und auch stets eingesprungen sind, seien dazu auch heut« bereit. Sie seien überzeugt, daß die Regierung den guten Willen habe, die Schwierigkeiten zu meistern. Immerhin wäre es zweifellos möglich gewesen, aus der Füll« der Vorschläge der Gewert- schaften manches frühzeitiger herauszugreifen, als es geschehen sei. „Wir stellen uns der Regierung zur Verfügung," so erklärt« Leipart, „um sie zu stützen, soweit das mit unseren schwachen Kräften möglich ist. An unser« Mitgsieder aber richten wir die Mahnung, nicht un- geduldig.zu werden, obgleich diese Ungeduld berechtigt ist, und nicht den Glauben an den guten Willen der Gewerkschaften zu versieren. Es herrscht ein« große Unzufriedenheit in den Reihen unserer Mit- glieder. Man macht den Führern den Vorwurf, daß sie nicht den genügenden Einfluß gewonnen hätten. Aber es ist in der letzten Zeit den Gewerrschaften eine Macht zugemutet und e« sind daraus Erwartungen gezogen worden, die weit über das Maß hinaus- gegangen sind. Trotz der Zahl unserer Mitglieder hat die Macht der Gewerkschaften ihre Grenzen. Wir wollen nicht die Politik b e- herrschen oder die politischen Parteien verdrängen, wir haben auch nie«in« Nebenregierung der Gewerkschaften aufrichten wollen. In der Begrenzung aber haben wir getan, was möglich ist, das soll man bei aller Kritik auch anerkennen. Al» erster der beiden Referenten ergriff dann für den ADGB. der Vorsitzende des Holzorbeiterverbande» Genosse Arth Tornow das Wort, um sich mit der Wirtschaft und Ernährungslag« zu bs- schäftigen. Er betonte einleitend, daß die jetzigen Derhällmssc die Grenze de» Erträglichen bei weitem überstiegen. Niemals seien die breiten Massen so von allem Lebensnotwendigen entblößt gewesen wie jetzt. Hinter den sich überschlagenden Preisen kriechen
Steigende Kurse. Di« Börse betrachtet die Währungsverordnungen hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt«, daß mit der Herausgabe größerer Mengen wertbeständiger Zahlungsmittel«in starker Druck auf den Kurs der Papiermart ausgeübt und überhaupt in f lato- rifch« Wirkungen im großen Stil« hervorgerufen werden könnten. Dementsprechend war man heute für Devisen wieder sehr fest gestimmt. Auch für Dollaranlethe» zeigt« sich ungewöhn- lich stark« Nachfrag«, während dos Geschäft in Goldanleih« wieder sehr zurückblieb. Selbstverständlich übten die aus allen Teilen des Reiches in den letzten Togen gemeldeten Teuerungs- und Erwerbslosenkrawall« auch einen ungünstigen Einfluß auf die Leur- teilung der Mark au». Der Dollar, der vormittags noch mit» Mil- Uarden genannt wurde, stellte sich unmittelbar vor der amtlichen Notierung bereits auf 5.7 bis 5,8 Milliarden. An der Effektenbörse vollzieht sich«in allmählicher Ummer- tungsprozeß. Bei bedeutenden Umsätzen waren heut« wieder auf der ganzen Linie Verdoppelungen und Verdreifachungen der Kurse zu verzeichnen. Auch diese Bewegung gründet sich aus die eingangs erwähnte Beurteilung der Rentenmarkmissirm. Die Geld- marktverhältniss« haben sich nicht verändert; es herrscht noch immer ein« fühlbar, Anspannung.
die Löhne im Schneckentempo hinterdrein. Dieser Zustand müsse dieMassenzurBerzweij- t u n g treiben. Die Hungerrevolten der letzten Tage seien nur ein Ansang und würden sich, wenn nicht bald Abhilfe komme, zu einer Hungerrevolte größten Stils mit ihren größten inner- und außenpolitischen Folgen auswachfen. Angesichts dieses Chaos müsse man die Frage nach der Verantwortlichkeit für diesen Zusammenbruch stellen. Di« Gewerkschaften hätten die Mitver- antwortung für die Führung der Wirtschaft abgelehnt, sie seien aber mit ihren Forderungen nicht durchgedrungen, die Wirtschaft sei frei geblieben. Di« Folge davon sei die Tatsache, daß sie immer tiefer in den Abgrund gejaust sei. Deshalb müssen die Gewerkschaften heute auch die Verantwortung fiir diese Zustände ruhig ablehnen. Die Industriekapftäne bis zum letzten Handwerksunterofstzier haben in der Führung der Wirtschaft versagt! Statt des organischen Zusammenwirkens der Wirtschast ist «in« völlige Desorganisation eingetreten, ein GegmeinanderarbeUen der verschiedenen Interessengruppen. Betrug, Schwindel, Repp, Er- Pressung, das find die Ueberschristm, mit denen man sich heut« gegen- jeitig sein Geschäftsgebaren bescheinigt, die Wirtschost geht dabei zu- gründe und die Massen hungern. Aber anstatt ihr versagen zuzu- geben, machen fetzt die Arbeitgeber dl« Arbeiter für den Zusammenbruch der Wirtschaft verantwortlich. Di« hohen Löhne und die ver- ringerte Arbeitszeit- sollen die Schuld tragen. An Hand statistischer Unterlagen weist der Redner dann noch, daß der angeblich so hohe Lohn der Arbeiterschaft weit vom Real- lohn der Vorkriegszeit, wie auch vom sogenannten Goldlohn entfernt fei. In der ganzen Well gäbe es keine Arbeiterschaft, die aus einer so tiefen Stuf« de» Reallohns stände, wie die deutsche Arbeiterschaft. Der Redner führte als Beispiel die Löhn« der Holzarbeiter :n der Provinz Brandenburg an, die in der letzten Woche einen Lohn von einer Mlliarde gleich zwei Broten erhalten haben. Weiter beschäftigte sich der Redner mit der Frag« der Arbeitszeit. Unbestritten sei die Gesamtleistung der Wirtschaft zurück- gegangen, aber dabei sei noch nicht die Hälfte der Arbeitszeit, wie die Arbeiter freiwillig zugestehen wollen, heute voll ausgenutzt. Die Gewerkschaften hätten seLbst das größte Interesse daran, daß die Produttion auf das höchst mögliche Maß gebracht wird. Zur Frage der Arbeltszett führte der Redner weiter aus, daß in einer schlechten Wirtschaft kein guter Reallohn vorhanden sein kann. Deshalb sei es nötig, die Wirtschaft so auszugestalten, daß sie ihren sozialen und anderen Verpflichtungen nachkommen könne. Di« Gewerkschaften müßten sich jedoch gegen den Vorwurf verwahren, daß«in« Minder- leistung der Arbeiter den wirtschaftlichen Rückgang verschuldet habe. Untersuchungen auch von neutraler Seit« hätten gezeigt, daß die Lerklirzung der Arbeitszeit durch Intensivierung der Arbeit aufgeholt und sogar überschritten worden sei. Ver- wunderlich wäre es nicht, wenn in diesen Zeiten der Rot Arbeiter mit ihrem Einkommen von 3 bis 4 Goldmark nicht mehr imflande seien, die alten Leistungen zu erzielen. Es müsse betont werden, daß vor allem die Arbeitgeber sich von der Produktion abgewendet und dafür der Spekulation sich zugewandt hätten, durch die viel leichtere Gewinne zu erzielen seien. Auch andere Gründe fiir den Rückgang der Produktion seien maßgebend, so die unfruchtbare, täglich sich wiederholende Arbeit der Kalkulation und Fakturierung bei jeder Schwankung der ver- f alleren Währung. Rotwendig sei di« Umgruppierung der Erwerbsiäkigen und notwendig Hilf« für all« die, die ihre Arbeit vergeblich an- bieten. Diesen Standpunkt müssen di« Gewerkschaften besonders betonen, wie gegenüber der Einstellung des Unternehmertums, das die Kräfte der Verelendung anheimfallen lassen will, die sich augenblicklich nicht in den Produktionsprozeß eingliedern lassen. DK Regierung, sa erklärte der Redner, scheint sich diesen Neigungen der Arbeitgeber nicht entgegenstellen zu wollen. fZvrus: Das ist sol) Wir warnen die Regierung, auf diesem Wege fortzufahren und di« Regeln der wirtschaftlichen Vernunst außer acht zu lassen. Während früher«« wirtschaftlich« Vernunst war. möglichst vitl zu produzieren. ist es heut« für den Arbeilgeber profitabler, feilten Betrieb zu schließen und damit der Substanzoerminderung vorzubeugen. Wir lehnen es nicht ab, dort, wo kein» anderen Möglichleiten der Produktionsskigerung vorhanden sind, einer Arbeits- Erhöhung zuzustimmen. Aber dk Urbeikr müssen dem frei- willig beipstichkn. Ob« Herrn Stinne« mit einer diktatorisch längeren Arbeitszeit auch gelingen wird, die Leistung heraufzusetzen, ist«in« Frag», d« seine Arbetter beantworten müssen, und sie werden es sicherlich so tun, daß auch Herr Stinnes auf den Boden zur wirtschaftlichen Vernunft zurückfindet. Der Ruf nach ver- längerter Arbeitszeit, den man bis in die Reihen des sonst ganz vernünftigen Bürgertums findet, bedeutet ein« Gefahr für die Ar- beiterschaft. Notwendig ist, die Kaufkraft der Masse zu heben. Die neu« Währung bringt uns noch keine neu« Lohnregulienmg: dazu brauch«! wir die Hilft der RegKrung.(Lachen.) (Fortsetzung in der Morgenausgabe.) r;