MenSansgabe Nr. 516 ♦ 46. Jahrgang Ausgabe k Nr. 266 Bezugsildwgungtn und Bnjeigenpreis« sind in der Morgrnansgab« angezebm »edottion: Sw. SS, Lindetlsitrche 3 I-rusprechor: Dönhoff 292—395 SeL-StftccfTcSojtaldemoicai verUn Vevlinev Volksblatt 2 Milliarden M. Sonnabend ?. November 1923 Seclag und Anzetgenabteilunz: Gelchilst-z-il S-S Uhr Verleger: vorwörrs-verlag GmbH. vsrli» Sw. 95, Vlndenftroh« 3 Fernsprecher: Dönhoff 2509.2501 ZcntraXorgan der Vereinigten Sozialdemokrati fchen Partei Deutrchlands Kahr fordert Rechtsöiktatur im Reich. Will er marschieren?— Knilling gestürzt. Zn Layern haben sich über Ztachi Vorgänge vollzogen, die noch in einiges Dunkel gehüllt sind, die aber für die politische Entwicklung der nächsten Zeit von weitestreichender Bedeutung fein werden. Herr v. Kohr, der von der verfassungsmäßigen Regierung Knilling eingesetzte Generalsiaatskommissar, hat die Regierung. die ihn einsetzte, gestürzt. Er hat über ihren Kopf hinweg nach Berlin ein Ultimatum geschickt, das mit oem Vormarsch aus Berlin droht, falls nicht binnen 24 Standen hier eine Rechtsdiktatur eingerichtet werde. Diese Tat eines Wahnsinnigen stellt Layern und ganz Deutschland vor die schwersten Ereignisse. Nach öem Bruch. Uneingeschränkte Freude löst der Rücktritt der sozial« demokratischen Minister in den Spalten der Rechtspresse aus. Unverhohlen wird in jeder Zeile die Hoffnung zum Aus« druck gebracht, daß nun nicht nur im Reich, sondern in allen Ländern und Verwaltungen mit dem„marxistischen Einfluß" aufgeräumt wird.„Keine Halbheiten mehr." ruft die„Deutsche Tageszeitung" und warnt vor der Höflichkeit Halber Lösungen nach dem Ausspruch der Sozialdemokratie: „In der Möglichkeit halber Lösungen liegt auch jetzt, wo die unselige Koalitionspolitik unrühmlich zusammengebrochen ist. die grötzte Gefahr. Mit allem Nachdruck muh gesagt werden, daß solche Lösungen in jeder Hinsicht nicht nur unglücklich, sondern un- verantwortlich wären Wird jetzt nicht endlich das Reichssteuer mit aller grundsätzlichen und taisächlichen Entschiedenheit nach rechts herumgeworfen, dann sind die Gefahren, welche Reich und Volt bedrohen, nicht mehr zu bannen." Das Steuer nach rechts herumwerfen, kann aber nach An- ficht der reaktionären Parteien keine Regierung der Mitte. und offenbar auch keine Regierung der bürgerlichen Parteien mit Einschluß der Deutschnationalen . Denn die Verfassung von Weimar besteht nach Ansicht der Reaktionäre„nur noch aus jämmerlichen Feßen": „Schon deshalb müsjm neue Wege gesucht werden, um den Augiasstall deutscher Mißwirtschaft auszuräumen. Diese Wege kann nur eine Regierung finden und gehen, die das Bewußtsein hat, daß die stärksten und besten Kräste de» deutschen Volkes hinter ihr stehen. Dazu aber gehören in erster Linie die Kräste. die sich zu einer wahr- haftnotionalen Aufsassung in Politik und Wirtschaft bekennen und die man in unverantwortlicher Verblendung zurückstieß, seit man. ernst innerlich und dann auch äußerlich, die nationale Flagge in Deutschland herunterholte." Auch die„Kreuz�Zeihmg" warnt vor„neuen Experi« menten" und verlangt ausdrücklich, daß eine Regierung ge- bildet wird, die nicht nur ohne Sozialdemoratie arbeitet, sondern sie direkt bekämpft. Unbedingt muß nach ihrer Auffassung dem Konflikt mit Bayern ein Ende gemacht werden. „Die sozialdemokratisch- und demokratische Auffassung, baß Bayern auf den Verfall des Reiches hinarbeite, muß endlich der richtigen Auffassung Platz machen, daß eine Lösung der heraufbe- schworenen Konflikte der Reichsregierung mit den Ländern nur denk- bar ist mit Bayern und nicht gegen Bayern . Nur eine solche Regierung ist möglich, die eine dauerhaft« Brücke zu dem größten süddeutschen Staate schlagen kann. Aus diesem Grunde Ist auch nur ein solches Reichskalnnctt möglich, dem es gelingt, das Vertrauen in Boyern zu erwerben. Wenn etwa Dr Strese» mann ein« bürgerliche Negierung vorschweben sollte, die wieder zwischen zwei Stühlen sitzt und die zwischen Sachsen und Bayern hin und her schwankt, so Ist sie von vornherein zur Un- sruchtbarkeit verurteilt." Nickt viel ainbcrs denkt ganz offensichtlich die„D. A.A.". Ln der Formulierung bleibt sie etwas vorsichtiger, wie über- bauvt an manchen Stellen bä den Rechtsparteien eine gewisse Reserve und Vorsicht tattiscker Art zu bemerken ist. Man nill offenbar das Gelände erst richtig sondieren, man hat aus früheren Vorgängen gelernt und möchte sich nich-t gern einem neuen Mißerfolgs ausgesetzt sehen. Die„D. A. A." ist des- wegen der Meinimg, daß Neuwahlen unvermeidlich seien. eine Auffassung, die etwas merkwürdig anmMet, wenn gleichzeitig das Stinnes-Organ versichert, man müsse sich unbedingt vom Parteiwesen losmachen, schon deswegen, weil auch die Dcutscknationalen das fordern. „Unseres Wissens sind die Deutschnationalen nach wie vor nicht geneigt, in ein Kabinett einzutreten, das sich auf Grund des parla- mentarischen Systems aus Vertretern der Reichstagsporteien(auch wenn es nur die bürgerlichen sind), zusammensetzt; sie dürften viel- mehr an dem von Dr. Hergt aufgestellten Programm festhalten, daß die neue Regierung sich auf die stärksten Schichten Im Volk — die Landwirtschaft, die Industrie und die nationalen Gewerk« fchaften— stützen soll. Der Grundgedanke ist zweifellos richtig. Wenn Dr. Stresemonn sich nicht ganz von dem Parteiwesen loezu- lösen vermag, wird er die absolut notwendig« Sammlung aller nationalen und wirtschaftlich starten Volksschichten nicht vollziehen können." Wer mit den wirffchafllich starken Schichten gemeint ist, bedarf sa keiner Erläuterung. Herr M i n o u x, der General- bevollmächtigte des Herrn Stinnes, sitzt von der„D. A. Z." nicht so weit entfernt. Die Frage wird nur die sein, ob die bürgerlichen Parteien diesen Weg zu gehen versuchen werden. Die Demokraten versichern, daß sie nicht oaran denken. Das„Berliner Tageblatt" schreibt wenigstens heute morgen: „Es darf wohl als selbstverständlich gelten, daß die demokratische Fraktion einen Rechtsabmarsch des Kabinetts oder eine Derbreite. rung der Koalition nach rechts nicht mitmachen und daß die Fraktion nur dann in der Koalition verbleiben kann, wenn der Charakter des Kabinetts als einer Koalition der verfassungs» treuen Mitte auch in den Personen der neu zu ernennenden Minister völlig unzweideutig zmn Ausdruck kommt." Der„Demokratische Zeitungsdienst", mit dem sich das „Tageblatt" ausdrücklich identifiziert, geht in der Saa>e sogar noch weiter. Danach wird es überhaupt unverständlich, daß die demokratffchen Minister es zum Austritt der Sozialdemokratie haben kommen lassen. Denn über die Forderungen der So- zialdemokratie heißt es dort ausdrücklich: „Die sozialdemokratische Reichotagsfraktion gelangte zu De- fchlüsien, die an sich etwas Selbstverständliches sind. Gerade auch von demokratischer Seite ist verlangt worden, daß die Reichsautorität Bayern gegenüber unbeugsam zur Geltung gebracht wird. Die Umwandlung des militärischen Ausnahmezustandes in einen zivilen war die Forderung der Ministerpräsidenten der deutschen Länder. Der Reichskanzler hat seinerzeit dieser Forderung nicht widersprochen. Er entließ die Ministerpräsidenten in dem Glauben und in der Annahm«, daß jene Umwandlung bald er- folgen werde. Die Sozialdemokratische Partei hatte ihre Voraussetzungen keineswegs als Ultimatum formuliert. Natürlich wollte die Fraktion bald wissen, woran sie ist. Die Rechtspresie hat es außerordentlich geschickt verstanden, die Voraussetzungen der Sozial- drmokratie als Ultimatum aufzufrisieren, und von Pommern bis Bayern schallt«s wieder einmal: Stresaemann soll sich dem Terror der Marxisten beugen! Die Hoffnung aller Rück- schrittler und aller offenen und verkappten Feinde der deutschen Re- publik ist ein bürgerliches Rcchtskabinett. Man würde sich in einem solchen Kabinett auch die Demokratische Partei als Feigenblatt zunächst gefallen lassen. Jedermann aber, der die Naturgeschichte der deutschen Monarchisten kennt, der weiß, daß es sich hier nur um einen Uebergang zum alten Macht st aat mit allen innen- und außenpolitischen Konse- q u e n z e n handeln würde. Vielleicht wäre es möglich, Bayern da- durch einem Reiche zu erhalten, das wieder ein Bundesstaat wäre. Aber die Folgen wären furchtbar. Rhein und Ruhr gingen uns dann sicher verloren. Der Franzose schöbe seinen Außenposten nach Hannover vor und die Reichszerstückelung würde ihren Fortgang nehmen. Das gelockert« Reichsgefüge wäre sicher nicht Imstande, die verlorenen Außenposten wieder zu ge» Winnen." Wenn man die Folgen so klar voraussah, dann durfte man es nicht zu dem Bruch kommen lassen, um so mehr, wenn das„Tageblatt" selber schreibt, daß„die Auf- fassung des Kabinetts, wonach die Loslösung von der Sozial- demokratie eine Erleichterung gegenüber dem bayerischen Ge- fahrenherd bedeute, in weiten demokratffchen Kreisen nicht geteilt werde". Die bürgerlichen Parteien der Mitte wissen sehr gut, welche außen- und innenpolitischen Konsequenzen die Rechtsparteien im Aug« haben. Sie kennen die Folgen dieser Politik für Rhein und Ruhr, sie müssen wissen, ob bei solchen Perspektiven der„Wiederausstieg zu nationaler Mackt", von dem die Rechtspresse faselt, mög- sich ist. Aber es gibt in Deutschland nicht nur eine„Natur- geschichte der deutschen Monarchisten", es gibt auch eine Naturgeschichte des deutschen ltzürgertums. Schwäche, Halbheit und Unentschiossenheit haben die Politik der bürgerlichen Parteien gekennzeichnet. Ohne eine lange dollar amtlich 420. Di« Nachricht, daß die Mark gestern in New Dort bis zu einer Dollarparität von 1 Billion Säv Milliarden gesunken sei, wirkte in Berliner Finanzkreisen wie«ine Bombe. Da in der vergangenen Nacht durch die bereits veröjsentlichte Verordnung der Freioerkehr in Goldanleihe verboten wurde, so fand heute an der Berliner Börse ein Verkehr in diesem Papier ebenso wie in Dollarschatzanweisungen und Devisen nur zum amtlichen Kurse statt. Im Devisenverkehr ging es verhältnismäßig ruhig zu. Die Reichsbank hält an ihrer bisherigen Taktik fest. Es wurde auf all« ausländischen Zahlungs- mit«! nur 5 Proz. zugeteiu. Amtlich notierten Kabel New Dort 420, London 1900, Holland löö Milliarden. Im Zusammenhangs mit den starken Kurssteigerungen ist ein« Der- steifung der Geldmarktlage eingetreten. Der gestrige Satz von 2X bis 3 Prcz. täglich hat sich ungefähr verdoppelt. Die Situation wurde dadurch verschärst, daß die Reichsbank gerade heute größere Beträge der in letzter Zelt verkauften Goldanleihe an die Lanken liefert«, so daß nun endlich Zahlung g«leist»t worden mußt«. fretheltliche politische Tradition, glaubten und glauben sie im Innern die unvermeidliche steuerliche Belastung vermeiden zu können und wollten sie nach außen hin einer eindeutigen Politik ausweichen. Die Schwierigkeiten, die sich der Regierung in den Weg stellten, entsprangen nicht aus der Betelligung der Sozialdemokratie» sie entstanden aus der deutschen Situation und aus dem mangelnden Willen der bürgerlichen Parteien, aus dieser Situation die inneren und äußeren Konsequenzen zu ziehen. Gar zu bald wird sich zeigen, daß für das Deutsche Reich es auch ohne Sozialdemokratie keine andere Politik geben kann als d i e, die die Sozialdemokratie innen- und außen- politisch verlangt hat. Ohne die Vesiegung der Widerstände, die sich dieser Politik entgegenstellen, ist der Wiederaufstieg Deutschlands unmöglich. Die Illusionen, in die man sich in manchen Kreisen setzt wiegt, dürften nur gar zu bald- sich al» Trug erweisen. Kampf um öie Sachverstänölgentonferenz. London , Z. November.(WTD.) Reuker meldet aus Washington : Im weißen Hause wurde im Namen des Präsidenten erklärt, der ursprüngliche Plan zur Untersuchung der Zahlungsfählgkett Deutschlands habe die vollständig« um- ifassende Prüfung der Frag« vorgesehen. Falls Einschränkungen erfolgen solllen, die nach Ansicht der amerikanischen amt- licheu Stellen keine hosfunng auf gute Ergebnisse der Prüfung er- öffnen würden, so würde wahrscheinlich einer amerikanischen Teilnahme nur mit der ausdrücklichen Erklärung zugestimmt werden. daß die Washingtoner Regierung von Ansang an der Ansicht sei. daß die vemühungen, die Reparationsfrage in dieser Welse zu regeln, aussichtslos wären. Im weißen Hanse wurde ferner mitgeleilk. daß kein Mitglied des Kabinetts als amerikanischer verkreter in den Ausschuß für die Reparationsfrage entsandt werden wird, da es für ein Kabinetts� Mitglied schwierig sei. seinen Posten in Washington zu verlassen. Diese Mitteilung erledigt danach den Bericht, daß Mellon und Hoover gewählt werden sollen. Gnglisch-belgtscheS Einvernehmen. Brüssel , 3. November. (TU.) Wie der Brüsseler Korrespondent des„Oeuvre" mitteilt, haben die Belgier den von England vorge» schlagen«» Text einer Einladung an Amerisa zur Teilnahme an dem geplanten Sachverständigenausschuß, von geringen Einzelheiten ab. gesehen, angenommen. Der englische Gesandte Sir Georg Graham erklärte gestern früh Herrn Iaspar, daß das englische Kabinett sich mit den von Brüssel getroffenen Abänderungen des Wortlautes«inverstanden erklärt. Im Hinblick auf die Forde- rung Poincaräe, wonach nur die gegenwärtig« Zahlung»- fähigkeit des Reiches ermittelt werden müsse, betonen d>« belgischen Kreise, daß die jetzige Zahlungfähigteit Deutschlands nahezu null sei, doch pflichten sie der Auffassung Poincoris bei, daß die künftige Leistungsfähigkeit Deutschlands nicht zu ermitteln sei. Sie fügen hinzu, daß die Schwierigkeiten sich vielleicht in der Art umgehen lassen, daß das Kapital des Reiches eingeschätzt und dann ausfindig gemacht werde, welche Einkünfte dieses Kapital unter der Verwaltung der Verbündeten zum Zwecke der Wiedergutmachung abwerfen könne. Diese Methode habe ferner den Vorteil, daß sie dl« Anleihe, die von Deutschland benötigt werde, degünstige. Doch haben die alliierten Dotschaster in dieser Frage noch keine definitive Anweisung erhalten, da die interalliierten Besprechungen über das nach Washington zu sendende Telegramm noch nicht zum Abschluß gelangt sind Die französische Antwort. London , 3. November. (WTB.) Reuter berichtet, daß die französische Antwort auf die britische Note vom 31. Oktober, die einen Entwurs einer Einladung an die Vereinigten Staaten im Zu. sammenhang mit der vorgeschlagensn Reparatlonskonferenz vor- schlug, jetzt in London «ingetrosfen ist. Wie bereits mitgeteilt worden fei, bestehe PoincarS darauf, daß der Untersuchungsausschuß nur die augenblicklich» Zahlungsfähigkelt Deutschlands unter« suchen solle. Ein weiterer Meinungsaustausch über diesen Punkt findet augenblicklich statt. Die britische Ansicht sei, wie verlautet, daß dt« Bedingungen Poinrares in hohem Maße die Arbeiten des Ausschusses zunichte machen würden, da überall zugegeben werde, daß die augenblickliche Zahlungsfähigteit Deutschlands gleich null sei. Man sei der Auffassung, daß die belgische Regierung in hohem Maße die Ansichten der brttsschen Regierung in diesem Punkte teil«. Es werde gehofft, daß diese Frage im Lauf« des augenblicklichen Meinungsaustausche» geklärt werde, damit die alliierte Einladung«m die Bereinigten Staaten vor Beginn der nächsten Woche abgesandt werden könne. Kriegsschnlddebalten in Frankreich . Auf dem Jahregkongreß der französischen Liga für Menschenrechte kam eS zu lebhasien Auseinandersetzlingen über die KriegSichuldfrage. Der sriitier« kommunistische Nechtsanwalt Oskar Bloch warf dem Vorstand vor. er habe sei» Versprechen vom vorigen Kongreß, die Frage der Veraniivortlichkeit durch einen Ausschuß ernstlich prüfen zu lassen, au» Angst vor Poincarö nicht erfüllt. Die Entscheidung ! wurde auf Sonnabend vertagt, wo auch da« Ruhrproblem und die l Reparationsfrage behandelt«erden sollen. i
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