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Nr. 74.

Erscheint täglich außer Montags. Breis pränumerando: Viertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage, Neue Belt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30mt. proQuartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Desterreich­Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3Mt. pr.Monat. Eingetr. in der Post- Beitungs- Preisliste für 1895 unter Nr. 7128.

Vorwärts

12. Jahrg.

Infertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochens tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn mid Festtagen bis 9 Uhr Vor­mittags geöffnet.

Eernsprecher: Amt 1, Nr. 1508. Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin !

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Abonnements- Einladung.

Donnerstag, den 28. März 1895.

Der

Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Aber wir wollen die Frage der Rententonversion hier nicht vom Gesichtspunkte der Privatinteressen aus betrachten, wir nicht einmal unsere Vermuthung andeuten, daß für die

Zu Beginn eines neuen Duartals richten wir an alle geräuschlole Umkurz. it wollen auch erzahler feine Spur, von, Grleichterung

denn

Freunde und Parteigenossen die dringliche Bitte, für die Erweiterung unseres Abonnentenkreises Seit einiger Zeit wird die Börse durch die Gerüchte herausspringen würde, da bei uns die ersparten Zinsen mit aller Energie thätig zu sein. Gegen die Partei, von einer Konversion der vierprozentigen und 3/ aprozentigen doch nur der Moloch Militarismus schlucken würde; wir deren Zentralorgan der Vorwärts " ist, haben die ver Reichsanleihen in dreiprozentige in Aufregung gehalten. wollen der ganzen Frage gegenüber nur einigten Parteien der Reaktion, denen der Der Tanz um das goldene Kalb nimmit beinahe prinzipiellen Standpunkt einnehmen; und unter diesem den Charakter eines Boden unter den Füßen wankt, jetzt alle ihre Kräfte auf­ausgelaffen luftigen Kantans Gesichtswinkel hat die Konversion eine hohe symptomatische geboten; durch ein neues Knebelgeset soll die zahl- an die Bankokratie wittert wieder reichen Bedeutung. reichste Partei in Deutschland mundtodt gemacht, und für Goldregen." Finanziers, Makler, Stockjobber und Börsen- Eine Rentenkonversion ist eben gerade so wenig wie unsere Feinde und des Volkes Feinde die Ruhe des wölfe" halten schon jetzt die Taschen auf und laut gellt irgend eine andere Erscheinung unseres Wirthschaftsgetriebes Kirchhofes hergestellt werden, damit sie ungestört ihre Freude. Ihr Gelfern erinnert an das Heulen der nur das Produkt nüchterner Ueberlegung, sondern steht im ihre gemeinschädliche und gemeingefährliche Arbeit Hyänen und Schakale am Abend einer Schlacht und in innigsten Busammenhang mit dem gesammten Wirthschafts verrichten können. Die Kämpfe, in denen wir stehen, der That, jede neue Konversion zeigt deutlicher das mechanismus; sie ist nur die Folge Erscheinung eines all. find von entscheidender Bedeutung; und die Verhand hypokratische Gesicht des sich selbst vernichtenden Rapi- gemeinen Sintens tapitalistischen Durchschnitts­lungen des Reichstages über die sogenannte U m- talismus. Profitrate. sturz vorlage, die jetzt in der Kommission sich ab- Neußerlich betrachtet sieht die Rentenkonversion freilich Im Wesen der kapitalistischen Produktion aber ist es spielen, bald aber im Plenum stattfinden werden, viel harmloser aus. begründet, daß die Durchschnitts Profitrate beständig find von ganz besonderer Wichtigkeit. Je größer aber die sinken muß Verbreitung des Zentralorgans, desto größer sein Einfluß und seine Wirksamkeit, und desto größer die Macht der Partei.

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Die Redaktion des Vorwärts" wird bemüht sein, ihre Pflicht zu thun, und das Zentralorgan der Partei würdig

zu machen!

Mit dem 1. April eröffnen wir ein neues Abonne­ment auf den sim ,, Vorwärts " mit der illustrirten Sonntags- Beilage

,, Die Neue Welt".

Für Berlin nehmen sämmtliche Zeitungsspediteure, wie unsere Expedition, Beuthstr. 3, Bestellungen gegen zum monatlichen Preise von

Das Reich hat während der kurzen Zeit seines Be­stehens bereits glänzende Beweise seines tapitalistischen Genies abgelegt, denn es hat bisher 450 Millionen vier prozentiger, 780/2 Millionen 32 prozentiger und 850/2 Millionen dreiprozentiger Anleihen kontrahirt. Die jähr liche Zinsenlaft beträgt demnach 71 466 000 Mart.

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der

Bei der rapiden Zusammenhäufung des Kapitals in wenigen Händen, woran das Staatsschuldenwesen einen erheblichen Antheil hat, bei dem wahnsinnigen Konkurrenz kampf des Großunternehmens gegen das kleinere und mittlere Unternehmen, des Großunternehmens gegen das. Bei einer Konverfion der vierprozentigen Anleihen in Großunternehmen, muß sich jeder mit dem denkbar niedrigsten 3/2 prozentige würden immerhin 2 Millionen Mark und Profit begnügen. Je größer aber das mobile Kapital ist, das bei der Konversion der vierprozentigen und der 3/ 2prozentigen in industriellen Unternehmungen, in Grund und Boden in dreiprozentige würden gar 734 Millionen Zinsen er- Anlage sucht, desto tiefer sinkt der Profit, desto rascher geht spart werden. die Durchschnitts Profitrate herab. fie würde zu Zeiten Es kommt allerdings in betracht, daß eine ganze Reihe allgemeiner Erschlaffung und Stagnation während der so- sozialpolitisch bedeutsamer Institutionen( Krankenkassen, periodischen Krisen auf Null herabgehen, wenn der Staat ent- Berufsgenossenschaften, Lebensversicherungen) mit einem be- sich nicht selbst veräußerte, wenn der Staat zur Deckung stimmten und möglichst hohen Erträgniß aus Renten rechnet, seiner Ausgaben nicht das mobile Rapital heranzöge, Schulden aber meist doch nur, um die Reservefonds zu erhöhen, nicht um kontrahirte, die ihre Zinsdeckung in Staatseinkünften haben. die laufenden Ausgaben zu decken; denn bei den meisten Das Kapital sieht schließlich nur in den Staatsschulden von ihnen werden sehr erhebliche Bruchtheile des Ein- sein Heil und es fühlt sich am wohlsten in dem Staate, in tommens Jahr für Jahr kapitalisirt. Eine Schädigung der dem die Staatsschulden zunehmen. Klientel, auf deren Interesse es doch allein autommt, wäre Aber da das Ab- und Zufließen des mobilen Kapitals deshalb auch so gut wie ausgeschlossen. von den Staatsschulden nach industriellen Unternehmungen Das gleiche gilt von jenen Krösussen, die ihr Ein- und umgekehrt abhängig ist von dem durchschnittlichen kommen nicht vollständig konsumtiv verwenden, sondern Kapitalprofit- kann beispielsweise ein Staat so leicht einen erheblichen Theil wieder zum Kapital schlagen. Geld erhalten wie das Deutsche Reich, dessen 450 Millionen Eine wirkliche Schädigung von einer Konversion der 3 prozentiger Titres fünfzigfach überzeichnet wurden so Staatsanleihen hätten nur die kleineren und mittleren ist es klar, daß die Zinsen der Staatsanleihen sich nicht Rentner zu befürchten; doch wir fühlen wirklich keinen wesentlich über die Durchschnitts- Profitrate erheben können. Beruf in uns, für eine Mehrbelaftung der produktiven Stehen dann 4 prozent. Anleihen auf 105,60, 31/2 prozent. Bevölkerung zu gunsten der Achtgroschen- Rentiers eine Lanze auf 104,60, erhalten die Käufer von Titres also in Wirk­zu brechen. lichkeit nur 3,4 bis 3,7 pCt. Zinsen, so wäre es vom kapi­

1 Mark 10 Pfennige frei ins Hans. Für außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Abonne­ments zum Preise von 3,30 M. für das Quartal entgegen.( Eingetragen in die Post- Zeitungsliste für 1895 unter Nummer 7128.)

In unserem Feuilleton beginnt nach Schluß der eben begonnenen kurzen Erzählung: zu Tode gehetzt", der Abdruck der geschichtlichen Erzählung:

Berliner Märztage"

von Michel Deutsch,

auf welches Wert wir unsere Leser besonders aufmerksam machen.

Redaktion und Expedition des Vorwärts".

Feuilleton.

mann hat ihren Bodenschlüssel sicher selbst nicht gekannt. Vielleicht hat sie sich kürzlich einen neuen machen lassen." Was, Mutter? Sehr gut hat sie ihn gekannt! Sie [ Nachdruck verboten.] ist ja noch eine Viertelstunde, eh' das Feuer losging, da gewesen!" Wo gewesen?"

Zu Tode gehekt!

3

Eine Erzählung nach dem Leben von Franz Held. Frau Schwart hatte, während sie das herausstieß, ihr Rind umschlungen, als müsse sie es gegen eine Gefahr be- was!" schützen.

" Frau Kendelmann hatte doch den Schlüssel!" rief Schwarz heftig. Wie ist denn das menschenmöglich-?!" Er war paff vor Bestürzung.

"

Ja, fuhr das Mädchen fort, und ich sagte ihr auch gleich geben Sie den Schlüssel her! Sie gab ihn aber nicht. Sie hat gesagt, sie wüßte nicht, wo er wäre." Während es schon brannte-?!"

" Ja. Da hat die Gottliebe( das war das Schwarz'sche Dienstmädchen) ihr den Schlüssel vom Schürzenbande ge= rissen und dann sind wir hinauf gerannt auf den Boden, was wir nur konnten, mit ein paar Eimern Wasser, und haben auch noch glücklich gelöscht. Das Hen flackerte schon so hoch auf! Sonst wär' es wirklich ein arger Brand geworden."

Wo ist die Frau Rendelmann? Wo steckt sie?" Dem Schwarz trat eine dicke Bornader dunkelroth auf die Stirn.

" Gleich d'rauf, wie's gelöscht war, ist sie schlafen ge­gangen," berichtete das Kind.

Und der Kendelmann sitzt noch im Wirthshaus! Schwarz ballte, wie er das herausstieß, die Faust. Gott weiß, wann der genug gesoffen hat und endlich mal zurück­tommt. Na, dann auf morgen! Aber wir sprechen uns noch, meine Herrschaften!"

" Gottlob, daß er wenigstens heut Abend keinen Krach machen kann," flüsterte die Frau dem Kinde zu, als der Vater im Nebenzimmer fluchend die Schäftenstiefel auszog. " Aber, wie fannst Du ihm auch solche Geschichten auf­tischen? So was sagt man nicht, wenn man's nicht ganz ficher weiß, hörst Du, dumme Range?! Die Frau Kendel­

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Auf den Boden ist sie gegangen und hat ihn auf­geschloffen mit einem brennenden Licht war sie da!" Was schnackst Du da? Paß auf gleich giebt's Sie hob die Hand. Aber das Kind bestand trotz der drohenden Ohrfeige auf seiner Aussage.

Frau Schwart mußte dreimal in die Lampe pusten, um sie auszublasen. So zerstreut war sie von ihren Ge­danken.

Auch im Bett konnte sie kein Ende finden mit dem Nachsinnen. Als sie sich so schlaflos hin und her wälzte, hörte sie, wie Kendelmann's Wagen vorfuhr, erst gegen / 23 Uhr nachts.

Es war sonst nicht seine Gewohnheit, so sehr lange auszubleiben.

" Hat er heute einen besonderen Grund dazu gehabt?" fragte sich die Frau, und wälzte sich auf's andere Dhr.

*

Schwartz mußte kontraktlich noch einen Monat über als Verwalter in seiner alten Brennerei zu Bogenau Dienst thun. Ehe er am Morgen des folgenden Tages abfuhr, trat er zu Kendelmann, der mit schwerem, wüsten Kopf soeben vom Deffnen der Thür wach wurde, ohne Anklopfen ins Zimmer und erzählte ihm in aufgeregtem Ton den Vorfall vom gestrigen Abend.

Was hat das zu bedeuten, Herr Kendelmann? Und was soll's heißen, daß in einem solchen Nothfall Ihre Frau die Schlüffel nicht hergegeben will?"

" Kann ich wissen, was die Weibsbilder mit einander vorhaben?" brummte der sehr kazenjämmerliche Kendel­mann mißmuthig, indem er sich die Unterhosen anzog. Lassen Sie mich mit solchem Zeug ungeschoren!"

Aber das ganze Gehöft hätte ja abbrennen können-!" Na, und was wäre dann piel dabei gewesen?"

Kendelmann zog, wie er das gelassen sprach, langsam das linke Unterhosenbein in die Höhe.

Wa- wa- was dabei-?!" Schwartz sperrte vor bodenlosem Erstaunen Nase und Mund auf.

" Nun ja," fuhr Kendelmann höchst gemüthlich fort, dann wären Sie die alte baufällige alte Bude los ges worden und hätten alles neue, schöne Gebäude gekriegt. Sie find doch gut versichert, was?"

" Ich bin noch gar nicht versichert. Das müssen Sie sich doch selbst sagen können. Wie soll ich mich denn in der Geschwindigkeit schon versichert haben?!"

" Ja," sagte Rendelmann gedehnt und als ob es ihm sehr leid thue, das hab' ich freilich nicht gewußt. Dann versichern Sie sich, aber schleunigst, man kann nicht wissen, was noch passirt."

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" Ich glaube, es ist nöthig so lange Sie hier wohnen!" branite Schwarz auf. Was soll das heißen? Bitte!"

"

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" Das soll heißen, daß Sie oder Ihre Frau in Ihrem Auftrag-

"

Er stockte.

" Daß was? Daß wir was?

Wenn's gefällig ist-!"

Aber Schwarz bezwang sich.

" Na, ich will nichts gesagt haben. Abwarten, Thee trinken. Aber nehmen Sie sich zusammen. Ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen. Verstanden?"

Ohne Gruß stampfte er hinaus und sofort zu seiner Frau, der er alles erzählte. Wie Kendelmann auf die Vers ficherung anspielte. Und er hätte ganz deutlich einen höhni­schen Ton herausgehört.

Besorge also schleunigst die Versicherung," mahnte seine Frau. Gleich von Bogenau aus schreib'!" Werd' ich thun."

Eine kleine Pause trat ein.

Er ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen eine Weile umber, kopfschüttelnd und brummend. Dann blieb er jäh vor ihr stehen.

Nun? Und was denkst Du Dir eigentlich von der Geschichte?!"