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Nr.557 41.Jahrgang Ausgabe A nr. 283

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Mittwoch, den 26. November 1924

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Nathusius amnestiert.

Eine Tat der französischen Linksregierung. Ein Ein Erfolg der Sozialisten.

Paris , 25. November. ( Eigener Drahtbericht.) Das Defret, das die Begnadigung des vom Kriegsgericht in Cille zu einem Jahre Gefängnis verurteilten deutschen Generals a. D. v. Nathujius verfügt, ist am Dienstag mittag auf Vorschlag des Gesamtminifteriums vom Präsidenten der Republik unterzeichnet worden. Da eine Be­gnadigung gesetzlich nicht möglich war, solange ein Verfahren nicht endgültig abgeschlossen ist, bedurfte es vor der Veröffent­lichung des Gnadenakts der Zurüdziehung des von dem Ange­flagten gegen das Urteil des Ciller Kriegsgerichts erhobenen Ein­fpruchs bzw. des Antrags auf Einleitung eines Kajsationsverfahrens. Das ist mit Zustimmung v. Nathufius' noch im Laufe des Montag­abends geschehen.

An dieser Begnadigung hat die sozialistische kammer­frattion, insbesondere aber auch Genosse Dr. Breits cheid, der seinen Pariser Aufenthalt bei der Jaurès - Feier zu eingehenden Verhandlungen über den Fall Nathufius mit den zuständigen Stellen benuhie, einen hervorragenden Anteil.

Wie in parlamentarischen Kreifen verlautet, dürfte die Frei­laffung von Nathufius' im Laufe des morgigen Tages erfolgen.

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Die Begnadigung des vom Liller Kriegsgericht unschuldig verurteilten Generals v. Nathusius durch den Präsidenten ber französischen Republik stellt die einzige praktische Lösung dar, die in diesem verwickelten Fall möglich ge­wesen ist.

General v. Nathufius hatte Revision eingelegt und da­mit von einem Recht Gebrauch gemacht, das jedem Ver­urteilten zusteht. Blieb das Verfahren auf diesem Wege, so wurde es in Formen des Rechts mit aller Umständlichkeit und mit zweifelhaftem Endergebnis weiter abgewickelt. Unsere Rechtspresse hatte aus sehr durchsichtigen Gründen die Parole Revision, nicht Begnadigung!" ausgegeben, sie wünschte eben, daß ihr der schöne Fall zur verheßenden Agi­tation erhalten bleibe, mochte auch der alte General siken, bis er schwarz wurde. Gerade die Rechtspreſſe hätte sich logischer weise aber von einer Revision nichts für Nathusius Nügliches erhoffen dürfen, denn nach ihrer Behauptung sind ja alle französischen Richter Schurken und Rechtsbrecher. Ihre Hal­tung ist der beste Beweis dafür, daß es gar nicht in ihrer Ab­sicht lag, einem unschuldig Verurteilten zu helfen dazu hätte fie ja auch daheim die beste Gelegenheit- sondern daß es ihr nur darauf ankam, sich einen Stoff für ihre Hetze möglichst

lang zu erhalten.

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Natürlich kann nicht ausbleiben, daß unsere Nationalisten| dustrielle", daß Frankreich wie Deutschland das gleiche Inter­behaupten werden, Nathusius sei nur aus Rücksicht auf die deutschen Wahlen amnestiert worden, und gerade da durch zeige sich, wie sehr der Erbfeind" an dem Sieg der durch zeige fich, wie sehr der Erbfeind" an dem Sieg der deutschen Linken interessiert sei. Aber das ist, mit Berlaub gesagt, blödes Geschwäg. In Wirklichkeit steht die Sache so, daß eben in beiden Staaten die Demokratie siegen muß, wenn das Recht siegen soll.

Als Fall sozialistischer Einwirkung steht der Fall Nathu­sius durchaus nicht vereinzelt dar. Seit die Regierung Herriot am Ruder ist, ist es üblich geworden, daß deutsche Genossen der besetzten Gebiete die französischen Sozialisten um ihre Intervention ersuchen, um Unrecht zu beseitigen und Härten abzustellen. Auf diese Weise ist schon sehr viel Gutes im Stilen erzielt worden der Sache zuliebe, um der Gerechtigkeit willen. Das ist schon geschehen, ehe noch ein Mensch in Deutschland an Wahlen dachte.

Heute ist es notwendig davon zu reden, weil die Rechte behaupten wird, die deutschen Sozialdemokraten feien nur um der Wahlen willen für Nathusius eingetreten. Nun macht es uns, das braucht durchaus nicht verschwiegen zu werden, ein großes Vergnügen, daß den schmutzigen Nuz­nießern der Völkerverhetzung ihre letzte Wahlwaffe so elegant aus der Hand geschlagen worden ist. Aber daß die Sozial­fondern eben des Rechts willen, das fann an unzähligen Fällen bewiesen werden, in denen unsere Partei in aller Stille ihre Pflicht getan hat.

demokratie für das Recht eintritt, nicht des Wahlerfolges,

Der Fall Nathufius ist nun aber geradezu ein Schul­fall geworden, bei dem man nationalistische und sozialistische Politik als Beispiel und Gegenbeispiel einander gegenüber­stellen kann.

Die Berurteilung des deutschen Generals durch das französische Kriegsgericht war zweifellos eine Folge natio­nalistischer Verhezung. Unsere Nationalisten wußten dagegen feinen anderen Rat als den, daß die deutsche Regierung Repreffalien ergreifen und Franzosen , die sich auf deutschem Gebiet befinden, als Geiseln in Haft nehmen solle. Daß die Franzosen heute über einen großen Teil deut­fchen Gebiets die militärische Macht ausüben, das fümmerte unsere nationalistischen Gemütsathleten nicht im geringsten. Mochte auch die Räumung der nördlichen Zone und des Ruhrgebiets durch eine deutsche Represalienpolitik illusorisch gemacht werden, mochte die Bevölkerung des besetzten Gebiets wieder in die Qualen zurückgestoßen werden, von denen sie durch Annahme des Dawes- Planes unter stärkster Beteili­gung der Sozialisten befreit worden war-desto besser, denn desto reicher blühte dann der nationalistische Weizen.

Hob man den Fall aus der juristischen Sphäre in die politische hinüber- und gerade unsere Rechtspresse machte aus dem Fall Nathusius den großen politischen Fall- dann mußte fich die französische Regierung mit ihm beschäftigen. Das nationalistische Rezept hätte den Fall Nathusius Sie fonnte Nathusius nicht freisprechen, denn Recht zu zu einem Kriegsfall zwischen. Deutschland und Frank­sprechen, ist nicht ihre Sache, sondern Sache der Gerichte. Die reich gemacht und neue Leiden, ähnlich denen des Ruhrkriegs franzöfifche Regierung hatte nur eine Möglichkeit, die der Be über das deutsche Volk heraufbeschworen. Nach lozia gnadigung. Damit ist die ganze Angelegenheit listischer Methode ist aber dieser Fallin weni erledigt, Herr v. Nathusius wird freigegen Tagen im Sinne des Rechts bereinigt, ein lassen und kehrt in die Heimat zurüd. konflittsstoff weggeräumt worben.

Herr v. Nathufius hat selber auch eingesehen, daß dies das einzig Richtige ist, er hat sein Revisionsgesuch zurückge= zogen und sich damit den Weg zur Freiheit und Heimfehr eröffnet. Es steht bei ihm, wenn er glaubt, er dürfe den Borwurf des Diebstahls nicht auf sich fizen lassen, die Wiederaufnahme des Verfahrens zu beantragen und für seinen Freispruch vor einem französischen Gericht zu fämpfen. Man darf einigermaßen darauf gespannt sein, ob Die Rechtspresse ihm mun raten wird, das zu tun- gespannt wegen der Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Denn dann müßten eigentlich alle deutschen Heerführer und Offiziere, die feinerzeit unter entehrenden Beschuldigungen auf die Auslieferungsliste gesetzt wurden, ehrenhalber nach Frank­ reich pilgern, um dort ihren Freispruch durchzusetzen! langt, so ist es ein Unsinn, es von Herrn v. Nathusius zu ver­langen, von dessen Unschuld sowieso alle Welt überzeugt ist.

Wenn man von ihnen vernünftigerweise das nicht ver­

Ja, der Fall liegt ganz flar, außenpolitisch wie innen­

politisch. Die französische Linksregierung hat den unschuldig ver­urteilten at husius freigegeben. Die bayerische Bürger­blockregierung läßt den unschuldig verurteilten Fechen­ba ch feit mehr als zwei Jahren im Zuchthaus schmachten. Und nun geh hin, Wähler, und entscheide dich!

Schwerindustrie gegen Handelsvertrag? Politische Sabotage?

Paris , 25. November. ( Eigener Drahtbericht.) Die für Dienstag angefagte erste Fühlungnahme zwischen den deutschen und französischen Sachverständigen der Schwerindustrie zur Besprechung der künftigen Gestaltung der Zolltarife konnte nicht stattfinden, da die deutschen Sachverständigen bisher in Paris Die rasche Bereinigung des Falles v. Nathusius im nicht eingetroffen find. Sie haben ihr Fernbleiben mit beruflicher Sinne des Rechts, der Vernunft und Menschlichkeit ist zweifel- Inanspruchnahme entschuldigt, doch dürfte ihr Verhalten in Wirt­los ein großer Triumph für die Zusammenlichkeit politische motive haben, die mit den Handelsver­arbeit der deutschen und der französischen fragsverhandlungen in feinem Zusammenhang stehen. Dieses Ber­Sosialisten. Sie hat in diesem Fall Früchte getragen, halten ist in höchstem Maße befremdend. Denn schließlich Die aller Welt sichtbar sind. Der zu unrecht verurteilte und ist es die deutsche Regierung und ihre Organe, die die Politik des gefangene Nathusius war für die nationalistische Propaganda Deutschen Reiches zu machen haben. Es ist aber nicht Sache der ein Geschent des Himmels. Der durch sozialistisches Herren von der Schwerinduftrie, fich unbefugterweise in die Rege­Eingreifen freigelassene Nathusius ist aber für sie ein lung schwebender Angelegenheit einzumifchen. Schlag ins Kontor! Jekt wird der Fall Mathufius nicht für Loucheur für gerechten Ausgleich beiderseitiger Intereffen.

die fozialistische Politik der Versöhnung und der Verständigung wirken.

Paris , 25. November. ( Eigener Drahtbericht.) Der ehemalige Minister Loucheur erklärte einem Mitarbeiter der Journée In­

effe haben, die begonnenen Handelsvertragsverhandlungen zu einem glüdlichen Ende zu führen. Für uns Franzosen," so sagte er neiter, ist die Lage sehr klar, Deutschland darf gerechterweise für seine Industrie das Eriftenzrecht fordern; aber auch wir haben gegenüber der unsrigen die gleiche Pflicht. Die Frage der Stahl herrschaft kann der Gegenstand eines wirtschaftlichen Kampfes zwischen den beiden Völker werden, aber sie kann nicht ohne die Beteiligung Englands und Belgiens gelöst werden."

Paris , 25. November. ( WTB.) Wie die Morgenblätter te­richten, ist gestern im Laufe der deutsch - französischen Verhandlungen über den Abschluß eines Handelsvertrags auch die elfaß lothri gische Frage besprochen worden. Man sei nicht zu einer Lösung gekommen, habe sich aber dahin geeinigt, daß das Studium dieser Frage Artikel für Artikel im Laufe der Verhandlungen über die Metallwaren, Eisen, Textilien, Weine und Nahrungsmittel jede: 1- falls wieder aufgenommen werden soll. Im allgemeinen glaube man, daß die Konferenz noch etwa 5 Wochen dauern merde,

Kammererfolg Herriots.

Paris, 25. November .( Eca.) Im Verlauf der heufigen

kammerfißung brachte der Abg. Pathet eine Tagesordnung ein, in der der Regierung Herriot in furzen Worten das Verfrauen aus­gesprochen wird. Herriot wandie fich gegen den Wortlauf der Tagesordnung und stellte die Bertrauensfrage. Darauf wurde die kammer um 9,20 Uhr vertagt. Nach Wiederaufnahme der Sihung erklärte der Kammerpräsident, die Tagesordnung pathet sei mit 318 gegen 196 Stimmen abgelehnt worden. Hierauf wurde eine Tagesordnung Léon Blum mik 318 gegen 202 Stimmen angenommen.

Aegypten ruft den Völkerbund an. London, 25. November .( Eigener Drahtbericht.) Das ägyptische Abgeordnetenhaus hat einen Ausschuß eingesetzt, der einen

an den Bölkerbund und die Parlamente der Welt zu richtenden Protest abfaffen wird. Ferner wurde eine Proteft­

entschließung angenommen, in der der Völkerbund im Namen einer friedlichen und hilflosen Nation gebeten wird, zugunsten der vollständigen Unabhängigkeit Aegyptens und des Sudans zu intervenieren, die nicht von einander zu trennen jeien.

Die Entschließung des Parlaments beschuldigt Großbritannien, daß es ein abscheuliches Berbrechen als Vorwand zur 2usführung seiner imperialistischen Politik nehme.- Der ägyptische König hat das Parlament auf einen Monat vertagt.(?!)

London, 25. November .( Eigener Drahtbericht.) Außenminister Chamberlain hatte am Dienstag mit dem Oberstkomma i dierenden der britischen Armee eine lange Konferenz. Das Kabinett Baldwin wird am Mittwoch sich mit dem Inhalt dieser Aussprache befaffen. In Kairo durchziehen unausgesetzt englische Truppen die Straßen. Die Bevölkerung ist ruhig. Die englischen Kreise be haupten jedoch, daß eine sehr gefährliche Atmosphäre bemerkbar ist. Von Malta wird das erste Bataillon des East Lancashire- Regiments ebenso wie das in Gibraltar ftationierte erste Bataillon der Buffs" mach Aegypten abreisen. Es verlautet, daß mit diesen Truppen schwere Artillerie mitgeht.

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Zur Besänftigung der Alliierten. London, 25. November .( Eigener Drahtbericht.) Auße minister Chamberlain reist am 4. Dezember zur Sitzung des Bölkerbund rats nach Rom. Er wird auf der Hinreise in Paris am 5. Des zember mit Herriot eine Zusammenkunft haben.

Italienisches Vordringen in Nordafrika.

Paris, 25. November .( Eea.) Wie aus Tripolis gemeldet wird, ist am 23. d. M. morgens eine italienische Kolonne in der Dase dort 1915 eingezogen wurde. Am selben Tage ist die Kolonne auf Syrta eingetroffen und hat die italienische Flagge gehißt, die ein Lager von Ibrahim Sceti gestoßen, der durch seinen Berrat die Italiener zum Rückzug gezwungen hatte. Ibrahim fonnte nur mit Mühe entweichen, wobei 70 Mann getötet wurden. Die Italiener erbeuteten über 100 Gewehre sowie zahl reiche Munitionsbestände und verschiedene Maschinengewehre.

Deutschlands Aufnahmegesuch erwartet.

Auf der Völkerbundstagung in Rom. Genf, 25.November .( Eigener Drahtbericht.) Jm Böllerbund rechnet tagung des Rats in Rom. Es verlautet, daß entsprechende diplos

man mit einem Aufnahmegefuch Deutschlands für die Dezember matische Verhandlungen bereits zwischen Rom und den allierten

Hauptstädten bzw. Berlin eingeleitet sind. Auf jeden Fall werden fonfrete Borbesprechungen in Rom einsetzen, zu denen deutsche Vertreter hinzugezogen werden dürften.