Nr.607 41. Jahrgang Ausgabe A nr. 309
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Der Glaube an das Kind.
Ethische Grundlagen des Dualismus. Wissen erklärt das Wunder als Naturgeschehen, aber Erleben wandelt das Naturgeschehen zum Wunder. Unabhängig von Zeit und Stand bleibt die Menschwerdung des Menschen größtes Erlebnis, Mutterschaft das höchste Mysterium, Freude am Kinde das reinste Glück. Darum glänzt heute der Weihnachtsbaum auch dort, wohin der Klang der Kirchenglocke nicht mehr tönt.
Durch die Welt geht eine starte Sehnsucht nach Verinnerlichung. Neben dem Berstand fordert das Gefühl fein Recht. Die Ereignisse der letzten zehn Jahre haben alle Tiefen der Seele aufgewühlt, alle Schematismen des Dentens gesprengt. Klüfte sind aufgerissen worden zwischen den Völfern und in den Völkern, die Erde füllte sich mit den Leibern der Gefallenen, und noch aus den Gräbern schoß neuer Haß empor. Inmitten all dieses Grauens, dieser Berirrung, dieses leiblichen und seelischen Elends wuchs wie die Blume zwischen Den Schüzengräben, der Menschheit ewiges Wunder: das Kind.
Throne stürzten, Reiche zerfielen, aber unberührt von diesem Wandel blieben die alten Mächte des Glaubens, des Gemüts, der tausendjährigen Gebräuche, unberührt blieb das Weihnachtsfest, das Fest des Kindes und der Kinder. Fest der Liebe? Ja! Aber die Liebe hat sich atomisiert, sie verkriecht sich zwischen Wände, die zusammenschließen, doch auch Welten, voneinander scheiden.
Gibt es eine Brücke des Berstehens? Jener reiche Mann hat sich ein stattliches Haus gebaut, es mit kostbarem Hausrat eingerichtet. Seine Speisekammern sind reich gefüllt, sein Taniguthaben weist beruhigende Ziffern auf er hat für die Seinen gesorgt und kann in Wohlbehagen und Wohlhaben heit Weihnachten feiern.
Was hat er getan? Er ist dem Nest bautrieb gefolgt, der schon dem Tier innewohnt. Er hat- sofern er fofern er nicht zu jenen Sumpfblüten des Nachkriegs gehört, die durch finnlose Verschwendung und tolles Genußleben den Haß der Notleidenden und die Berachtung der Anständigen herausfordern doch nur menschlich gehandelt. Er hat seinen Kindern eine Festung gegen die Not gebaut. Wer hilft ihnen, wenn nicht er ihnen hilft? Der Staat? Die Gefellschaft?
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Doch wie wenigen ist es gegönnt, dieses Ziel zu erreichen, das jedem erstrebenswert erschien! Die erdrückende Masse der Bäter fämpft mit der Not, um ihren Kindern nichts als den Kampfmut der Not zu hinterlassen. Ein paar Pfennige Lohnerhöhung sind nur ein winziger Schritt auf dem Wege, den der andere mit Siebenmeilenstiefeln zurückgelegt hat. Aber um was es dem anderen geht, darum geht es auch ihnen: um die Kinder!
Würde jeder Unternehmer, der mit seinen Arbeitern verhandelt, sich dessen bewußt sein, daß Bäter und Mütter vor ihm stehen, würden die verantwortlichen Lenker des Staates sich ftets vor Augen halten, daß der Kampf um die Berbesserung der sozialen Verhältnisse ein Kampf von Bätern und Müttern für ihre Kinder ist, dann wären wohl noch lange nicht alle sozialen Probleme mit einem Schlage gelöst, aber es wäre damit doch ein Feind der Menschheit geschlagen, der neben der nationalistischen Verhegung das größte Unheil schafft: die soziale Verständnis Iosigkeit.
Der mohlhabende Mann gibt seinen Kindern alles mit, was sie für ihren Lebensweg brauchen: Bermögen, Bildung und Erziehung. Was kann der arme Mann ihnen geben? Er bemüht sich, nicht immer mit Erfolg, ihnen eine ausreichende Ernährung zu verschaffen, faum den Kinderschuhen entwachsen, sind sie in das Erwerbsleben hinausgestoßen. Was fann er ihnen also hinterlassen, wenn nicht einen besseren Staat, verbesserte soziale Einrich fungen und Lebensverhältnisse?
Donnerstag, den 25. Dezember 1924
dann wird er begreifen, daß der Sozialismus einem idealisti schen Ethos entspringt, das dem eines echten Christentums zunächst liegt.
Bo wäre tieferes Verständnis für den Sinn der Weihnachtslegende als dort, wo die alte Mär von dem Kinde, das in Not geboren wurde, immer wieder aufs neue erlebt wird? Not schafft den Sinn zur Gemeinschaft. Nur der vom Glüd Begünstigte tann seine Pflicht am Kinde individuell erfüllen, für die Masse gibt es feinen Weg als den sozialen. und darum kämpfen der Mann und die Frau aus der Masse, die zu sozialistischem Denten erwacht sind, nicht nur für ihre eigenen Kinder, sondern für die Kinder aller, für das Kind schlechthin und damit für das Leben der Nation.
Für ihr Leben, nicht für ihre Selbstvernichtung! Kann man noch verstehen, daß vor zehn Jahren in Desterreich ein Redakteur zum Tode verurteilt wurde, weil er eine Uebersehung des schönen englischen Gedichts, das mit den
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Borten beginnt: Ich habe meinen Sohn nicht geboren, damit er Soldat werde", abgedruckt hatte? Wer erträgt den Gedanken, daß die männliche Generation, die heute aus den Wiegen aufblüht, einst in vergifteten Erblöchern und an den Stacheln der Drahtverhaue ihr Ende finden soll, daß die fleinen Mädchen einst als Frauen all das Unnennbare ertragen sollen, was ihre Mütter ertragen haben? Für die Kinder arbeiten, das heißt vor allem auch für den Frieden arbeiten!
Werden wir uns dessen bewußt, daß in diesem Kampf für den Frieden und für eine Regelung der Wirtschaftsverhältnisse, die alle Tragödien des Kinderelends aus der Welt verbannt, die stärksten sittlichen Kräfte unserer Berbündeten sind! Sozialismus ift Glaube an das Kind, Wille zur Erlösung, werftätige Liebe zum kommenden Geschlecht. Und so ist wohlverstandene Arbeit für den Sozialismus auch ein Stück Weihnacht am Werktag!
Herriot über deutsche Entwaffnungsverstöße.
Paris , 24. Dezember. ( WTB.) Nach Beendigung des| fich wahrscheinlich auch deutsche hter finden, um zu be Ministerrats ist der Preffe heute vormittag am Quai d'Orsay folgende Mitteilung gemacht worden:
Ministerpräsident Herriot hat im Laufe der Sigung seinen Kollegen von der Note Kenntnis gegeben, die er am 22. Dezember über die Aufrechterhaltung der Befehung der Kölner Zone von der englischen Regierung erhalten hat. Er hat seinen Kollegen den 3nhalt eines memorandums mitgeteilt, in dem die franzöfifche Regierung feststellt, daß die aus Deutschland erhaltenen Nachrichten schon jetzt genügen, um zu beweisen, daß es nach dem Friedens. vertrag von Bersailles unmöglich sei, die Räumung am 10. Januar vorzunehmen. Der Inhalt dieses Memorandums ist von den Ministern gebilligt worden. Uebrigens, so habe Herriot mitgeteilt, könnten die von der interallierten Militärtontrollkommission neu entdeckten verheimlichten Waffenlager nur die Gründe für die von der franzöfifchen Regierung vertretenen These verstärken. Die Berhandlungen der Alliierten über diese Fragen würden im größten Einvernehmen fortgefeht werden.
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Eine höchst unerfreuliche Weihnachtsbot= schaft, deren Bitterfeit nur dadurch etwas gemildert wird, daß sie nicht allzu überraschend kommt! Nach allen Meldungen, die in den letzten Wochen aus Paris und vor allem aus London über die Nichträumung der Kölner Zone an dem durch den Versailler Vertrag festgesetzten Termin des 10. Ja nuar 1925 eingetroffen waren, ist ein jeder auf die obige offiziöse französische Ertlärung mehr oder weniger vorbereitet gewesen.
Wir haben unsere Auffaffung zu dieser Frage bereits wiederholt zum Ausdruck gebracht. So sehr Deutschland nach dem Versailler Vertrag berechtigt ist, die Räumung der Kölner Zone am 10. Januar zu verlangen, so wenig war eine ftritte Einhaltung dieses Termins praktisch durchführbar, seitdem auf der Londoner Konferenz einer Besetzung des Ruhrgebiets bis eventl. zum 15. August zugestimmt werden mußte. Eine attive, von deutschnationalen Einflüssen freie auswärtige Politik hätte die Aufgabe gehabt, durch rechtzeitige Ver= handlungen mit den Alliierten eine freiwillige Kompromißlösung herbeizuführen, die zwar für die Kölner 3one ein Opfer, aber für das Ruhrgebiet einen Vorteil bedeutet hätte. Dies ist unterlassen worden und dafür trägt der Außenminister Dr. Stresemann vor dem deutschen Volte die Hauptverantwortung. Er ist es gewesen, der mit unverständlichen außenpolitischen Argumenten gegen die Fest fegung eines früheren Wahltermins opponiert hatte und, anstatt eines vierwöchigen Wahlkampfes, einen siebenwöchigen Wahlkampf verursachte. In diesen sieben Wochen ruhte die deutsche auswärtige Politik vollständig, einmal weil fämtliche Kabinettsmitglieder, allen voran Stresemann , freuz und quer durch Deutschland reisten, um ihre Agitationsreden zu halten, aber vor allem, weil man es nicht magte, durch eine wichtige Dessen sollen sich die anderen bewußt werden, aber auch außenpolitische Aktion der fünftigen deutschen Regierung vor- mit noch größerer Kraft als biher sie selbst! zugreifen. Besonders der deutsche Außenminister, der sich seit Unsere Gegner schelten unsere Lebensauffaffung der Londoner Konferenz den nationalistischen Bürgerblock| materialistisch, wir wissen, wie ungerecht dieser Vor- in den Kopf gesetzt hatte, und zur Erreichung dieses wurf ist. Er ist nichts als eine lebersetzung des alten unmög- Bieles eine Regierungsfrise nach der anderen provozierte lich gewordenen Schlagwortes von der ,, begehrlichen Masse" er ist noch heute und mehr denn je dabei fonnte unmöglich ins Philosophische, ein Sichverstecken der Berleumdung hinter den Mut zu einer Initiative aufbringen, die seine deutschgelehrten Ausdrücken. Ist es nicht geradezu ein Hohn, denen, nationalen Busenfreunde zweifellos zum Vorwand einer wüsten die am Nötigsten Mangel leiden, Ueberschäzung des Hege gegen alle anderen Parteien genommen hätten. Wie Materiellen, der irdischen Glücksgüter vorzuwerfen? start die Begriffsverwirrung dank einer mehrjährigen natioThr ganzer Materialismus" beschränkt sich auf die Erkennt nalistischen Propaganda um sich gegriffen hat, das hat erst nis, daß der Mensch effen muß, um leben zu können, und es neuerdings das Magdeburger Urteil bewiesen: Ein deutscher ist nicht ihre Schuld, daß ihnen diese leidige Erkenntnis allzu- Staatsmann, der den Mut gehabt hätte, eine schnellere Ruhroft peinlich nahegebracht wird! Räumungsfrist für die Kölner Zone zu erkaufen, hätte sich räumung um den Preis einer freiwilligen Verlängerung der zweifellos dem Vorwurf des Landesverrates" in der gesamten deutschnationalen, deutschvölkischen und vielleicht fogar deutsch - volksparteilichen Presse ausgefegt und es würden
Und so ist auch der Kampf um den besseren Staat, nicht nur der Kampf um den besseren Lohn, ein Kampf, den Bäter und Mütter für ihre Kinder führen.
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Möge der Herr Pfarrer, der gegen den Materialismus der Sozialdemokratie eifert, einmal nachlesen, was der Bater Der materialistischen Geschichtsauffassung", Karl Marg, über Die Kinderhölle des englischen Frühfapitalismus schreibt,
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stätigen, daß er ein, Landesverri ift!
Infolge dieser Unterlassungsjunde ist das Problem der Räumung von Köln immer mehr von dem Gebiet der praktischen Verständigungspolitif auf das Gebiet der formal- juristischen Tüfteleien hinübergerutscht. Je mehr Deutschland auf den Termin des 10. Januar pochte, desto mehr schoben die Alliierten die Frage der Entwaffnung Deutschlands und den Schlußbericht der Militärkontrollfommission in den Vordergrund. Der Artikel 429 des Friedensvertrages, der die einzelnen Räumungstermine festsetzt, enthält eine scheußliche, tautschukartige Bestimmung, die einem übelwollenden Gegner den formal- juristischen Vormand liefern kann, die Näumungstermine hinauszuschieben. Es heißt nämlich darin:
Werden die Bedingungen des gegenwärtigen Bertrages von Deutschland pünktlich erfüllt, so wird die im Art. 428 vorgesehene Besetzung nach und nach wie folgt eingeschränkt:
1. Nach Ablauf von fünf Jahren werden geräumt: der Brüdentopf von Köln und die Gebiete nördlich einer Linie, die usw."
eine Befreiungspolitif ist, mußte in erster Linie sein, Das Ziel der Erfüllungspolitik, die in Wirklichkeit nur die Räumung der einzelnen Zonen zu erlangen und deshalb mußte nicht nur der Friedensvertrag bis zur Grenze des Möglichen erfüllt werden, sondern es mußte überhaupt die ganze deutsche auswärtige Politik auf den Grundsatz der Entspannung und Berständigung eingestellt werden und nicht auf das Prinzip des buchstabenmäßigen Rechts, auf dem mir ja, so wie die Machtverhältnisse nun einmal liegen, fast immer den Kürzeren ziehen müßten. Eine solche Bolitik der Berständigung war seit dem Sturz Poincarés möglich und sie ist es heute noch, obwohl allerdings der Sturz Macdonalds und seine Ersehung durch eine fonservative Regierung den Kontakt zwischen Deutschland und der Entente nicht unwesentlich erschwert hat.
Es ist in der Tat in letzter Zeit immer deutlicher geworden, daß die außenpolitische Lage Deutschlands durch den Regierungswechsel in England eine Bera schlechterung erfahren hat, die besonders in der Haltung des britischen Kabinetts zu dieser Frage der Räumung Kölns in Erscheinung tritt. Der Sieg der Konservativen bei den Unterhauswahlen ist von den Deutschnationalen aus innerpolitischen Gründen begrüßt, wenn nicht gar bejubelt worden. Der zweite Kandidat auf der deutschnationalen Reichsliste hat seine Freude über den Wahlsieg Baldwins, Curzons und Churchills offen ausgesprochen und damit begründet, daß man nunmehr nicht länger würde behaupten fönnen, durch Europa gehe ein Zug nach links. Das beweist nur, daß man den Namen Bismard tragen und zugleich ein politischer Analphabet sein kann. In der englischen auswärtigen Politik ist in letzter Zeit, und zwar seit dem Regierungswechsel ein regelrechter Umschmung eingetreten. England braucht freie Hand in Kleinasien und Aegypten , eventuell auch gegen Sowjetrußland und es will sich diese Aktionsfreiheit nicht nur dadurch erkaufen, daß es Frankreich Konzessionen am Rhein macht, sondern sogar dadurch, daß es bis zu einem gewissen Grade Frankreich gegen Deutschland aufreizt. Im Gegenfatz zu Poincaré ist Herriot , der seine ganze Politik auf die Verständigung mit Deutschland aufgebaut hat, auf besondere Ronzessionen am Rhein gar nicht erpicht. Deshalb ist Chamberlain allmählich dazu übergegangen, die Rolle des Scharfmachers, namentlich in der Entwaffnungsfrage, zu spielen und damit wird Herriot schon aus innerpolitischen Gründen und ihm gar nicht liegt. gegen feinen eigenen Willen in eine Stellung gedrängt, die
Deutschland so unerfreulichen Wendung der Dinge um die Es ist jedenfalls unbestreitbar, daß in der ganzen für Räumungsfrage England die treibende Rraft ge