Nr. 102.
Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Viertel: jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags: Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage ,, Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30mt. proQuartal. Unter Kreuz band : Deutschland u. DesterreichUngarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3Mt. pr.Monat. Eingetr. in der Post Beitungs- Preisliste für 1895 unter Nr. 7128.
Vorwärts
12. Jahrg.
Jnsertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzetle oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen: tagen bis 7 1hr Abends, an Sonn und Festtagen bis 9 1hr Vormittags geöffnet.
Fernsprecher: Amt 1, Nr. 1508. Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Berliner
Redaktion: SW. 19, Beutb- Straße 2.
Mach dem Felf.
Das Maifest der Arbeit ist verklungen. Und wohl Fein Land der Erde, soweit es seiner Volkswirthschaft und seiner Verfassung nach zu den modernen Staaten gehört, ist unberührt geblieben von seinem Hauch. Ueberall fanden sich klassenbewußte Proletarier, die sich zum Maifest der Arbeit zusammenschlossen.
Freitag, den 3. Mai 1895.
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
Weltfestes war ein Triumph des Proletariats. Schon darin| Nachtwächterinstituts die Zahl der Schuhleute bedeutend ver allein lag die Bürgschaft des schließlichen Gelingens, daß die mehrt ist. Wie lange die Konsignirung dauern wird, ist unBertreter des Proletariats aller modernen Völker einträchtig bestimmt. Sie erreicht ihr Ende erst dann, wenn vom Kommando bei einander saßen, daß sie sich eins wußten in ihrer gänge auf dem Laufenden erhalten wird, an die Hauptmannder Echuhmannschaft, das durch Ordonnanzen über etwaige Vorwichtigsten Forderung: Kürzung der Arbeitszeit. schaften ein entsprechender Befehl ergeht. Und jedes neue Maifest, dessen wir uns seit jenen Das spricht Bände über die Stellung, welche der Staat sechs Jahren erfreuten, hat immer aufs neue und jedesmal den drängenden, unabweisbaren Forderungen der Zeit gegendeutlicher gezeigt, daß der Gedanke, der in Paris die über einnimmt. Stolz haben die Arbeiter dem Wirken ihrer Männer der Arbeit vereinte, den Erdball längst umtreift Gegner zugeschaut und unbekümmert um Philister, Polizei und hat, in immer fernere Länder gedrungen ist; daß er Landgendarm ihre Pflicht gethan im würdevollen Bewußtsein dev Proletarierschaaren aller Zonen und aller Zungen unserer Mission, die ihnen von der Geschichte zugewiesen. Die Vorgerechten Sache gewonnen und ihre Herzen entzündet hat. mittags- Versammlungen waren durchweg gut besucht, in vielen Die nachstehenden kurzen Berichte über das Maifest in Fällen sogar überfüllt, so daß einige Lokale von der Polizei ab gesperrt wurden. Der Fortschritt im Plan der Feier gab sich den Vorjahren gegenüber namentlich darin zu erkennen, daß die Gewerkschafts- Bersammlungen nicht wie bisher mehr oder weniger regellos auf den Vormittag und NachIn allen Versammlungen 10 Uhr morgens anberaumt waren. wurden, nachdem in fesselnder Rede die Bedeutung und der Zweck des Arbeiterfeiertags dargelegt war, eine von dem Ausschuß der Gewerkschaftskommission empfohlene Resolution angenommen, die folgenden Inhalt hat:
Wohl hat das kämpfende Proletariat noch Aufklärungsarbeit die Hülle und Fülle. Wohl wissen wir, daß den Millionen vom neuen Geist des Sozialismus erfüllten Mit kämpfern noch andere Millionen von Proletariern fremd und verständnißlos entgegenstehen, die häufig noch ärmer und gedrückter sind, als die, die sich zum Sozia- Berlin , in Deutschland , in Europa und über dessen Grenzen lismus bekennen. Die vom dämmernden Morgen hinaus find nur eine dürftige Registrirung dessen, bis zur sinkenden Nacht und bis tief in die Nacht was geschehen. Die Begeisterung, die auf der ganzen Welt hinein bei fargem Lohn dem Kapitalismus frohnden. Millionen von Proletarierherzen an demselben Tage, in mittag vertheilt, sondern sämmtlich zur bestimmten Stunde, zit Die trotz Arbeit ihr Leben in Hunger und Kummer führen; einem Gedanken und einem Streben zusammenschlagen ließ, die sich in Lumpen kleiden; die zur Nacht übermüdet aufs läßt sich nicht schildern in dürren Worten. Iumpige Lager finken, um nach wenigen Stunden von Dem klaffenbewußten Proletariat der ganzen Welt neuem in der ewigen Tretmühle zu schaffen. Wir wissen, entbieten wir auch nach diesem Maifest wieder trenen daß vielen Millionen von hungrigen, bedrückten Proletariern Brudergruß. Laßt uns nur fest zusammenstehen! Die heute am 1. Mai 1895 in Berlin an der Maifeier tein Streben nach Höherem die Brust erfüllt, wie uns Laßt uns einig sein in unferen Forderungen! Theilnehmenden fordern aufs neue in Uebereinstimmung mit den andern; die gedankenlos, entmenscht in den Tag hinein Laßt uns die Schläfrigen aufrütteln. Sorgt, daß nirgends leben, das Rasseln ihrer Ketten nicht hören. mehr ein Proletar verblendet die Faust gegen den eigenen Bruder erhebt, der ihm Brot und Freiheit bringen will. Ist erst dies Bollwerk überstiegen, Wer will uns dann noch widerfehn? Dann werden bald auf allen Höh'n Der wahren Freiheit Banner fliegen! Und nun, Glückauf zum
-
Der Mensch verthiert und versumpft in dem täglichen Kampf ums Brot. Kein höheres Ziel im Dienst der Kultur, als der Menschheit die Muße zu verschaffen, die Kultur wenigstens ahnen zu lernen. Nach Aufklärung und Wissenschaft, Natur- und Kunstgenuß, Liebe und Freundschaft wenigstens zu streben. Der in Hunger und Rummer stumpfsinnig vegetirende Proletar taugt nicht für den Kampf um die Freiheit. Und dieser Kampf ist allezeit da entbrannt und kraftvoll geführt wor den, wo das Proletariat sich die allerdrückendsten geistigen und materiellen Fesseln abgestreift hatte.
Maifest 1896!
Arbeitern aller Länder auf grund der Beschlüsse der inter nationalen Kongresse die gefeßliche Einführung des Achtstundentages, die Beseitigung der Kinderarbeit; besonderen Schutz der weiblichen Arbeitskraft; überhaupt durchgreifenden Arbeiterschutz.
Auf das entschiedenste protestiren die Versammelten gegen die Absicht der Regierung, die schon winzigen politischen Rechte der Arbeiterklasse durch Gesetze gegen den Umsturz" weiter zu beschneiden und der Arbeiterbewegung durch vereinsgesetzliche Maßnahmen die Bewegungsfreiheit gänzlich zu nehmen Die Ver sammlung erblickt in diesen Bestrebungen der herrschenden politischen Machthaber den Ausfluß des Klassencharakters der heutigen Gesellschaft, in der jede, auch die berechtigste Forderung der Arbeiterklasse dem Haß und der Verfolgung ausgesetzt ist.
Der Arbeit Maientag hat in Berlin und ten Vororten der Stadt, vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt, einen würdigen und imposanten Verlauf genommen. Auf seiten der Arbeiter der Gedanke, möglichst im friedlichen Wirken das Ab- Des weiteren erklären sich die Versammelten solidarisch mit Tarum ist unsere erste und lauteste Forderung leben der verfaulenden Gesellschaft zu beschleunigen und der völker- den Arbeitern aller Länder. Feinde jedes Nationalitätenhasses, Muße für das Volt! Muße zum Erkennen des eigenen befreienden Sozialdemokratie immer neue begeisterte Anhänger zu der die Völker entzweit und den Militarismus zu neuen, für die Jammers, Muße zum Denken, Muße zum Verlangen, Muße, um werben. Auf seiten der Bourgeoisie das alte, nun seit sechs Arbeiterklasse drückenden Forderungen anreizt, wollen wir, die fich beschäftigen zu können mit den Dingen des eigenen Jahren vernehmbare Getuschel und Gekreische über die Um für die Befreiung der Menschheit kämpfenden Proletarier, Frieden Berufs, der politischen Gemeinschaft. Muße, um sich den stürzler, die posfirliche Anaft, die nur mühsam von der und Eintracht unter die Völker bringen. Zum Schluß entsenden die Versammelten brüderliche Grüße Klaffengenossen anzugliedern und mit ihnen vereint eine arbeiterfeindlichen Presse mit Beschwichtigungsartikeln, wie auch Und auf feiten an die zur Bekundung der Solidarität heute, am 1. Mai, verschönere Zukunft zu erkämpfen. Acht Stunden Arbeit im mit albernen Späßchen eingelullt wird." Dienst des Kapitals, das ist genug und satt. Acht Stunden der Behörden, der Ordnungshüter nun, es ist wohl nichts sammelten Arbeiter der ganzen Welt. passender, als dem vollwichtigen Bericht des unparteiischen" Der Nachmittag und der Abend des Tages war, wie es wollen wir für uns selber haben. Ist nur die Masse zum Denken gebracht, dann kommt Blattes, des„ Lokal- Anzeigers" wieder zu geben, der da schreibt: schon in den Vorjahren üblich gewesen, der Freude, dem bes Die Polizei hatte auf alle Fälle ihre Vorkehrungen getroffen. scheidenen Vergnügen gewidmet. Mit Weib und Kind waren die fie auch zum Verlangen. Und wenn die Masse verlangt, Die Mannschaften werden nach der gegenwärtigen Diensteintheilung Parteigenoffen ausgezogen, um am feftlichen Wirken in Räumen, wenn das einige Proletariat fordert und das fordernde in zwei gleichen Gruppen zum Dienste verwendet, die je 24 Stunden die der Bedeutung des Tages entsprechend ausgestattet waren, Proletariat einig ist: Jm selben Augenblick ist auch die Dienst haben und sich um 1 Uhr nachmittags ablösten. Die der schöneren Hälfte der Menschheit, und, was nicht minder be Mannschaften nun, die sonst um 1 Uhr hätten antreten deutungsvoll und nothwendig ist, der der heranwachsenden Forderung erfüllt. Darum wurde 1889 in Paris das Maifest gegründet. müssen, waren heute schon zu 12 Uhr befohlen, und die Jugend zu zeigen, daß es eines jeden Menschen Pflicht ist, sausenden Webstuhle der Beit für sein Theil Ein Symbol der Einigkeit des fordernden, klassenbewußten ienigen, welche um 1 Uhr hätten abgelöst werden sollen, Proletariats eine laute Demonstration unserer vornehmsten mußten bis 2 Uhr bleiben. Sie müssen um 6 1hr wieder an mitzuwirken, zu zeigen, daß er weiter zu arbeiten habe an dem eine laute Demonstration unserer vornehmsten treten. Von 6 Uhr nachmittags an ist also die ganze Schutz- blumigen Teppich, auf dem kommende glücklichere Geschlechter Forderung: Muße für's Bolt! Achtstundent a g!" mannschaft im Dienst. Die Polizeimacht ist in diesem Jahre dereinst wandeln sollen. Der Gedanke dieses edelsten weil selbstSchon die Möglichkeit der Gründung eines solchen Arbeiter- noch erheblich stärker, als früher, weil nach der Aufhebung des losesten Schaffens, der am Morgen in ernster Rede den Männern
Feuilleton.
[ Nachdruck verboten.]
2
"
das Bild des scheidenden Bruders lebendig vor ihren von Wehmuth erfüllten Seelen.
am
tecken, durchdringenden Blick, und es schien Lotte, als ob ein verstecktes, lüfternes Lächeln um seine Lippen spielte. Sie wandte sich um und erschrat fast, als sie den in einen modischen Zivilanzug gekleideten Lieutenant dicht hinter sich herschreiten sah.
Die bunt wechselnden Gruppen von Spaziergängern, die von jeher des Sonntags um die Mittagsstunde sich auf dieser vornehmsten Promenade der Hauptstadt einzufinden pflegten, Eine geschichtliche Erzählung von Michel Deutsch. nahmen ihre Aufmerksamkeit nur in geringem Grade in An- Gehen wir rascher," flüsterte sie leise. spruch. Lotte schritt still und in sich versunken einher, Mit beschleunigten Schritten eilten die beiden Mädchen Vom Brandenburger Thor her famen, die breite, statt- während Dora nur ab und zu in halb kindlicher Neugier dem Schloßplatz zu. Hastig drängten sie sich durch die aufliche Straße Unter den Linden" entlang, zwei junge einen der zahlreichen Blicke erwiderte, die ihre jugendlich und niederwogenden Gruppen, über deren Köpfe der Mädchen von etwa neunzehn und siebzehn Jahren. Ihrer anmuthige Gestalt unwillkürlich auf sich zog. fräftige warme Frühlingshauch zausend und zupfend dahinbescheidenen, sauberen Kleidung nach gehörten sie den Vor einem Handschuhladen in der Nähe der Friedrich- wehte. Es waren ihrer diesmal so viel, dieser Menschen, ärmeren Bürgerkreisen oder dem Arbeiterstande an. Die straße machten die beiden Schwestern für kurze Zeit Halt. und ihre Stimmung schien von der gewöhnlichen, harmältere von beiden war eine hohe, schlanke Erscheinung, Dora, die seit einem halben Jahre in dem Laden eine losen Freude am bloßen Hinschlendern ganz deren blasses Gesicht durch den ungewöhnlich ernsten Aus- Stellung als Handschuhnäherin und Verkäuferin inne hatte, lich verschieden. Eine auffallende Lebhaftigkeit prägte War es nur der druck der großen dunklen Augen und die edelgeschnittenen ging hinein, um sich in aller Eile eines geschäftlichen Auf- fich in allen Gesichtern aus. Züge sogleich auffallen mußte. Die jüngere war blond, trages zu entkleiden. Sie selbst hatte diesmal ihren arbeits- mit mächtigen Schritten herannahende Frühling, von etwas fleinerem Wuchse nnd frischem, rosigem Teint, freien Sonntag. diese Stimmung hervorrief, oder waren es noch andere, der dem reizenden Gesichtchen mit den tiefblauen Augen Als sie eben aus dem Laden heraustrat, schritt ein heftigere Empfindungen, die auf dem Grunde der Herzen und dem herausfordernd tecken Näschen den ganzen Schmielz junger Elegant vorüber, der sie mit seinen grellgrauen ihr Wesen trieben und sich in den Zügen der Spaziergänger der Jugendlichkeit verlieh. Augen scharf fixirte und zum Gruße leicht an den Hut wiederspiegelten?
Dora dankte mit einem flüchtigen Nicken des Kopfes. Bügen. Wer ist der Herr?" fragte Lotte, die den Gruß des waren Unbekannten bemerkt hatte.
„ Ein Kunde von uns," versetzte Dora obenhin, Lieutenant Axel von Pilgram."
mert
der
Es lag etwas wie Unruhe und Troß zugleich in diesen Den Herren und Damen im Sonntagsstaat als zahlreicher sonst schlichte Handwerker nud Arbeiter beigemischt, welche sich in ihrem vielleicht einzigen Rock früher kaum nach dieser vornehmen Promenade hinausgewagt hätten. Und doch schritten sie heut inmitten dieser gepußten und behand schuhten Gesellschaft so sicher einher, als ob sie plötzlich alle Scheu verloren und über Nacht ihr angeborenes Recht aufs Dasein entdeckt hätten.
Sie hatten ihren Bruder, der als Reservist nach Torgau faßte. eingezogen worden war, bis zum Anhalter Bahnhof begleitet und waren soeben im Begriff, nach ihrer Wohnung in der Petristraße zurückzukehren. Die jüngere, Dora, hatte ihre ältere Schwester Lotte zu dem kleinen Umweg durch das Brandenburger Thor zu überreden gewußt. Lotte, die seit dem Tode der Mutter das kleine Hauswesen daheim be" Steht Ihr auf so ertrautem Fuße mit Eurer Kund sorgte und kaum ein paar mal im Jahre über die nächste schaft, daß Ihr mit einander Grüße tauscht?" forschte Lotte Nachbarschaft der Petristraße hinauskam, hatte den mißtrauisch. Lockungen der kleinen Verführerin diesmal nicht widerstehen Herr Leckner verlangt, daß wir gegen die Herren, die Nach dem Schloßplatze zu wurde die Menschenmenge können. Die frischen Spuren der Abschiedsthränen noch ins Geschäft kommen, höflich sind," lautete Dora's Antwort. auf den jugendlichen Wangen, hatten sie sich von dem An der Ecke der Charlottenstraße machte der Un- immer lebendiger und dichter, nur mit Mühe konnten die Menschenstrom, der auf dem Bürgersteig hin- und herfluthete, bekannte, der den beiden Mädchen vorausgeschritten war, beiden Mädchen vorwärtskommen. Als sie an der Schloßgleichsam mechanisch vorwärts bewegen lassen. Noch stand plöglich) Kehrt. Wiederum musterte er Dora mit seinem freiheit einbogen, wandte Lotte sich vorsichtig spähend zurück