Nr. 106 42. Jahrgang Ausgabe A nr. 54
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Verlag: Dönhoff 2506-2507
Mittwoch, den 4. März 1925
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Friedrich Eberts letzte Fahrt.
Letzte Fahrt!
Friedrich Ebert zum Gedächtnis.
Bon Hermann Müller- Franken.
Heute tritt Friedrich Ebert von Berlin aus seine Fahrt nach Heidelberg an, der Stadt seiner Geburt. In seiner Heimat hoffte er einmal Tage der Ruhe zu verleben. Ein hartes Schicksal gönnte ihm aber keine Ruhe. Er starb in Sen Sielen. An sich ein schöner Tod für einen waderen Mann, der im Leben die Pflicht gegen andere, den Dienst am Bolte über alles gestellt hat. Aber der Tod kam für diesen unermüdlichen Arbeiter viel zu früh. Was hätte der 54 jährige seinem Lande noch leisten können, wenn eine tüdische Krantheit nicht all feine Kraft in wenigen Tagen verzehrt hätte? Wir haben wahrlich feinen Ueberfluß an staatsmännischen Begabungen. lind wo folche vorhanden sind, fönnen fie fich nicht so leicht entfalten, wie z. B. in dem glücklicheren Eng land mit seiner jahrhundertelangen parlamentarischen Tra dition.
Friedrich Ebert war bei aller sachlichen Tüchtigkeit fein Leben lang ein Muster von Zurückhaltung und Bescheidenheit. Trotzdem ging fein Werden in gerader Linie von unten auf bis zur höchften Stelle im Reich! Dabei hat sich Friedrich Ebert nie in seinem Leben zu einem Amt ge drängt. Auf dem Jenenser Parteitag von 1905 hat er fein Wort geredet. Auch ohne ,, Kandidatenrede" wurde er in den Parteivorstand gewählt. Er war mehr als 40 Jahre alt, als er feinen Einzug in den Deutschen Reichstag hielt. Als Prinz Mar von Baden im Oktober 1918 ihn dringend bat, in sein Rabinett einzutreten, lehnte er persönlich ab, trotzdem er damals der wärmste Befürworter der Beteiligung unserer Partei an der Regierung war, weil er noch ein leise Hoffnung hatte, daß eine auf die Parlamentsmehrheit gestüßte Regierung einen wirklichen Wilson- Frieden, der auch den Deut fchen das Recht der Selbbestimmung gewährte, erhalten fönnte, anstatt des Gewaltvertrags von Versailles . Als dann der militärische Zusammenbruch, tam und der letzte Kanzler Wilhelms II. ihm die Führung der Geschäfte des Reichs über gab, da gab es nur eine Stimme, und die sagte, daß Friedrich Ebert das Zeug dazu habe, den deutschen Staat und die deutsche Wirtschaft vor der völligen Berrüttung zu bewahren. Er hat sich damals durchgesetzt. Er ordnete alles einem Ziele unter: Die Wahlen zur deutschen Nationalverfammlung zu sichern und in dieser die neue republikanische Berfaffung zu schaffen. In Abstammung, Wesen und Dentart Lassalle ganz unähnlich, hat er doch dessen Lehre gemäß in schwerster Zeit, von außen und innen durch Tausenderlei gehemmt, alles auf einen Bunft fonzentriert und er hatte damit Erfolg.
Warum irrte er aber in jener Zeit feinen Augenblid ab, als es galt, neue Wege zu gehen, um unserem geliebten Vaterland die Weiteregistenz zu sichern? Weil er bemo fratischer Gozialist war. Durch Demokratie zum Sozialismus, das war ihm Weg und Ziel. Die Politik mar ihm niemals Mittel zur Befriedigung persönlichen Ehrgeizes. Seit er sich als junger Sattlergeselle der sozialdemokratischen Bewegung angeschlossen hatte, arbeitete er ununterbrochen an feiner Weiterbildung. So wurde ihm die Lehre unserer großen Meister sicherer Besitz. Als in den letzten Wochen des Jahres 1918 und den ersten des Jahres 1919 Stürme tobten, die das Staatsschiff in den Abgrund zu reißen und das Leben des Steuermanns in Gefahr zu bringen drohten, da verlor er nie die Ruhe. Seine Selbstsicherheit war der Kompaß, der das Schiff schließlich doch an allen Klippen vorbeiführte. Deshalb wird der Name Friedrich Ebert in der Geschichte der Begründung unserer jungen deutschen Republit, für emige Zeiten an erster Stelle genannt werden.
Gewiß, nicht er allein hat den Boltsstaat aus dem fozialistische Gegenwartsprogramm in die rauhe Wirklichkeit der Nachkriegszeit übergeführt. Wenn dieses Wert gelang, so deshalb, weil Friedrich Ebert den Dingen auf den Grund und den Menschen ins Herz zu sehen die Gabe hatte. Deshalb war es für alle ein großes Glüd, die sich seine Freunde und Mit arbeiter heißen durften.
Seitdem Friedrich Erbert an der Spike des Reiches stand, war er ganz Diener des Staates. Die Partei hatte thren besten Mann dem Staate gegeben. Deshalb, Freunde,
und würde längst in die Klinit gegangen sein," fagte er mit Bitter. teit, wenn der elende Prozeß mich hier nicht noch festhielte. Da hat man nun wieder ein Subjekt als Zeugen aufgetrieben, das das unglaublichste Zeug über mich befunden will. Wie die Dinge bei den Gerichten und in der Deffentlichkeit nun einmal liegen, unterziehen. Dann aber gehe ich weg." tann ich nicht umhin, mich auch noch darüber einer Vernehmung zu
dürft ihr heute nicht traurig sein, wenn der uns allen teure| nate seelisch und körperlich frank gemacht hatten. Ich leide sehr Tote nicht nach den Gebräuchen der Partei seine letzte Fahrt antritt, wie weiland August Bebel in Zürich . Wenn Bebel Eberts Aufstieg hätte erleben fönnen, er, dem Weltkrieg und Zerrissenheit der Arbeiterbewegung zu schauen erspart blieb, Nachfolger wurde. wäre er sicher stolz darauf gewesen, daß Friedrich Ebert sein Internationale noch erlebt hat, wie Friedrich Ebert sechs Jahre Wer von den Alten der sozialistischen lang in schwerster Zeit sein hohes Amt ausfüllte, ohne mit den Idealen seiner politischen Frühzeit in Ronfiift zu kommen, hat feinem Wirken die größte Anerkennung gezollt. In wie warmen Worten hat mir das mehr als einmal Hjalmar Branting gesagt, der nun seit Sonntag auch von heißen Kämpfen in fühler Erde ausruht.
Friedrich Ebert gehörte seit 1919 nicht mehr allein der Bartei. Ja, nicht mehr allein dem deutschen Volke. Wenn Deutschland in der fiebrigen Nachkriegszeit von mehr als einer Krise geschüttelt wurde, dann war Friedrich Ebert der ruhende Bol in der Flucht der Erscheinungen. Auf ihn sah Europa , sah die Welt. Deshalb die Anteilnahme des Auslands an unserer Trauer weit über die Parteitreise hinaus. Deshalb auch vielfach Besorgnis. Friedrich Ebert war ein starter Faktor für die erfehnte Befriedung der Welt. Wären die Gewaltigen in fremden Landen, die einst mit uns im Kriege standen, seiner Politit mehr und rechtzeitig entgegen gefommen, es stünde heute nicht nur um Deutschland , sondern um Europa besser.
Wer wie ich in meiner Amtszeit und auch nachher Gelegenheit hatte, Urteile vieler fremder Gesandten über Wesen und Wirten Friedrich Eberts fennen zu lernen, durfte sich jedesmal freuen über das Lob, das diese weltgewandten Diplo maten aus aller Herren Länder diefem schlichten Mann aus dem Bolte, der feine fremde Sprache sprach, aus innerer Ueberzeugung spendeten, weil sie seine Tüchtigkeit erkannten. Wer ihm näher trat, merkte bald, daß Friedrich Ebert ein Charatter war. Und das bedeutet mehr für den wahren Staatsmann als alle Eramina der Welt, mehr als das größte einseitige Fachwissen, mehr als blendende Rednergabe. Seinen Charakter aber hat Friedrich Ebert ge stählt im Dienst der sozialdemokratischen Partei. Als er 1912 in den Reichstag eintrat, hatte er nicht nur in sieben Jahren der Tätigkeit im Parteivorstand, noch mit Auer, Bebel und Singer, in organisatorischer und politischer Wirksamkeit die Feuerprobe bestanden, sondern er hatte bereits in den Jahren vorher in der Bremer Bürgerschaft gezeigt, daß Politik treiben doch noch mehr ist als agitieren und organifieren, so notwendig auch beides für jede Partei ift. Eberts Wirken im Parteivorstand selbst zu schildern, wird mir noch an anderer Stelle Gelegenheit gegeben sein. Uns Kollegen aus der Parteileitung war er stets der beste Kamerad. Er blieb das bis an sein tragisches Ende.
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Was uns, die wir ihm in guten und bösen Tagen nahe standen, so schmerzlich berührt, das muß gejagt werden, obwohl ja alles Klagen nichts nügt und Klagen schließlich auch nicht in seinem Sinne liegt das ist, daß thn die tödliche Krankheit so jäh aufs Lager warf, und daß er, der dem von Parteileidenschaft zerriffenen Bolte sein Letztes gab, bei Lebzeiten nicht überall die Anerkennung fand, die er so sehr verdient hat. Doch über ihn wird in ruhigeren Zeiten die Gefchichte ihr Urteil sprechen. Ihr Spruch ist uns nicht zweifelhaft. Sein Name wird einst unter den großen Deutschen ge nannt werden. Bir Sozialdemokraten aber find stolz darauf, daß wir Friedrich Ebert vom Anfang feines politischen Birkens an bis an sein viel zu frühes Ende zu den Unseren zählen durften.
Am Sarg des Freundes.
Heute ftand ich an feinem Sarge. Im selben Raume, in dem er mir noch wenige Tage, bevor er ihn zum letzten Male verließ, gegenüberfaß. Er beneidete mich, daß ich der Bürde meines Amies ledig geworden, menn auch die Sorge um die weitere Entwicklung unseres staatlichen Lebens unfer Gespräch erfüllte. Er gab der tiefen Sehnsucht nach Ruhe und nach Befreiung aus der Gebundenheit seines Amtes fo beredten Ausdrud, daß mir mit erschredender Klarheit offenbar wurde, wie ihn, der sonst nur die Pflichten seines hohen Umtes fannte, die letzten Wochen und Mo
Zu spät, das Schicksal hat es anders gewollt. Ich stehe mun vor dem einfachen Eichenschrein, der den toten Freund und Kameraden birgt. Hier an seiner Arbeitsstätte, wo er als erster Prästdent der deutschen Republif für Volf und Vaterland fo Großes geleistet, so viel Gutes gestiftet und bis zum Zusammenbrechen gemirkt hat. Ein leuchtendes Vorbild republitanischer Tugend und Pflichterfüllung. Wenn erst die Miasmen der Schmähung und Berleumdung, die jeßt unser öffentliches Leben verpeften, dem frischen Windstoß eines gefunden Boltsempfindens gewichen sein werden, wird auch das Birken Friz Eberts, dieses aus dem Arbeiterstande hervorgegangenen ersten Staatsmannes des republikanischen Deutschlands , die verdiente Würdigung erfahren.
Doch diese Zeilen sollen mehr dem Freund und Arbeitstollegen, dem Menschen Frik Ebert gelten, mit dem mich jahrelange Rameradschaft im engeren Wirkungstreise verbunden hat.
Mit Recht wird als hervorstechendster Zug des Berstorbenen fein ausgleichendes Bejen, sein Sinn für die Realitäten des politischen und wirtschaftlichen Lebens betont. In schwierigsten Situationen, deren es im Leben der Partei wie im parlamentari schen Leben oft so viele gab, hat Ebert stets mit Ausdauer und Geschid nach einem Ausweg gesucht und ihn auch meist gefunden. Das Ganze zufammenhalten, das war sein Ziel, dem machte er auch oft die Konzession eines Kompromisses, die ihm sonst innerlich zurrider war. Denn Ebert war in seinem Grundwesen teine weiche Rompromißnatur. Im Gegenteil, er war ein Mann festen Willens und starten Wollens. Wo es die Sache erheischte, wußte er sich auch mit rücksichtsloser Energie durchzusehen. Er war eine Führer natur im besten Sinne des Wortes; er vereinigte wie faum einer Klugheit in der Taftit und Festigkeit in der Sache.
Als Mensch war er eine heitere Natur, liebte Geselligkeit, natürliche Fröhlichkeit und gesunden Humor und hatte ein tiefes Berständnis für volkstümliche Bräuche und leberlieferungen.
Schmere Tage, aber auch frohe Stunden haben wir miteinander verlebt. Nun ist alles aus. Hier an der Stätte, wo ich ihm zum legten Male die Hand gedrückt, steht ein talter Sarg, und meine Gedanken schweifen wieder zurüd zu der Stunde des Ab. fchieds. Er sprach damals mit einer Behmut, die ich heute erst voll begreife. Als ob die Borahmung feines herben Geschicks bereits ihre Schatten auf ihn sentte!
Wir sprachen über die für den Sommer bevorstehende Präfi dentenwahl und waren einig darin, daß dem Ziel, die Wahl eines zuverlässigen Republikaners zu sichern, alle anderen Erwägungen untergeordnet werden müßten. Beim Abschied bat er mich dann inständigst:„ Otto, tue mir den Gefallen und wirke bei unseren Parteifreunden dafür, daß sie nicht auf meine Kandidatur bestehen, ich fühle mich so tranf und sehne mich nach Ruhe."
Die Ruhe hast, du nun gefunden, toter Freund, schneller und gewünscht haben! anders als du, deine Lieben und wir alle es uns gedacht und
Dem schleichenden Gift der Niedertracht und Berleumdung, das jetzt unser Volk vergiftet, für das du gelebt, gekämpft und gelitten haft, bist du zum Opfer gefallen.
Ich hatt' einen Kameraden...
In der Stunde des Abschieds steigen die Erinnerungen auf. Meine Lebenserfahrungen haben mich zu der Erkenntnis gebracht, daß fein Mensch ganz flug, aber auch keiner völlig dumm ist. Ich ziehe daraus den Schluß, daß ich auf feinen herabsehe, aber auch feinen bewundere. Nur vor einem Manne habe ich mich innerlich verneigt: vor Friedrich Ebert . Sein scharfer Verstand, der ihn befähigte, stets den Kern der Sache zu erfassen, die ihm eigene Kunst, Menschen, einzelne, mie Massen zu behandeln, die Gewandtheit, mit der er die schwierigsten Verhandlungen zu leiten und zu dem von ihm für richtig gehaltenen Ziele zu führen wußte, alle diese Eigenschaften haben mir in gleicher Weise Berehrung ein