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Nr.138 42. Jahrgang Ausgabe A nr. 70

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

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Sonntag, den 22. März 1925

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Otto Braun , der Kandidat der

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Im Kampf gegen Dummheit und Verrat.

Die erste Volfswahl eines deutschen Reichspräsidenten ist ein Ereignis, das noch nach Jahrhunderten von der Geschichte verzeichnet werden wird. Indes hat das Bewußtsein, attiver Teilnehmer zu sein an einem Vorgang von geschicht licher Größe, sicher noch lange nicht alle erfaßt, die be­rufen sind, am nächsten Sonntag an der Wahl des Staats: oberhaupts mitzuwirken. Auch in den Reihen deren, die uns nahestehen, mag es manchen geben, der noch fräftig an den Ohren genommen und geschüttelt werden muß, damit er erwacht und begreift, morum es geht. Aber das eigentliche Lager der Unpolitischen befindet sich doch auf der anderen Seite.

Jarres, der Unpolitische.

Noch vor hundert Jahren war dem deutschen Untertan jede politische Betätigung streng verboten. Ein preußisches Gesetz bedrohte einen jeden mit dem Zuchthaus, der an einer politischen Vereinigung teilnahm, gleichgültig, welche 3icle fie verfolgte, ja auch dann, wenn sich ihr Streben in der Richtung der Regierungspolitik felbft bewegte. Die Bolitit war eben die Domäne des Königs und seiner Minister, der Untertan hatte zu gehorchen und seinen Landesvater zu lieben. Reste dieses Systems blieben noch bis zum 9. November 1918 erhalten noch im Krieg wurde die große Bolitik von Wilhelm II. und feiner Umgebung gemacht, die Friedens refolution des Reichstags wurde als ein Aft der Unbot mäßigkeit betrachtet. Für die herrschenden Klassen blieb das Ideal des Staatsbürgers immer noch der Untertan, der national ist, sein Vaterland liebt und von Politik nichts ver­steht.

Die Untertanen, die auf diese Weise gezüchtet wurden, geben das Material ab, mit dem der Reichs blod" am 29. März aufmarschieren wird. Seine ganze Agitation ist auf Untertanengesinnung eingestellt, die Reichspräsidentenwahl foll möglichst ganz aus der Sphäre des Politischen herausgehoben werden. Nur nichts von Politik!" ist die Losung. Daß Herr Jarres, der unglückliche Kandidat, sich sein Leben lang um Politik nicht sonderlich gekümmert hat, daß er ein gewöhnlicher Volksparteiler, wahrscheinlich ohne Mit­gliedsbuch, ist und so über den Parteien steht", wird ihm noch) als ein Vorzug angerechnet. Herr Jarres ist fein Bolitifer, aber er ist ein nationaler Mann", er liebt sein Baterland. Muß ein solcher Mann nicht denen außerordentlich sympathisch sein, die von Politif auch nichts verstehen, ja, ist er nicht geradezu ihr gegebener Repräsentant? In welchem Lande der Welt ist es möglich, daß ein Mann, der in der Politif eine einjährige Probekandidatur absolvierte und bei der Prüfung mit Baufen und Trompeten durchfiel, für das höchste politische Amt im Staate kandidiert wird? Nur in Deutschland ist das möglich!

Herr Jarres wird jetzt durchs Land geschleift und muß Kandidatenreden halten. Er entwickelt in diesen Reden einen Schwarzweißrotgoldenen Monarchorepublikanismus, der, mit nationalistischem Gewissenvorbehalten, Versöhnungspolitik betreibt. Und wenn man ihm vorhält, daß er als Reichs minister des Innern politischen Unsinn getrieben hat, hebt er den Schwurfinger in die Höhe und beteuert, daß er ,, e in nationaler Mann" sei. Wozu ganz trocken zu be: merten ist, daß das eine das andere nicht ausschließt.

Das Nationale versteht sich von selbst. Es wird wohl von allen sieben Kandidaten keiner ein solcher Lump sein, das Ami des Reichspräsidenten zu erstreben in der Absicht, seinem Bolte tüchtig zu schaden. Man kann also nur auf politische Kinder Eindruck machen mit der Erklärung, dieser oder jener fei ein vaterlandsliebender Mann. Liebe schützt vor Torheit nicht manchmal verleitet sie sogar dazu. Und ein Staatsmann muß nicht nur sein Vaterland lieben, sondern er muß auch miffen, wie er ihm nützen fann. Herr Jarres war aus lauter Baterlandsliebe bereit, Rheinland und Ruhr für absehbare Zeit Frankreich zu überlassen.

Seine rührende Unbeholfenheit macht ihn allen sympa­thisch, die es auch nicht besser verstehen. Kein Politifer das ist der richtige Mann!

Aber evangelisch muß er sein! Besonders nationale Leute sind die Herrschaften vom Evangelischen Bund. Nach ihrer Ansicht ist das, was bem beutschen Baterland am meisten nottut, ein neuer Reli gionsfrieg. Die Protestanten müssen die Reichspräfi­Bentenmahl benutzen, um es den Katholiken ordentlich zu zeigen. Das Präsidium, ges D. Doebring u. Gen, erläßt

in der Täglichen Rundschau" einen flammenden Aufruf, in dem es heißt:

Besinnen wir uns nur! Rom war es, das vor vier. hundert Jahren, als das deutsche Bolt, innerlich ergriffen versammlung seine Einheit bekunden wollte, diesen Einheitswillen von dem durch Luther befreiten Evangelium, auf einer National­durch diplomatisches Räntefpiel und Geld hintertrieb. Rom hat das deutsche Volk zerrissen, Rom ist auch heute der entschlossenste Gegner deutscher Einheit, Größe und Unabhängigkeit.

Wir warnen mit heiligstem Ernst davor, unser deutsches Bater­land zu einem Vasallenstaat des Papstes zu machen. Wir tun es zugleich aus schwerer Sorge um die Wahrung des tonfeffionellen Friedens in unserem zu zwei Dritteln dem Protestantis­mus angehörigen Volk.

Ber dem inneren Frieden und dem äußeren Ansehen Deutsch­ lands nicht nur mit dem Wort, sondern mit der Tat dienen will, der tue das Seine dafür, daß ein bewußt evangelischer Mann Reichspräsident wird. od

Herr Jarres ist ein alter nationalliberaler Kultur­fämpfer, der sich schon als Student mit tatholischen Akade­mifern herumpaufte, also für D. Doehring der gegebene Mann. Es ist schwer, angesichts solcher Borgänge ernst zu bleiben, aber es ist doch notwendig. Zunächst steht ja ein fatholischer Reichspräsident nicht zur Debatte. Aber grundfäßlich muß be­merft werden, daß es eine bodenlose Infamie ist, einen merkt werden, daß es eine bo denlose Infamie ist, einen Deutschen wegen seines Religionsbekenntnisjes für ungeeignet zu diesem Amt zu erklären. Die Befugnisse des Reichspräfi­Denten sind in der Verfassung eng umgrenzt, und die Be­hauptung, daß ein Katholit als Reichspräsident Deutschland zum Basallenstaat des Papftes" machen könnte, ist eine Spekulation auf die Unmissenheit. Wo waren aber die Herren vom Evangelischen Bund fürzlich in Bayern , als das Kontordat abgeschlossen wurde? Haben sie dort mit der Sozialdemokratie zu verhindern versucht, daß Bayern zum Basallenstaat des Bapstes" gemacht miro oder haben sie sich nicht vielmehr darauf beschränkt, bei diefer Transaktion ihren Anteil sicherzustellen?

Der Evangelische Bund will aus Anlaß der Präsidenten­wahl die protestantischen Deutschen gegen die katholischen Deutschen heßen.

Auch dies marschiert unter der nationalen" Fahne Schwarz- Weiß- Rot! Auch dies gehört zum Jarres- Blod.

Will man übrigens einen Mann an der Spizze des Reiches haben, der in diesen Dingen unparteiisch ist, so nehme man Otto Braun !

Der Politiker als Kandidat.

Das deutsche Bolf würde noch heute zu 99 Prozent aus unpolitischen Menschen bestehen, wenn nicht die Sozial demokratie die große politische Schule für die Massen geworden wäre. Schon in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bemerkte ein unverdächtiger Zeuge, dere Kreuzzeitungsredakteur v. Wagener, in feinen Tage­büchern, er habe sozialdemokratische Arbeiter fenengelernt, die von politischen Dingen mehr wüßten, als die meisten An­gehörigen der gebildeten" Schichten.

Ohne diese politische Schulung der Arbeiter durch die Sozialdemokratie hätte sich Deutschland nach der Niederlage des Kaiserreichs im Weltkrieg zu einem Scherbenhaufen ver­wandelt.

Die Arbeiterschaft, die Sozialdemokratie, hat in der schwersten Zeit deutscher Geschichte Deutschland den Mann an der Spike gegeben, den es brauchte, um alle Stürme zu überstehen und seine Einheit zu erhalten. Ein Sattlergeselle, der bei dem Drechsler Bebel in die politische Schule gegangen war, bewährte sich, wo alle Stügen des alten Regimes elend versagt hatten. Mit Eberts Programm geht ein Mann von gleicher Herkunft und gleicher Schulung, unfer Genoffe Otto Braun , in den Kampf.

Der Politiker gegen den Unpolitischen! Zugleich der Kan didat der Arbeit gegen den Kandidaten des Kapitals! Diese Gleichung tommt nicht von ungefähr. Denn die Sozial­demokratie braucht politisch denkende Anhänger. Die politische Herrschaft der Kapitalstonzerne läßt sich aber nur auf die politische Unwiffenheit der Massen gründen.

Die Unwiffenheit der Maffen, der Mangel an politischem Sinn, das ist der Feind, mit dem wir in diesen Tagen in er bittertem Ringen stehen. Bon einer kleinen Minderheit der Besigenden abgefehen, gehört die ganze Maffe des deutschen Boltes zu uns!

Mit uns das Bolt, mit uns der Sieg!" Aber freilich, um diefen Sieg gilt es zu tambien!

Arbeit.

Zersplitterung ist Arbeiterverrat!

Links von den bürgerlichen Parteien standen am 7. De­zember zehneinhalb Millionen Stimmen. Da­mals den Kommunisten 45 von 491 Reichstagsmandaten ge­von waren aber 2,7 Millionen kommunistisch! Sie haben da bracht. Was könnten sie ihnen diesmal bringen? Da doch nur ein einziger Mann gewählt werden soll, nichts!

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Die Abgabe fommunistischer Stimmen hat nur einen Zwed: dem Arbeiterkandidaten dem Mann, der für drei Biertel der links von den bürgerlichen Parteien stehenden Ar­beiter ihr Kandidat ist- Stimmen zu entziehen und damit dem Kandidaten des Kapitalsblods einen Dienst zu er­weisen.

Wer Thälmann wählt, wählt Jarres! Die KPD. bedurfte noch dieser Selbstenthüllung, um sich als Arbeiterpartei unmöglich zu machen. Unfähig, ihre eige­men Biele zu erreichen, die sie innerlich längst aufgegeben hat, ist sie nur noch der Hezhund des Großfapitals gegen die kämpfende Arbeiterpartei, gegen die Sozialdemo

Pratie.

hinter der Fahne Mostaus herläuft, gehört zu dem großen Heer Auch die kleine Minderheit der Arbeiter, die heute noch ber un politischen, das für Jarres marschiert. deutung der Wahl ist unbegrenzt. Ihren Ausfall wird man Die Macht des Reichspräsidenten ist begrenzt. Die Be­bis in die legte Bude hinein spüren. Laßt den Bloc der Reichen siegen, der sich Reichsblod nennt, so werdet ihr bald merken, daß sich die ,, Herren im Hause" mehr denn je als die Herren der Lage fühlen!

Das soll nicht sein! Das darf nicht sein! Da muß der lete Mann und dielegte Frau auf den Postent Gegen Dummheit und Berrat

vorwärts für Otto Braun !

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Jarres will enthüllen.

Inzwischen bestätigt er unsere Angriffe. Rechtspresse geworden, daß sie einen fachlichen Angriff Persönliche Verleumdung ist so sehr zum Kampfmittel der überhaupt nur noch persönlich auffaffen fann. Gegen Dr. Jarres als Politik er und nicht gegen ihn als Menschen sind Angriffe erhoben worden. Die Rechtspresse hat also gar feine Veranlassung, darüber zu zetern, daß Jarres angeblich in den Schmuz gezogen" werden soll. Bei den Angriffen gegen ihn als Präsidentschaftskandida­Moment des Reiches die Ruhe und Besonnenheit an den Tag ten handelt es sich darum, ob er in einem gefahrvollen gelegt hat, die richtige Einschätzung der europäischen Kräfteverhältnisse bewiesen hat, die das Volk einem verantwortlichen Führer erwarten muß. Gar nichts anderes steht zur Debatte. Mit persönlichen oder moralischen Dingen hat das nicht das geringste zu tun. Sitt­liche Entrüftung über diese unsere Angriffe gegen Jarres fön­nen die Verlegenheit des Rechtsblocks nicht verdecken.

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Niemand wagt die Richtigkeit unserer Angriffe zu bezweifeln. Die einzige Antwort, die aus dem Lager des Herrn Jarres fommt, ist die Ankündigung in dem schwerindu­striellen Hugenberg- Blatt, daß Jarres heute in Hamburg unter Benuzung eingehender Aufzeichnungen darlegen werde, vor welchen entscheidenden Fragen die auswärtige Politik und das Reichskabinett im Oftober 1923 standen". Er werde dabei Anschauungen aller an diesen Beratungen beteiligten Poli­tifer" vortragen. Es wird sich dann erweisen, daß die so­genannte Versadungspolitit nicht etwa ein persönlicher Plan von Dr. Jarres, sondern nur ein Plan war, der in seinen Grundzügen auch in den Auffassungen der maßgebenden Ber­treter von Rhein und Ruhr aus den Reihen des Zentrums, der Demokraten und der Sozialdemokratie wiederkehrt." Das läuft alfo auf die Melodie hinaus: Ich war ein Esel, aber andere waren es auch." Das mag eine Entschul bigung sein, beweist aber mur, daß jemand, der zu seiner sach­lichen Verteidigung nichts anderes vorzubringen hat, für den höchsten Bosten im Reiche nicht in Frage tommen fann.

Amusant ist nur, zu sehen, wie die Rechtsblockpresse sich mit dem fachlichen Problem abfindet. Das Organ Strefe manns gibt eine Darstellung der Verfachungsvorschläge, die indirekt wie eine Berteidigung der Jarresschen Pläne flingt. Jarres habe den Willen betont, den Zusammenhang zwischen dem Rheinland und dem Reiche zu wahren:

Jmmerhin, es läßt fig über die Auffaffung